Fallout 76 [PS4]

Verfasst von Christian Suessmeier am 19.11.2018 um 10:50

 

Nuklearer Spielspaß!

 

Spätestens mit „Fallout 3“ kam die postapokalyptische Spiele-Reihe im Mainstream an und begeistere Millionen Spieler weltweit mit seiner Atmosphäre, oft einzigartigen Entscheidungsmöglichkeiten und den daraus entstehenden Handlungsweisen.

Während das Spin-off „Fallout New Vegas“ unter Fans immer noch etwas umstritten ist, hat „Fallout 4“ die Spielerschaft wieder versöhnt und auf der aktuellen Generation für ein weiteres, sehr gutes Rollenspiel gesorgt. Doch die bisher erschienenen Titel im „Fallout“-Universum waren reine Einzelspieler-Abenteuer und so überraschte Bethesda im Vorfeld der E3 mit der Ankündigung eines Multiplayer-Spiels namens „Fallout 76“.

Die Prämisse ein vom Atomschlag zerstörtes Gebiet wieder aufzubauen, klingt dabei vielversprechend, aber schafft es Bethesda, die typischen „Fallout“-Zutaten zu einem geschmackvollen, funktionierenden Gesamtwerk zusammen zu mischen? Lest es in unserem Test.

 

Der Wiederaufbau braucht euch!

 

Die nukleare Katastrophe vorausahnend, erstellte die US-amerikanische Regierung das Konzept zum Bunker 76 in West Virginia. Dort sollten die klugsten und fähigsten Köpfe des Landes untergebracht werden und in ferner Zukunft für den Wiederaufbau des Landes sorgen.

Und dieser Tag ist nun gekommen. Nach einer großen Party verlasst ihr am Rückeroberungstag den Vault 76 und beginnt damit, das Land wieder zu bebauen und zu bevölkern. In den Ruinen der verfallen Städte sucht ihr mit anderen Überlebenden nach verwertbaren Ressourcen, kümmert euch um den Aufbau eines Lagers und tretet euch feindlich gesinnten Wesen gegenüber.

 

 

Bekannte Mechanik!

 

Auf einem Server mit maximal 24 Spielern startet ihr also in „Fallout 76“. Habt ihr bereits einen der Vorgänger gespielt, seid ihr eigentlich relativ schnell wieder drin. So rüstet ihr euch zu Beginn im Bunker mit dem Pip-Boy aus und holt euch an den verschiedenen Stationen auf dem Weg nach draußen erste Starter-Items. Auch eure erste SPECIAL-Karte könnt ihr dort auswählen, dazu später noch mehr.

Die Steuerung und Handhabung eurer Figur, die ihr übrigens in einem umfangreichen Charaktereditor selbst erstellen könnt, ähnelt fast 1:1 der aus „Fallout 4“. Dafür wurde die Spielmechanik aber mit einem umfangreichen Survival-Aspekt erweitert, so dass euer Held krank, durstig oder hungrig werden kann.    

Zunächst macht euch das Spiel aber mit dem umfangreichen Crafting-System vertraut auf das ihr an den unterschiedlichen Werkbänken bzw. Kochstellen zugreifen könnt. Dort verbessert und repariert ihr Waffen, stellt Rüstungsteile oder Munition her oder kocht euch Mahlzeiten für unterwegs. Doch schon bald ereilt euch der erste Auftrag, dass ihr euch als Freiwilliger bzw. Responder anmelden sollt. Dies geschieht rund um das kleine Örtchen Flatwoods, in dem ihr in der Regel auch auf die ersten anderen Mitspieler trefft. Mit diesen könnt ihr euch zu einem Team von bis zu vier Mitgliedern zusammenschließen oder Items austauschen. Zwar sind ab Level 5 auch PvP-Matches freigeschalten, aber bisher ist die Community in „Fallout 76“ mehr auf Zusammenhalt gepolt als auf Konfrontation. Das ist ein echter Pluspunkt! Denn Ärger hat man in der Postapokalypse schon genug.

 

Anderes Kampfsystem

 

Denn nach der nuklearen Katastrophe sind nicht nur freundlich gesinnte Wesen in West Virginia unterwegs. Neben falsch programmierten Erntehelfern, die euch angreifen, gibt es mutierte Frösche oder Hunde und letztlich auch die sogenannten Verbrannten. Diese menschen-ähnlichen Wesen sind dank ihres Waffeneinsatzes auch recht hartnäckig, fies sind aber auch Protektoren und kleine, laserschießende Roboter, die euch das Leben schwer machen.

