Rage 2 [PS4]

Verfasst von Christian Suessmeier am 26.05.2019 um 12:01

 

 

Shooter-Tradition

 

„Doom“, „Quake“ und „Wolfenstein“. Drei echte Schwergewichter des Shooter-Genres und vor allem in den 90er Jahren berühmt-berüchtigte Skandaltitel. Neben der Diskussion um den hohen Gewaltfaktor musste sich vor allem „Wolfenstein“ aufgrund von Nazi-Symbolik gegen allerlei Kritiker behaupten.

Heutzutage ist id Software nicht mehr ganz so skandalträchtig unterwegs und kümmert sich in den letzten Jahren eigentlich hauptsächlich um „Doom“ und dessen erfolgreiche Wiederauferstehung. Zwischenrein streute man vor acht Jahren den ambitionierten Wüsten-Shooter „Rage“, der vor allem in Sachen Technik zeigen sollte, was die hauseigene Engine so alles drauf hat. Aber auch spielerisch wollte man neue Wege gehen und verband die Baller-Elemente mit Autorennen und allerlei Nebenmissionen.

Nun erschien ganz frisch „Rage 2“ von id Software und Bethesda, welches nun mit einer Open World einen größeren Spielplatz für all den Wahnsinn bieten will. Hierfür hat man sich mit den Sandbox-Spezialisten von Avalanche(u.a. „Just Cause“) weitere Hilfe ins Haus geholt. Ob das „Rage 2“ zu einem vollkommenen Shooter macht, lest ihr in unserem Test.

 

SciFi-Trash mit Riesen und Endzeit

 

Schon im Vorfeld der Veröffentlichung machte der „Rage 2“-Director klar, dass es in dem Action-Kracher nicht um die Story geht. Und das merkt man dem Spiel deutlich an. Der Aufhänger für eure bleihaltige Reise ist schnell erklärt:

30 Jahre nach den Ereignissen aus dem Erstling kommt wieder etwas wie Zivilisation zurück auf die Welt. Während sich die Erde langsam erholt und somit auch wieder etwas Grün in Form von Sümpfen und Wäldern zurückkehrt, ist die von General Cross angeführte Obrigkeit aber im Auftrag des Chaos unterwegs.

Nachdem diese eines eurer Lager zerstört und eure Ziehmutter getötet haben, geht es also auf einen Rachefeldzug aus Neon und Staub. Walker, so der Name eures Charakters(Mann oder Frau, beides ist wählbar), ist einer der letzten Ranger, die dank Spezialanzug einige nette Fähigkeiten haben und somit der Obrigkeit mal so richtig in den Allerwertesten treten wollen. Hilfe bekommt ihr dabei von drei Verbündeten, die euch mit allerlei Hilfsmitteln beistehen.

 

 

Ballern, ballern, ballern

 

Nach einer kleinen Tutorialmission, in der ihr die Grundlagen des Spiels lernt, geht es also los und die weite Welt von „Rage 2“ öffnet sich. Glücklicherweise müsst ihr die Distanzen zwischen den einzelnen Örtlichkeiten nicht zu Fuß zurücklegen, hierfür bekommt ihr sogleich ein Fahrzeug spendiert. Dieses ist mit einem Turbo ausgerüstet und kann mit Fahrzeugteilen weiter verbessert werden. So kann das regulär verbaute MG später auch gegen zielsuchende Raketen oder andere Spielereien ausgetauscht werden.

Seid ihr außerhalb des Reapers unterwegs, ist „Rage 2“ ein klassischer Shooter. Schon von Beginn an seid ihr mit einer Pistole und einem Sturmgewehr ausgerüstet, weitere Waffen findet ihr lediglich in den Archen. Diese Kapseln sind über das ganze Land verteilt und meist von einigen Goons oder anderen bösen Kerlchen bewacht, belohnen euch aber bei Freischaltung mit entweder neuen Waffen wie einem Raketenwerfer oder einer Shotgun. Hauptsächlich gibt es durch die Archen aber neue Fähigkeiten wie einen Dash oder einen Sprung bei dem ihr durch euren Aufprall Feinde erledigen könnt. Diese aktiviert ihr mit Druck auf L1 und dem entsprechenden Button. 

Feinde hinterlassen übrigens immer Feltritzellen, die zum Leveln eures Charakters nötig sind. Dadurch könnt ihr nämlich nicht nur eure Fertigkeiten verbessern, sondern auch eure Waffen upgraden. Hier verwirrt „Rage 2“ aber mit zahlreichen anderen Untermenüs und nötigen Ressourcen.

 

Feltrit, Teile oder doch nur Kaufen?

 

Bleiben wir beim Beispiel Waffen: während ihr nämlich die Stufe eurer Waffe durch Feltrit freischalten könnt, braucht ihr dann aber wieder Ressourcen, um die jeweilige Verbesserung ausrüsten zu können.

Ähnlich verwirrend ist es mit Walkers Fertigkeiten: zwar könnt ihr mit dem Feltrit einige Fähigkeiten verbessern, den richtigen Talentbaum schaltet ihr aber erst frei, wenn ihr alle drei Verbündete nach deren erster Mission freigeschaltet habt. Hier benötigt ihr dann wieder Projektpunkte, um zum Beispiel weniger Ressourcen für das Herstellen von Items zu benötigen oder weniger Fallschaden freizuschalten. Von den Maschinenteilen, die ihr für eure Fahrzeuge und deren Verbesserungen und Upgrades braucht, ganz zu schweigen...sehr verwirrend.

Dies geht meist alles über das sehr ruckelige und langsam reagierende Log-Menü, einige Sachen sind dann aber wieder auf Händler in den vier großen Städten beschränkt. 

