Vampyr [PS4]

Verfasst von Christian Suessmeier am 21.06.2018 um 11:35

 

Der Vampir und das Spiel

 

Schon seit den frühen, pixeligen 8 Bit-Zeiten gehören Spiele über Vampire zu jedem guten Line-Up einer Konsole. Das begann unter anderem mit Konamis Vorzeige-Serie „Castlevania“ und setzte sich auf PSone & Co. mit Spielen wie „Legacy of Kain“ fort.

In den letzten Jahren erlebte der Vampir vor allem durch die kitschige Buch-Reihe „Twilight“ ein Revival, was sich aber vor allem im Bereich der TV-Serien und des Films deutlich machte. Spielerisch wurde es in der Vergangenheit eher übersichtlich und auch die Vampirjäger-Sippe Belmont kam nur noch selten mit „Castlevania“ ans Tageslicht. 

Doch glücklicherweise kommt nun der französische Entwickler Dontnod ums Eck und hat „Vampyr“ im Gepäck. Die Macher von „Remember Me“ und „Life is Strange“ gingen damit ein recht ambitioniertes Projekt an und von Anfang an stellte man sich die Frage, ob das Studio diese Herausforderung stemmen kann. Nun ist „Vampyr“ erhältlich und wir verraten euch in unserem Test, ob die Fangzähne spitz genug sind oder eine Zahnprothese benötigt wird.

 

Willkommen daheim!

 

Zum Beginn des 20.Jahrhunderts wütet der Erste Weltkrieg und zieht allerlei Länder in seinen Strudel. Auch England ist in die Auseinandersetzungen verwickelt und sieht sich im Jahr 1918 mit weiteren Problemen konfrontiert. Denn die Spanische Grippe sorgt für unzählige Tote und reißt das Land in die nächste Krise.

Dr. Jonathan Reid musste die Grausamkeiten des Krieges hautnah an der Front miterleben und kehrt nun nach England zurück. Doch seine Rückkehr verläuft alles andere als gut, denn schneller als man „Holzpflock“ sagen kann, liegt er zusammen mit anderen Leichen in einem Massengrab. Doch irgendwo zwischen der Welt der Lebenden und dem Jenseits verspürt Jonathan plötzlich einen Durst nach Blut, der ihn aus dem Grab steigen lässt und der erstbesten Person an den Hals treibt. Leider handelt es sich bei dieser um eure Schwester und angetrieben von Rache aber auch der Neugier, eure neue Existenz tiefer zu ergründen, macht ihr euch auf die Suche nach eurem Schöpfer.

 

 

Vampir-Flüsterer

 

Bei „Vampyr“ handelt es sich im Grunde um ein klassisches Action-Adventure, welches durch die Vampir-Komponente einige spannende Zusatzinhalte bekommt. So seid ihr in der Rolle des Arztes und des Vampirs unterwegs und müsst so zahlreiche unterschiedliche Aufgaben erledigen.

Als angestellter Arzt im Pembroke Hospital kümmert ihr euch nämlich nicht nur um die Erforschung des Vampir-Daseins und analysiert dafür Blutproben, sondern ihr interagiert auch mit Patienten und den Kolleginnen und Kollegen. So braut ihr diverse Heilmittel für die unterschiedlichen Leiden der Patienten zusammen und führt Gespräche mit diesen. Dialoge mit den NPCs sind neben den Kämpfen das A und O des Spiels. Denn häufig seid ihr auch in der Rolle des Ermittlers unterwegs und müsst durch Gespräche Hinweise und Details über andere Einwohner Londons herausfinden und diese letztlich damit konfrontieren.

Hierfür steht euch ein klassisches Dialograd zur Verfügung auf dem weitere Optionen erst nach Hören der Information freigeschalten werden. Das ähnelt vom System dem kürzlich erschienenen „Detroit: Become Human“, in dem man auch erst nach gründlicher Inspektion der Spielumgebung alle Handlungsoptionen hatte.

London selber ist nicht sonderlich groß und bietet auch nicht den Open World-Umfang eines „GTA V“, auch durch die komplette Handlung in den Nächten wirken die Stadtteile eher leblos. Aber dies passt auch wieder gut zum Setting in einer Stadt, die von einer Krankheit und mysteriösen Morden heimgesucht wird. Wer will da schon vor die Tür gehen?

 

Vampirkräfte deluxe!

