Ghost of Tsushima [PlayStation4]

Das Ende einer Ära?

Knapp sieben Jahre nach der Veröffentlichung der PlayStation4 neigt sich deren Zyklus dem Ende entgegen. Wie selten zuvor hat Sony eine Überlegenheit mit der Konsole an den Tag gelegt und der Xbox One von Anfang an keine wirklich Chance gelassen.
Als Grund hierfür muss man sicherlich Microsofts legendäre Pressekonferenz nennen, bei der eine haarsträubende Aussage der nächsten folgte und die sich viel zu wenig auf Spiele konzentrierte. Und genau in diesem Bereich hat Sony in dieser Generation absolut dominiert. Auch wenn man am Anfang etwas schwächelte, zeigten Titel wie „God of War“, „Horizon: Zero Dawn“ oder „Marvel’s Spider-Man“ wie man unterhaltsame AAA-Spiele entwickelt. Der krönende Abschluss folgte dann vor einem knappen Monat mit dem großartigen „The Last of Us: Part II“. Doch…halt! „InFamous“-Entwickler Sucker Punch hat da auch noch ein Wörtchen mitzureden und ist wohl für den letzten großen Exklusiv-Titel auf der PlayStation4 verantwortlich.

Ob „Ghost of Tsushima“ dem Endzeit-Abenteuer um Ellie gefährlich werden kann und vielleicht sogar besser ist, lest ihr in unserem Test des Samurai-Abenteuers.

Jin vs. Mongolen

Als im 13.Jahrhundert die Mongolen in Japan einfallen, ist die Insel Tsushima einer der ersten Landstriche, der diesen zum Opfer fällt. Angeführt von Khotun Khan reißen die Invasoren das Stück Land relativ schnell an sich, denn Japans Gegenwehr ist nicht auf diesen Ansturm vorbereitet.
In der Rolle des Samurais Jin Sakai führt ihr nun den Widerstand gegen die Mongolen an und versucht dafür, einige einflussreiche Menschen, aber auch die normale Bevölkerung zu gewinnen. Außerdem hat Khan euren Onkel in seiner Gefangenschaft und viele eurer Kameraden auf dem Gewissen, was Jins Feldzug noch einmal einen persönlicheren Touch gibt.

Dass er für den Sieg häufiger vom ehrenwerten Weg des Samurai abkommen muss, lässt Jin immer wieder an seinem Handeln zweifeln und begleitet ihn gerade am Anfang seiner Reise ständig.

 

Offenes Japan

Aufgrund des Settings wurden in den letzten Monaten häufiger Vergleiche mit „Sekiro“ oder „Nioh“ laut, dennoch handelt es sich bei „Ghost of Tsushima“ eher um ein klassisches Open World-Adventure im Stil von „Assassin’s Creed“. Zwar liegt auch hier ein großer Fokus auf den Kämpfen, der Wahl passender Kampfstile und rechtzeitigem Parieren, aber auf einem normalen Schwierigkeitsgrad ist das Spiel wesentlich verzeihender als die beiden erstgenannten Titel.

Neben je einem Button für einen normalen und einen schweren Angriff, gibt es auch noch einen Knopf für Fernkampfwaffen wie Haftbomben oder Kunais. In Kombination mit den Eingabekommandos für die Änderung der Haltung und einiger Spezialangriffe, ist die Steuerung nach einiger Zeit ganz schön überladen und man muss sich erst mal reinfuchsen.

Klettern, springen und schwimmen kann Jin auch, er ist also ein echtes Bewegungs-Multitalent. Ersteres ist relativ einfach gehalten, denn man muss nur an den entsprechenden Vorsprung hüpfen und schon hängt man daran. Den Berg abwärts ist es etwas komplizierter, hier solltet ihr auf extra ausgewiesene Stellen achten, bei denen ihr per Druck auf R2 runterklettern könnt.

