"The Bard´s Tale 1": Wie sich das 33 Jahre alte Kult-RPG heute spielt

Verfasst von Sadwick am 12.07.2018 um 09:33

 

Da war ich nun mit meinen sechs Helden, vollgepumpt mit frischen Erfahrungspunkten, die Taschen randvoll mit Gold und neuen Waffen, und konnte nicht weiter. Nicht vor und nicht zurück. Eine Inschrift an der Tür hatte mich noch gewarnt, aber seit wann muss man so etwas in Rollenspielen ernst nehmen? Ich war gefangen in einer Art Druckkammer, eine gnadenlose Falle. Zumindest für jene, die noch nicht den Teleporter-Zauberspruch beherrschten. Wie meine Truppe.

Tolle Wurst. Und Neustart.

Willkommen bei „Tales of the Unknown: The Bard`s Tale I“. Ein Dungeon Crawler aus dem Jahr 1985. Erstmals entdeckte ich das Spiel als Elfjähriger auf meinen Commodore 64, was heute geradezu absurd erscheint. Wer heute elf ist, wer mit der PlayStation groß geworden ist, dem muss „The Bard`s Tale I“ mit seinen kryptischen Zauberformeln, den limitierten Save-Optionen und dem bockschweren Beginn so zugänglich erscheinen wie das große Latinum.

Und als 39-Jähriger? Wie fühlt es sich an, im Jahr 2018 seine kostbare Freizeit in ein so uraltes Spiel zu investieren? In 8-Bit-Grafik und einen Sound, der das Trommelfell foltert. Kann das vielleicht sogar Spaß machen wie einst in der Kindheit - oder wird die Nostalgie als das entlarvt, was es ist: pure Verklärung?

Ich schauderte beim Gedanken daran, dass es unterwegs weder Automapping noch die Möglichkeit zum Abspeichern gab. Dass jeder verlorener Kampf also richtig schmerzt, dass das Spiel einen alleine lässt mit seinen Herausforderungen. Kein Quest-Buch, kein roter Faden. Nur eine von Monstern überrannte Stadt mit einem geheimnisvollen Namen. Ich besorgte mir Karo-Papier, spitzte den Bleistift an, ließ mich von meiner Frau für verrückt erklären - und fing an zu spielen.

Ich weiß nicht, wie oft ich am Anfang tot ging. Ich weiß aber noch, was ich beim ersten Level-Aufstieg gefühlt habe. Wie ich endlich stärker wurde, wie die Angst vor Barbaren und Magiern endlich kleiner wurde. Und mit welcher Akribie ich meine Umgebung aufzeichnete. Wie ein Entdecker, der eine fremde Welt durchschreitet, wuchs meine Sammlung von Notizen. Wie verblüffend: Ausgerechnet das Kartenzeichnen, was mich am meisten schreckte, machte für mich nun den Reiz des Spiels aus. Heute sprechen wir  voller Ehrfurcht von Augmented Reality, wenn Wirklichkeit und Spiel verschmelzen - in den Rollenspielen von einst war das Standard. Das Zeichnen der Karten gehört zum Spiel wie das Kämpfen. Wer in der Dunkelheit Fallen, Teleporter und „Spinner“ abschreitet, wer eine weitere labyrinthische Ebene aufgezeichnet hat, fühlt sich hinterher genauso gut wie nach einem siegreichen Kampf gegen Dämonen und Vampire. Und wer keine sorgfältig geführte Karte hat, der ist im Verlies praktisch verloren. Selbst Schuld.

Heute undenkbar. Aus Gründen: Der Videospiel-Markt ist zum globalen Milliardengeschäft geworden. Wo die Produktion immer aufwändiger ist, wird die Spielmechanik zum kleinsten gemeinsamen Nenner. Keiner soll abgeschreckt, jeder mitgenommen werden. Das lässt kein Platz für Ecken und Kanten: Spiele müssen leicht zugänglich sein, für Siebenjährige ebenso wie für 50-Jährige, die Welt ist ja auch schon kompliziert genug.

Natürlich sind die Spiele heute auch raffinierter, epischer, manche Geschichten ("Pillars of Eternity") gleichen Romanen. Aber Anleitungen muss heute keiner mehr lesen, die ohnehin leichter gewordenen Spiele stecken voll mit Hilfestellungen. Bezeichnend, dass Ausnahmen praktisch nur noch über Crowdfunding, also ohne die Bedenken von Publishern und Investoren, gelingen - übrigens auch ab Herbst 2018 „Bard`s Tale IV“, der Nachfolger der Trilogie, geschaffen von Brian Fargo, schon seinerzeit der Mastermind dahinter.

Moderne Spiele sind leicht verdaulich, unwahrscheinlich jedoch, dass man sich noch lange an bestimmte Momente zurückerinnert. Es fehlen Situationen wie in Harkyn`s Castle, als unvermittelt vier Gruppen je 99 Berserkern angreifen - die wohl legendärste Schlacht von "The Bard´s Tale 1", übrigens mit den meisten Erfahrungspunkten hinterher (60.000). Und die Druckkammer, so fürchte ich, werde ich auch nicht so schnell vergessen.

Vielleicht ist die Nostalgie vielleicht also doch mehr als bloße Verklärung. Vielleicht ist sie die Erinnerung noch daran, dass uns Computerspiele einst wirklich herausgefordert haben - im guten wie im schlechten.

Ich bin mittlerweile bis ins letzte Stockwerk von Mangar‘s Tower vorgerückt, der Endgegner ist nur noch wenige Stunden entfernt. Natürlich werde ich dann nach dem Finale mit „Bard‘s Tale 4“ weitermachen. Aber vorher warten noch Teil 2 und 3 auf mich.

 

Wie spielt sich "Bard´s Tale 1"? Auf Youtube finden sich zahlreiche Gameplay-Videos, anbei ein Beispiel des Users Squakenet: