"Kein Phänomen, das wir exportiert haben, sondern eine Krankheit!" – Die Gomorrha-Darsteller Fortunato Cerlino und Maria Pia Calzone im Interview

Verfasst von Johannes Mayrhofer am 31.10.2014 um 13:11

 

Der Journalist und Schriftsteller Roberto Saviano hat jahrelang im Milieu der Verbrecherorganisation Camorra in Neapel verdeckt recherchiert und seine Erlebnisse und Kenntnisse in dem 2006 erschienenen Roman Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra veröffentlicht. Seine Aufdeckungen führten zu Morddrohungen, die ihn zu einem Leben unter Personenschutz zwingen. Sein Roman wurde bereits 2008 verfilmt. 2014 folgte eine Serienumsetzung, die in Zusammenarbeit von Sky Italia, Cattleya, Fandango, La 7 und Beta Film entstand. Die Serie war ein bahnbrechender Erfolg. Im Produktionsland Italien wurden die Folgen durchschnittlich 1,2 Millionen Mal gesehen, die Rechte wurden an 30 weitere Länder verkauft. Eine zweite Staffel ist bereits bestätigt.

 

Gomorrha handelt von den Machenschaften des Camorra-Clans in Neapel, seinen internationalen Verstrickungen und den Machtkämpfen um die lokale Vorherrschaft. Als der Pate Pietro Savastani (Fortunato Cerlino) verhaftet wird, gerät das Machtkonstrukt der Familie ins Wanken.  Pietros Gattin Imma (Maria Pia Calzone) und Sohnemann Genny (Salvatore Esposito) übernehmen die Herrschaft, doch auch in den eigenen Reihen beginnt das Vertrauen zu schwinden. Der eigentlich loyale Ciro (Marco D’Amore) sieht seine Chance gekommen, um sich in der Hierarchie hinaufzuarbeiten!

 

 

Die Serie Gomorrha ist seit 10. Oktober 2014 immer freitags um 21.00 Uhr auf Sky Atlantic HD, Sky Go und Sky Anytime zu sehen. Die erste Staffel besteht aus 12 Folgen zu je 60 Minuten. In der internationalen Kritik wurde die Serie oft als die europäische Antwort auf The Wire bezeichnet.

 

Sky Österreich veranstaltete anlässlich des Serienstarts eine Sky Night im Wiener Filmcasino, bei der die ersten beiden Folgen in Anwesenheit der beiden Darsteller Fortunato Cerlino und Maria Pia Calzone gezeigt wurden. DVD-Forum.at hat mit den beiden über ihre Arbeit als Schauspieler, ihre Emotionen, die Erfahrungen am Set in Scampia und die Tragweite des realen Stoffes gesprochen.

 

 

 Interview mit Maria Pia Calzone und Fortunato Cerlino:

 

DVD-Forum.at: Die Serie basiert auf dem Roman und dem gleichnamigen Film, wofür der Autor relativ intensiv in den Kreisen der Mafia recherchiert hat. Wie haben Sie sich für ihre Rollen vorbereitet?

 

Fortunato Cerlino: [lächelt] Wichtig ist, warum wir gerade gelächelt haben, im Ausland weiß man meistens nicht, dass Mafia nicht der Überbegriff für alle kriminellen Organisationen ist, sondern eine derer. Hier geht es um die Camorra, das ist eine dieser kriminellen Organisationen. Das ist wichtig zu unterscheiden, weil Saviano eben speziell die Camorra studiert hat und auch wirklich deren Mechanismen genau aufgedeckt hat. Die Camorra ist mindestens so gefährlich, wenn nicht gefährlicher als die Mafia, weil sie moderner ist. Und weil sie wie die Mafia, vielleicht aber auch mehr als die Mafia, ein internationales Phänomen ist. Das ist eben nicht etwas, was auf Neapel oder Italien beschränkt ist. Abgesehen von den Techniken, wie man sich als Schauspieler auf eine Rolle vorbereitet, war am wichtigsten bei der Vorbereitung das klare Bewusstsein, dass wir das erzählen, was Saviano erkundet und erzählt hat. Es war wichtig, vom künstlerischen, vom intellektuellen her, diese Klarheit zu haben! Mir ist es ganz wichtig, das klar auszudrücken, weil im Unterschied zu anderen sogenannten Fictions, erzählen wir nichts, was erfunden worden ist. Wir erzählen immer Dinge, die real passiert sind, die man im Chronik-Teil lesen konnte. Daher sind auch die Reaktionen derer, die die Serie sehen, ganz anders, als wenn man weiß, es geht um Erfundenes.

