Assassin's Creed Odyssey [PS4]

Verfasst von Christian Suessmeier am 09.10.2018 um 11:55

 

Ein Auf und Ab

 

Die „Assassin’s Creed“-Reihe wurde über die Jahre zum Synonym für das typische Open World-Rezept. Eine große Spielwelt, die die Spielerinnen und Spieler mit zahlreichen Symbolen und Nebenquests auf der Karte fast schon erschlägt und die gebietsweise Erkundung – im Optimalfall per Eroberung von Türmen oder Aussichtspunkten – etablierten sich so in den vergangenen Jahren in sämtlichen Genre-Kollegen.

Dass sich dieses Spielkonzept irgendwann einmal abnutzt, musste Ubisoft spätestens mit „Assassin’s Creed Syndicate“ erkennen und schickte die Reihe erst einmal in eine kreative Auszeit. Diese nutzte man für eine grundlegende Überarbeitung des Spielkonzepts und schuf so das viel gelobte „Assassin’s Creed Origins“, welches uns im letzten Jahr mit Bayek durch das alte Ägypten meucheln, klettern und schleichen ließ. In der Hoffnung, dass Ubisoft aus vergangenen Fehlern gelernt hat, ging man nun also von einem zweijährigen Erscheinungsrhythmus aus, doch keine zwölf Monate später erscheint nun mit „Assassin’s Creed Odyssey“ schon wieder ein neuer Teil der Reihe.

Ob dieser überzeugen kann oder es sich schon wieder am gleichen Prinzip wie der Vorgänger bedient, klären wir in unserem Test.

 

Spartaner sollt ihr sein!

 

„Assassin’s Creed Odyssey“ beginnt mit einer der wohl bekanntesten Schlachten der Geschichte, nämlich dem Kampf der Spartaner gegen die Perser. In der Rolle von Nikolaos werdet ihr zunächst einmal in die Grundsteuerung des Spiels eingewiesen und mit den neuen Fähigkeiten vertraut gemacht, die man per Druck auf L1 bzw. L2 in Kombination mit einem der vier Aktionsbuttons auslösen kann. Neben einem kraftvollen Spartaner-Tritt könnt ihr so auch eure Gegner überrennen oder mächtige Angriffe starten.

Der in dieser Schlacht verwendete Speer ist dann auch Gegenstand der Ermittlungen in der Gegenwart, in der ihr euch auf ein Wiedersehen mit Forschern Layla Hassan freuen könnt. Diese reist per Animus wieder in die Zeit des Antiken Griechenland und will das Geheimnis des Speers genauer ergründen. Doch die Spuren daran weisen auf zwei mögliche Akteure des Abenteuers hin, was euch zu der Charakterwahl kommen lässt. Entweder entscheidet ihr euch für die taffe Kassandra oder Alexios, die Auswirkungen auf die Geschichte bleiben dabei aber minimal.

Wir entschieden uns in unserem Test für Kassandra und starteten von deren Heimat Kefalonia in ein Abenteuer voller ungewisser Ereignisse und vielen Konfrontationen mit der Vergangenheit.

 

 

Bekannter Kampf

 

Wer im vergangenen Jahr „Assassin’s Creed Origins“ gespielt hat, weiß was einen erwartet. So bleibt die Steuerung dem Vorgänger recht ähnlich, d.h. Angriffe laufen über die beiden Tasten R1 und R2, während ihr mit der Quadrat-Taste ausweichen könnt. In diesem Jahr gibt es keine Schilde, deshalb müsst ihr vom Ausweichen bzw. dem Parieren mit gedrückten L1- und R1-Tasten gegnerischen Angriffen entgegenwirken. Macht ihr das im richtigen Moment habt ihr dank Slowmotion-Einlage genug Zeit, euren Gegner mit einem Gegenangriff zu attackieren. 

Neu sind die oben erwähnten Spezialattacken, die eure Ausdauerleiste verbrauchen, aber in den Auseinandersetzungen recht hilfreich sind. Egal ob klassischer Spartaner-Tritt oder Spezialschuss mit Pfeil und Bogen, diese zusätzlichen Angriffe im Repertoire sind gute Erweiterungen des Kampfsystems. Jedoch muss man sich die Tastenbelegung der acht verschiedenen Zusatz-Fähigkeiten gut einprägen, im Eifer des Gefechts kann man schon mal die Tasten verwechseln. 

