Dead Rising 4 [Xbox One]

Verfasst von Playzocker am 13.12.2016 um 00:19

 

Gefahrengut

 

Unsere Gesellschaft ist in großer Gefahr! Grund dafür sind allerdings offensichtlich nicht Menschen, die das Volk gegeneinander aufhetzen und Ideologien von Hass und Gewalt verbreiten, nein – die Rede ist natürlich von teilverwesten Exmitmenschen, die sich einn gemütliche Jause aus dem Denkapparat unwilliger Weggefährten gönnen wollen. Was George A. Romeros „Dawn oft he Dead“ in der Filmindustrie etabliert hat, schaffte „Dead Rising“ vor einigen Jahren auf der Videospielkonsole: Eine nicht enden wollende Schlacht von Mensch gegen Exmensch, die mit Blut, Eingeweiden und zerteilten Körpern nicht geizt – drei Eigenschaften, die der deutsche „Jugendschutz“ sowohl bei Filmen als auch bei Spielen nicht gerne sieht. So sind „Dead Rising“ und „Dead Rising 2“ in Deutschland aktuell gemäß § 131 StGb wegen Gewaltverherrlichung beschlagnahmt, „Dead Rising 2: Off the Records“ und „Dead Rising 3“ sind auf Liste B indiziert und blicken einer möglichen Beschlagnahme noch entgegen. Einen offiziellen Release in Deutschland bekam noch kein einziger Teil der Reihe spendiert. So wird es vermutlich auch keinen Zombiefan wundern, dass „Dead Rising 4“ keine Ausnahme darstellt. Wenngleich die USK ihre Richtlinien offenbar in den letzten Monaten und Jahren modernisiert hat – immerhin bekamen heuer sogar „Doom“ und, man glaubt es kaum, „Killing Floor 2“ in ihren unzensierten Fassungen eine USK-Freigabe – reicht die Toleranz dennoch nicht für blutige Zombieschnetzeleien. „Dead Rising 4“ bekam keine USK Freigabe und wird demnach wieder nicht offiziell in Deutschland erscheinen. Ein echtes Hindernis ist dies für deutsche Fans nicht, immerhin kann man weitestgehend problemlos eine Importfassung aus dem europäischen Ausland bestellen und spielen. Ob sich dieser Aufwand allerdings lohnt verraten wir euch in unserem Test von „Dead Rising 4“

 

Bad Santa

 

Ob ihr die Vorweihnachtszeit liebt oder – so wie ich – von Jahr zu Jahr mehr verachtet tut spätestens dann nichts mehr zur Sache, wenn Einkaufszentren nicht nur mit goldenen Kitsch-Engeln und unerträglicher Musik gefüllt sind, sondern mit einem Haufen verwesenden Fleisch, das wieder aus seinen Gräbern gestiegen ist und den Lebenden nach dem Leben trachtet. So erlebt es auch Frank West, der nach einer Ruhepause in „Dead Rising 2“ und „Dead Rising 3“ wieder zurück nach Willamette kehrt. Die untoten Horden lassen nicht lange auf sich warten und schon nach kurzer Zeit hat Frank wieder nur ein Ziel vor Augen: Überleben. Die Story von „Dead Rising 4“ – so dünn sie auf dem Papier auch klingen mag – ist dabei weit besser als angenommen. Sowohl Frank als auch seine wichtigen Begleiter werden sehr gut gezeichnet und dank einem gelungenen Skript machen die Dialoge viel Spaß. Allzu viele überraschende Wendungen sollte man sich nicht erwarten, dennoch wird das Spiel über die ca. 20 Stunden lange Kampagne nicht fad. Die beste Entscheidung, die das Entwicklerteam von „Dead Rising 4“ getroffen hat ist allerdings, ENDLICH (!) auf das unsägliche Zeitlimit zu verzichten. Eure Spielerfahrung läuft somit nicht automatisch nach einigen Stunden ab und leitet euch unsanft zum Abspann weiter – unabhängig davon, welche Leistungen ihr bis dahin vollbracht habt bzw. an welchen ihr gerade arbeitet – sondern bietet euch ein theoretisch unendlich langes Spiel, wie von Open World Games gewohnt. Dem entsprechend hat sich auch die Charaktermotivation der NPCs etwas geändert, deren Ziel ist es jetzt nicht mehr, so schnell wie möglich aus Willamette zu flüchten sondern Schrott und andere vermeintliche Wertgegenstände zu sammeln und damit zu Ruf und Reichtum zu kommen.

