Judgment [PS4]

Verfasst von Christian Suessmeier am 20.06.2019 um 15:30

 

Neue Detektive kehren gut

 

Nachdem die Ryu ga Gotoku Studios die Saga um Ex-Mafiosi Kazuma Kiryu abgeschlossen haben und bevor man mit einem neuen „Yakuza“-Teil um die Ecke kommt, widmen sich die Damen und Herren rund um Toshihiro Nagoshi einem neuen Charakter, dem Detektiv und Ex-Anwalt Takayuki Yagami.

Dabei war es recht unklar, ob es „Judgment“ zu uns in den Westen schafft, vor allem da einer der beteiligten Schauspieler, Pierre Taki, Anfang des Jahres in einen Drogenskandal verwickelt war und das Spiel somit komplett vom japanischen Markt genommen wurde. Doch am 25.Juni 2019 ist es endlich soweit und PS4-User kommen nun auch in unseren Breitengraden in den Genuss des Action-Adventures. 

Welche Neuerungen das Spiel mit sich bringt und ob und wie sich diese von der „Yakuza“-Reihe unterscheiden, lest ihr in unserem Test.

 

Mörder, Anwälte & Mafiosi

 

Eigentlich stand Tak eine ruhmreiche Anwaltskarriere bevor, vor allem als er für einen vermeintlichen Serienkiller vor Gericht einen Freispruch erwirkte. Doch kaum wieder in Freiheit bringt dieser seine Freundin um und brennt das gemeinsame Haus nieder.

Ein Karriereknick von dem sich Tak nicht wieder erholen sollte. Also verdient er sich seine Brötchen fortan als Privatdetektiv und geht zusammen mit seinem Freund Kaito, auch einem Ex-Yakuza, allerlei Aufträgen nach.

Mal soll er einen Ehebruch beweisen, hilft in einem Fürsorgestreit oder findet verlorene Dinge wieder. Recht schnell wird er aber in einen weitaus brisanteren Fall hineingezogen als der örtliche Yakuza-Boss Homura wegen eines angeblichen Mordes festgenommen wird. Erneut wütet nämlich ein Serienmörder in Kamurocho, der seinen Opfern die Augen herausschneidet.

 

 

Ermitteln bis die Drohne glüht

 

Während man in „Yakuza“ vor allem die Fäuste hat sprechen lassen, nimmt die Ermittlungsarbeit einen Großteil des Gameplays in „Judgment“ ein. Zwar prügelt man sich auch hier hin und wieder mit den bösen Buben, dazu aber später mehr.

Als Privatdetektiv ist Tak mit allerlei Gadgets ausgerüstet. So nutzt er ganz klassisch eine Kamera oder lässt bestimmte Personen aufgrund von Social Media-Aktivitäten über das Netz suchen, außerdem habt ihr eine Drohne im Gepäck mit der ihr in höher gelegene Stockwerke blicken und Verdächtige aufspüren könnt. Auch andere Outfits sind manchmal bei den Ermittlungen hilfreich.

Manche Zielpersonen müsst ihr durch Kamurocho verfolgen und dabei unauffällig bleiben. Veranstaltet ihr zu viel Chaos, z.B. in dem ihr in Leute lauft oder Gegenstände umschmeißt, steigt die Aufmerksamkeitsleiste des Verfolgten an. Damit euch dieser nicht erblickt, könnt ihr euch hinter Schildern oder Autos verstecken, folglich sinkt auch wieder diese Leiste.

Im Beschattungsmodus schaltet das Spiel in die Egoansicht in dem ihr euch Fotos, Zielpersonen oder Tatorte genauer ansehen könnt und Beweise entdecken müsst. Habt ihr alle gefunden, können die Ermittlungen abgeschlossen werden und ihr konfrontiert den Verdächtigen mit euren Feststellungen. Auch Befragungen könnt ihr vornehmen, hier bietet  euch das Spiel häufig mehrere Dialogoptionen und belohnt euch bei der richtigen Auswahl mit Erfahrungspunkten.

 

Kranich oder Tiger?

