The Last Guardian [PS4]

Verfasst von Christian Suessmeier am 23.12.2016 um 08:26

 

Die schier unendliche Geschichte

 

Fumito Ueda und Team ICO haben zwar in ihrer langjährigen Zusammenarbeit nur zwei Spiele geschaffen, mit diesen aber einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Sowohl „ICO“ als auch „Shadow oft he Colossus“ konnten aber weder technisch noch grafisch beeindrucken, sondern begeisterten vor allem mit ihrem wunderschönem Artdesign und der minimalen, aber einzigartigen Erzählweise.

 Deswegen war die Freude auch groß als man im Jahr 2007 die ersten Hinweise auf das neueste Spiel des Entwicklerteams fand und Sony ein Jahr später schließlich die Entwicklung für die PS3 bekannt gab. Doch nach unzähligen Verschiebungen und dem Abschied Fumito Uedas von Team ICO war lange Zeit unklar, ob „The Last Guardian“ überhaupt noch erscheint. Immer wieder gab es von Sony Bekundungen, dass an dem Spiel noch gearbeitet wird, aber zu sehen war der Titel kaum noch. Schließlich zeigte man auf der E3 mit dem großen Erfolg der PS4 im Rücken einen neuen Trailer und enthüllte, dass Uedas neuestes Spiel nun für die Next Gen-Konsole erscheinen wird. Und vor wenigen Wochen war es endlich soweit: „The Last Guardian“ kam nach jahrelanger Wartezeit endlich in den Handel. Ob sich das Warten gelohnt hat, lest ihr nun in den folgenden Abschnitten.

 

 

A Boy and his...eh...Catdogbird?!?

 

Nach einem kurzen Intro und Abbildungen alter Fabelwesen erwacht ihr in einer Höhle in Form eines namenlosen Jungen, dessen Körper von unzähligen kryptischen Tattoos übersät ist. Neben euch liegt sogleich Trico, ein Wesen mit Zügen einer Katze und der Optik einer wilden Kreuzung eines Hundes und Vogels. Da es angekettet ist, kann es euch nichts tun, schreit aber wie wild vor Schmerz auf, denn es hat zwei Speere in seinem Körper stecken.

 

Nach einigen zaghaften Annäherungsversuchen lässt Trico zu, dass man ihm die schmerzenden Waffen entfernt und er wird etwas zutraulicher. Und ziemlich schnell merkt man, dass man ohne seine Hilfe auch nicht aus der Höhle kommt. Nachdem man ihn also von seiner Halskette entfernt hat und erste Fässer mit Schmetterlingen gefüttert hat, folgt euch euer treuer Begleiter auf Schritt und Tritt und ermöglicht euch das Entkommen aus der Höhle. Was sich euch dann offenbart, ist eine mystische Welt, die man so bisher selten gesehen hat. Riesige Türme ragen in den Himmel, gewaltige Ruinen zeugen von einer längst vergessenen Zivilisation und geheimnisvolle Artefakte wecken eure Neugier. Mehr zur Story sollte man auch gar nicht verraten. Letztlich versucht der Junge mit Hilfe von Trico aus dieser Situation herauszukommen. Warum und wie solltet ihr selber erfahren!

 

 

Klettern, spiegeln, wegrennen!

 

Ähnlich mysteriös wie die Geschichte offenbart euch das Spiel auch eure Aufgaben. Zwar werden an einigen Punkten – besonders zu Beginn – noch einige Tasteneinblendungen gemacht, die euch zeigen, wo es lang geht, zum größten Teil müsst ihr aber selber eure Erfahrungen machen und euch den Weg suchen. Besonderes Hauptaugenmerk legte man dabei auf Sprung- und Kletterpassagen, die ihr entweder alleine bewerkstelligt oder mit eurem gefiederten Freund. Gleich zu Beginn findet ihr außerdem einen Spiegel, der Trico Objekte zeigt, die er mit Blitzen aus seinem Schweif zerstören kann. Dies ist nicht nur bei der Überwindung von Hindernissen hilfreich, sondern auch bei den auftretenden Steinsoldaten, die sich euch ab und an in den Weg stellen. Gerne stampft Trico diese aber auch einfach nieder oder zerschlägt sie mit seinen Klauen.

 Da euer Begleiter sich in vielen Fällen wie ein echtes Tier benimmt, hat er einen ausgeprägten eigenen Willen. Hierfür könnt ihr ihn aber auf Tastendruck rufen oder in eine bestimmte Richtung schicken. Kommt Trico aufgrund seiner Größe an einigen Stellen nicht weiter, seid ihr auf euch alleine gestellt, bis ihr entweder ein Tor geöffnet habt durch das er zu euch kommen kann oder ihr an einer Stelle im Level kommt, die er durch einen beherzten Sprung erreichen kann. Trefft ihr in solchen Momenten auf die gefürchteten Steinritter, hilft meist nur Weglaufen. Hier kann sich euer Held nicht wehren.

