| Cannibal Holocaust - Nackt und zerfleischt |
|---|
| Inhaltsangabe |
|---|
| Das Filmteam rund um Alan Yates (Gabriel Yorke) begibt sich im Auftrag eines amerikanischen TV-Senders ins Amazonasgebiet um eine Dokumentation über die letzten Kannibalen zu drehen. Sie kehren nicht mehr zurück... Der Sender engagiert den fach- und ortskundigen Professor Monroe (Robert Kerman) um sich im Dschungel des Amazonas auf die Suche nach dem verschollenen Filmteam zu machen. Im Zuge seiner Expedition begegnet Professor Monroe einigen Eingeborerenen Stämmen, von welchen manche dem Kannibalismus fröhnen. Er bringt es zustande die Spur des Filmteams aufzunehmen und ist letztendlich in der Lage ihre Filmrollen zu finden und zu bergen. Zurück in New York sichtet er in den Vorführräumen des Fernsehsenders das Material, welches Alan Yates und sein Team gedreht haben. Das filmische Rohmaterial ist erschreckend, es illustriert ganz eindeutig, dass die Filmemacher viele Szenen ihrer sogenannten Dokumentation mutwillig herbeigeführt, sinnentstellt wiedergegeben und vielfach frei inszeniert haben. Das zieht sich von bewusst falsch kommentierten Beobachtungen, bis hin zu einer menschenverachtenden Interaktion mit den Eingeborenen. Die "Journalisten" zünden ein Dorf an, um es in ihrer "Dokumentation" als Angriff eines feindlichen Stammes zu kommentieren, sie vergewaltigen und ermorden eine Frau und inszenieren das Szenario als rituelle Grausamkeit der Indios. Aufgrund der ihnen angetanen Gewalt schlagen die Eingeborenen zurück und die aufgefundenen Filmrollen zeigen das grauenvolle Ende von Alan Yates und seinem Team. Für Professor Monroe und den Entscheidungsträgern des TV-Senders stellt sich die Frage, ob man solch widerwärtiges Material überhaupt senden sollte... |
| Film Kritik |
|---|
| The mother of all cannibal films -----
In den frühen 1970er Jahren entstand mit Umberto Lenzi's IL PAESE DEL SESSO SELVAGGIO (Mondo Cannibale, 1972) ein Subgenre im italienischen Horror- bzw. Exploitationfilm, welches durch die hochgradig verstörenden, explizit und ausgiebig zur Schau gestellten Gewaltdarstellungen zwar nicht wirklich berühmt, auf jeden Fall aber äußerst berüchtigt wurde: Der Kannibalenfilm! Seine Wurzeln hat der Kannibalfilm einerseits im Genre des Abenteuerfilms, andererseits in den sog. "Mondo Movies" der frühen 1960er Jahre. Diese Filme sind (Pseudo) Dokumentationen, welche sich primär aus skurillen, vielfach geschmacklosen und sensationslüsternen Reportagen zusammensetzen, die eine Welt ("Mondo") aus Wahr- und Halbwahrheiten transportieren und dabei einen augenscheinlichen Faible für schockierende Sex- und Gewaltstories erkennen lassen. Die "alles-ist-WAHR" Masche von Gualtiero Jacopetti's MONDO CANE (1962), AFRICA ADDIO (1966) und ADDIO ZIO TOM (Addio Onkel Tom, 1971) ist ein wesentlicher Faktor dieser Filme. Auch viele Kannibalenfilme versuchten sich dieser scheinbaren Authentizität zu bedienen und wiesen gleich in den Main Titles darauf hin auf wahren Tatsachen zu beruhen. Der Zyklus des italienischen Kannibalenfilms währte etwas länger als eine Dekade, in welcher Regisseure wie Umberto Lenzi, Ruggero Deodato, Sergio Martino, Marino Girolami und Joe D'Amato mit Filmen wie ULTIMO MONDO CANNIBALE (Mondo Cannibale 2: Der Vogelmensch, 1977), EMANUELLE E GLI ULTIMI CANNIBALI (Nackt unter Kannibalen, 1977), LA MONTAGNA DEL DIO CANNIBALE (Die weiße Göttin der Kannibalen, 1978), MANGIATI VIVI! (Lebendig gefressen, 1980), CANNIBAL FEROX (Die Rache der Kannibalen, 1981) und INFERNO IN DIRETTA (Cut and Run, 1985) für einen massiven Output sorgten. Obwohl diese Filme Horror-, Splatter- und Gorefans in Verzückung versetzten sind sie, mit etwas kritischem Abstand betrachtet, keine wirklich gut gemachten Filme. Mit einer Ausnahme... und diese