Wolfenstein: Youngblood [PS4]

Verfasst von Christian Suessmeier am 29.07.2019 um 13:10

 

Nazi-Jagd mit Tradition

 

Was einmal mit „Wolfenstein 3D“ und viel Ärger(vor allem in Deutschland) begann, hat sich seit dem Jahr 2014 dank „Wolfenstein: The New Order“ wieder vollkommen in der Welt der Videospiele integriert.

Denn mit dieser Neuinterpretation, welche das schnörkellose Oldschool-Gameplay früherer Teile mit einer satten Portion schwarzem Humor verband, festigte die Reihe ihre Daseinsberechtigung zwischen Kultmarken wie „Doom“ oder „Call of Duty“. Nach dem Grindhouse-Ausflug in „Wolfenstein II: The New Colossus“ übergibt der Nazijäger BJ nun das Zepter an seine beiden Töchter Jess und Soph, außerdem macht man einen Sprung in die 1980er Jahre.

Ob die beiden Sprösslinge von Herrn Blazkowicz ebenso schlagkräftige Argumente im Kampf gegen die braune Soße haben und wie sich der Koop-Faktor im Spiel selbst macht, verraten wir euch in unserem Test zu „Wolfenstein: Youngblood“.

 

Eine Reise nach Paris

 

Die Eheleute BJ und Anya Blazkowicz leben zurückgezogen auf einer Farm in Texas und unterrichten ihre beiden Töchter in Dingen wie der Jagd oder dem Nahkampf. Denn sie sollen dafür gerüstet sein, wenn der Erzfeind, die Nazis, doch wieder einmal angreifen.

Trotz der aktuellen Ruhe zieht es BJ aber anscheinend noch einmal in den Kampf gegen die Faschisten, denn plötzlich ist der Vater von Jess und Soph spurlos verschwunden. Auch das FBI kann der Familie nicht helfen, doch die beiden Töchter machen eine Entdeckung auf dem Dachboden des Hauses.

Wie es scheint, ist ihr Vater nach Paris gegangen, das immer noch von den Nazis besetzt ist und mittlerweile Stadtteile wie Klein-Berlin hat. Da die beiden Blazkowicz-Mädels anscheinend einiges von ihrem Vater geerbt haben, schnappen sie sich Hals über Kopf den Hubschrauber des FBI und fliegen zusammen mit Grace Walker in die Stadt an der Seine. Auf der Suche nach BJ treffen sie dort auf den Widerstand und stellen sich allerlei üblen Nazi-Schergen entgegen.

 

 

Koop-Ballern

 

Zu Beginn von „Wolfenstein: Youngblood“ wählen wir zunächst entweder Jess oder Soph aus und entscheiden uns für eine Rüstung, einen Helm, die primäre Waffe, eine Geste und eine Fertigkeit. Eure Schwester wird dann mit dem entsprechenden Gegenstück ausgerüstet, bei Fertigkeiten sind das zum Beispiel entweder eine Tarnfunktion oder das Rammen der Gegner.

Seid ihr mit eurer Konsole online, könnt ihr ab Minute Eins mit einem Koop-Partner in das Spiel starten, die Deluxe Edition beinhaltet außerdem die sogenannte Buddy-Funktion. Mit dieser kann sich einer eurer Freunde das Spiel kostenlos herunterladen, so dass ihr künftig zusammen gegen die Nazis losziehen könnt. Habt ihr keinen Bock auf andere Spieler aus Fleisch und Blut, lasst ihr einfach die KI eure Schwester übernehmen.

Trotz Tarnfunktion verkommt das neue „Wolfenstein“ aber zu keiner Zeit zum Schleichspiel, denn meistens lasst ihr das Blei sprechen. In Sachen Mechanik entspricht dies fast 1:1 dem letzten Teil, sinnige Neuerungen wie das automatische Aufnehmen von Munition sollten aber trotzdem erwähnt werden.

Auch die neue Gesten-Funktion kann entscheidenden Einfluss auf eure Spielweise haben. Durch Tastendruck zeigen sich die Schwestern gegenseitig dann den Daumen nach oben, machen die „Pommesgabel“ oder sonst eine Geste, die dann zum Beispiel für volle Rüstungspunkte sorgt. Diese Gesten müssen nach Gebrauch aber wieder aufladen.

 

3D-Brillen und VHS-Kassetten

 

Verzichtete man beim letzten Abenteuer von BJ aber noch auf Erfahrungspunkte und setzte auf ein anderes, frischeres Levelsystem, so greift Bethesda bzw. Machine Games hier nun aber auf die bekannte XP-Jagd zurück. Für jeden erledigten Feind, jedes gefundene Objekt oder jede erledigte Mission bekommen Jess und Soph Punkte, die dann bei einem Levelanstieg für weitere Möglichkeiten der Verbesserung sorgen.

