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Giulias Verschwinden
Giulias Verschwinden
Schweiz  2009 
Drama | Komödie
05.02.2010  (Österreich)
04.02.2010  (Deutschland)
T&C Film AG
X Verleih (Österreich)
X Verleih (Deutschland)
Christoph Schaub
Martin Suter
Balz Bachmann
Bruno Ganz; Corinna Harfouch; Max Herbrechter; Christine Schorn; Teresa Harder; Babett Arens; Stefan Kurt; Sunnyi Melles; Samuel Weiss; André Jung; Daniel Rohr; Renate Becker; Elisa Schlott; Hannah Dietrich; Susanne-Marie Wrage; Alex Freihart
Inhaltsangabe
Giulia hat heute Geburtstag. Aber es ist kein gewöhnlicher Feiertag für sie. Denn heute ist der 50. Geburtstag der Dame angekommen. Und an diesem Tag entdeckt sie, das schreckliche Geheimnis über jene Jahreszahl. Es ist nämlich auch das Datum ihres Verschwindens. Plötzlich im Bus wird sie völlig ignoriert. Obszön gekleidete Frauen werden der Lichtpunkt aller Männer im Raum. Jugendliche spielen sich mit den neuesten technischen Erfindungen. So verschwindet selbst Giulias Spiegelbild in der Busscheibe. Sie hält den Zustand nicht mehr aus, muss den Bus verlassen und dabei ihre wartende Freunde, die zu ihrem Geburtstagsessen geladen haben, sitzen lassen. Desorientiert wandert die nun als „ältliche Dame“ Geltende durch die Heimatstadt. Eine Metropole, die ihr noch nie so fremd wirkte. Einem weiblichen Odysseus gleich irrt sie umher, keinen Halt findend. Bis schließlich der charmanter, ältliche John die Schöne anspricht. Ihr einen Halt gewährt. Ein Treffen, welches ihre eigene Visualität neu zu determinieren vermag …
Film Kritik
Wenn Bruno Ganz und Corinna Harfouch gegen das Ertrinken in einem Sumpf der leidenschaftlichen Ästhetiken kämpfen, kann es nur eines bedeuten: Giulias Verschwinden!

Naja – Zwanzig geht noch, aber Dreißig ist echt krass…


In einer Zeit, in der die Gesellschaften der westlichen Welt mit der Überalterung der Alterspyramide beschäftigt sind, kann es auch passieren, dass ein alteingessesene Genre einen neuen Glanz bekommt. Schon in den 1920er und 1930er brach die bezaubernde Gerta Garbo all die Herzen der Männer zum Brechen. Dekaden später verzauberte der Superstar Marylin Monroe beide Geschlechter mit ihren amüsanten Liebesfilmen. Doch diese Jungspunde sind schon längst ein alter Hut: Old is sexy. Jack Nicholson, Diane Keaton & Co haben es vorgemacht und die beiden Züricher Filmemacher Christoph Schaub und Martin Suter tun es diesen schauspielerischen Stars gleich. Denn schon etwa der deutsche Überraschungshit Wolke 9 zeigte, wie interessant und überraschend, die Liebe im hohen Alter ist. Der Trend bedeutet manchmal eine kluge Überspitzung der spritzigen Teeniefilme, ein Andermal eine überaus gekonnte Inszenierung einer Gefühlswelt der neuen alten Generation. Also nun dürfen sich in der neuen Produktion der beiden Schweizer Filmemacher auch die schauspielerischen Großkaliber Bruno Ganz und Corinna Harfouch sich auf ein Neues unsterblich in einander verknallen. Ein intelligenter Spaß, welchen Regisseur Schaub und Drehbuchautor Suter in perfekter Weise für sich zu nutzen wussten. Konnte Schaub in den letzten Jahren nicht seine Ansprüche des Erfolgs befriedigen, steigt der Schweizer mit seiner ersten, mehr als fruchtbaren Zusammenarbeit mit jenem dichterischen Kollegen in die erste Liga der deutschsprachigen Filmemacher auf. Die geschriebene Fassung Suters kommt mit einer erfrischenden und überaus spritzigen Geschichte auf, welche in subtiler Manier „die“ Generationen der heutigen Gesellschaft vergleichen: Jugend, mittleres und hohes Alter. Jede einzelne betrachtet sich als Verlierer unserer heutigen Zeit. Die Jugend – viel Energie, doch weder Geld noch Möglichkeit. Mittleres Alter – der Erfolg ist auf dem Höhepunkt, doch das Alter kratzt langsam große Furchen in die eigene Ästhetik. Das hohe Alter – Zeit genug, den zweiten Frühling zu genießen, doch selber ist man eingesperrt im Altersheim. Eine negative Verblendung, die dank bissigsten Dialogen im Laufe des Films immer stärker durchbrochen wird. Denn schlussendlich wird Giulias Verschwinden eigentlich ein erfreuliches Feiern unserer Lebensenergie! Dies versteht Regisseur Christoph Schaub alzu gut. Mit geschickter Kameraführung suggeriert jener eben das Verschwinden seiner Hauptdarstellerin. Die einzelnen Ästhetikschichten streben übereinander. Und so verwickeln sich visuelle Ideen ineinander. Schlussendlich verwirren sie sich in einem Potpourri. Wunderschön farbenfroh zu betrachten und unendlich, um sich zu darin zu verirren. Es fällt sogar schwer, den eigentlichen Höhepunkt des Schaffens der Beiden zu fixieren. Ein Kompliment höchsten Grades: Drehbuch, Inszenierung, Dialoge, Charaktere, Kameraführung – all dies ist auf einem derartigen Niveau, dass es beinahe unmöglich ist auszudürcken, warum dieser romantische Jux einfach dermaßen Spaß macht!