Ausnahmeerscheinung ist Ruggero Deodato's hoch kontroverses Meisterwerk des Kannibalengenres - CANNIBAL HOLOCAUST, die Mutter aller Kannibalenfilme! What happened is true... ----- CANNIBAL HOLOCAUST hat etwas, das die meisten anderen Kannibalenfilme seiner Zeit nicht haben - er hat Konzept! Regisseur Ruggero Deodato bedient sich zwar derselben Ingredenzien wie die anderen auch, vermag sie jedoch erstmals in einen übergeordneten, inhaltlichen Kontext zu stellen. Strukturell und formal kann man CANNIBAL HOLOCAUST durchwegs eine überlegtere Regieleistung attestieren als den meisten neuen Hollywood Blockbustern. Der Film vermag den pseudorealistischen "alles-ist-wahr" Touch inszenatorisch so effizient umzusetzen, dass man sich streckenweise in einem Dokumentarfilm wähnt. Während die Rahmenhandlung rund um Professor Monroe in 35mm gedreht wurde, sind sämtliche Aufnahmen des verschollenen Filmteams rund um Alan Yates in körnigen 16mm Images festgehalten. Um den realdokumentarischen Charakter des Bildmaterials noch zu verstärken, wurde weitgehend auf Schnitte verzichtet. Viele, zum Teil absichtlich verwackelte, Einstellungen der Handkamera dauern minutenlang und werden durch verschiedene, vorsätzlich platzierte, Störfaktoren im Bild ergänzt (Über- bzw. Unterbelichtungen, offensichtliche Rollenwechsel, beschädigtes Bildmaterial, etc). Deodato geht noch eine Ebene weiter und bettet diese Sequenzen als Film-im-Film in die Rahmenhandlung von CANNIBAL HOLOCAUST ein, welche zu guten Teilen daraus besteht, dass dieses "Doku" Filmmaterial im Studio des produzierenden TV-Senders von Professor Monroe gesichtet wird. Der Film erreicht damit eine unglaublich realistische Darstellungsebene, distanziert sich gekonnt von inszenierter, und kinomatographisch dramatisierter "It's only a movie" Mentalität und wirkt, trotz (oder wegen?) aller übertriebener Gewaltdarstellungen, fast so authentisch wie die Elendsbilder der Abendnachrichten. Genau darin liegt ein wesentlicher Faktor des Films, sowie auch die primäre Brisanz des Films, sowohl in Bezug auf die höchst verstörende Wirkungsweise auf den Zuseher, als auch in Bezug auf seinen bitterbösen und zweischneidigen Subtext... Today people want sensationalism; the more you rape their senses the happier they are ----- CANNIBAL HOLOCAUST ist provokatives, rebellisches Kino in seiner reinsten, direktesten und ungemütlichsten Form, bei dem man selbst hartgesottene Horror- und Splatterfans lautstark schlucken hören kann. Die Szenen unverhohlener Gewaltdarstellungen reichen von der Abtrennung von Gliedmaßen, Kastration, Vergewaltigungen, Köpfungen, blutigst dargestellter Ausweidungen getöteter Menschen und Tiere, expliziten Kannibalismus, bis hin zu dem schier unvergesslich einprägsamen Image des gepfählten Opfers, welches als das Motiv des Films auf vielen Plakaten und Sujets prangt. Heutzutage würde man diese dichte Anzahl von Gewaltdarstellungen im Horrorgenre wahrscheinlich auf zehn Filme aufteilen, die dann aber immer noch als "ziemlich blutig" gelten würden... CANNIBAL HOLOCAUST ist in keinerlei Hinsicht ein leichter Film für den Zuseher, weder damals, noch heute. Fühlt man sich jedoch selbst in der Lage über diese konzentrierte Darstellung von Gewalt an Mensch und Tier hinauszusehen, wird der Blick frei auf Deodato's überaus gekonntes Spiel zwischen Medienkritik und Sensationslust der Zuseher, wobei in beide Richtungen gleichsam ausgeteilt wird. Das beginnt bereits beim überaus geschickt gewählten, höchst provokativen und kontroversen Filmtitel CANNIBAL HOLOCAUST selbst. Während sich im Film die Sprecher des Fernsehsenders vorerst auf die Sensationslust ihres Publikums beziehen, drängen sich dem Zuseher langsam aber sicher Gedanken darüber auf, warum man gerade den Film CANNIBAL HOLOCAUST für