Detroit: Become Human [PS4]

Verfasst von Christian Suessmeier am 30.05.2018 um 10:37

 

Zwischen Genie und Wahnsinn

 

David Cage ist ein Multi-Talent. Neben seiner langjährigen Tätigkeit als Musiker für Film, TV und Videospiele, ist der gebürtige Franzose mittlerweile Leiter und Gründer des Studios Quantic Dream. Dieses ist für außergewöhnliche Titel wie „The Nomad Souls“ oder „Heavy Rain“ bekannt und entwickelt seit Letzterem exklusiv für Sony und seine PlayStation-Konsolen. Er und seine Spiele werden meist für die gelungenen Geschichten gelobt, doch er gilt auch als recht umstritten in der Industrie.

Viele werfen seinen Spielen die immer gleichen Mechanismen vor und bemängeln vor allem Steuerungsmethoden, die zum Großteil aus Quick Time Events bestehen. In den vergangenen Monaten wurden außerdem viele Stimmen laut, die Cage und dem Studio rassistische und sexistische Vorfälle vorwarfen.

Nun ist mit „Detroit: Become Human“ sein neuester Streich erschienen, den wir hier vollkommen losgelöst von den aktuellen Problemen besprechen wollen. Funktioniert Quantic Dreams Androiden-Drama noch oder sind die Inhalte durch aktuelle Serien, Filme oder Spiele wieder längst überholt?

 

Die Menschheit und ihre Androiden

 

Im Jahr 2038 erleben wir mit Detroit eine US-amerikanische Großstadt, die ein Abbild der modernen Gesellschaft darstellt. So haben nur noch wenige Menschen einen Arbeitsplatz, da viele Jobs mittlerweile von Androiden übernommen wurden. Egal ob als Mitarbeiter der Müllabfuhr, als Arbeiter in der Fabrik oder im Dienstleistungssektor, die menschenähnlichen Roboterwesen finden sich überall.

Doch so geordnet das Leben mit der Hilfe der Androiden läuft, natürlich gibt es auch Personen, die dadurch leiden. So haben unzählige Menschen ihren Job verloren und stehen nun vor dem Nichts. Die Stimmung droht also zu kippen und auch unter den Androiden verändert sich etwas. Denn einige von diesen wollen sich nicht länger von den Menschen herumschubsen und herumkommandieren lassen. Und da kommt ihr ins Spiel, denn „Detroit: Become Human“ erzählt die Geschichte von drei Androiden: Connor, dem Detective-Androiden der Polizei, der Haushaltshilfe Kara und Marcus. Letzterer pflegt einen im Rollstuhl sitzenden, älteren Herren. Und sowohl bei ihm als auch Kara handelt es sich um die sogenannten Abweichler.

 

 

Gewohntes Konzept

 

Die erste Mission, in der man mit Connor eine Geiselnahme möglichst fein beenden sollte, kennt man bereits aus vielen Präsentationen auf E3, gamescom usw. Und wer Quantic Dreams Vorgänger wie „Heavy Rain“ oder „Beyond Two Souls“ gespielt hat, weiß sich auch gleich wieder zurechtzufinden. 

So erlebt ihr die Geschehnisse meist aus einer Thirdperson-Perspektive, könnt die Kamera dabei aber nur minimal drehen. Sollte die Ansicht doch einmal wichtige Stellen verdecken, kann man mit Druck auf R1 verschiedene Perspektiven durchschalten. Auch die Interaktion mit Gegenständen gelingt wie in den Vorgängern durch eine bestimmte Bewegung des Analogsticks, manchmal auch in Kombination mit anderen Buttons oder dem Touchpad. So öffnet ihr eine Tür durch das Drücken nach links, eine Pistole nehmt ihr auf indem ihr den Stick nach unten bewegt. In Dialogen mit anderen Figuren werden euch häufig mehrere Optionen angezeigt, die ihr – meist unter Zeitdruck – wählen müsst. 

Solltet ihr mal in einer Sackgasse stecken, hilft der R2-Button durch den ihr in einen anderen Sichtmodus schaltet und euch so neue Möglichkeiten anzeigen lasst. Dies ist bei weitem aber nicht so plump wie in mach anderem Action-Adventure, in dem euch solch eine Anzeige fast alle Geheimnisse aufdeckt. Hier dient sie hauptsächlich zur groben Navigation.

Auf manche Objekte kann man per Druck auf L1 genauer schauen und so noch die ein oder andere Möglichkeit freischalten, das Kapitel zu beenden. Stichwort „Möglichkeiten“: diese gibt es wie Sand am Meer. Am Ende eines jeden Abschnittes, die zwischen fünf und dreißig Minuten dauern können, bekommt ihr nämlich ein Ablaufdiagramm präsentiert. Dieses zeigt euch euren gegangenen Weg und wo es in der Story noch Abzweigungen gegeben hätte. Dank Kapitel-Auswahl könnt ihr diese auch immer und immer wieder neu spielen und so auf unterschiedliche Arten lösen. Das sorgt für Langzeitmotivation.

 

Polizeiermittlung oder Putzen?

