Anthem [PS4]

Verfasst von Christian Suessmeier am 10.03.2019 um 12:34

 

Ein Unternehmen in Schwierigkeiten

 

BioWare. Ein Name, der Rollenspiel-Fans ins Schwärmen versetzt. „Knights of the Old Republic“, „Baldur’s Gate“ oder „Dragon Age“ sind dabei nur einige Hits der RPG-Spezialisten aus Kanada, die bei Fans eigentlich immer recht hoch im Kurst standen.

Doch in den vergangenen Jahren – böse Zungen behaupten seit der Übernahme 2008 durch EA – hat BioWare einiges an Qualität verloren. Die „Dragon Age“-Spiele wurden mit jedem Titel umstrittener, gleiches gilt für „Mass Effect“, welches mit dem letzten Teil aus dem Jahr 2017 die Lager spaltete.

Nun will man sich mit „Anthem“ wieder seinen guten Ruf zurückholen und setzt dabei auf das aktuell recht beliebte Genre der Loot-Shooter. Ähnlich wie Genre-Kollegen namens „Destiny“ oder „Tom Clancy’s The Division“ vermischt man die Jagd auf immer seltenere Waffen und Ausrüstungsteile mit einem gewichtigen Multiplayer-Part.

Verhilft „Anthem“ BioWare zu neuem Glanz oder ist die Mecha-Action eher was für den Schrottplatz? Wir verraten es euch in unserem Test.

 

Attack on Anthem

 

In einer futuristischen Welt müssen sich die Menschen hinter riesigen Schutzwällen verstecken, denn die sogenannte Hymne der Schöpfung bringt regelmäßig Naturkatastrophen und gefährliche Monster hervor, die die Menschheit angreifen und vernichten wollen. Doch nicht nur die Hymne setzt das Überleben eurer Rasse aufs Spiel, auch die feindlichen Dominion spielen eine erhebliche Rolle in der Geschichte von „Anthem“.

Als Freelancer tretet ihr nun mit Hilfe der Javelins, hochtechnisierter Exo-Anzüge, diesen Feinden entgegen und verteidigt so Fort Tarsis, eine der letzten Bastionen der Menschheit.

 

 

Shoot & Loot

 

Wie in der Einführung erwähnt, handelt es sich bei „Anthem“ um einen klassischen Vertreter der Loot-Shooter. Nach einer kleinen Tutorialmission, die euch mit den Grundlagen der Steuerung vertraut macht, wählt ihr euch nicht nur einen eigenen Charakter aus, sondern müsst euch auch noch für einen von vier Javelin-Typen entscheiden.

Während der Ranger der perfekte Allrounder ist, bietet der schwerfällige Colossus eine mächtige Panzerung, aber träge Steuerung. Der flinke Interceptor ist ein Experte für Nahkampfangriffe und zu guter Letzt gibt es mit Storm einen Exo-Anzug, der euch die Gewalt über einige mächtige Element-Angriffe gibt.

Wir wählen den Ranger und können daher auf zwei Schusswaffen sowie mehrere Spezialangriffe zurückgreifen. Neben einer Granate und einem Nahkampfangriff können wir noch eine Lenkrakete nutzen und entfesseln – sobald die entsprechende Leiste gefüllt ist – mit dem Ultima-Angriff einen explosiven Raketenregen auf die Feinde.

Das größte Alleinstellungsmerkmal von „Anthem“ ist aber die Flugfunktion eures Javelins. So könnt ihr durch Druck auf L3 während eines Sprungs den Antrieb starten und dann solange durch die Luft fliegen bis euer Anzug überhitzt. Fliegt ihr durch einen Wasserfall oder landet zwischendurch kurz in einem Gewässer werdet ihr automatisch wieder heruntergekühlt und könnt so länger fliegen.

Während der eigentlichen Mission, die ihr entweder alleine oder mit bis zu drei anderen Mitspielern erledigen könnt, bekommt ihr keine Übersicht über die erlangten Erfahrungspunkte. Diese werden erst nach deren Beendigung in einem Menü aufgezählt, ebenso wie Loot und gefundene Waffen. 

 

Willkommen im Fort!

