Shenmue I & II [PS4]

Verfasst von Christian Suessmeier am 30.08.2018 um 10:40

 

Zeit für Klassiker

 

Segas letzte Konsole, der Dreamcast, zeichnete sich nicht nur durch fast perfekte Arcade-Portierungen aus, sondern glänzte ebenso mit seinen Exklusiv-Titeln. Neben „Sonic Adventure“, „Jet Set Radio“ oder „Resident Evil Code Veronica“ steht auch „Shenmue“ für die großartige Qualität der Konsole. Leider gab es zu letzterem nie einen richtigen Abschluss, denn nach Teil 2 war Schluss mit dem Dreamcast und somit auch mit Yu Suzukis Action-Adventure. 

Als Sony in Zusammenarbeit mit dem Entwickler Ys Net dann im Jahr 2015 einen dritten Teil beziehungsweise dessen Kickstarter-Kampagne ankündigte, explodierte das Internet beinahe. Während wir nun noch auf den Release des Spiels warten, der vor kurzem auf August 2019 datiert wurde, spendiert uns Sega so lange die Neuauflage der ersten beiden Teile. Wie sich die Spiele heutzutage schlagen, verraten wir euch in unserem Test.

 

Ryo und die Spiegel

 

Japan, 1986. In der Rolle von Ryo Hazuki leben wir ein beschauliches Dasein nahe der Hafenstadt Yokosuka. Doch eines Tages wird das Dojo eures Vaters von Lan-Di angegriffen, der auf der Suche nach einem mysteriösen Spiegel ist. Und trotz der Herausgabe des wertvollen Artefakts wird Ryos Vater von dem skrupellosen Chinesen getötet. Auf der Suche nach Rache und neugierig, welches Geheimnis dieser Spiegel mit sich bringt, begebt ihr euch nun auf eine Reise, die euch in Teil II sogar bis ins ferne Hong Kong führt.

 

 

Japan-GTA?

 

Wie beschreibt man nun am besten ein Spiel wie „Shenmue“? Ist es eine Lebenssimulation? Oder gar ein GTA-Klon? Sicherlich sind viele Aspekte eines klassischen Open World-Spiels enthalten. Viele NPCs gehen ihrem eigenen Tagesablauf nach und die Quests und Missionen bekommt man meist von diesen direkt. Außerdem kann man seine Zeit auch mal mit Minispielen in den Spielhallen oder bei einem Nebenjob verbringen. Müsste man eine aktuelle Spiele-Reihe nennen, die am meisten Ähnlichkeit mit „Shenmue“ hat, wäre dies sicherlich „Yakuza“. Denn sowohl was Gameplay-Inhalte als auch Inszenierung angeht, ähneln sich die beiden Titel sehr. 

Dennoch ist die Spielwelt von „Shenmue“ sehr viel übersichtlicher und kleiner als die Standards von Heute.  Zwar ist die Steigerung von Teil I zu Teil II schon merklich, dennoch fühlt man sich nach etwas Eingewöhnung schnell orientiert und läuft zielgerichtet zum nächsten Punkt auf der Karte. In Teil 2 hilft euch dabei außerdem eine kleine Minimap der Umgebung, während ihr in Teil I noch auf die Umgebungsschilder achten müsst.

Besonders in Teil I bestehen viele der Missionen in den ersten Stunden aus „Gehe zu A um B zu treffen“ oder „B ist gerade nicht da, komme abends wieder“. Denn „Shenmue“ integriert den Tagesablauf stark in das Spielgeschehen. Habt ihr euch zuhause ins Bett gelegt, startet der Tag pünktlich um halb neun und auch die einzelnen Läden haben Öffnungszeiten an die sie sich streng halten. 

 

Von Gashapons und Prügeleien

 

Dies bedeute natürlich auch, dass man oft sehr viel Zeit überbrücken muss, denn leider fehlt eine Timeshift-Funktion. Wie schon oben erwähnt könnt ihr euch die Wartezeit in Spielhallen mit Klassikern wie „Hang-On“ oder „Space Harrier“ versüßen, später könnt ihr sogar einen Job annehmen und bringt so die ein oder andere Stunde rum. Dennoch nervt es manchmal gehörig, wenn man auf die Öffnung eines Ladens warten muss und gerade auch keine Lust auf eine Nebenbeschäftigung hat.

Nebenmissionen gibt es in der Menge wie es heutzutage üblich ist nicht, dennoch helft ihr hin und wieder euren Mitmenschen. Wer gerne sammelt, kann dies in „Shenmue“ auch in Form von Minifiguren aus den Gashapon-Automaten, Schriftrollen oder Musikkassetten machen. 