Während „Ghost of Tsushima“ auf ein explizit ausgewiesenes Erfahrungspunkte-System verzichtet, könnt ihr euren Ruf mit jeder erfolgreich beendeten Mission oder Auseinandersetzung verbessern. Dadurch erhaltet ihr Punkte für die verschiedenen Talentbäume, die sich in aktive und passive Fähigkeiten unterteilen. Aber auch eure Entschlossenheit verbessert sich dadurch stetig. Diese drückt sich mit Kreisen über eurer Energieleiste aus und kann zum Beispiel zum Heilen oder für Spezialangriffe eingesetzt werden. Durch erfolgreiche Kämpfe füllt sich eure Entschlossenheit-Anzeige übrigens wieder.

Der Geist der Insel

Das „Ghost“ im Titel des Spiels kommt nicht von ungefähr. Denn während ihr anfangs hauptsächlich auf euer Schwert und einen offensiven und somit ehrenvollen Kampf setzt, lernt ihr nach und nach auch Schleichfertigkeiten und dazu passende Angriffe. Attentate von hinten oder von oben sind dann kein Problem mehr, außerdem könnt ihr Feinde mit einem Glöckchen in die falsche Richtung locken oder Gadgets wie Rauchbomben gegen sie einsetzen.

Auch diese Fertigkeiten könnt ihr in eurem Talentbaum ausbauen, ebenso die verschiedenen Haltungen. Diese sollten für erfolgreiche Kämpfe immer wieder auf die Feindes-Art angepasst werden, so hilft der Wasser-Stil gegen Gegner mit Schilden besser als andere. 

Stärker wird Jin aber nicht nur durch Talentpunkte, sondern auch durch das Ausrüsten verschiedener Talismane oder Rüstungen. Diese und eure Waffen könnt ihr bei Schmieden und Händlern in kleinen Dörfern oder an Tempeln verbessern lassen und nutzt dafür gefundene Vorräte. 

Generell gibt es in Tsushima abseits der Story viel zu erleben. So findet ihr heiße Quellen, die eure Lebensenergie erhöhen, folgt Füchsen zu kleinen Schreinen an denen ihr beten könnt oder verfasst an besonders schönen Stellen ein Haiku, ein japanisches Gedicht. Dabei kommt das Spiel immer ohne ein ausuferndes HUD aus, die richtige Richtung zu einem Ziel wird durch den Wind deutlich gemacht, außerdem leiten euch goldene Vögel zu besonders interessanten Orten.

Hin und wieder rettet ihr mal einen Einheimischen vor den Mongolen, nehmt ein Lager hops oder brennt es gleich komplett nieder. Dazu verfolgt ihr immer wieder einmal Geschichten von Sängern und geht Mythen nach. Langweilig wird es also nicht…

 

Japan ist einfach schön…wunderschön!

Nach dem Grafikbrett von „The Last of Us: Part II“ und den wahnsinnig realistischen Figuren des Endzeit-Abenteuers, kann es jedes Spiel danach eigentlich nur schwer haben. Doch „Ghost of Tsushima“ macht seinen Job wirklich gut. Zwar lassen die Figuren den Detailgrad von Naughty Dogs Meisterwerk vermissen und können auch in Sachen Gestik und Mimik da nicht ganz mithalten, dafür ist die Spielwelt eine der schönsten, die man in dieser Konsolen-Generation gesehen hat. Egal ob ein See bei Sonnenaufgang, Nebel in einem düsteren Wald oder weitläufiger Strand…Tsushima wurde so schön umgesetzt und lädt jede Minute zum Verweilen ein. Definitiv ein Setting, in dem man gerne mal Urlaub machen möchte. Auch die vielen herumfliegenden Blätter und Blüten unterstreichen die tolle Optik noch einmal.

Passend dazu gibt es wunderschöne, fernöstliche Klänge und eine einwandfreie japanische Synchronisation. Es gibt auch eine englische und eine deutsche Fassung, aber ganz ehrlich…“Ghost of Tsushima“ muss man auf Japanisch spielen. Auch wenn man sich hin und wieder etwas auf die Untertitel konzentrieren muss.

Im Gegensatz zu anderen Stimmen im Netz lief Sucker Punchs Adventure auf unserer Standard-PS4 eigentlich recht gut und hatte nur selten mal mit Rucklern oder aufploppenden Objekten zu kämpfen.