Doch kommen wir zurück zu den wirklich spaßigen Schießereien. Diese sind auf dem hohen id Software-Niveau wie man sie erwarten würde und werden mit einigen netten Zusatzfähigkeiten gewürzt. Durch das Erledigen von Feinden ladet ihr die Overdrive-Funktion auf, in der ihr schneller und tödlich seid als sonst und in der das Spiel in einen ultrabunten Neonlook schaltet. Zusammen mit dem schnellen und unkomplizierten Gunplay kann man sich hier wirklich in einen Rausch schießen. Neben euren Schießeisen habt ihr außerdem noch einige Gadgets wie Granaten oder den Wingstick, der eure Feinde bei gezieltem Einsatz umlegen kann.

 

Öde in der Ödnis? Von wegen!

 

Wie es sich für einen richtigen Open World-Titel gehört, ploppen auch bei „Rage 2“ während eurer Erkundungsfahrten zahlreiche Fragezeichen auf der Karte auf. Neben den bereits erwähnten Archen sind das Straßensperren, Banditenlager ober Obrigkeits-Wachtürme. Hin und wieder fällt auch ein Feltrit-Meteor vom Himmel und kann gefunden werden.

An den Straßenrändern kommt es häufiger zu Schießereien zwischen Goons und Mutanten, oft hört ihr deren Gefechte von weitem durch Explosionen und Geschrei. Hier könnt ihr eingreifen, außer ein bißchen Feltrit gibt es aber nichts zu holen.

Unterhaltsamer sind da schon die Straßenrennen, zu denen ihr hin und wieder durch andere Fahrzeuge aufgefordert werdet oder die Konvois, die ganz „Mad Max Fury Road“-like mit allerlei Gedöns die staubigen Straßen runtergedonnert kommen. Deren Zerstörung wird auch wieder mit allerlei Dollar, XPs und Feltrit belohnt.

Stichwort Fahrzeug: geht euer Gefährt mal verloren oder wird es zerstört, könnt ihr es über das Log-Menü für 10$ Ingame-Geld zurückrufen. 

Nehmt ihr Banditenlager oder andere Stützpunkte hoch, zeigt euch das Spiel immer an, was es dort zu holen gibt. Neben den regulären Ressourcen lassen sich meist Lagerkisten mit Geld oder Feltrit finden, hin und wieder gibt es auch die wertvolleren Arche-Kisten, die euch mit hilfreichen Materialien ausstatten.

 

 

Streitpunkt Technik

 

Die technische Seite von „Rage 2“ hat definitiv einige Streitpunkte. Zwar läuft das eigentliche Geschehen auf dem Bildschirm immer flüssig ab und bietet somit ein rundumrundes Gameplay, dafür wirkt die Grafik in den ruhigen Momenten alles andere als überzeugend. 

Negativ fallen hier vor allem matschige Texturen und ein später Bildschirmaufbau auf. Einige Effekte wirken zudem billig, vor allem die Charaktermodelle sind alles andere als zeitgemäß und schön. Dies mag vielleicht auch ein Stück weit am Stil des Spiels liegen, aber in Kombination mit der grausamen Synchro und vielen platten Momenten verkauft sich „Rage 2“ häufig deutlich unter Wert.

Die offene Spielwelt ist trotz Wüsten-Setting abwechslungsreich. Spätere Gebiete sind mit tollen Felsformationen und interessanten Gebäuden geschmückt. Es wird sogar mal grün und geht in die Sümpfe und den Dschungel. Auch hier fehlen aber die richtigen Highlights und manchmal ist man sich unsicher, ob man an dieser Stelle nicht schon tausendmal vorbeigefahren ist.

Doch wie gesagt, entscheidend ist auf dem Schießstand. Und hier liefert „Rage 2“ mit einem tollen Gunplay, wuchtigen Sounds und perfekter Steuerung ein grandioses Spielerlebnis. Auch die musikalische Untermalung des Geschehens rockt ordentlich, leider geht diese in den Ballereien meist total unter.

 

FAZIT: Blöd schießt gut!

 

„Rage 2“ ist mal wieder ein zweischneidiges Schwert! Während man den Damen und Herren von id Software die Shooter-Erfahrung anmerkt und sich dies vor allem in den tollen und flott inszenierten Schießereien äußert, ist das Drumherum leider eher durchschnittlich.

Gerade in Sachen Technik hätte man im Jahr 2019 etwas mehr Feinpolitur erwartet, Dinge wie das hakelnde Menü gehen einfach gar nicht mehr. Auch die vielen Ressourcen und Materialien, die man für die unterschiedlichen Fertigkeiten braucht, wirken seltsam unzusammenhängend. Es ist fast so als hätten zwei Entwicklerteams jeweils ihren Talentbaum so in das fertige Spiel einbauen wollen. 

Von der Eintönigkeit der Missionen will ich hier gar nicht anfangen. Zwar gibt es zwei Aufträge, die sich mal abseits von „Gehe zu XY und ballere“-Vorgehen unterscheiden, aber alles in allem herrscht hier König Einheitsbrei. So ist „Rage 2“ letztlich ein großer Open World-Spielplatz auf dem man allerlei Unsinn anstellen kann. Noch spaßiger wäre dieser Aspekt aber mit einer cooleren Physikengine, die vielleicht größere Zerstörungsorgien erlaubt hätte. Schon im Vorfeld war klar, dass „Rage 2“ nicht mit seiner Story überzeugen will, aber immerhin in Sachen Technik hätte man sich mehr Mühen machen können. Dennoch machen die Ballereien einfach Spaß und lassen einen mit Freude etwas Dampf ablassen.