Fist of the North Star Lost Paradise [PS4]

Verfasst von Christian Suessmeier am 10.10.2018 um 14:36

 

Wüste der platzenden Schädel

 

„Fist of the North Star“ wurde Anfang der 1990er im Westen vor allem durch den Anime-Film bekannt, der damals meist nur in einer geschnittenen Version zu sehen war. In dem Endzeit-Actioner prügelten sich muskelbepackte Kerle die Gedärme aus dem Leib und Star des Ganzen war Kenshiro, der auf der Suche nach Yuria durch allerlei Blut und Körperteile watete. 

Den meisten von uns war damals jedoch nicht bewusst, dass die Splatterorgie auf einer erfolgreichen Manga-Serie aus der Feder von Buronson und Testuo Hara basiert und sowohl eine umfangreiche TV-Serie als auch später einige OVA-Filme nach sich zog. Auch ein Realfilm aus dem Westen existiert zu „Fist of the North Star“, diesen sollte man allerdings unter der Kategorie C-Film-Quatsch ablegen und schnell vergessen.

Alles in allem handelt es sich bei „Fist oft he North Star“ und die Saga um Kenshiro auf keinen Fall nur um ein stupides Gewalt-Werk, sondern eine ausschweifende Saga um Verrat, einer zerstörten Erde und Martial Arts-Künsten.

Nachdem man bei Omega Force bereits das Potential zu einem Videospiel erkannte und zwei Spiele nach dem umstrittenen „Dynasty Warriors“-Konzept auf den Markt brachte, haben sich nun die Damen und Herren der „Yakuza“-Entwickler um eine neue Portierung gekümmert. Wie sehr sich „Fist of the North Star Lost Paradise“ von den Mafia-Abenteuern abheben kann, verraten wir euch in unserem Test. 

 

Ken & Yuria

 

Die Prämisse der Handlung des Spiels entspricht ungefähr der des Anime-Films von 1986 und so macht sich unser Held Kenshiro, ein Meister der Kampfkunst Hokuto Shinken, auf die Suche nach seiner Verlobten Yuria.

Nachdem er von seinen Brüdern hintergangen wurde, da er als Jüngster zum Meister des Hokuto Shinken ernannt werden sollte, muss er sich nun durch das Ödland der Erde schlagen, die durch einen Nuklearkrieg ihre einstige Schönheit komplett verloren hat. In einer alten Stadtruine erfährt er, dass er vielleicht in Eden fündig wird und Yuria antreffen könnte. Doch die Wärter der Stadt machen ihm den Eintritt alles andere als leicht...

 

 

You are already dead!

 

Wie in der Einleitung bereits erwähnt, basiert „Fist of the North Star Lost Paradise“ technisch und spielerisch auf der „Yakuza“-Reihe von Sega und dies merkt man auch von Beginn an.

Zwar öffnet sich die ganze Spielwelt erst in Kapitel 5 bzw. 6 und in den ersten Stunden seid ihr wesentlich häufiger mit Kämpfen als mit Reden beschäftigt, allerdings versprüht der Titel dank seiner zahlreichen Nebenbeschäftigungen und dem besonderen Humor definitiv „Yakuza“- Stimmung.

So präsentiert sich das Spiel als Sandbox-Abenteuer, das euch nicht nur in der Stadt Eden umherziehen, sondern später im Spiel auch das Ödland rund um die Metropole bereisen lässt. Natürlich stellen sich euch dabei allerlei böse Buben in den Weg, die anscheinend gerne vermöbelt werden.

Die Prügeleien und Kämpfe gestalten sich dabei aber – vor allem zu Beginn - etwas langsamer und behäbiger als von „Yakuza“ gewohnt, denn Kenshiro hat nicht nur normale Schlag- und Trittattacken im Repertoire, sondern greift auch gerne auf die Spezialangriffe seiner Kampfkunst zurück. Habt ihr den Gegner nämlich genug geschwächt, könnt ihr die Feinde in einen Schockzustand bringen und mit einem Druck auf den Kreis-Button einen blutigen und speziell in Szene gesetzten Angriff auslösen. Während dieser Sequenz sollt ihr aber nicht nur Zuschauen, dank QTEs müssen im rechten Augenblick die passenden Buttons gedrückt werden, damit die Attacke ihre volle Wirkung zeigt. Gerade kleinere Gegner zerlegt ihr aber meist mit einem dieser Angriffe sofort. Dadurch werden die Kämpfe etwas länger als in „Yakuza“, mit dem Aufleveln eurer Attribute verringert sich die Dauer der Kämpfe nach einiger Zeit aber deutlich. Die Ausführung der Spezialangriffe füllt außerdem eure Heat-Leiste, die ihr durch Druck auf R2 aktivieren könnt und somit noch einmal stärker seid als die Konkurrenz. 

 

Orbs und Schicksalspunkte

 

In „Fist of the North Star Lost Paradise“ könnt ihr Kenshiro dank erhaltener Schicksalspunkte und Orbs nach und nach verbessern. Egal ob dies Fähigkeiten im Kampf, eine erweiterte Energieleiste oder mehr Angriffsvarianten sind, die Aufwertungen der Fertigkeiten sind zwingend nötig für den Verlauf des Spiels.