Dank zahlreicher Waffen für Nah- und Fernkampf könnt ihr euch gegen diese Feinde aber recht gut wehren, auch wenn „Fallout 76“ eines der typischen Features der Spielreihe fast schon verzichtet. Denn konnte man in den Vorgängern per VATS-System in aller Ruhe die einzelnen Körperteile des Gegners anvisieren und ihn gezielt ausschalten, verzichtet das Spiel aufgrund der Online-Komponente darauf. Also zumindest auf die starke Zeitverlangsamung. Denn das VATS könnt ihr immer noch aktivieren und eigentlich auch noch die einzelnen Körperteile separat ansteuern, doch in einem wesentlich schnelleren Tempo und aufgrund der zahlreichen Lags und Ruckler sehr ungenau. Somit wird das recht beliebte Ziel-Feature eigentlich ziemlich unbrauchbar.

Bei euren Waffen müsst ihr darauf achten, dass diese in einem guten Zustand sind, sonst kann es zu Ladehemmungen kommen. Und diese kann man gegen die aggressiven Gegner gar nicht gebrauchen.

 

Missionsvielfalt

 

Doch glücklicherweise muss man in „Fallout 76“ nicht nur ballern. So gibt es recht unterhaltsame Missionen, in denen man mal Personen suchen muss, mal Lebensmittel unter Zeit- und Feinddruck in einer Fabrik herstellen muss. Auch für viele Dungeons hat man bei Bethesda gesorgt und auch die zahlreichen unterschiedlichen Orte und Sehenswürdigkeiten laden zum Erforschen und Looten ein. Neben einem alten Vergnügungspark müsst ihr euch zum Beispiel auch in eine Schule oder größere Städte wagen. 

Während rund um den Vault 76 noch grünes Satt dominiert, wird es weiter westlich und südlich recht karg und verlassen. Über optische Abwechslung kann man also nicht meckern, vor allem im Zusammenspiel mit den abwechslungsreichen Missionen und geheimnisvollen Geschehnissen aus dem Nichts – plötzliche Schreie in der Nacht und Erdbeben – ergibt sich eine großartige Stimmung, die typisch für „Fallout“ ist.

Da „Fallout 76“ komplett auf andere NPCs verzichtet, erfahrt ihr viele Hintergründe zur Geschichte über die überall verteilten Terminals, auf denen ihr manchmal sogar ein kleines Minispiel zocken könnt.

 

Der Camper

 

Wie oben schon erwähnt, legt „Fallout 76“ aber auch einen starken Fokus auf die Survival-Aspekte. Neben der regelmäßigen Zufuhr von Nahrung und Wasser solltet ihr außerdem wieder auf euren Verstrahlungslevel achten, den ihr aber praktischerweise mit RadAway wieder reduzieren könnt.

War der Aufbau eines Lagers in „Fallout 4“ noch recht optional, solltet ihr diesmal einen stärkeren Fokus darauf legen. So bekommt ihr ein mobiles CAMP-System, das ihr überall aufstellen könnt. Ausgenommen sind hier bereits vorhandene Strukturen wie Dörfer usw. Habt ihr euch zunächst ein Bett und eine Kochstelle eingerichtet, könnt ihr dank gefundener Ressourcen und Blaupausen nach und nach immer bessere Sachen wie Wände, Abwehrgeschütze und Leitern herstellen. Mit viel Mühe und Sammelleidenschaft könnt ihr so nach einiger Zeit ein richtig tolles Lager aufbauen, das euch außerdem als Schnellreisepunk dient.

Doch nicht nur ein ausgebautes Lager hilft euch beim Überleben in der Postapokalypse, auch eure SPECIAL-Fertigkeiten sind von großer Bedeutung. Während ihr dank Erfahrungspunkte für getötete Gegner, besuchte Plätze oder erledigte Aufgaben langsam regulär im Level aufsteigt, könnt ihr dank der SPECIAL-Karten in Kategorien wie Stärke, Intelligenz oder Charme andere Perks aktivieren. Die Karten lassen sich dabei immer wieder aufwerten oder mit anderen zu einer stärkeren Zusatzfähigkeit kombinieren.

 

 

Bewährte Engine

 

Bereits bei „Fallout 4“ fiel negativ auf, dass die Grafik-Engine ihre besten Tage eigentlich schon hinter sich hatte. Und auch bei „Fallout 76“ hat sich das nicht sonderlich verbessert. Die Charaktermodelle sind recht hübsch aber hüftsteif, auch das Bewegungsrepertoire ist recht eingeschränkt und sieht im Jahr 2018 einfach nicht mehr gut aus. Das Hüpfen wirkt so als wäre die Schwerkraft auch von dem atomaren Schlag betroffen, denn die Figur bleibt zu lange in der Luft. 