 

Die drei Hauptfiguren unterscheiden sich natürlich deutlich in ihren Jobs wobei die Ermittlungsarbeit mit Connor fast schon am meisten Spaß macht. Denn an den Tatorten müsst ihr auf noch so jedes feine Detail achten und Beweismittel finden, damit ihr am Ende die Tat auch realistisch rekonstruieren könnt. So analysiert ihr zum Beispiel Tatwaffen und Spuren und könnt dann einzelne Ereignisse mit Drahtgittermodellen nachstellen. Diese Szenen können dank Spulfunktion ausgiebig untersucht werden, jedoch sind die wichtigen Stellen der Ereignisse bereits mit gelb hinterlegt. Hier wäre mehr Tiefe und eigenständiges Denken wünschenswert gewesen.

Aber auch Markus’ und Karas Handlungsstränge bieten einige spannende Momente, vor allem die häusliche Situation in Karas Job ist – auch wenn etwas arg platt – schon mitreißend inszeniert. Aber es wird auch in späteren Kapiteln wirklich kinoreif und so kommt jede der drei Figuren in den Genuss richtig spannender Erlebnisse.

Wie oben schon erwähnt bekommt ihr am Ende jedes Kapitels das Ablaufdiagramm. Je nachdem wie viel ihr darauf freigeschalten habt, bekommt ihr Punkte gutgeschrieben. Diese könnt ihr im Hauptmenü unter dem Punkt „Extras“ gegen Artworks, Charaktermodelle oder Soundtrack-Stücke eintauschen. Außerdem könnt ihr euren Weg mit dem anderer Spieler vergleichen und sehen, wie viel Prozent der User auch eure Entscheidung getroffen haben.

 

 

Hochglanz-Androide

 

Grafisch konnte man den Spielen von Quantic Dream bisher nicht viel vorwerfen und auch „Detroit: Become Human“ ist ein schönes Spiel, das flüssig läuft. Die Szenarios sind voller Details, aber auch nie so voll gestopft, dass man die wichtigen Items und Objekte übersehen könnte. Außerdem wird das Interface zur Interaktion schon immer recht bald eingeblendet. 

Vor allem die Gesichter sehen sehr detailliert und toll aus, kommen aber in Sachen Lebendigkeit und Mimik nie an Referenzen wie „Uncharted 4“ oder „Injustice 2“ heran. In einigen Momenten kann man dennoch keinen Unterschied zur Realität feststellen. Der Soundtrack weiß auch zu gefallen, bleibt aber in vielen Szenen sehr dezent im Hintergrund. Hier greift Quantic Dream ganz passend auf elektronische Klänge zurück.

Ein richtig dickes Minus gibt es leider für die Steuerung, die an Spiele wie „Resident Evil“ auf der PSone erinnert. Kennt ihr den Begriff der Panzer-Steuerung noch? Der trifft es hier ganz deutlich. So fühlt sich das Bewegen eurer Figur immer sehr schwammig und indirekt an, durch die plötzlich wechselnden Kameraperspektiven wechselt letztlich dann auch die Richtung auf dem Pad. Außerdem bleiben die Figuren oft an lächerlich kleinen Hindernissen hängen und stolpern so durch die Welt. Hier macht es auch keinen Unterschied, ob ihr in größeren Außenarealen oder in engen Räumen unterwegs seid. Für Leute, die nicht des Englischen mächtig sind, ist auch die fehlende Übersetzung einiger Texte in der Spielewelt etwas ärgerlich. Denn so verpasst man viele kleine Anspielungen, wichtige Sachen sind aber alle übersetzt.

 

FAZIT: Ich würde diesen Androiden gerne umtauschen!

 

Eigentlich ist „Detroit: Become Human“ ein recht gutes Spiel, das vor allem in Sachen Grafik und Langzeitmotivation sehr zufrieden stellt. Denn die Idee, das Ablaufdiagramm einzublenden, motiviert den Spieler auf seine ganz eigene Art und Weise, ein Kapitel nochmal anzugehen und sein Vorgehen zu überdenken. Auch Ideen wie der Android, der euch durch das Hauptmenü führt und bei der Ersteinrichtung unterstützt, sind definitiv mal etwas Neues.

Doch leider erzählt Davide Cage eine sehr platte Geschichte und holt häufiger mal den Holzhammer aus der Tasche. Viele Inhalte hätte man auch deutlich subtiler erzählen können, aber so kennt man Cage. Durch Serien wie „Black Mirror“ oder Filme  wie „Ex Machina“ wurde schon so viel in den letzten Jahren zum Thema Androiden und Künstliche Intelligenz erzählt, dass „Detroit: Become Human“ nur sehr wenig frische und überraschende Inhalte bietet. Sicherlich wäre das vor zwei bis drei Jahren wesentlich revolutionärer gewesen. Letztlich muss man auch die Steuerung kritisieren, die beim Bewegen der Figur recht hakelig ist und in den Momenten der Interaktion recht anspruchslos passiert. Solche Sachen könnte man im Jahr 2018 auch wesentlich eleganter lösen. Wer sich aber auf die genannten Mängel einstellen kann, der hat mit „Detroit: Become Human“ sicherlich seinen Spaß. Ein uneingeschränkt empfehlenswerter Exklusiv-Titel, der vielleicht sogar zu einem Kauf einer PS4 motiviert, sieht aber anders aus.