Ein großer Kritikpunkt ist aber definitiv die Steuerung, die manchmal etwas besseres Feedback vermissen lässt. Außerdem ist sie relativ schnell überladen mit den zig Kommandos zum Wechsel der Haltung oder der Auswahl der unterschiedlichen Waffentypen. Ein großes Ärgernis ist aber die fehlende Lock-on-Funktion durch die es bei Kämpfen mit großen Gegnermassen häufig Übersichtsprobleme gibt. Greifen dann auch noch manche Feinde gleichzeitig an, wird es schnell unfair und frustrierend.

Ein besonderes Schmankerl für Fans alter Samurai-Filme hält Sucker Punch auch noch bereit. So könnt ihr in einen Kurosawa-Modus schalten, bei dem das Spiel nicht nur in schwarz-weiß präsentiert wird, auch der Ton wird blechern und das Bild mit einigen Verschmutzungen wie bei alten Filmrollen „aufgehübscht“. Dadurch wirken vor allem die Duelle im 1:1 noch authentischer. Schöne Idee!

  • Story
  • Grafik
  • Gameplay
  • Spielspaß
4.3

Fazit

Kein Meisterwerk, aber dennoch ein krönender Abschluss

„Ghost of Tsushima“ ist sicherlich nicht das Meisterwerk mit dem sich die PlayStation4 nun verabschiedet. Das kann es nach einem Spiel wie „The Last of Us: Part II“ auch gar nicht. Aber es ist ein großartiges Spiel geworden, was noch einmal eindrucksvoll zeigt, was eine so alte Hardware noch leisten kann.

Natürlich könnte man Sucker Punch auch vorwerfen, dass man in einigen Parts zu sehr nach dem klassischen Open World-Schema vorgeht, aber hier haben die Missionen und Aufträge nur selten keine Geschichte zu erzählen. Das gibt eurem Handeln Sinn und fühlt sich nie nach Abarbeiten an. 

Der fast vollständige Verzicht auf ein HUD ist auch ein sehr lobenswerter Ansatz und wurde gut mit solchen Dingen wie dem Wind oder den Vögeln kompensiert. Hin und wieder muss man auch Spuren verfolgen und seinen Kopf wesentlich mehr einsetzen wie in vergleichbaren Genre-Kollegen.

Glücklicherweise ist das Spiel auch nicht so groß wie zum Beispiel die letzten „Assassin’s Creed“-Teile und erschlägt somit nicht mit zahlreichen Fragezeichen auf der Karte und einer hohen Spieldauer im zweistelligen Stundenbereich. Hier stimmt einfach fast alles. Wenn da nicht die überladene Steuerung, einige KI-Macken und das chaotische Kämpfen wären. Vor allem letzteres sorgte für einigen Frust und Unverständnis. Aber das sind wirklich nur Kleinigkeiten und diese sollten euch nicht davon abhalten, „Ghost of Tsushima“ zu spielen.

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Benutzer-Bewertung
4.5 (2 Stimmen)
Über Christian Suessmeier 216 Artikel
Nachdem ich schon in jungen Jahren Prinzessinnen aus den Klauen bösartiger Reptilien rettete und mich mit einem kleinen Raumschiff durch das Weltall ballerte, ließ mich die Faszination Videospiele nicht mehr los. Besonders japanische Spiele haben es mir angetan, außerdem war ich auch immer ein großer Fan von spezielleren Konsolen wie dem Sega Saturn. Ein Herz für Außenseiter quasi! In Sachen Spielen verehre ich die "Yakuza"-Reihe, mag filmische Abenteuer wie "The Last of Us" und absolviere gerne mal eine Partie "PES" zwischendurch. Ansonsten schlägt mein Herz aber auch für den japanischen Film, Regisseure wie Shion Sono, Shinya Tsukamoto oder Takeshi Kitano sind einfach Gold wert. Weiterhin investiere ich meine Zeit aber auch gerne in Comics und dem kreativen Arbeiten(Schreiben, Zeichnen...).

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