Ein verborgenes Leben (2019 OT: A Hidden Life)

Nahezu drei Jahre schlief der Film im Schnittprogramm, bevor er 2019 seine Premiere auf den Internationalen Festspielen in Cannes feiern durfte. Eine solch lang andauernde Nachbearbeitungszeit ist für die Branche zwar recht ungewöhnlich, das Endprodukt zeigt allerdings eindeutig, dass es sich hierbei um die Richtige Entscheidung gehandelt hat. Jeder Dialog, jedes Bild und jedes Musikstück verschmelzen ineinander zu einem audiovisuellen Gedicht welches es in seiner satten Laufzeit von 174 Minuten schafft, seine Zuschauer mit dem absoluten Maximum an bildgewaltigen Naturaufnahmen, authentischen Performances, rührenden Szenen zu bescheren, ohne auch nur eine Sekunde zu lang zu wirken.

Für die musikalische Untermalung konnte Terrence Malick sich den Hollywood-Veteran „James Newton Howard an Bord holen, welcher bereits für Filme wie „The Sixth Sense“, „Blood Diamond“ oder Peter Jacksons „King Kong“ komponiert hatte. Immer wieder werden sowohl traurige als auch schöne Szenen im Film mit einem sanften Geigenspiel unterlegt, welches dem Zuschauer noch Wochen nach dem Schauen im Gedächtnis erklingen dürfte. Ebenso oft stütz sich Malick auf Klassische Musikstücke von Bach, Beethoven und Górecki, welche sich aber nahtlos in den restlichen Score eingliedern.

Neben der schönen Musik kann man sich aber ebenso in den wundervollen Bildern von Kameramann Jörg Widmann verlieren. Wie auch schon in „Knight of Cups“ oder „Song to Song“ wurde nahezu jeder Shot aus „Ein verborgenes Leben“ mit einem „Ultra Prime 8R“ Objektiv gedreht, welche eine sehr breitwinkelige Optik schafft. Dies sorgt zum einen dafür, dass der Zuschauer eine schnelle Nähe zum geschehen und den Figuren aufbauen kann, da die Kamera häufig einen sehr geringen Abstand zu den Schauspielern hält. Zum anderen bekommt er noch mehr von den wunderschönen Alpen-Tälern Südtirols zu sehen.

Die Rolle des Jägerstätter wird vom Berliner August Diehl gespielt, den man vor allem dank seiner Rolle des Dieter Hellstrom in „Inglourious Basterds“ kennen dürfte. Seine großartige Darstellung des redseligen SS-Sturmbandführers hinderte ihn aber nicht daran die Rolle des ruhigen NS-Gegners ebenso gut zu verkörpern. Sein wortkarges und subtiles Schauspiel erinnert stellenweise an jenes von „Hollywood-Lieblingen“ wie Ryan Gosling und Joaquin Phoenix und hätte sich problemlos mit jenem der diesjährigen Oscar-Anwärter messen können.

Mit seinem Schauspiel problemlos messen, kann sich wiederum jenes der Franziska Jägerstätter-Darstellerin Valerie Pachner, deren „Screentime“ mindestens genauso lang ist wie die des Franz Jägerstätters. Ihre Darstellung einer fürsorglichen Mutter, die unter den Entscheidungen ihres Liebhabers leiden muss, weist deutliche Ähnlichkeiten zu jener von Jessica Chastain in „The Tree of Life“ oder der von Sissy Spacek in „Badlands“ auf, hat im Ganzen betrachtet aber eine sehr eigene Persönlichkeit welche ebenfalls völlig zu Unrecht von den „Acedemy-Votern“ignoriert wurde. Insbesondere ihre Segmente im Schriftverkehr zwischen Jägerstätter und seiner Frau, stellen alle Voice-Over der früheren Malick-Filme in den Schatten.

In weiteren Rollen zu sehen sind der „Nordtiroler“ Tobias Moretti als Dorf-Priester, „Atmen“-Regisseur Karl Markovich als Bürgermeister von St. Radegund, Franz Rogowski (Victoria) als Jägerstätters Armee-Kumpane und der bereits verstorbene „Iffland“-Ringträger Bruno Ganz als Richter im Jägerstätter-Prozess.

10/10

Fazit

Mit „Ein verborgenes Leben“/„A Hidden Life“ hat Meisterregisseur Terrence Malick sich wirklich selbst übertroffen. Sein neustes Werk ist so romantisch wie „Badlands“ und „Die Glut im Süden“, bildgewaltig wie „Der Schmale Grat“ und „The New World“ und poetisch wie „The Tree of Life“. Eingefleischte Fans werden mit Malick‘s berüchtigtem Einsatz von philosophischen „Voice-overs“, seinem Beharren auf natürliches Licht, seinem Verlassen auf die Improvisation seiner Schauspieler und seinem einzigartigen Gebrauch Musik, Stille und Schnitt, erneut ihre Freude haben. Kritiker seiner neuen Werke wiederum, dürften in „Ein verborgenes Leben“ die Rückkehr zu alter Erzählstruktur und somit zu alter Größe sehen.

Dem Film ist es aber ebenso gelungen, das Vermächtnis Franz Jägerstätters zu würdigen und dem Zuschauer die Motive des Nationalhelden näherzubringen. Auf die sich nach dem Film auftuende Frage ob Jägerstätters Opfer überhaupt einen Sinn erfülle, antwortet Mallick mit einem Zitat der britischen Schriftstellerin George Elliot: „The growing good of the world is partly dependent on unhistoric acts; and that things are not so ill with you and me as they might have been, is half owing to the number who lived faithfully a hidden life….“ Zu Deutsch: Das stetig wachsende Gute in der Welt hängt teilweise von unhistorischen Taten ab; und dass es dir und mir nicht so schlecht geht wie es könnte, verdanken wir zur Hälfte jenen die gläubig ein verborgenes Leben führten…

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