sein Samstag Abend Programm gewählt hat. Vielleicht eben genau deshalb weil er sooo spektakulär grausam und blutig ist? Ertappt, aber wenigstens macht CANNIBAL HOLOCAUST seinem Publikum das unmißverständlich klar, wohingegen die thematisch nicht minder widerwärtigen Reality TV-Shows und minderbemittelten Skandalreportagen von RTL & Co. alles daran setzen diese Erkenntnis vor dem Rezipienten zu verbergen... Deodato's Film attakiert ganz gezielt eine Medienlandschaft, die sich primär die Befriedigung der primitivsten Triebe ihres Publikums zum Ziel gesetzt hat. Das geht soweit, dass die Dokumentarfilmer ein Dorf anzünden um es in ihrer reißerischen Reportage als Angriff eines anderen Stammes darzustellen. Diese Thematik gewinnt seit den späten 1970er Jahren zusehends an Substanz in unserer permanenten TV- und Online-Gesellschaft, in der Medien z.B. den Irak-Krieg als cybervirtuelles Spektakel ohne Leid und Elend inszenieren. Als Rezipient dieser leider sehr realen, primär amerikanisch dominierten, medialen Attacken auf den gesunden Menschenverstand, sieht man plötzlich ein billiges Exploitationmovie als Edu-Cinema an. CANNIBAL HOLOCAUST schmerzt als Film ungemein, er ist aber in dem Punkt wenigstens ehrlich... I wonder who the real cannibals are ----- Die letzte Provokation von CANNIBAL HOLOCAUST liegt darin, dass er einerseits (erfolgreich) mit der Sensationslust des Zusehers spekuliert, andererseits aber genau das verurteilt was er offenkundig und bereitwillig ausbeutet und zur Schau stellt. Deodato liefert damit eine in sich geschlossene, moralische Zwickmühle ab, die in ihrer Direktheit ihresgleichen sucht. Nicht nur, dass CANNIBAL HOLOCAUST jedwede Grenzen guten, sowie schlechten Geschmacks mißachtet, zeigt Deodato reale Tiertötungen im Film und begibt sich damit in gefährliche Nähe zum Snuff Movie. Jene Szenen, welche die Tötung einer Schildkröte, eines Affen usw. zeigen sind seit jeher im Kreuzfeuer der Kritik, gleichwohl von Befürwortern, oder Ablehnern des Films. Dabei hilft es offenbar auch nichts, dass zum Teil im Film ersichtlich ist, dass die Tiere nachher verzehrt werden. Auf jeden Fall ist es ein höchst kontroverses Thema in sich selbst, welches aber im Film ganz klar von den widerwärtigen Handlungsweisen der Journalisten bzw. Dokumentarfilmer übertroffen wird. "I wonder who the real cannibals are." fragt sich am Ende Professor Monroe und bringt damit die vielschichtig ausgearbeitete Ausbeutungsthematik von CANNIBAL HOLOCAUST auf den Punkt. Deodato's Film ist ein unbestrittener Meilenstein des Exploitation Kinos, er lockt seine (potenziellen) Zuseher mit plakativen Slogans, legt mit spektakulären Gewaltdarstellungen nach, beutet gleichsam gängige Vorurteile und Sehgewohnheiten aus und sticht einem zuletzt exakt deshalb ein Messer in den Rücken. CANNIBAL HOLOCAUST macht mit seiner diffizielen Funktionalität die Mechanismen seines Genres spür- und erlebbar und bringt nebenbei fast zwei Jahrzehnte italienisches Exploitationkino auf einen einzigen, essenziellen Punkt. CANNIBAL HOLOCAUST ist und bleibt das einzige Meisterwerk des Kannibalenfilms. Keine Empfehlung, aber unbedingstes Pflichtprogramm! |
| Kurz Kritik | |
|---|---|
| Story: | ![]() ![]() ![]() ![]() (4.0/5) |
| Musik: | ![]() ![]() ![]() ![]() (4.0/5) |
| Unterhaltung: | ![]() ![]() ![]() ![]() (1.5/5) |
| Anspruch: | ![]() ![]() ![]() ![]() (4.0/5) |
| Spannung: | ![]() ![]() ![]() ![]() (3.5/5) |
| Darsteller: | ![]() ![]() ![]() ![]() (3.5/5) |
| Spezialeffekte: | ![]() ![]() ![]() ![]() (4.0/5) |
| Gesamt: | ![]() ![]() ![]() ![]() (5.0/5) |
| Dieses Film Review wurde von Alex Bielesch erstellt. |
|---|
DVD-Forum.at - Forum | Werben auf DVD-Forum.at | Filmempfehlung.com | DVD-Easy | DVD-Palace | DVDiggle | PAL NTSC FILM Umrechner




(4.0/5)