Red Dead Redemption 2 [PS4]

Verfasst von Christian Suessmeier am 08.11.2018 um 13:03

 

Howdy, Partner

 

Rockstar Games stehen seit vielen Jahren für ambitionierte Open World-Projekte, die meist bei ihrem Release neue Genre-Standards setzen. Hat man anfangs noch einige Mängel wie sehr rudimentäres Gameplay – man denke nur an frühere Schießereien in den ersten 3D-„GTAs“ – geschickt mit der großartigen Inszenierung kaschiert, behob man dies spätestens mit „Red Dead Redemption“ erfolgreich. Der große Paukenschlag kam dann im Jahr 2013 mit „Grand Theft Auto V“, welches einen riesigen Spielplatz bot und dank dem umfangreichen Online-Modus auch fünf Jahre nach Release bei Rockstar Games für klingelnde Kassen und bei den Spielerinnen und Spielern für spaßigen Zeitvertrieb sorgt.

Ganze acht Jahre sind seit der Veröffentlichung von „Red Dead Redemption“ vergangen, das damals als Nachfolger von Capcoms „Red Dead Revolver“ galt, dessen Spielmechaniken aber komplett über den Haufen geworfen und sich uns als ein einzigartiges Wildwest-Abenteuer präsentiert hat. Aufgrund des immensen Erfolgs von „GTA V“ erwarten sich die Zockerinnen und Zocker weltweit von „Red Dead Redemption 2“ natürlich nichts anderes als die neue Bestmarke in Sachen Open World. Ob dies gelingt, erfahrt ihr im folgenden Test.

 

Ihr und eure Bande

 

Als das 20.Jahrhundert vor der Tür steht, sieht sich auch Nordamerika mit einigen Änderungen konfrontiert. Denn aus dem einstigen Wilden Westen werden nach und nach organisierte Staaten. Natürlich hat dies nicht nur Auswirkungen auf die normale Bevölkerung, auch die vielen Gangsterbanden, die sich ihren Lebensunterhalt sonst mit Raubzügen und Überfällen verdient haben, müssen sich mit dem neuen Way of Life organisieren.

So auch die Bande von Dutch von der Linde, der auch der Hauptdarsteller aus „Red Dead Redemption“, John Marston, angehört, aber eben auch der neue Star der Reihe, Arthur Morgan. Auf der Flucht vor anderen Kontrahenten, aber natürlich auch der Staatsmacht, flieht der Trupp gen Westen und will sich dort ein neues, ehrliches Leben aufbauen. 

 

 

Vom Lager in die Welt

 

Nach einem zweistündigen Prolog, der euch mit den Grundmechanismen des Spiels wie dem Reiten, dem Schießen und diversen Interaktionsmöglichkeiten vertraut macht, öffnet sich die Spielwelt erstmals und präsentiert sich euch in ihrer ganzen Pracht.

Ausgangspunkt ist dabei das Lager der Bande, in der ihr euch nicht nur mit euren Kameraden und Mitstreitern unterhalten könnt, sondern auch diverse Minispiele starten und euch um den Look von Arthur kümmern könnt.

Ein weiterer wichtiger Punkt sind die Vorräte des Camps, die ihr durch Jagen oder eifriges Sammeln von Bohnen, Dosenobst oder Dosenfisch aufstocken könnt. Habt ihr in Missionen oder auf euren Streifzügen Geld verdient, könnt ihr dies in eine Gemeinschaftskasse geben. Durch diese finanziert ihr Verbesserungen für das Lager, so dass sich dieses nach einiger Zeit recht gut selbst versorgen kann. Auch Vorräte könnt ihr dann mit einem einfachen Einkauf aufstocken, so dass ihr nicht mehr jagen gehen müsst.

In seiner Grundsteuerung unterscheidet sich „Red Dead Redemption 2“ kaum von Genre-Kollegen. So bewegt ihr Arthur ganz klassisch durch die Prärie und wählt über die Schultertasten ein Ringmenü aus von dem aus ihr auf eure Waffen und andere Items zugreifen könnt. Besonders hervorzuheben ist der Gebrauch der L2-Taste, die für viele Interaktivitäten genutzt wird. In der Nähe eines NPCs könnt ihr damit nämlich ein Menü öffnen, in dem ihr euch für einen netten Gruß oder eine Bedrohung entscheiden könnt. Auch hitzige Situationen könnt ihr somit etwas entschärfen. 

 

Mein Freund, das Pferd

 

Um von A nach B zu kommen, könnt ihr zwar auch auf Postkutschen oder die Eisenbahn – Stationen müssen allerdings erst freigeschaltet bzw. entdeckt werden – zurückgreifen, aber am praktischsten ist natürlich das eigene Pferd. Mit diesem geht ihr im Lauf der zahlreichen Spielstunden eine spezielle Verbindung ein, durch regelmäßiges Füttern, Striegeln und Sorgen verbessert sich nach und nach die Beziehung und somit die Vertrauensstufe des Pferdes. Dadurch wird es nicht nur schneller und kräftiger, sondern reagiert auch wesentlich cooler bei Konfrontationen mit wilden Tieren.

Euer Pferd bzw. dessen Sattel dient euch auch als zusätzlicher Lagerplatz, denn auf dem Sattel finden Gewehre oder Pfeil und Bogen Platz.  Habt ihr ein wildes Tier erlegt könnt ihr auch dessen Fell auf dem Rücken des Tieres verstauen.