 

Neben der Ermittlungsarbeit und den vielen Dialogen, legt „Vampyr“ aber ebenso einen großen Fokus auf die Action und den Kampf. Neben einer primären Waffe wie einer Säge, einem Messer oder einer Sichel, könnt ihr – den Einsatz keiner zweihändigen Waffe vorausgesetzt – auf eine sekundäre Waffe zurückgreifen. Neben allerlei Schusswaffen gibt es hier auch einen Holzpflock mit dem ihr eure Gegner schocken könnt.

Und das Schocken ist essentiell für euren Kampf als Vampir, denn habt ihr einen Gegner erst mal mit dem Holzpflock getroffen, könnt ihr ihm Blut aussaugen. Dadurch ladet ihr eure Blutleiste auf, die wiederum für den Einsatz eurer Vampirkräfte benötigt wird. Die übermenschlichen Angriffe wie Klauen, ein Blutspeer oder das Schwächen des feindlichen Blutlevels sind dabei auf die Schultertasten gelegt und benötigen auch wieder Aufladezeit bevor sie erneut eingesetzt werden können.  Sind mal keine Gegner in der Nähe, müsst ihr auf Ratten zurückgreifen, die Jonathan nur mit viel Widerwillen aussaugt.

Doch eure Kräfte stehen euch nicht von Beginn an zur Verfügung. Wie in jedem modernen Spiel sammelt ihr Erfahrungspunkte, die ihr in euren Unterschlupfen, die über die ganze Karte regelmäßig verteilt sind, dann gegen die Fähigkeiten eintauschen könnt. So verbessert ihr nicht nur eure übermenschlichen Kräfte, auch die Energieleiste oder das aufnehmbare Blut könnt ihr so erhöhen. Außerdem könnt ihr dort Munition für eure Schusswaffen lagern und an Werkbänken Waffen upgraden oder Sera mischen. Letztere können die Ausdauer, Energie oder die Blutleiste wieder auffüllen. Im Kampf gegen die Skal, menschliche Wachen und Jäger oder übernatürliche Wesen habt ihr also allerlei in petto.

 

Ökosystem in London

 

Das klingt nun alles bisher nach einem traditionellen Action-Adventure, wie es viele Spiele heutzutage sein wollen. Doch das Prunkstück und das Alleinstellungsmerkmal von „Vampyr“ ist das Ökosystem Londons und dessen Moralsystem. So gibt es in jedem Stadtteil individuelle Bewohner, die alle ihre Eigenheiten haben und unter Umständen auch in Verbindung zu anderen Einwohnern in anderen Stadtteilen stehen. Glücklicherweise bleibt die Anzahl der Menschen überschaubar und wird anhand des Bürgermenüs jederzeit gut dargestellt.

Neben unterschiedlichen Nebenmissionen, die euch XP bringen, sind sie aber auch zu einem anderen Zweck gut. Denn es sind nicht nur gute Menschen unter den Nachtschwärmern, auf die ihr in London trefft und so könnt ihr besonders unliebsame Exemplare mit euren Vampirkräften verzaubern und in einem dunklen Eck bis auf den letzten Tropfen Blut aussaugen. Dadurch erhaltet ihr zwar Erfahrungspunkte – und dies je nach Figur nicht zu wenig – doch ihr beeinflusst damit auch das Wohlergehen des Stadtteils. Denn auch wenn der Getötete menschlich vielleicht ein Ekel war, so hat er doch eventuell etwas Gutes für die Menschen dort gemacht. Also geht es dem Viertel plötzlich schlechter, was sich in größeren Feindesaufkommen oder höheren Preisen bei den Händlern äußert. Seid ihr aber ein Gutmensch könnt ihr die Stadtteile merklich aufbessern und euch freundlich gesinnter machen. Das Moralsystem ist hier also nicht pures Marketing-Mittel wie bei so manch anderem Spiel, sondern hat wirklich Auswirkungen auf das Spielerlebnis.

 

 

Sammeln mit Sinn

 

Neben den Kämpfen, dem Ermitteln und der Pflege der Stadtviertel findet ihr überall in der Spielwelt unterschiedliche Rohstoffe und Items für das Craften und Verbessern eurer Waffen. Auch Geld liegt überall herum und will aufgesammelt werden, um anschließend beim Händler ausgegeben werden.

