Marvel's Spider-Man [PS4]

Verfasst von Christian Suessmeier am 11.09.2018 um 10:58

 

DC vs Marvel

 

Es ist schon seltsam. Während Marvel in den letzten Jahren im Kino mit seinen Helden die Kassen klingeln lässt, hangelt sich Konkurrent DC von einem Super-Flop zum anderen. Das umgekehrte Bild präsentiert sich in Sachen Videospielen, denn hier ist die Riege rund um Batman & Co. wesentlich prominenter auf den Konsolen vertreten und hinterlässt einen deutlich besseren Eindruck.

Vor allem die „Batman Arkham“-Serie hat das Genre der Action-Adventure und Lizenzspiele mit einigen frischen Elementen und der hohen Qualität revolutioniert und stand nun, natürlich nur inoffiziell, Pate für ein neues Spiel aus dem Marvel-Universum. Denn Insomniac Games haben sich für Sony an ein neues Abenteuer mit der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft gesetzt und „Spider-Man“ verwirklicht.

Während es zu Beginn der 2000er schon einmal eine Welle an recht ordentlichen Spielen zu „Spider-Man“ gab, konnten die letzten Lizenzspiele zu den „The Amazing Spider-Man“-Filmen überhaupt nicht mehr überzeugen. Welchen Weg geht nun also „Marvel’s Spider-Man“? Geniales Stück Videospiel oder millionenschwerer Total-Flop?

 

Peter und Fisk

 

Gleich zu Beginn stellt sich Spider-Man einem der größten Gangster New Yorks entgegen, Wilson Fisk. Der Schurke, der schon Daredevil & Co. zur Verzweiflung brachte, hat jedoch kaum eine Chance und landet somit in seiner verdienten Knastzelle.

Doch die Festnahme von Fisk lässt sofort andere Schurken auf den Plan kommen, die nun natürlich an dessen Stelle treten wollen und somit muss sich Spider-Man nicht nur mit alten Gegenspielern wie Electro herumschlagen, sondern sich auch neuen Gefahren stellen.

Was hat es mit der chinesischen Gruppe „Inner Demons“ auf sich? Und schaffen er und Doc Octavius es die Prothesen doch noch fehlerfrei zu entwickeln? Und über allem steht dann noch die Beziehung zwischen Peter und MJ, die eigentlich schon beendet war, aber doch noch ein Thema zu sein scheint. Spider-Man hat also einiges zu tun.  

 

 

Einfach schwingen, schwingen, schwingen!

 

„Marvel’s Spider-Man“ präsentiert sich als klassisches Open World-Spiel, welches euch ganz Manhattan als Spielplatz zur Verfügung stellt. In den unterschiedlichen Bezirken könnt ihr allerlei Aufgaben erledigen, dazu später aber mehr.

Star des Spiels ist ganz klar die superflüssige Handhabung von Spider-Man und wie gekonnt er sich dank seiner Fähigkeiten durch die Häuserschluchten New Yorks bewegt. Während ihr den R2-Button gedrückt haltet, schwingt er sich an einem Netz, lasst ihr dann los und es bietet sich ein erneuter Ankerpunkt schießt Spider-Man dort sein Netz als nächstes hin. Gepaart mit der Fähigkeit an Wänden hochzulaufen bzw. dank kurzer Netzschüsse die euch einen Schub in der Luft geben, kann man sich schon nach wenigen Minuten recht einfach von A nach B bewegen.

Ein weiteres Highlight sind die Kämpfe, die sich an der „Batman Arkham“-Reihe orientieren und somit einen Fokus auf gutes Timing legen. Meist finden die Auseinandersetzungen mit mehreren Gegnern gleichzeitig statt, so dass ihr euch auf eure Spinnensinne konzentrieren müsst. Während ihr die bösen Buben mit mehreren Tritten und Schlägen vermöbelt, warnt euch euer Spinnensinn vor der Gefahr eines Schlages oder eines Schusses, so dass ihr im rechten Moment den Kreis-Button zum Ausweichen drücken müsst.

In Kombination mit Netzattacken, werfbaren Gegenständen und einer starken Interaktion mit der Umgebung können so richtig sehenswerte Kämpfe entstehen.

Für jede erfolgreiche Aktion ladet ihr außerdem eure Fokus-Leiste auf, die entweder für den Hinzugewinn von Lebensenergie verwendet werden kann oder euch das Ausführen von Finishing-Moves ermöglicht. Bei einigen Nebenmissionen oder Bosskämpfen greift Entwickler Insomniac Games auch auf Quick Time Events zurück, dies aber in einem guten und sehr überschaubaren Rahmen. 

 

XP-Süchtling

 

In „Marvel’s Spider-Man“ bekommt ihr für jede erledigte Mission, Nebenaufgabe oder besiegte Feinde Erfahrungspunkte, die euch in Stufen aufsteigen lassen. Für jede neue Stufe gibt es dann einen Fertigkeitenpunkt, den ihr in eine neue Fähigkeit in den Bereichen Innovator, Verteidiger und Netzschwinger investieren könnt. Soweit, so bekannt.

Außerdem bekommt ihr für das Erledigen diverser Aufgaben oder bestimmter Ziele während der Kämpfe noch Anzugmarken, die ihr in eure Ausrüstung investieren könnt. So findet Spider-Man nämlich nicht nur neue Anzüge, die ihn mit der ein oder anderen Extra-Fertigkeit ausstatten, sondern kann diese auch noch mit speziellen Attributen ausrüsten.  Aber auch euer Arbeitgeber, Doc Octavius, denkt sich immer wieder mal neue Gadgets wie eine Drohne oder ein Elektronetz aus, welche ihr dann mit den Marken verbessern könnt.