 

Wer jetzt denkt, dass es sich bei „Judgment“ um ein schnödes Detektivspiel handelt, der irrt. Denn das Spiel bietet außerdem wieder spaßige Kämpfe mit Straßenbanden, Mafiosi und Kleinkriminellen. 

Dabei ähnelt das Kampfsystem dem von „Yakuza“ sehr stark, ist aber um einiges flotter. Mit den Buttons vollführt ihr Schläge, Tritte und Griffe oder ihr greift auf Gegenstände in der Umgebung zurück und zieht eurem Kontrahenten zum Beispiel ein komplettes Fahrrad über den Schädel. Dabei füllt sich eure EX-Leiste auf, die man entweder für EX-Angriffe per Druck auf den Dreieck-Button oder den EX-Boost per R2 nutzt. Das kann man mit den Heat-Angriffen aus „Yakuza“ vergleichen, ihr werdet also stärker und schneller.

Tak kann aus zwei unterschiedlichen Kampfstilen wählen. Während sich der Kranich-Stil besonders für Feindgruppen eignet, wählt ihr die Tiger-Art für Auseinandersetzungen mit einzelnen Gegnern. Der Stil lässt sich jederzeit durch Druck nach unten auf dem Digikreuz wählen.

Im Gegensatz zur „Yakuza“-Reihe könnt ihr eure Hauptfigur aber nicht mehr mit Waffen ausrüsten. Ihr könnt lediglich auf die Items zurückgreifen, die Gegner im Kampf fallen lassen. Stichwort Waffen: eure Feinde können euch jetzt tödliche Wunden zufügen, die nicht mehr per Drink oder Essen geheilt werden können. Hierfür müsst ihr entweder zum Arzt oder nutzt einen der teuren Verbandskästen. 

Egal ob erfolgreiche Kämpfe oder Missionen, ihr erhaltet für alles Erfahrungspunkte. Diese können dann über die Skills-App auf Taks Smartphone in neue Fähigkeiten investiert werden. Neben mehr Energie, neuen Kampfmoves oder Detektivfähigkeiten bekommt ihr somit auch mehr Zeit bei Ermittlungsarbeiten oder eine höhere Angriffskraft.

 

 

Dramen, Drohnen und Damen

 

Wie auch schon in den Hauptteilen der Reihe könnt ihr euch auch in „Judgment“ die Zeit wieder mit allerlei Schabernack vertreiben. Neben den bekannten UFO-Catchern oder Mahjong-Partien gibt es auch wieder ein Casino mit Black Jack, Poker & Co. Aber auch in die Spielhalle entführt euch der Titel hin und wieder wo ihr Klassiker wie „Space Harrier“ oder das Saturn-Spiel „Fighting Vipers“ zocken könnt. Aktueller ist da schon „Virtua Fighter 5“, ein kleines Highlight ist der Lightgunshooter „Kamuro of the Dead“.

Weiterhin gibt es nun auch eine Ingame-VR-Spielhalle, in der euch knallbunte Würfelspiele geboten werden. 

Eure Drohne ist nicht nur für die Detektivarbeit gut, sondern kann mit gefundenen Teilen immer weiter verbessert werden, so dass ihr bei den Rennen der Drohnenliga eure Gegner auf die Plätze verweisen könnt.

Neben allerlei Nebenmissionen, die ihr entweder vom Barkeeper im Tender bekommt oder an eurer Pinnwand im Büro findet, erledigt ihr hin und wieder Aufgaben für eure ehemalige Anwaltskanzlei und verdient euch so den ein oder anderen Yen dazu.

Über ganz Kamurocho verteilt findet ihr immer wieder Freundesevents, in denen ihr euch mit der jeweiligen Person anfreunden könnt. Diese helfen euch dann zum Beispiel bei Kämpfen in ihrer Nähe mit diversen Items oder schenken euch etwas, wenn ihr diese besucht. Wie auch schon in „Yakuza“ sind einige der Missionen mehr als skurril, so verfolgt ihr zum Beispiel eine fliegende Perücke durch die Stadt oder geht einem perversen Höschendieb nach. Auch Dates mit netten Damen sind wieder möglich, ausufernde Hostessen-Besuche wie in „Yakuza“ gibt es aber nicht mehr.