 

Dreh- und Angelpunkt des Spiels ist Fort Tarsis, in dem ihr euch - im Gegensatz zum eigentlichen Spiel – aus der Egoperspektive bewegt und mit anderen Charakteren interagiert.

So findet ihr dort nicht nur die Startrampe(quasi der Social Hub des Spiels), sondern auch die sogenannte Kammer, in der eure gefundenen Rohstoffe, Waffen und Items gelagert werden und bei Bedarf zu Schrott zerlegt werden können. In einem Shop könnt ihr euch außerdem benötigte Materialien oder Waffen kaufen.

Am wichtigsten ist allerdings die Schmiede, in der ihr euren Javelin komplett individualisieren könnt. So tauscht ihr dort eure Waffen aus oder stellt sie mit Hilfe von Bauplänen her, erweitert euer Arsenal dank zusätzlicher Slots oder verändert das Aussehen eures Exo-Anzugs. Neben unterschiedlichen Stoffen und Materialien für euren Anzug, wählt ihr aus einer großen Farbpalette und neuen Körperteilen. Auch Aufkleber für euren Javelin findet ihr in diesem Sortiment.

Im Fort treffet ihr dann auf unterschiedliche Questgeber und Fraktionen. Neben den Freelancern, denen ihr angehört, trefft ihr außerdem auf die Sentinel und die Arkanisten. Durch einen positiven Gesprächsverlauf mit deren Mitgliedern – leider kann man immer nur aus zwei Dialogoptionen wählen – könnt ihr die Loyalitätsstufe zu der jeweiligen Fraktion verbessern, was sich dann zum Beispiel in dem Öffnen eines geheimen Shops äußert.

 

Freiheit für Javelins

 

Während ihr in den regulären Missionen trotz offener Spielwelt einem recht stringenten Pfad folgen müsst und wenig Zeit für Nebentätigkeiten habt, könnt ihr unter der Option „Freies Spiel“ einfach mal ohne Druck durch die Karte von „Anthem“ laufen, springen oder fliegen.

So könnt ihr euch in aller Ruhe die ideenreiche Flora und Fauna des Spiels anschauen und zu interessanten Punkten auf der Karte begeben oder einfach ein bißchen Rohstoffe sammeln. Doch auch in diesem Modus tauchen immer wieder Feinde auf, die euch das Leben schwer machen wollen. Allerdings könnt ihr so aber auch recht einfach viele der Herausforderungen erledigen, die euch dann mit Münzen oder neuen Bauplänen belohnen. Und außerdem bekommt ihr dafür ja auch eine Menge Erfahrungspunkte. Es lohnt sich also...

Innerhalb von Fort Tarsis findet ihr zahlreiche Objekte, die ihr aufnehmen könnt und so den passenden Eintrag im Cortex zum entsprechenden Item freischaltet. Hier wird deutlich wie viel Mühe BioWare in die Welt gesteckt hat, allerdings erschlagen einen die zahlreichen Informationen recht schnell und sind mit den vielen Namen und Beschreibungen zu Beginn einfach eher verwirrend als hilfreich.

 

 

Online-Murks

 

Bei „Anthem“ handelt es sich um ein Always-on-Spiel, das heißt ohne Internetverbindung geht nix. Eigentlich ist der Titel darauf ausgelegt, dass man ihn mit drei anderen Mitspielern genießt und sich mit seinem Team durch die feindlichen Horden ballert, wer aber lieber für sich ist, stellt die Mission zu Beginn einfach auf „Privat“ und schon könnt ihr ohne andere Spieler losziehen. 

Leider ist die Online-Komponente aber auch eines der größten Probleme des Spiels. Denn sobald man mit anderen Javelins aus Fleisch und Blut an den Start geht, wird „Anthem“ zu einer Ruckelorgie deluxe. Neben nervös hüpfenden Gegnern oder Mitspielern, nerven aus dem Nichts auftauchende Feinde oder plötzliche Ruckler beim Schießen.

Auch die Tonqualität der Sprachausgabe lässt dann deutlich nach und ist stark verkratzt. Abgesehen davon werden häufiger Texturen zu spät geladen, ganze Grafikelemente wie der Hintergrund oder die eigentliche Textbox tauchen viel zu spät oder zu früh auf. Für ein Spiel mit solch einem starken Fokus auf Onlinekomponente ist das leider katastrophal.