Auf der Suche nach dem Mörder eures Vaters müsst ihr euch natürlich auch Feinden gegenüberstellen, die euch nichts Gutes wollen. Werden diese zu Beginn noch mit Quick Time Events gemeistert, könnt ihr bald schon selber die Fäuste fliegen lassen. Hier ist die Nähe zu Segas „Virtua Fighter“-Reihe recht gut erkennbar, schließlich sollte „Shenmue“ ein Rollenspiel zu dieser Prügelspiel-Serie werden. Mit Knöpfen für Schlag, Tritt, Griff und Ausweichen spielen sich die Kämpfe teilweise aber recht hüftsteif und gerade mit mehreren Gegnern gleichzeitig recht unübersichtlich. Nach und nach erlernt ihr neue Manöver und Griffe, die ihr dann im Kampf einsetzen könnt und somit bekommen diese zumindest einen gewissen, taktischen Kniff. 

 

 

Dreamcast-Technik

 

Auch wenn „Shenmue I & II“ auf dem Dreamcast damals echte Technikwunder waren, gehört die Grafik 19 Jahre später eher unter der Retro-Rubrik verbucht. So ist der Sprung zwischen Teil 1 und 2 was Texturen und Polygonzahl angeht, nochmal deutlich verbessert, allerdings merkt man dem Spiel sein Alter sehr deutlich an.

Besonders die Steuerung macht einem das Leben so einige Male wirklich schwer, denn Ryo lenkt sich wie ein Panzer und bleibt sehr häufig an Hindernissen in der Spielwelt hängen. Die ersten Minuten im Haus der Hazukis machen mit einer Kombination aus bockiger Kamera und dieser Steuerung nicht wirklich Spaß. Daran muss man sich erst einmal wieder gewöhnen. 

In der offenen Spielwelt passiert es häufiger, dass Figuren plötzlich aufploppen oder man sich fast vor dem eigenen, kantigen Schatten erschreckt. Wie schon erwähnt ist auch das Quest-Design eher eintönig, dafür hält einen die Geschichte aber bei der Stange. 

Während sich beide Teile während des Spiels im 16:9-Format präsentieren, werden die Zwischensequenzen in 4:3 gezeigt. Seltsamerweise kommen bei „Shenmue II“ dann auch noch Balken oben und unten hinzu, so dass man einen noch kleineren Bildausschnitt zu sehen bekommt. Größtes Manko ist allerdings der Sound der Spiele. Während der englische Ton recht dumpf ist, ist der japanische Originalton sehr blechern geraten und schmerzt manchmal in den Ohren. Ähnliches gilt für einige Soundeffekte in den Menüs, die sehr penetrant sind.

 

FAZIT: Klassiker mit Schönheitsfehlern

 

Auch ich gehöre zu denen, die „Shenmue“ damals auf dem Dreamcast genießen konnten und habe so natürlich einen besonderen Blick auf die Serie. Mit der rosaroten Retrobrille auf den Augen wird man mit der Neuauflage der beiden Action-Adventure richtig glücklich sein, denn im Grunde sind es die perfekten Versionen von „Shenmue I & II“. Ohne diese verklärte Sicht muss man aber sicherlich einige Punkte kritisieren, die man vermutlich mit etwas mehr Budget hätte aus dem Weg räumen können. Neben einer zeitgemäßen Steuerung und einigen verbesserungswürdigen Bedienungselementen, ist es vor allem der schlechte Ton, der einen recht häufig aus dem Zauber der Spiele herausholt. 

Weiterhin ist das Quest-Design recht schlecht gealtert und das stundenlange Durchfragen bei allerlei NPCs nervt irgendwann einfach. Sicherlich ist dies eleganter gelöst als irgendwo einen Pfeil auf der Karte zu setzen, aber heutzutage wirkt die Inszenierung dadurch viel zu langwierig und schleppend. Dazu kommen dann noch viele Wartezeiten bis Event XY startet oder ein bestimmter Laden endlich öffnet Die Kämpfe hingegen werden mit der Zeit und mehr erlernten Moves unterhaltsamer, wirken aber – im Vergleich mit Genre-Kollegen wie „Yakuza“ – einfach zu statisch. 

Letztlich sind „Shenmue I & II“ aber Meilensteine der jüngeren Videospielgeschichte und können nun endlich in einer vernünftigen und vor allem kostengünstigen Version nachgeholt werden. Und wer sich „Shenmue III“ bei Kickstarter gesichert hat, sollte sich die Kollektion sowieso in den Schrank stellen.  Ob man damit allerdings auch jüngere Spieler oder Serien-Neulinge ansprechen kann, ist fraglich. Denn die Spiele sind heutzutage einfach recht sperrig.