Aber auch Geld, hier IDL genannt, braucht ihr, um euch Items wie Trockenfleisch(für die Energiezufuhr) oder spezielle Hemden(für bessere Kampfwerte) zu kaufen. Dieses erhaltet ihr nicht nur für das Erledigen von Quests, sondern könnt auch speziellen Jobs nachgehen. So helft ihr als Kopfgeldjäger besonders schlimme Finger zu fassen oder mixt hinter der Bar Drinks für die Gäste. 

Auch die obligatorischen Spiele-Klassiker sind wieder enthalten, so dreht ihr ein paar Runden bei „Out Run“ oder prügelt euch in der Master System-Umsetzung von „Fist of the North Star“. 

Außerhalb der Stadt sind gelegentlich auch einige Missionen zu erfüllen, doch dafür müsst ihr in einen Buggy umsteigen. Dieser kann mit neuen Teilen verbessert werden, so dass er robuster gegen feindliche Hinterhalte ist oder weniger Benzin verbraucht. Ist euer Tank einmal leer, heißt es Game Over. Doch glücklicherweise findet man im Ödland sehr viele Tankstellen. Dieses sind meist Privatpersonen, verkaufen euch aber gerne Benzin oder lassen euch euren Spielstand speichern.

Während ihr euch also dank erhaltener Erfahrungspunkte stets verbessert oder euch die Zeit mit anderen Beschäftigungen als Kämpfen vertreibt, haben sich die „Yakuza“-Macher noch ein kleines Extra für die Anime-Versoftung einfallen lassen. So könnt ihr Kenshiro mit einem Set von vier Talismanen ausstatten, die euch für einen bestimmten Zeitraum mehr XP bescheren, eure Angriffe verstärken oder euch auf andere Art und Weise helfen. Die „Rezepte“ dazu erhaltet ihr im Verlauf der Geschichte von vielen NPCs, mit deren Hilfe ihr die Glücksbringer dann in einem speziellen Geschäft herstellen könnt.

 

 

Anime-Optik mit Tristesse

 

Die „Yakuza“-Spiele sind – Teil 6 und die beiden Kiwami-Neuauflagen ausgenommen – technisch nicht gerade für ihren hohen Standard bekannt und auch „Fist of the North Star Lost Paradise“ tritt in ähnliche Fußstapfen. So sind die Charaktere zwar einwandfrei gestaltet und kommen ihren Vorlagen aus Anime und Manga dank Celshading-Optik recht nahe, doch gerade im Ödland sind einige wirklich hässliche Polygone und Texturen zu sehen. Und auch wenn die Stadt etwas besser ausmodelliert ist, wirken manche Szenerien schon sehr wie Titel von PS3 & Co. 

Aber dafür stimmt einfach die Inszenierung. Die tollen Zwischensequenzen sind zwar nicht immer voll synchronisiert, aber wenn dann ist das alles schon recht beeindruckend und gut gemacht. Neben der englischen Sprachausgabe gibt es übrigens auch japanischen Ton, der hier natürlich vorzuziehen ist. Die Musik tendiert zwischen belanglosem Gedudel und tollen Rock- und Metalhymnen, die die Action perfekt untermalen. 

Leider gibt es hier – im Gegensatz zu den neuen „Yakuza“-Spielen – immer noch Ladezeiten beim Betreten von Läden, zum Glück allerdings keine bei Kämpfen auf offener Straße. Generell solltet ihr aber kein Problem mit dem Anime-Stil der 1980er haben, denn hier haben Charaktere wilde und bunte Frisuren und die Männer strotzen nur so vor Muskeln. In Kombination mit dem kleinen Kopf wirken die Muskelberge schon etwas seltsam, aber passen hervorragend zur Stimmung des Endzeit-Spiels.

 

FAZIT: ATATATATATATATATATA!

 

„Fist of the North Star Lost Paradise“ ist technisch sicherlich kein Meisterwerk, doch das waren auch schon die „Yakuza“-Spiele des Entwicklers nicht immer. Dafür schafft es das Spiel aber seine Vorlage perfekt umzusetzen und den Spieler mit zahlreichen Nebenbeschäftigungen und Herausforderungen bei der Stange zu halten.

Egal ob dies Casino-Spiele wie Black Jack oder Death Batting, die Baseballvariante mit Motorradgangs, sind, wieder einmal beweist man seine ganz eigene Art von Humor und baut diesen perfekt in das Endzeit-Szenario ein. Ähnlichkeiten mit „Mad Max“ sind definitiv vorhanden, vor allem wenn der Bösewicht auf seinem getunten LKW angefahren kommt oder man sich die Outfits von Kenshiro & Co. ansieht.

Wie auch schon der Film strotzt das Spiel nur so vor Gewalt, Zartbesaitete können im Optionsmenü das Gore-Level aber etwas zurückschalten. Jedoch ist der hier gezeigte Comic-Splatter so überzeichnet, dass diesen keiner ernst nehmen sollte und vermutlich auch kann. 

Auch wenn das Spiel technisch nicht auf dem aktuellen Level ist und man sich bei einigen Gameplay-Inhalten wie den vielen QTEs oder dem starren Speichersystem verwundert an den Kopf fassen muss, ist „Fist of the North Star Lost Paradise“ ein tolles Spiel geworden. Durch die kleinere Welt entsteht eine sehr dichte, flotte und stimmige Inszenierung und somit eine perfekte Umsetzung der Anime- bzw. Manga-Vorlage.