 

Maria Pia Calzone: Wichtig bei der Vorbereitung war auch, dass uns absolut bewusst war, dass wir nicht nur die künstlerische Verantwortung tragen, die man eben hat, wenn man eine Rolle in einem Film spielt, sondern, dass man auch eine zivile Verantwortung als Bürger dieses Landes gehabt hat.

 

 

 

DVD-Forum.at: Und für Sie persönlich oder auch als Schauspieler, was war denn das Intensivste und Packendste an der Geschichte?

 

Fortunato Cerlino: [an Maria gewendet] Antworte du, während ich über eine Antwort nachdenke!

 

Maria Pia Calzone: Während er denkt soll ich antworten! [lacht], er ist der Clevere!

 

Fortunato Cerlino: Das Emotionalste war, mit ihr gemeinsam zu spielen!

 

Maria Pia Calzone: Das Ergreifendste war für mich, ich denke hier nicht an eine spezielle Episode, sondern diese Vorstellung dieses Lebens in dieser Gewalt, dass man ständig mit dem Verdacht lebt. Man verdächtigt immer alle. Sogar die engsten Angehörigen werden ständig verdächtigt. Man kann sich eigentlich nicht vorstellen, wie diese Menschen leben müssen.

 

Fortunato Cerlino:  Für mich war das Aufregendste eigentlich, dass wir diese Geschichten, die ja tatsächlich passiert waren, am tatsächlichen Standort Scampia gedreht haben, wo natürlich diese Personen vor Ort dabei waren beim Drehen, also zugschaut haben. Saviano hat gesagt, dass bei dieser Serie eigentlich Scampia ein weiterer Hauptdarsteller war. Das haben wir gespürt. Neapel, Scampia, war ein Darsteller! Eine Sache, die mich auch sehr emotional berührt hat, war, einen Dienst zu leisten, einen Dienst nicht nur gegenüber unserem Land Italien, denn wenn man über dieses Thema spricht, bringt man ein Bewusstsein hervor, dass das ein internationales Thema ist. Natürlich möchte ich das, was ich getan habe, nicht auf die selbe Ebene setzen, wie das, was Saviano geleistet hat. Für mich war der Gedanke sehr berührend, dass ich das unterstützen kann, was er vollbracht hat.

 

 

DVD-Forum.at: Saviano muss ja für die Aufklärungen, die er erbracht hat, mehr oder weniger unter Personenschutz leben. Wie war das für Sie, nachdem Sie gesagt haben, Sie haben am Originalschauplatz gedreht, gab es da Zwischenfälle mit Personen, die sich bedroht gefühlt haben durch die Anwesenheit der TV-Serie oder ist da zu einem gewissen Grad eine Angst dahinter?

 

Maria Pia Calzone: Also wir haben überhaupt kein Problem gehabt, die Leute haben sehr mit uns zusammengearbeitet, sie haben uns ihre Wohnungen, ihre Sessel, ihre Schattenplätze im Sommer zur Verfügung gestellt. Sie sind natürlich zum Teil auch von der Produktion beschäftigt worden, haben also Jobs dadurch bekommen. Es war also wirklich ein Austausch, eine Zusammenarbeit. Wenn man sich vorstellt, dass 80 bis 90 Personen am Set sind... im Sommer essen die alle Eis, im Winter essen die alle Mortadella-Weckerl, die müssen versorgt werden, da verdient das ganze Viertel.

 

Fortunato Cerlino: Aber man kann eben nicht sagen ‚Die Comorra ist gleich Neapel’. Und Scampia ist auch nicht gleich Camorra. Wenn man es mit der Camorra gleichsetzt, ist das, als würde man ein Volk mit seinem bösen Monarchen beschreiben. Deswegen sind die Leute ja nicht böse. Im Gegenteil, die Leute werden unterdrückt. Ich würde sagen, vielleicht ein bisschen übertrieben, aber 99% der Leute in Scampia sind ordentliche Leute. Diese ordentlichen Menschen wissen, wenn man beginnt, ihre Geschichten zu erzählen, dann beginnt der Weg zur Befreiung. Die erste Waffe ist, nicht darüber zu sprechen!

