A Plague Tale: Innocence [PS4]

Verfasst von Christian Suessmeier am 14.05.2019 um 00:05

 

Europäische Avantgarde

 

Aus Europa kommen aktuell Videospiele, die zwar nicht an die üblichen AAA-Qualitäten aus den USA oder Japan heranreichen, aber bewährte Spielkonzepte mit frischen Ideen aufbessern. Vor allem in Sachen Technik fehlt es diesen Spielen manchmal an Feinschliff, aber die Entwickler aus Frankreich, Deutschland & Co. sind auf einem guten Weg.

Beste Beispiele hierfür sind der „Soulsborne“-Klon „The Surge“ von Deck 13 oder „Vampyr“ von Dontnod. Schon seit einiger Zeit geistert ein weiterer Name herum, der oft im Zusammenhang mit „The Last of Us“ genannt wird: „A Plague Tale: Innocence“.

Bedenkt man einmal die hohe Qualität von Naughty Dogs Titel, scheinen die Fußstapfen überirdisch groß für Asobos Spiel zu sein, doch inhaltlich gehen die Franzosen einen ähnlichen Weg.

Zwar verschiebt man hier die Endzeit in das europäische Mittelalter, in Sachen Spielmechanik und erzählerischen Inhalten gleichen sich die beiden Spiele jedoch ziemlich. Denn wie auch schon in „The Last of Us“ ist man hier den Gegner eher unterlegen und umgeht diese besser mit gekonnten Schleichmanövern. Handelt es sich bei „A Plague Tale: Innocence“ also nur um einen plumpen Klon von „The Last of Us“ oder steht der Titel doch auf eigenen Beinen? 

 

Ratten, die Inquisition und euer Bruder

 

Die jugendliche Amicia de Rune lebt eigentlich ein beschauliches und privilegiertes Leben. Denn ihre Familie besitzt einen Gutshof und hat einige Angestellte, was nicht gerade dem Standard im 14.Jahrhundert entsprach. 

Doch um sie herum ist die Welt nicht so perfekt wie es scheint. Ihre Mutter sieht sie nämlich nur selten, da sich diese um den kranken Bruder Hugo kümmert, eine seltsame Seuche greift langsam um sich und außerdem ist die Inquisition gerade dabei, alle Ungläubigen zu verfolgen. 

Und diese sind es auch, die den Hof der de Runes aufsuchen und vor allem Interesse an Amicias Bruder zeigen. Doch den beiden gelingt die Flucht und somit beginnt eine schwere Reise durch ein Frankreich, das von der Pest gebeutelt ist und in dem es nur selten ehrliche Hilfe von anderen Leuten gibt. 

 

 

Schleich dich!

 

„A Plague Tale: Innocence“ ist vor allem ein Stealth-Spiel in dem ihr die Feinde lieber umgeht als die direkte Konfrontation zu suchen. Denn auch wenn Amicia eine taffe Heldin ist, kann auch sie gegen waffenstarrende Ritter in Rüstungen nichts ausrichten.

So bewegt ihr euch also in der Thirdperson-Ansicht durch das mittelalterliche Frankreich und von Level zu Level. Die einzelnen Abschnitte sind dabei schön übersichtlich gehalten und nie zu groß oder zu verschachtelt gestaltet. In 90% der Missionen seid ihr zu zweit unterwegs, meist mit eurem Bruder oder einem der anderen Kinder.

Per Anweisungen über das Digikreuz könnt ihr euren Begleitern Anweisungen geben, z.B. hierzubleiben oder mitzukommen. Während euer Bruder vor allem durch kleine Löcher schlupfen und somit hilfreiche Items besorgen kann, gebt ihr späteren Begleitern den Befehl einen Gegner zu eliminieren oder ein Ablenkungsmanöver zu starten.

Das Schleichen an sich ist recht rudimentär gehalten, macht aber schon Spaß. Dank Gegenständen wie Töpfen oder Steinen könnt ihr Gegner ablenken, spätere Fertigkeiten machen euch aber auch wesentlich schlagkräftiger als zu Beginn. Sollte es doch einmal zu einer direkten Konfrontation kommen, hilft euch Amicias Schleuder. 

Doch nicht nur die menschlichen Feinde spielen eine Rolle in „A Plague Tale: Innocence“, denn wer hat die Pest übertragen? Genau, Ratten. Die kleinen felligen Nager sind im Spiel überall vertreten und eine große Gefahr, denn wer sich zu sehr in die Dunkelheit begibt, wird von den aggressiven Ratten einfach weggenagt.

 

Ratten! Überall Ratten!

 

Und hier beginnt der Puzzleaspekt des Spiels einzusetzen. Denn während ihr den regulären Gegnern meistens doch aus dem Weg gehen könnt, steht ihr hin und wieder einem Meer aus Ratten gegenüber. Glücklicherweise haben die Nager aber Angst vor Feuer und Licht und somit seid ihr nicht ganz so hilflos.