 

 

Last Gen-Grafik mit Kunstflair

 

Schaut man sich die Geschichte von Team ICO an, wird schnell klar, dass man die grafische und technische Seite ihrer Spiele meist sehr kritisch sehen konnte. Auch „The Last Guardian“ fällt wieder in das gleiche Schema. Zwar wirkt die Grafik in vielen Momenten sehr schön und erinnert hier und da an einen Studio Ghibli-Film, allerdings fragt man sich, warum die Verschiebung auf die PS4 nötig war. Denn das Niveau welches die PlayStation3 an Grafikpracht zaubern konnte, wird hier in keinem Moment erreicht. So sind viele Texturen grob und außer Trico selbst wirkt keine Figur und kein Szenario je so als bräuchte man dafür die Power der PS4.

 Andererseits wirkt der Grafikstil in sich stimmig und wird Freunde von „ICO“ und „Shadow of the Colossus“ definitiv ansprechen. Wer aber standesgemäße Current Gen-Grafik erwartet, wird enttäuscht. Trico hingegen ist das Highlight des Spiels. Seien es die sanften Animationen, die das Fabelwesen absolut lebendig wirken lassen oder die unzähligen Gesten bzw. das Einbringen der Augenfarbe, die seinen Gemütszustand wiederspiegelt. Man muss ihn einfach lieben!

 

 

Das Grauen namens Technik!

 

Wie oben schon erwähnt, waren Fumito Uedas Spiele nie das Gelbe vom Ei wenn man von Technik sprach. Und bei „The Last Guardian“ treibt er es so auf die Spitze, dass dies einige Spieler wirklich vergraulen könnte und das Game polarisieren lässt. So muss man mit der Steuerung eurer Spielfigur beginnen, die in sieben von zehn Fällen an einen betrunkenen Teenager erinnert, der gerade seinen ersten Vollrausch auf dem hiesigen Volksfest hat. Oft stolpert der Junge nach simpelsten Manövereingaben so unbeholfen durch die Kulissen, dass es einem fast schon leid tut. Zwar sind die Animationen immer butterweich, gehen jedoch oft einfach viel zu lange und bringen euch so in die ein oder andere schwierige Situation.

 Erschwert wird die Koordination dann noch durch eine Kameraarbeit aus der Hölle, die euch einige Sprung- und Kletterabschnitte zigmal wiederholen lässt, weil sie wieder im letzten Moment abgedreht ist. So kann man 2016 einfach kein Spiel mehr veröffentlichen, Ueda-san! Weiter unklar ist, ob Trico manchmal wirklich so ein Dickkopf ist oder es einfach der Technik und der Programmierung geschuldet ist, dass er in manchen Momenten nicht das tut was man von ihm verlangt. Nun denkt man, dass solch ein Spiel aufgrund der niedrigen Performance doch perfekt auf der PS4 laufen müsste, doch weitgefehlt. In geschlossenen Räumen ist die Welt noch in Ordnung, in einigen Außenarealen dagegen ruckelt es sehr häufig. Glaubt man Berichten aus dem Netz und anderen Medien soll das Spiel auf der PS4 Pro sehr viel stabiler laufen.

 

 

FAZIT: Es hätte so schön sein können!

 

Wie schon seine anderen Spiele wird auch „The Last Guardian“ die Spielerschaft spalten. Die einen werden es aufgrund der wunderschönen Atmosphäre, dem tollen Artdesign und vor allem Trico lieben, die andere Hälfte wird das Spiel wegen den groben technischen Mängeln verteufeln und die Faszination hinter dem Titel nicht verstehen können. Und genau da liegt die Schwierigkeit bei diesem Test. Betrachtet man die positiven Seiten und die grandiose Umsetzung der Beziehung zu eurem Fabelwesen, könnte man das Spiel fast zu einem der besten drei Spiele des Jahres zählen. Doch leider muss man eben auch betrachten, wie das Komplettpaket wirkt und die Umsetzung von der Theorie in die Praxis bewerten. Und in diesem Punkt kann man „The Last Guardian“ aus heutiger Sicht nicht viel Positives abgewinnen. Natürlich wäre eine weitere Verschiebung fatal für den Titel gewesen, aber zumindest hätte man noch etwas Arbeit in die Kamera stecken müssen. Ja, das Spiel hat faire Rücksetzpunkte und auch keine allzu langen Ladezeiten, trotzdem nervt jeder misslungene Versuch, der auf die Kameraarbeit zurückzuführen ist.

 Für wen also ist „The Last Guardian“ letztlich geeignet? Jeder, der ein außergewöhnliches Spiel sucht und auch mal über technische Mängel hinwegsehen kann und viel Geduld mit sich bringt, sollte zugreifen und mal reinschauen. Fans von polierten Triple A-Titeln, die den Spieler immer wieder auf die nächsten Missionsziele hinweisen, werden mit Uedas Spiel jedoch keinen Spaß haben.