Solltet ihr einmal nicht weiterkommen, hilft euch der Vampirsinn, den ihr durch Drücken des L3-Knopfes aktiviert. So seht ihr nicht nur Blutspuren, die ihr ab und an verfolgen müsst, sondern auch die Statuswerte der NPCs. Sind es Feinde erläutert euch euer Sinn ebenso deren Fähigkeiten und Schwächen. Der Vampirsinn ist recht hilfreich und in seiner Unterstützung gut dosiert. So wird dadurch nicht zu viel aufgedeckt und man muss noch etwas selber über die weiteren Schritte nachdenken.

Das recht umfangreiche Menü gibt euch zu jederzeit Auskunft über den Zustand der Stadtteile, euer Befinden und eure Ausrüstung. Weiterhin steht euch hier eine Karte zur Verfügung, die zwar recht genau die Spielwelt abbildet, aber in ihrer Bedienung sehr eingeschränkt ist. So kann man nur sehr rudimentär Zoomen und auch das Setzen von Wegpunkten ist nicht möglich.

 

Wie Sonnenlicht für einen Vampir

 

Das klingt bisher ja alles recht gut und bisher könnte man „Vampyr“ eine absolute Top-Wertung ausstellen. Doch leider gibt es da ein recht großes Problem namens Technik. Natürlich muss man berücksichtigen, dass Entwickler Dontnod keine zig Millionen zur Verfügung hat wie große Firstparty-Studios, doch anscheinend hat man sich hier etwas übernommen. Vom Grafikstil her kann man nicht meckern, denn die Figuren haben alle ihre charakteristischen Züge und wirken nur selten wie aus einem Editor und auch die Umgebung ist an Atmosphäre und liebevollen Details nicht zu unterschätzen. Gerade das Setting wurde genial von den Franzosen umgesetzt und verdient größtes Lob! In Zusammenspiel mit der gespenstischen Musik präsentiert man hier ein wahres Brett an Atmosphäre!

Doch auch wenn die Grafik nicht vom Allerfeinsten ist, kommt die PS4 oft kaum hinterher. Vor allem in manchen Stadtteilen wie Whitechapel leidet das Spiel unter ständigen Rucklern und manchmal sogar plötzlichen Ladebildschirmen. Und diese sieht man eh viel zu oft, denn hin und wieder muss das Spiel zwischen dem Betreten von Gebäuden und Außenbereichen laden...und das ziemlich lange. Auch nach einem Tod, was bei dem anspruchsvollen Kampfsystem manchmal passiert, sind die Ladezeiten viel zu lang.

Und warum man ähnlich wie in „Assassin’s Creed Origins“ in den Hauptmenüs auf eine, für Konsolen umständliche Cursorsteuerung setzt, kann man auch nicht nachvollziehen.

 

FAZIT: Anspruchsvolles Horrorspiel mit eklatanten Mängeln

 

Wie schon im letzten Absatz beschrieben, hätte „Vampyr“ eigentlich mindestens eine 9 verdient. Denn erzählerisch und atmosphärisch fährt Dontnod hier alles auf, was die Franzosen können. Aber das hat man auch schon bei „Life is Strange“ gemerkt. Nur leider hat man sich zu viel für solch ein Spiel vorgenommen und dabei die Technik außer Acht gelassen. In einigen Momenten versauen einem die Ruckler und hakeligen Abläufe einfach den Spaß am Spiel. 

Auch bei den häufig anspruchsvollen Kämpfen mit großen Gegnertruppen machen einem die manchmal sture Kamera oder das überbelegte Kampfsystem einen Strich durch die Rechnung. Es vergehen locker zwei Stunden bis man einmal das Kampfsystem einigermaßen beherrscht und nicht an eigentlich harmlosen Gegnern scheitert. Das mag in manchen Spielen motivierend sein, in diesem stört es einfach nur, weil es nicht zum Rest des Spiels passt.

Wie schon frühere „GTA“-Teile setzt „Vampyr“ bei seiner offenen Spielwelt außerdem auf das Freischalten der jeweiligen Bereiche und so könnt ihr euch nicht von Beginn an frei in London bewegen. Das wirkt leider etwas antiquiert und nicht ganz zeitgemäß.

So bleibt „Vampyr“ ein zweischneidiges Schwert oder in diesem Fall ein Holzpflock mit Spitzen an beiden Enden. Denn eigentlich erzählt es eine tolle Geschichte in einer grandiosen Atmosphäre, aber eben mit technischen Unzulänglichkeiten. Mit diesen muss man klarkommen, wenn man das Spiel nicht entnervt nach wenigen Stunden aus dem Laufwerk nehmen will.