Carcinoma

  • Informationen zum Film
  • Carcinoma

  • Originaltitel:
    Carcinoma
    Produktionsjahr:
    2014

Userkritik zu Carcinoma

hudeley
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Bewertung: 10/10 Punkte

Carcinoma

Gelegentlich ist es schon merkwürdig, wie selektiv einige Horrorfans gewisse Filme zu meiden scheinen. Wer aktuell eine Kritik über den neuesten Marian Dora Film "Carcinoma", sucht, wird gar nicht mal so viel finden. Schuld daran ist zum einen die Geschichte rund um den Krebs, der den meisten Leuten aufgrund Vorfällen in den eigenen Familien schon zu weit gehen wird, und zum anderen der - nunja, recht "exquisite" Ruf von Regisseur Marian Dora. Mit "Cannibal" lieferte er einen sehr interessanten Einstand als Langfilmdebüt ab, mit seinem nächsten Film "Melancholie Der Engel" war sein Ruf als tabulosester Regisseur schon einzementiert.
Seine Film sind grundlegend Werke der Kategorie "lieben oder hassen" und nur um meine über-begeisterte Kritik im Voraus zu rechtfertigen: Marian Dora (bzw. Art Doran wie er sich hier nennt) ist mein Lieblingsregisseur und wie bei keinem anderen sitze ich bei jedem seiner Filme völlig erstarrt vor der Mattscheibe und denke mir bloß "Danke dass ich Deine Filme sehen darf!". Okay, die Sache mit der rosanen Fanbrille ist geklärt; werfen wir uns rein in die Materie...

Die ersten fünf Minuten nach dem Vorspann sind zunächst recht ungewöhnlich. Wo Marian Dora normalerweise durch das Einfangen von Bildern und langen Kamerafahrten die Geschichten erzählt, ist die Einleitung in die Geschichte in klassischen Dialogen geführt. Das Schockierende: Dora erzeugt regelrechtes Spielfilmfeeling in den ersten paar Minuten! Er scheint nicht nur den wortkargen Kunstfilm zu beherrschen, sondern weiß auch ganz genau, wie man einen Film professionell erscheinen lässt. Der Schnitt ist verdammt gut, genauso wie die Kamera in passenden Perspektiven tolle Aufnahmen macht. Dieser erste Eindruck wandelt sich aber recht schnell, denn sobald die erste Szene vorbei ist, in der der Protagonist von einem Arzt aufgrund seines riesigen Karzinoms völlig entsetzt angestarrt wird, erzählt "Carcinoma" die Geschichte bis zu dem Zeitpunkt nach. Und zwar im typischen Stil von Marian Dora.
Dessen Filme sind wie immer recht dankbar zu interpretieren. Wie schon bei "Debris Documentar" oder "Die Melancholie Der Engel" fällt eine chronologische Einordnung der Ereignisse hier schwer und viele dargestellte Momente könnten auch nur im Traum stattgefunden haben. Handlungsszenen werden teils mit recht langen Außenaufnahmen der Stadt unterbrochen, genauso wie Bilder einer fressenden Schlange eingebaut werden oder der Film von einer Beichte umrahmt wird.
Allein diese Elemente könnte man nach der Sichtung wieder durchinterpretieren als gäbe es kein Morgen. Bevor ich den Film nicht noch ein paarmal gesehen habe, werde ich allerdings keine voreiligen Schlüsse ziehen. Wieso ich dann die Kritik schreibe? Ganz einfach, meine Eindrücke von "Carcinoma" sind noch frisch und einen Film mit dieser Wirkung habe ich schon ewig nicht mehr gesehen:

Zwischen all den Filmen wie "Slow Torture Puke Chamber", "Channel 309", "American Guinea Pig" und Konsorten, die irgendwie ihren Reiz haben aber mich von ihrer Wirkung seit jeher relativ kalt lassen, taucht ab und an ein Film auf, bei dem ich mich frage, ob er es tatsächlich geschafft hat, mein Moralempfinden anzukratzen. Genauso wie ich mich bei speziellen Filmen frage, was sich mein Umfeld wohl denken würde, wenn sie diesen Film gerade anschauen würden. Klar, die meisten wissen dass ich solche Filme schaue - aber kann man sich wirklich ausmalen, wie ein Film wie "Carcinoma" wirkt und einen fühlen lässt, wenn man ihn nie gesehen hat und nur Leute darüber reden hört?