Während das Menü des Pip-Boys unverändert verschachtelt ist, ist leider die Tastenbelegung mittlerweile irgendwie recht voll und als Serien-Neuling tut man sich damit sicherlich schwer. 

Die Umgebungen sind schön und abwechslungsreich gestaltet, bauen sich häufig aber recht spät auf. In Kombination mit den tollen Soundeffekten entsteht aber trotzdem eine tolle Atmosphäre. Die deutsche Synchro geht absolut in Ordnung, die Musikuntermalung durch die unterschiedlichen Radiosender oder bei besonderen Ereignissen ist auf dem typisch hohen Serien-Niveau.   

 

Online-Chaos

 

Das klingt also alles bisher nach einem typischen „Fallout“ oder? Wie schon erwähnt, ist die friedliche Community bisher ein großer Pluspunkt, in anderen Online-Titeln wie „GTA Online“ wird man ja häufig schon im Tutorial von anderen betrogen und beklaut.

Auch Streit um Loot kann es glücklicherweise keinen geben, denn die Beute ist für jeden Spieler vorhanden und so entbrennt schon mal kein Streit um besonders wichtige Items. Sehr löblich, Bethesda!

Aber leider hat die Online-Komponente einen ganz dicken Nachteil, der das Spiel qualitativ ziemlich nach unten zieht. Könnte man langsam aufploppende Menüs oder häufig lange Wartezeiten beim Wechsel in die Karte noch verschmerzen, wird das Spiel in Sachen Kämpfen zur Glückssache und teilweise leider unspielbar. So hatten wir während unserer Testphase fast bei jeder Konfrontation das Problem, das eigentlich getroffene Schüsse keine Wirkung auf den Gegner hatten. Diese müssen teilweise sehr nahe kommen, dass die Treffer auch wirklich zählen. Dadurch verliert man nicht nur unnötig Munition sondern natürlich auch Energie und somit wird das Spiel recht schnell frustrierend. Sind die Feinde dann auch noch schnell oder klein, wird „Fallout 76“ fast unspielbar.

Auch außerhalb von Kämpfen kam es häufig zu Rucklern und Lags, auch die Kamera in der Thirdperson-Perspektive kann einen in engen Räumen zum Verzweifeln bringen. Ein anderes Mal konnten wir nach einem Ableben die Papiertüte mit unserem Loot nicht wieder aufheben. Ärgerlich!

Glücklicherweise verzichtet man immerhin auf ärgerliche Microtransactions. Zwar gibt es Atome, die man gegen Echtgeld kaufen oder aber im Spiel finden kann, mit diesen lassen sich allerdings nur kosmetische Objekte kaufen. 

 

FAZIT: Dann lieber nochmal „Fallout 4“!

 

Die Bewertung von „Fallout 76“ fällt wirklich schwer. Denn auf der einen Seite steht die grandiose Spielmechanik der Reihe inklusive motivierendem SPECIAL-System und den tollen Möglichkeiten zur Weiterentwicklung des Charakters. Auch die Stimmung des postapokalyptischen West Virginias und die Ruinen der einstigen Städte und Gebäude sind hervorragend inszeniert und laden zum Erforschen der Hintergrundgeschichte ein.

Das große Minus ist aber die technische Seite. Könnte man über die mittlerweile fast antike Grafik-Engine des Titels noch hinwegsehen, kann man dies bei den Mängeln, die durch die Online-Anbindung entstehen, nicht. Zu frustrierend werden die Kämpfe wenn Treffer nicht gezählt werden oder man den Gegner aufgrund der Lags und teleportierender Bewegungen nicht ordentlich treffen kann. Und da man eigentlich ständig irgendwo auf Gegner trifft und diesen nicht aus dem Weg gehen können, da diese einen aus großer Entfernung sehen und aggressiv verfolgen, wird aus Spielspaß ganz schnell Frust. 

Warum so etwas im Jahr 2018  auf einer PS4 mit einer eigentlich guten Online-Anbindung passieren kann, ist fraglich. Bethesda muss hier an seiner Netzwerkumgebung etwas ändern, andererseits muss man „Fallout 76“ fast schon als unspielbar titulieren. Könnte also gut sein, dass man das Online-Rollenspiel in ein paar Wochen oder Monaten besser bewerten könnte, bis dahin spielt man lieber „Fallout 4“ nochmal und erfreut sich an funktionierenden Spielinhalten.