Sowohl euer Pferd als auch Arthur selber haben zwei Energieanzeigen, die euch Ausdauer- und  Gesundheitszustand verraten. Diese unterteilen sich noch einmal in einen äußeren Ring und den Kern. Während sich der Kern nur durch Essen, Trinken oder Ausruhen wieder auffüllt, regeneriert sich der Wert der äußeren Anzeige langsam wieder von selbst. Doch nicht nur Feinde oder wilde Tiere haben Einfluss auf den Gesundheitszustand, auch Kälte, Hitze oder Dreck können diesen negativ verändern. Solltet ihr also in den kalten Norden reiten wollen, denkt an die dickere Kleidung und genügend Nahrung.

 

Ein Cowboy-Leben

 

Neben den zahlreichen Hauptmissionen, die sich angenehm abwechselnd gestalten und euch neben zahlreichen Schießereien auch Überfälle auf Züge oder das Befreien eines Freundes aus dem Gefängnis erleben lassen, passiert aber auch abseits der eigentlichen Story einiges in der weitläufigen Welt von „Red Dead Redemption 2“.

So treffen wir unterwegs auf einen Mann, der von einer Schlange gebissen wurde und dem wir anschließend das Gift aus der Wunde saugen. Ein paar Tage später laufen wir uns in der Stadt über den Weg und er schenkt uns einen Gratis-Einkauf beim Waffenhändler. Dann wiederum locken uns ein paar Gauner in den Hinterhalt und bekommen statt unserem Geld aber nur eine Ladung bleihaltiges. 

Während wir uns über eine Hütte wundern, in der ein seltsames Ritual mit mehreren Toten stattgefunden hat, machen wir außerdem die Bekanntschaft einer seltsamen Sekte oder treffen auf eine Archäologin, der wir bei der Suche nach Dinosaurierknochen helfen. Ihr seht, die Welt von „Red Dead Redemption 2“ bietet zahlreiche Beschäftigungen, Dinge wie Pokern oder sonstige Glücksspiele haben wir noch gar nicht erwähnt. 

In den Städten könnt ihr euch in Läden mit Nahrungsmitteln versorgen oder ihr kleidet euch gleich neu ein. Seid ihr mit eurem Ross unzufrieden, könnt ihr dies beim Schmied in Zahlung geben und ein neues aussuchen. Neben dem Sattel können zahlreiche andere Details verändert und dazu gekauft werden. Beim Waffenhändler lasst ihr hingegen eure Schießeisen verzieren oder verbessert deren Attribute. „Red Dead Redemption 2“ scheint also der perfekte Cowboy-Simulator zu sein.

 

 

Eine Augenweide!

 

Bereits mit „Grand Theft Auto V“ schuf Rockstar Games ein optisch beeindruckendes Spiel und auch die Wildwest-Saga um Arthur Morgan braucht sich nicht hinter diesem Spiel zu verstecken. Die Welt bietet abwechslungsreiche Szenerien wie Wüsten, Wälder und verschneite Gebirge. Vor allem durch die tolle Lichtstimmung erzeugt „Red Dead Redemption 2“ immer wieder Bilder, die man sich so gerne auch an die heimische Wohnzimmerwand hängen würde. 

Dank zahlreicher Flora und Fauna wirkt die Welt sehr lebendig, immer wieder trifft man unterwegs außerdem auf andere Reiter oder Kutschen. Häufig entdeckt man ganz unverhofft tolle Spielereien wie eine Hütte, in der auch Frodo aus „Der Herr der Ringe“ leben könnte oder findet sich plötzlich in einem Indianer-Reservat wieder. 

Doch diese riesige Spielwelt hat auch ein paar Nachteile: so kann man nur die wenigsten Gebäude auch betreten, vor allem in Großstädten wirkt dies recht altbacken wenn man den Vergleich mit Titel wie „Assassin’s Creed“ zieht. Ebenso geht die Framerate in größeren Siedlungen gerne mal in die Knie, aber fängt sich häufig schnell wieder. 

Was auch nicht gerade wie 2018 wirkt, ist die sehr träge Steuerung und manche unglaublich stark ausbremsenden Spielmechaniken wie das langwierige Looten der Gegner oder Häuten größerer Tiere.

Fantastisch ist hingegen mal wieder die Musik, die sich meist dezent im Hintergrund hält, aber wirklich schöne Melodien bietet und die Atmosphäre im Wilden Westen gut unterstreicht. 

 

FAZIT: Kein Meisterwerk, aber mitreißend!

 

„Red Dead Redemption 2“ ist sicherlich ein richtig gutes Open World-Spiel, das es schafft, seinen Spieler komplett in die Welt einzusaugen und die Zeit vergessen lässt. Aber es ist sicherlich nicht der Messias, der das Genre revolutioniert. Dazu fehlen ihm die unendlichen Möglichkeiten eines „GTA V“ und dazu ärgern den Spieler die vielen Survival-Elemente viel zu sehr. Das Wildwest-Abenteuer will einfach eine Spur zu realistisch sein und nervt mit so unnötigen Tätigkeiten wie dem Striegeln des Pferdes. Denn wenn es dreckig ist, beeinflusst dies den Gesundheitskern des tierischen Begleiters. Auch Arthur selber kann untergewichtig werden, wenn ihr zu wenig esst. Da sind Features wie das wachsende Kopf- und Barthaar noch wirklich harmlos und eher ein nettes Gimmick.

Und warum verlier ich eigentlich ständig meinen Hut und muss ihn dann wieder umständlich über den Händler oder mein Lager zurückbekommen? Das sind auf der einen Seite nette Details, die eben den Realismusanspruch unterstreichen, aber es nervt halt auch irgendwie. Und so bremst sich das Spiel selber aus und verhindert vor allem in den ersten Kapiteln ein wirklich flüssiges Spielerlebnis. Der Rest passt ja. Die Story ist Rockstar Games-typisch super inszeniert, die technische Seite toll, aber es ist eine Spur zu realistisch. „Red Dead Online“ konnten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht testen, hier reichen wir euch die Infos nach dem Start im November nach.