Erweitert werden diese Sonderfähigkeiten per klassischem Stufenaufstieg. Wie auch im vergangenen Jahr erhält eure Figur für das Entdecken neuer Orte, das Erledigen von Aufträgen oder dem Besiegen von Feinden Erfahrungspunkte, die ihr in den Ausbau der drei Kategorien Jäger, Krieger und Attentäter stecken könnt. Aber auch durch das Anlegen verschiedener Rüstungsteile und Waffen verbessert ihr eure Spielfigur nach und nach und macht sie so zu einem echten Alleskönner. 

Dank eurem Adler Ikaros erkundet ihr die Umgebung wieder aus der Luft und könnt so interessante Orte oder Feinde markieren. Auch der Detektivmodus ist ab einem gewissen Zeitpunkt im Spiel wieder verfügbar und macht Items und Gegner hinter Wänden sichtbar.

Waren die ersten Teile von „Assassin’s Creed“ noch echte Herausforderungen wenn es um das Erklettern von Gebäuden ging, wurde dieses Element in den letzten Spielen immer mehr verwässert. Auch in dem neuesten Ableger ist das Klettern keine große Herausforderung mehr, wollt ihr irgendwo hoch reicht ein Druck des X-Knopfes, zum Herunterklettern braucht ihr den O-Button. Gerade im Vergleich zu einem jüngst erschienenen „Shadow of the Tomb Raider“ wirken die Kletterpassagen hier nicht gerade griffig und spannend.

 

Reisegespräche

 

Die Karte von „Assassin’s Creed Odyssey“ ist riesig und besteht nicht nur aus der griechischen Hauptinsel, sondern beherbergt auch zahlreiche kleine Eilands wie Lesbos, Kos oder Mykonos. Dorthin reist ihr am besten mit eurem Schiff, das ihr wieder in allerlei Kategorien verbessern könnt, um so den feindlichen Angriffen auf offener See besser entgegentreten zu können. Neben Salven an Pfeilen könnt ihr die gegnerischen Boote auch mit Speeren oder Rammen attackieren und geht im entscheidenden Moment des Gegenangriffs in Deckung.

Um euer Schiff noch stärker zu machen, könnt ihr verschiedene Söldner und Piraten anheuern, die verschiedene Spezialfertigkeiten mit sich bringen und eure Crew gut ergänzen können. Zu Land hilft euch ein Schiff bekanntlich nur wenig weiter, also könnt ihr hier auf euer treues Pferd Phobos vertrauen, das euch auf Wunsch auch wieder mit einer Auto-Funktion an das Ziel bringt.

Während ihr Haupt- und Nebenquests erledigt, tretet ihr natürlich immer wieder mit NPCs in Kontakt, die euch auf Wunsch sehr viel Auskunft geben. Golden hinterlegte Optionen bringen Gespräche dann immer recht schnell auf den Punkt, für Nutzer des Erforschungsmodus’(Zielpersonen und Quests müssen aktiv gesucht werden) geben die NPCs aber sehr viel genaue Auskünfte und Tipps. Oft helfen euch Symbole bei der passenden Antwort, mit manchen NPCs kann man sogar flirten und eine romantische Beziehung führen. 

 

KRIEG!!!

 

„Assassin’s Creed Odyssey“ spielt in einer Zeit, in der Griechenland vom Krieg zerrüttet ist. Dies spiegelt sich nicht nur in der Geschichte wieder, sondern wird auch auf der Karte deutlich. Denn dort sind zu Beginn die verschiedenen Regionen unter der Herrschaft unterschiedlicher Armeen, was Ubisoft gleich zu einem neuen Spiel-Element macht. So müsst ihr in dem jeweiligen Staat die vorherrschende Armee schwächen, indem ihr Soldaten tötet, Kriegsvorräte verbrennt oder deren Besitz plündert. Habt ihr die Armee genug geschwächt, geht es in eine Entscheidungsschlacht, die sehr an Ubisofts „For Honor“ erinnert. In diesem Kampf müsst ihr nicht nur mit dem normalen Fußsoldaten-Volk kämpfen, sondern euch auch einer gewissen Zahl an Kommandanten stellen. Ist der Kampf gewonnen, gehört die Region der spartanischen Armee und dies wird auch dank gehisster Flaggen deutlich gemacht. 

Ein weiteres neues Element ist das Söldner-System, welches Open World-Fans aus den „Mittelerde“-Spielen bekannt sein könnte. Denn habt ihr euch mit genügend Leuten angelegt, werden Söldner auf euch aufmerksam, die euch gegen ein kleines Taschengeld in den Hades schicken wollen. Trefft ihr auf einen dieser, meist recht starken, Söldner, solltet ihr euch dem Kampf stellen, denn als Belohnung winken viele mächtige und seltene Items.