Der Vorteil des Älterwerdens ist ja gerade, dass sich die ästhetischen Maßstäbe verändern. – Es sind nicht die ästhetischen Maßstäbe, die sich verändern. Es sind die Augen, die schlechter werden.


Doch die rein produktionstechnischen Vorraussetzung, die den Film zu seiner perfekt formulierten und beträchtlich inszenierten Fassade verhelfen, werden noch einmal beinahe übertrumpft von seinem überaus talentierten Ensemble. Denn beginnend mit dem erfrischenden Hauptdarstellerpärchen über die befreundeten Wartenden bis hin zu den alternden Konterparts. Überall – vielleicht mit Ausnahme der jugendlichen Nebendarsteller – entwickelt sich unter den Darstellern ein beschwinglicher Rhythmus, der den Zuschauer in eine angenehme Lage des Erholens versetzt. Jene Mimen sind beinahe einem Fluss gleich, der sein Auditorium in die Sphären der höchsten Unterhaltung mitzureißen vermag. Wer vielleicht noch irgendwelche Zweifel gegen dieses kleine Juwel hegen täte, würde bei einem einzigen Blick der Spielenden – sowohl „auf“ als auch „von ihnen“ – einfach nur dahin schmelzen. Bruno Ganz, Corinna Harfouch, Stefan Kurt, André Jung, Sunnyi Melles, Daniel Rohr, Teresa Harder, Max Herbrechter etcetera, etcetera. Alles keine Unbekannten mehr in der deutschsprachigen Filmszene, doch nun haben sich all jene zusammengefunden, um ihr Talent Giulias Verschwinden zu widmen. Eine Strategie, die völlig aufgeht. Denn dort, wo der Film in eine mechanische Sackgasse der Technik stecken bleibe möge, springt dank des superben Ensembles der letzte Funken Lebens auf diese Deus Ex Machina.

Fazit:
Die alternde Liebe ist seit Jahren ein Thema der zeitgenössischen Filmkunst, doch schon lange hat kein Werk ein derartiges Verständnis für sein Sujet gefunden. Giulias Verschwinden ist ein herzerwärmender, bissig geschriebener Liebesfilm, der dank genialen Hauptdarsteller, einem frischen Drehbuch und überraschender Visualität perfekter Unterhaltung verspricht. Der zweite Frühling wird hier wahrlich zu einem opulenten Dionysosfest.
Kurz Kritik
(4.0/5)
(3.5/5)
(4.5/5)
(3.5/5)
(3.5/5)
(4.5/5)
(4.0/5)
Dieses Film Review wurde von Sebastian Klausner erstellt.


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