So erhöht ihr eure Rüstungs- oder Gesundheitsenergie, lernt neue Fertigkeiten wie das Rammen von stärkeren Gegnern oder den Akimbo-Stil bei dem ihr in jeder Hand eine Knarre habt. Neben den Erfahrungspunkten gibt es in „Wolfenstein: Youngblood“ natürlich auch wieder einmal nicht nur eine, nein gleich zwei Ingame-Währungen. Neben den Silbermünzen gibt es nämlich auch Silberbarren, die für den Kauf von Rüstungen oder Waffenteilen verwendet werden können. Während die Rüstungen nur optische Zwecke erfüllen, machen die Waffenteile eure Gewehre, Pistolen & Co. durchschlagskräftiger und besser zu handhaben. Auch weitere Gesten können mit den Ingame-Währungen gekauft werden.

Auch wenn es sich beim neuesten „Wolfenstein“-Ableger um kein klassisches Open World-Spiel handelt, habt ihr mit den Katakomben einen Rückzugsort und eine Hubwelt, in der ihr allerlei NPCs vorfinden könnt. Neben neuen Missionen kann man dort auch „Elite Haus“ am Automaten spielen, welches dem alten „Wolfenstein 3D“ entspricht. Auch unzählige Sammelobjekte sind in Paris versteckt. Neben Disketten, die ihr entschlüsseln könnt, findet ihr VHS-Cover, Briefe und 3D-Brillen. Letztere schalten zum Beispiel Modelle von Spielfiguren frei.

 

 

Oh lá lá

 

„Wolfenstein: Youngblood“ ist bei weitem kein hässliches Spiel. Im Gegenteil. Die Level sind sehr detailliert mit allerlei Objekten und Gegenständen ausstaffiert und lassen die Umgebung sehr lebendig wirken. Gleiches gilt für die Gegner, die abwechslungsreich gestaltet sind und viele Details an ihren Rüstungen und Uniformen haben.

Wer aufgrund des 80er Jahre Settings nun aber auf eine sehr bunte Neonoptik wie in „Rage 2“ gehofft hat, muss leider enttäuscht werden. Die Farben sind sehr realistisch und gedeckt gehalten, grell werden hier lediglich einige der Feuereffekte der Feinde.

Das Spiel lief während unseres Tests absolut flüssig und ohne Ruckler, lediglich der Sound verhaspelte sich einige Male und war von ständigen Aussetzern unterbrochen. Durch einen Neustart aus dem Hauptmenü heraus, war aber auch dieser Bug wieder weg.

Wo „Wolfenstein: Youngblood“ die 80er Jahre-Karte voll ausspielt, ist bei der Musik. Schon in der ersten Mission auf dem Luftschiff knallt einem ein deutsches Synthiepop-Lied auf die Ohren, das ihr in den folgenden Stunden nicht mehr vergessen werdet. Und von diesen Songs gibt es einige im Spiel, die man dank auffindbarer Kassetten auch gezielt aus dem Menü heraus starten kann. „Mond, Mond, ja, ja....“...großartig!

 

FAZIT: Bleibt hinter den Erwartungen zurück...

 

So viel Spaß man mit „Wolfenstein II: The New Colossus“ und der trashigen Geschichte mit einer Köpfung, rache- und zuckersüchtigen Töchtern und einer Mondbasis noch hatte, so einfallslos wirkt nun der „Youngblood“-Ableger. 

Das Koop-Feature macht für Single-Spieler zu keinem Zeitpunkt wirklich Sinn, im Gegenteil. Wenn man gerade in einer Schießerei mit einem gut gerüsteten Feind steckt, nervt es seiner angeschossenen Schwester zur Hilfe zu eilen, da diese kurz vor dem Verbluten steht. Die Feinde wirken außerdem wie die oft zitierten Kugelschwämme aus „The Division“, da diese einiges an Projektilen einstecken können. Muss das bei einem klassischen Egoshooter wirklich sein?

Während das Missionsdesign in Ordnung geht, wirkte auch das Gunplay eher enttäuschend und gab nicht so viel Rückmeldung wie in „Rage 2“ oder eben dem Vorgänger „The New Colossus“. Die Kämpfe dort wirkten wesentlich bombastischer und knalliger. Pluspunkte sammeln die Inszenierung und die dichte Atmosphäre, die durch die Musikuntermalung oder Lautsprecher-Ansagen unterstrichen werden. 

Alles in allem ist „Wolfenstein: Youngblood“ ein ganz passabler Shooter ohne große Innovation und ohne den großartigen Humor der Hauptserie. Mal sehen, ob wir Jess und Soph nochmal in Action erleben werden.