 

Das üben wir aber nochmal!

 

In technischer Hinsicht gefällt „Judgment“ mit einer schönen, detailreichen Optik, die vor allem dank ihrer tollen Lichteffekte richtige Rotlichtviertel-Stimmung aufkommen lässt. Auch die Charaktere, die zum Großteil auf echten Schauspielern basieren, sehen super aus und klingen auch so. Neben einer englischen Synchro gibt es natürlich auch wieder den japanischen O-Ton(der einfach immer vorzuziehen ist) und erstmals in der Geschichte der Reihe deutsche Untertitel und Bildschirmtexte.

Die Menüs sind aufgrund ihrer bunteren Optik wesentlich moderner als die von „Yakuza“ und gefallen mit ihrer guten Übersicht und klaren Strukturiertheit. Doch ähnlich wie schon „Yakuza 6“ leidet auch „Judgment“ in Bewegung ziemlich.

Während hier das nervige Tearing glücklicherweise nicht mehr zu finden ist, poppen doch recht viele Gegenstände sehr spät ins Bild, besonders das Stottern des Spiels beim Übergang vom freien Spiel zum Start eines Events wirkt nicht sehr zeitgemäß. Das schließt aber nicht die Kämpfe ein, diese finden flüssig und ohne Ladezeiten statt. Gleiches gilt für das Betreten und Verlassen von Gebäuden. Auch hier gehören die Ladepausen endlich der Vergangenheit an.

Im Gegensatz zu „Yakuza 6“ ist Kamurocho hier wieder – fast – komplett zu besuchen, auch Abschnitte unter der Erde und auf den Dächern finden sich wieder. Dafür gibt es aber keine anderen Städte o.ä. 

 

FAZIT: Neuer Schwung tut gut!

 

Nach den zahlreichen „Yakuza“-Spielen in den vergangenen zwei Jahren musste man selbst als Fan der Reihe zugeben, dass sich das Gameplay doch irgendwie etwas abgenutzt hat. „Judgment“ bringt da nun aber glücklicherweise frischen Schwung in das Ganze und kombiniert die brachialen Kämpfe mit einem spaßigen Detektiv- und Anwaltssystem. Auch die zahlreichen Nebenbeschäftigungen sorgen wieder für sehr viel Unterhaltung und unterstreichen die kreative Art der Reihe. 

Neben den kleinen technischen Problemen sorgte in unserem Test ein kleines Detail aber fast für viel Ärger und mehrere Stunden vergebene Spielzeit: denn zu einem gewissen Zeitpunkt soll man sich ein Outfit kaufen, um ein Yakuza-Lager zu infiltrieren. Da man aber zu der Zeit im Spiel noch keine Einnahmen hat und wir einiges an Geld für die vielen Arcadespiele und eine Mission ausgegeben hatten, war fast kein Yen mehr für das Outfit übrig. Auch die Feinde lassen nur noch sehr selten Geld fallen wenn man sie besiegt hat. So mussten wir einen früheren Spielstand laden und verzichteten auf unnötige Ausgaben. Aber auch so reichte das Geld nur sehr knapp. Da wäre es doch hilfreich, wenn man dieses Geld für solche zwingenden Ausgaben nicht auch noch selber zahlen müsste, oder? Schaltet man erst einmal die Nebenmissionen usw. frei, ist Geld im Spiel kein Problem. Aber gerade in den ersten Stunden muss man einige Ausgaben für den Spielefortschritt tätigen, die einem einiges an Spielzeit kosten können, wenn man dies nicht weiß.

Trotz alle dem ist „Judgment“ ein tolles Spinoff zur „Yakuza“-Reihe und frischt diese mit einigen spannenden Neuerungen auf. Auch die Verschlankung einiger Inhalte wie den Erfahrungspunkten tut dem Spiel gut. Wenn man dann auch noch die technischen Unsauberkeiten in den Griff bekommt, kann man eigentlich nur wenig über „Judgment“ meckern.