 

 

DVD-Forum.at: Sie haben auch gesagt, dass der Ort ein weiterer Darsteller ist und Serien sind auf dem aufsteigenden Ast, weil man als kreatives Team viel mehr die Möglichkeit hat, Personen, Orte, Schauplätze wesentlich ausführlicher zu charakterisieren. Was ist denn Ihrer Meinung nach der Vorteil dabei, die Geschichte in Serienform zu erzählen und nicht als einmaligen Spielfilm?

 

Fortunato Cerlino: Ja, wie sie angesprochen haben, sind Serien derzeit sehr erfolgreich. Diese Form des Erzählens im Detail ist vielleicht vergleichbar mit dem Fortsetzungsroman des 18. Jahrhunderts, wo jedes Kapitel eine neue Richtung im Handlungsfaden einschlagen konnte und uns vielleicht wieder überrascht. Darauf ist eigentlich der Erfolg zurückzuführen. Als es ausgestrahlt wurde, ist mir immer wieder passiert, dass mir jemand geschrieben hat, ich solle doch verraten, wie es weitergeht. Bei einem Buch baut sich auch solch eine Spannung auf, bei einem Film ist es schwer das in diesem Sinn so aufzubauen.

 

Maria Pia Calzone: Was ich auch hinzufügen möchte, ist, dass die Serien einerseits erfolgreich sind, weil sie die Realität erzählen und andererseits gelingt, weil es in einer Serie passiert, viele Fragen aufzuwerfen, ohne automatisch Antworten zu liefern. Das heißt, es wird eine Frage aufgeworfen und dann hat der Zuschauer Zeit sich damit auseinanderzusetzen.

 

 

DVD-Forum.at: Nachdem Sie gesagt haben, die Camorra ist auch ein internationales Phänomen, hätten Sie damit gerechnet, dass die Serie auch beim internationalen Publikum derart gut ankommt und vor allem, wie wird es weitergehen? Nicht inhaltlich, sondern wann kann man beispielsweise mit neuen Episoden rechnen?

 

Fortunato Cerlino: Es war uns bewusst, dass wir ein ausgezeichnetes Produkt herstellen. Ich habe das Drehbuch gelesen und gesehen, dass das ein ganz ehrlicher und seriöser Ansatz ist, dass ganz ausgezeichnete Leute im Team waren, wirklich viele Talente von Regie, Drehbuch über die Maske bis zur Musik, Sky als Produzent und so weiter. Wir hatten das Gefühl Teil eines Teams hochqualifizierter Leute zu sein. Aber das Ausmaß des Erfolgs haben wir nicht so hoch erwartet. Es war als würde man nach langer Zeit der Dürre eine Pflanze gießen. Die Menschen haben diese Informationen in sich aufgesogen. Es war wirklich ein explosiver Erfolg, den wir nicht erwartet haben. Dann ist es auch so, dass der erzählerische Faden, den wir von Saviano übernommen haben, ja nicht eine Geschichte über Neapel erzählt, sondern eine internationale Geschichte, wo auch Orte wie hier, Ihre Stadt [Wien, Anm.] involviert sind. Es ist nicht so, dass es ein in Italien entstandenes Phänomen ist, dass wir einfach exportiert haben, sondern so, dass eine mafiöse oder Camorra-Denkweise eigentlich in jedem potentiell vorhanden ist. Die kulturellen und wirtschaftlichen Gegebenheiten eines Ortes führen dazu, dass das dann wie ein Keim, wie eine Krankheit wirkt und wenn das Immunsystem des Ortes sozusagen geschwächt ist, dann geht der Krankheitskeim voll auf. Aber absolut keine Gesellschaft ist gegen dieses Übel, gegen dieses Böse, immun.

 

DVD-Forum.at: Gut, vielen herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Das Interview führte Playzocker mithilfe einer Dolmetscherin, die Transkription stammt von Johannes Mayrhofer.