In Manhattan ist derweil einiges geboten und teilweise erinnert das Ganze sehr an die typische Ubisoft-Open-World-Formel. So müsst ihr in jedem der Stadtgebiete zunächst einmal einen oder mehrere Überwachungstürme freischalten, damit ihr dieses auch auf der Karte angezeigt bekommt. Außerdem sammelt ihr alte Rucksäcke von Peter, macht Schnappschüsse der Wahrzeichen Manhattans oder absolviert verschiedene Aufgaben an den Forschungsstationen. Nutzen sich solche Sammelaufgaben in anderen Spielen recht schnell ab, sind sie in „Marvel’s Spider-Man“ eine willkommene Abwechslung und dringend nötig für die Verbesserung des Anzugs.

 

Drei in Eins

 

Während ihr euch also in der Rolle von Spider-Man mit den alltäglichen Herausforderungen eines Superhelden auseinandersetzt und neben den Hauptmissionen noch Verstecke und Baustellen von Fisks Untertanen hochnehmt, schlüpft ihr aber auch noch in zwei weitere Rollen.

Denn auch das Privatleben von Peter Parker nimmt einen Teil des Spiels ein. So besucht ihr immer wieder mal das Obdachlosenheim, in dem Tante May arbeitet oder ihr geht eurem Job bei Doc Octavius im Labor nach. Dort erlebt ihr nicht nur einen Teil der Handlung, sondern könnt auch kleinere Minispiele absolvieren in denen ihr elektronische Leitungen miteinander verbinden müsst. 

Ein weiterer, wichtiger Part in Peters Leben ist natürlich die Reporterin Mary-Jane Watson. Und auch in deren Rolle dürft ihr in einigen Missionen schlüpfen, wobei sich das Gameplay dort  rätsel- und schleichlastiger präsentiert. 

Alles in allem sind es genau diese Missionen, die das Spiel letztlich auch so abwechslungsreich und hochwertig machen. Selten hat man in einem Videospiel bisher beide Seiten eines Superhelden so gut beleuchtet.

 

 

Hochglanz-Spidey

 

In Sachen Technik liefert Insomniac Games mit „Marvel’s Spider-Man“ ein echtes Highlight ab. Das Spiel läuft zu jeder Zeit flüssig und begeistert mit ihrem schnörkellosen Gameplay, vor allem das Umherschwingen zwischen den Häusern sei hier lobend erwähnt.

Selten habe ich mich so oft dabei erwischt als ich in den Fotomodus geschalten und einfach ein bisschen mit der Kamera herumgespielt habe. Gerade bei Sonnenuntergang kann man so einige sehenswerte Bilder machen. 

Die Stadt präsentiert sich lebendig und detailliert, leider befindet man sich aber viel zu häufig in der Luft um alles zu sehen. Glücklicherweise bringt einen die Wahrzeichen-Herausforderung an viele tolle Sehenswürdigkeiten der Stadt und so trifft man auf viele Anspielungen aus dem Marvel-Universum. Neben dem Avengers Tower kommt man so zum Beispiel auch am Büro von Jessica Jones vorbei. Auch Stan Lee darf natürlich nicht fehlen.

Die Animationen von Spidey sind ebenso sehenswert und flüssig, vor allem wenn er durch die Luft turnt ist das wirklich schön animiert. Hin und wieder zickt aber die Kamera gehörig, so kam es im Park häufiger zu „blinden“ Kämpfen, da ständig irgendwelches Buschwerk oder Bäume im Weg waren und auch in engen Räumen wird man durch den automatischen Fokus auf den näheren Gegner immer wieder stark desorientiert. 

In Sachen Sound wird das Spiel standesgemäß wie auch die Filme aus dem Hause Marvel mit recht heroischer Musik untermalt, außerdem wird der lockere Charakter von Peter durch seine Sprüche unterstrichen. Seltsam wirkt nur die schlampige Lokalisation, denn auf der Straße sprechen die Passanten zwar meistens Deutsch, dazwischen sind aber immer wieder auch englische Sprachfetzen zu hören.

 

FAZIT: Spidey macht Batman Konkurrenz!

 

Man kann ruhigen Gewissens behaupten, dass sich die „Batman Arkham“-Reihe vor „Marvel’s Spider-Man“ in Acht nehmen muss. Denn was Insomniac Games hier an technischer und spielerischer Qualität auf Disc gepresst hat, kann sich sehen lassen und wird sicherlich noch einige Videospiel- und Comic-Fans zum Kauf einer PS4 bewegen.

Dass es der Entwickler vor allem schafft, selbst belangloseste Sammelaufgaben bedeutend zu machen und es einem nichts ausmacht, dass man eine Stunde lang durch die Straßen von Manhattan schwingt und Rucksäcke aufliest, spricht für die große Qualität des Spiels.

Aber auch das Kampfsystem macht sicherlich Laune, auch wenn es manchmal zu unfairen Momenten kommt, wenn man mit vielen Gegnern auf einmal kämpft und eigentlich nur noch ausweichen muss statt zuschlagen kann. Hier hätte sicherlich noch etwas Feinschliff nicht geschadet. Dennoch entwickelt man nach einer gewissen Zeit einen Flow wie es in nur wenigen Spielen gelingt.

Ein weiterer lobenswerter Aspekt ist das Miteinbeziehen des privaten Spider-Man und den Problemen und Sorgen von Peter Parker. Das trägt dazu bei, dass man ihn menschlicher wahrnimmt als zum Beispiel Batman in den „Arkham“-Spielen. 

Letztlich ist „Marvel’s Spider-Man“ ein Fest für Freunde von Superhelden-Comics, denn was hier an Fanservice geboten wird, ist wirklich einmalig. Und dann stimmt auch noch das Gameplay. Was will man mehr?