In unserer mehrstündigen Testphase kam es aber immerhin nur einmal zu einem kompletten Verbindungsabbruch, glücklicherweise speicherte das Spiel die soeben während der Mission erhaltenen Objekte und XP aber zuverlässig ab. Dank der Always-on-Komponente kann man „Anthem“ leider nie richtig pausieren. Während einer Mission müsst ihr euch also einen ruhigen Ort suchen, damit ihr nicht einfach von Gegnern platt gemacht werdet wenn ihr doch einmal kurz das Pad aus der Hand legen müsst.

Zieht ihr in einer privaten Session ohne andere Spieler los, läuft das Spiel deutlich flüssiger und ruhiger. Allerdings merkt man sofort, dass Gegneraufkommen und Missionsdesign eher an Multiplayer-Spieler gerichtet sind.

 

Exo-Anzug mit Schönheitsfehlern

 

Während also die Onlinetechnik von „Anthem“ einer kleinen Katastrophe nahe kommt, können auch Grafik und Sound nur bedingt überzeugen. Die Welt, die Figuren und Objekte sind detailreich gestaltet und vor allem die Javelin-Anzüge sind wirklich cool anzusehen, aber durch die triste Farbpalette wirkt das alles ziemlich unspektakulär. 

Die wenigen Interaktionsmöglichkeiten mit anderen Figuren oder in der Spielwelt sind sehr überschaubar und wirken angestaubt. Hier vermisst man Freiheiten, die man in früheren „BioWare“-Titeln hatte. Und warum verschwindet eine explodierte Hütte einfach komplett. Keine Trümmer, nichts...die Überreste lösen sich in Luft aus.

Wie oben schon erwähnt, kämpft das Spiel häufiger mit nachladenden Texturen in den Menüs(z.B. bei Waffen), das größte Ärgernis sind aber die Ladebildschirme. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so viel Zeit mit dem Starren auf Ladebalken verbracht habe. Rückkehr ins Fort àLadebildschirm! Betreten eines Dungeons in der Spielwelt àLadebildschirm! Auswahl der Schmiede àLadebildschirm! Verlassen der Schmiede àLadebildschirm!
So etwas darf es in modernen AAA-Spielen einfach nicht mehr geben und das macht „Anthem“ wohl zu einem der nervigsten Ladebildschirm-Simulatoren der Welt. 

In Sachen Sound kann man über die Explosionen und Schussgeräusche nicht meckern, nervig ist aber die Musik, die gefühlt in Dauerschleife läuft und immer wieder das gleiche Theme bietet...*gähn*.

 

FAZIT: Eine Hymne auf den Untergang!

 

Schon vor dem Release waren viele Spielerinnen und Spieler recht skeptisch im Bezug auf „Anthem“ und das leider zu Recht. Leider können die stark individualisierbaren Javelins nicht über das lahme Gameplay und die eklatanten, technischen Fehler hinwegtäuschen. Hinzu kommt eine Story, die man schon nach fünf Minuten wieder vergessen hat und die einen mit unzähligen dämlichen Dialogen und unsympathischen Figuren verschreckt. Was ist aus den ehemaligen Storytelling-Meistern bei BioWare geworden?

Ich könnte mir gut vorstellen, dass „Anthem“ mit drei anderen, festen Mitspielern und einer besseren Online-Stabilität sicherlich für einige Stunden Freude macht, aber was man mit der aktuellen Fassung(Stand 09.03) bietet, ist eine Frechheit. Spiele wie „Tom Clancy’s The Division“ haben schon vor drei Jahren gezeigt, wie man solche eine Spielmechanik mit einer verlässlichen Onlineanbindung macht. Und dann hat man auch Spaß an so einem Titel! BioWare muss hier noch einige Stunden nachsitzen und die Technik von „Anthem“ unbedingt in Ordnung bringen. Vielleicht kann man den Titel mit etwas Politur noch retten und vermutlich könnte dann auch eine höhere Wertung herausspringen, bis dahin gibt es...