Die gekauften oder erbeuteten Waffen und Rüstungsteile sind wieder in verschiedene Seltenheitsstufen unterteilt und können beim Schmied eures Vertrauens aufgebessert oder mit Gravuren verziert werden. Die Gravuren statten die Items dann mit zusätzlichen Fähigkeiten aus und sorgen so zum Beispiel für stärkere Angriffe oder mehr Gesundheitspunkte.

 

 

Wunderschönes Griechenland

 

Erinnert ihr euch an die saftig-grüne Landschaft im Nordwesten Ägyptens in „Assassin’s Creed Origins“? Dieser Teil spiegelt recht gut wieder, was euch im neuesten Teil der Assassinen-Serie erwartet. Nämlich eine wunderschöne und lebendige Welt, die euch das ein oder andere Mal verzaubern wird. Gerade ruhigere Momente, die dann gerne von der tollen Musik untermalt werden, sind dann fast schon magisch und lassen einen kurz vergessen, dass der Titel spielerisch so viel Innovation vermissen lässt.

Egal ob Wald, Gebirge oder Stadt, Ubisoft versteht es mittlerweile ausgezeichnet eine authentische Welt abzubilden. So begegnet ihr in den Wäldern häufiger Ziegen oder Wölfen, deren Fell ihr gut zum Craften nutzen könnt, oder entdeckt versteckte Höhlensysteme.

Wie schon erwähnt, ist die musikalische Untermalung mal wieder grandios, die englischen Sprecher, die allesamt mit einem Dialekt sprechen, machen ihren Job auch richtig gut. Die Mischung aus Englisch und griechischen Begriffen und die oft etwas derberen Späße lassen eine ganz besondere Atmosphäre aufkommen, die man so bisher noch in keinem Teil der „Assassin’s Creed“-Reihe erleben konnte. Ein deutsches Sprachpaket ist zum Download verfügbar.

Serien-typisch sind ledier auch zahlreiche Bugs enthalten, die dafür sorgen, dass die eigene Figur in irgendeiner Felsspalte hängen bleibt oder die Tierwelt durchdreht und wild durch die Gegend rennt. Auch die KI der Gegner ist manchmal grenzwertig bis doof. 

 

FAZIT: Same same but different

 

Ob es eine gute Entscheidung von Ubisoft war, „Assassin’s Creed Odyssey“ jetzt schon zu veröffentlichen, ist fraglich. Denn das Spiel fühlt sich einfach zu sehr nach dem Vorgänger aus dem letzten Jahr an. Daran ändert auch das neue Setting nichts, das auch nicht mehr so frisch wirkt, wie das Abenteuer in Ägypten.

Natürlich hat man diesmal wieder einen stärkeren Fokus auf die Seeschlachten gelegt und mit dem Söldner- und Eroberungssystem gleich zwei neue Features eingebaut. Diese haben aber keinen so großen spielerischen Mehrwert als das man diese als Kaufgrund in den Mittelpunkt stellen müsste. Im Gegenteil. Das Söldnersystem nervt, denn hin und wieder tauschen die Kopfgeldjäger in den unpassendsten Momenten auf und auch die Eroberung der Regionen vergrößert einzig und allein den Spieleumfang als einen sinnvollen Wert zu bieten. 

Natürlich halten sich das Kampfsystem und die Missionen auf einem ähnlichen hohen Niveau des Vorgängers, aber einzig und allein das neue Setting reißt es dann doch nicht heraus. Neben einigen technischen Unzulänglichkeiten wie langen Ladezeiten bei Dialogen oder einiger KI-Schnitzer, ärgert aber der spielerische Stillstand am meisten und so hätte Ubisoft gut daran getan, vielleicht wieder zwei Jahre mit einem neuen „Assassin’s Creed“-Spiel zu warten. 

Ach ja, im Ingame-Shop kann man übrigens auch wieder allerlei Echtgeld loswerden, unter anderem für Zeitersparnis-Features. Diese muss man nicht zwingend kaufen, warum man allerdings ein solch umfangreiches Spiel programmiert und dann solche Sachen anbietet, bleibt ein Rätsel.

Versteht mich nicht falsch, „Assassin’s Creed Odyssey“ ist ein gutes Spiel mit einer herausragenden Optik und einem spaßigen, da fordernden Kampfsystem. Aber es ist viel zu groß und leider eben ohne große Innovationen auf den Markt gekommen.