Die Geschichte soll auf einer wahren Begebenheit beruhen und einige Beteiligte sollen sogar im Film mitgespielt haben. Inwiefern das stimmt, wage ich nicht zu beurteilen. Könnte ich ich mir vorstellen, dass es sowas mal gegeben hat? Ja, auf alle Fälle! Wer die Dokumentation "Sick! The Life And Death Of Bob Flanagan" gesehen hat, hat sogar die Originalaufnahmen zu etwas sehr Ähnlichem.
Im Falle von "Carcinoma" kommt dann noch Doras Talent zu super realistischen Special FX hinzu, sein cleverer Einsatz von Musik und seine mehr als suggestive Schnitt- und Filmtechnik. Und was kommt dabei heraus? Wäre man böse könnte man sagen, dass hier ab der Hälte in einer Tour geschissen und in der Wunde herumgebohrt wird. Schaut man etwas hinter die Bilder, kommt für mich der beste Bodyhorror Streifen der jüngeren Vergangenheit zu Tage. Ich habe "Thanatomorphose" gehasst, war von "Contracted" grundlegend mehr begeistert und "In My Skin" aus Frankreich war auch bloß eine Variation. Dora hingegen legt hier aber erneut einen Film in aller Konsequenz hin. Die Darsteller ziehen nahezu alle blank, männlich als auch weiblich, und egal wie unschön der haarige Arsch oder die alles andere als perfekt trainierten Körper beiderseits in diesem Film auch sein mögen: Es ist Realität - schaut bloß mal an Euch selbst runter!
Bis zum Finale bleibt die Gewalt und der Ekel in einem akzeptablen Rahmen. Aber sobald der Protagonist sich von seiner Mutter pflegen lässt, brechen sämtliche Dämme. Dora hält nunmal seit jeher selbst da noch die Kamera drauf, wo andere Kollegen aus dem Extrembereich schon längst beschämt einen Schnitt gesetzt haben. Und gegen Ende klebt die Kamera mehrere Minuten stoisch und erbarmungslos am Geschehen, während im Hintergrund deprimierende Musik läuft und die Mutter um ihren Sohn weint.

Ich mache es kurz, damit ich wenigstens ein halbwegs gebündeltes Fazit in einer Kritik habe, die wahrscheinlich bisher nicht zum Punkt gekommen ist: "Carcinoma" ist provokant bis zum Anschlag, handwerklich nochmal eine Steigerung zu Doras bisherigen Werken und ein Film mit den scheußlichsten und niederträchtigsten Szenen, die ich in langer, langer Zeit gesehen habe. Das wäre wirklich der erste Film von Marian Dora, den ich dumpfen Splatterkiddies als neue Herausforderung andrehen würde, denn so gewalttätig war Dora noch nie. Das soll jedoch auf keinen Fall heißen, dass der Film nur auf den schnellen Schock aus wäre! Vielmehr ist auch dieser Film wieder sehr dankbar zu entschlüsseln, liefert wieder haufenweise Bilder und Metaphern die man zum großen Ganzen zusammensetzen kann und selbst wenn man zwischen all der Sauerei nichts erkennen kann, bleibt er ein handwerklich herausragender Streifen. Ein Streifen der deprimiert, verstört, fasziniert und den Zuschauer nach dem Abspann in ein tiefes Loch wirft.
Ich kann nicht behaupten, gerade einen schönen Feierabend gehabt zu haben. Aber danke für diesen Film, ganz ehrlich!

10/10

geschrieben am 18.08.2015 um 06:36

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