Zu Beginn des Spiels seid ihr noch auf Lichtquellen in den jeweiligen Level angewiesen, so schiebt ihr zum Beispiel einen Karren mit einer Laterne durch die Ratten hindurch oder zündet euch eine Fackel an einem Lagerfeuer an. Ab einem gewissen Punkt lernt Amicia aber auch die Handhabung von alchemistischen Fertigkeiten, so dass sie Stroh entzünden oder eine kleine Explosion herbeiführen kann, die die Ratten vertreibt. 

Doch nicht nur gegen die Ratten gibt es hilfreiche Alchemie-Rezepte. So könnt ihr den Rittern zum Beispiel den Helm vom Kopf ätzen und sie anschließend mit einem Stein und eurer Schleuder außer Gefecht setzen.

Für die unterschiedlichen Alchemie-Fertigkeiten benötigt ihr Zutaten wie Schwefel oder Alkohol. Damit lassen sich dann im Ringmenü über Tastendruck auf R1 die unterschiedlichen Helferlein herstellen. Eure Schleuder und sonstige Ausrüstung wie Taschen verbessert ihr auch mit gefundenen Materialen an Werkbanken, die ihr hin und wieder findet oder nach entsprechender Freischaltung auch „on the fly“. Neben den spielrelevanten Items könnt ihr aber auch Geschenke oder Kräuter finden, die euch in ausführlichen Einblendungen erklärt werden.

 

 

Frankreich ist schön! Zumindest hin und wieder!

 

„A Plague Tale: Innocence“ ist technisch sicherlich nicht die Speerspitze, beeindruckt aber mit einigen tollen Szenarien und Hintergründen. Während einige Animationen der Figuren recht steif wirken, was vor allem beim Schleichen auffällt und man sich hin und wieder mit seinem KI-Begleiter verkeilt, sind die Level wie Wälder, Burgen oder Dörfer aber wunderschön detailliert und lebendig modelliert. 

Highlights sind hier sicherlich das Schlachtfeld oder der Bauernhof auf dem alle Schweine zu riesigen Fleischtürmen aufgebaut wurden, um die Ratten abzulenken. Das sind zwar teils recht derbe Bilder, aber sie passen perfekt zur Stimmung des Spiels.

Zur genialen Atmosphäre des Titels trägt auch die Musik bei, die sich immer wieder an die Situationen im Spiel anpasst und euch zum passenden Zeitpunkt mit epischen oder treibenden Tönen versorgt. Auch die deutschen Sprecher machen ihren Job ganz gut.

Was im Test ab und zu negativ auffiel, war das gelegentliche Tearing des Bildes. Vor allem bei aufwendigeren Umgebungen passierte das, legte sich aber später im Spiel wieder. Auch die immer wieder mal auftauchende Unschärfe bei den Zwischensequenzen wirkte etwas seltsam und fehl am Platz. 

 

FAZIT: Der Geheim-Tipp schlechthin!

 

„A Plague Tale: Innocence“ gelingt, was nur wenige Titel aktuell schaffen. Es hat überrascht! Und das auf eine absolut positive Art und Weise. Im Vorfeld konnte man die Vergleiche mit „The Last of Us“ eigentlich nur belächeln, aber das Endprodukt schlägt die richtige Richtung ein.

Denn auch wenn einige Spielmechaniken recht grob wirken und man häufig vom Leveldesign und der Platzierung der Objekte auf das richtige Vorgehen plump hingewiesen wird, reißt einen die Stimmung des Spiels von Minute 1 an mit. Was steckt hinter Hugos mysteriöser Krankheit? Was will die Inquisition von ihm? Und warum sind die Ratten so aggressiv? Das alles baut so eine unglaubliche Spannung auf, die Spiele in erzählerischer Hinsicht heutzutage nur selten erreichen. 

Auch auf das Worldbuilding wird durch Gespräche der Wachen und Ritter ein großer Fokus gelegt, was die dichte Atmosphäre noch einmal unterstreicht. Toll! Irgendwie ärgerlich, aber im Kontext des Spiels mehr als passend: wurdet ihr einmal von einem Gegner gesichtet, gibt es kaum ein Entrinnen. Später im Spiel habt ihr die Möglichkeit euch zumindest gegen einen Gegner zur Wehr zu setzen, wenn ihr entdeckt wurdet, aber gegen mehrere Feinde habt ihr kaum eine Chance. Fairerweise sind die Rücksetzpunkte gut gesetzt.

„A Plague Tale: Innocence“ kann man den Erfolg nur wünschen, denn das kleine Spiel hat absolutes Hit-Potential und ist auch nicht zu lange geraten. Die erste große Überraschung 2019!