 

 

Wer suchet, der findet

 

Die klassische „Dead Rising“ Atmosphäre bleibt auch im vier-/fünften Teil erhalten. Neben dem großen Einkaufszentrum, dessen Layout nun weitaus realistischer und überzeugender ist als bisher, stehen euch auch große Außenareale zur Verfügung, die Willamette wesentlich glaubwürdiger und interessanter machen. Wenngleich es den Arealen oftmals an optischer Abwechslung mangelt sorgen die herumwandernden Untoten sowieso dafür, dass ihr eure Aufmerksamkeit nicht allzu lang auf die Umgebungstexturen fokussiert. Zombies gibt es in „Dead Rising 4“ genug – weitaus mehr als im direkten Vorgänger. Dieser lief mit einer Auflösung von 720p und konnte dennoch bestenfalls die Hälfte des Zombie-Aufgebots von „Dead Rising 4“ liefern. Die aktuelle Ausgabe bietet wesentlich mehr Untote, eine höhere Auflösung und kann dies dank geschickter Anpassungen der Engine ohne störende Ruckeleinlagen oder andere Grafikdefekte tun. Gelegentlich kann es bei besonders vielen Gegnern auf dem Bildschirm trotzdem zu leichten Framerateeinbrüchen kommen, manchmal fallen auch flackernde Texturen oder ähnliche ungemütliche Zeitgenossen auf, diese wirken sich allerdings glücklicherweise zu keiner Zeit störend auf eure Spielerfahrung aus. Diese wird wie gewohnt davon dominiert – unabhängig, welche Mission ihr im Moment zu erfüllen habt – massenhaft Untote in noch untötere zu verwandeln. Dies könnt ihr wie gewohnt mit einem nicht enden wollenden Arsenal aus Schlag- und Projektilwaffen sowie modifizierten Fahrzeugen tun.

 

Say Hello to my Little Friend

 

Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, auch nur ein paar der besonderen Waffenkombinationen im Detail zu beschreiben. Zu abgedreht und absurd sind viele der Möglichkeiten, die euch das Spiel bietet. Und das ist auch gut so – in keinem anderen Spiel macht es so viel Spaß, den zahlreichen Collectibles nachzujagen und Waffen-Blaupausen einzusammeln wie hier. Immerhin zahlt es sich spätestens dann aus, wenn ihr einen Pseudo-Granatenwerfer in der Hand halten könnt, der hochexplosive Silvesterraketen auf eure Feinde schießt. Oh ja! Dennoch sind es die stark überarbeiteten Fahrzeuge, die euren permanent eingeblendeten Kill-Count am Schnellsten in die Höhe treiben. Spätestens, wenn man gegen Ende seines Spieldurchgangs über 20.000 Zombies zerlegt und in der Stadt verteilt hat bekommt man womöglich ein lichtes Verständnis dafür, dass der deutsche „Jugendschutz“ dem „Dead Rising“ Franchise nicht mit allzu viel Gegenliebe begegnet. Dabei bietet „Dead Rising 4“ wesentlich mehr als nur gedankenloses Schnetzeln. Immerhin verstecken sich im Spiel unzählige Nebenmissionen, durch die ihr Geheimnisse lüften und vor allem Informationen über die Ereignisse zwischen dem ersten und dem vier-/fünften Teil der Reihe bekommen könnt. Außerdem sammelt ihr durch eure Schnetzelorgien Erfahrungspunkte, die ihr wiederum in euren Skilltree investieren könnt um aus Frank die cartoonhafte Killermaschine zu machen, in die ihr ihn gerne verwandeln wollt. Neben dem Wegfall des Timers (Hallelujah!) gibt es auch andere Modernisierungen, die „Dead Rising 4“ von seinen Vorgängern abheben. So verfügt Frank zum ersten Mal über eine Lebensenergieleiste, die sich automatisch wieder auflädt. Essen muss nicht mehr im Inventar umständlich zusammengekocht werden. Der Name bzw. die Ausrichtung einiger Gegnertypen wurden verändert. Die letzte große Änderung – der wir uns in Kürze im Detail widmen werden – ist der Wegfall der Ko-Op Kampagne, die in „Dead Rising 4“ einem neuartigen Multiplayer-Modus gewichen ist.

 

 

Bist du deppat?

 

Bevor wir uns diesem widmen muss allerdings noch das wohl größte Problem von „Dead Rising 4“ angesprochen werden: Die künstliche Intelligenz, bzw. das absolute Fehlen einer solchen. Es agieren nicht nur die Zombies dämlich, bei diesen könnte man den Umstand immerhin durch das Verwesen des Denkapparates ansatzweise plausibel erklären, sondern auch die menschlichen Gegner sind in vielen Fällen zu blöd um überhaupt in die richtige Richtung zu schießen oder Frank überhaupt wahrzunehmen. Dadurch ist das Spiel nicht nur für Veteranen viel zu leicht, selbst Neueinsteiger würden sich einen auswählbaren Schwierigkeitsgrad wünschen. Gelegentlich zieht „Dead Rising“ die Schwierigkeit allerdings trotzdem durch das Auftauchen neuer Gegnertypen an – da schlägt dann die höhere Schwierigkeit oftmals aber für kurze Zeit auch in Frust um. Kommen wir nun zum Multiplayer-Modus, immerhin klingt zumindest in der Theorie bzw. Sicherheit eines geheizten und mit Strom versorgten Wohnzimmers nichts Schöner, als mit Freunden gemeinsam auf Zombiejagd zu gehen. Im Mehrspielermodus müsst ihr gemeinsam Missionen, Trials und Challenges erfüllen, die oft ähnlich aufgebaut sind wie die der Einzelspielerkampagne. Allerdings werden diese im Laufe der vier Episoden immer schwieriger, zudem bietet die Ko-Op Kampagne ein komplett unabhängiges Charakterentwicklungs-System mit einem eigenen Skilltree. Vor allem für Spieler, denen der Single Player Modus zu leicht ist könnte die Ko-Op Kampagne eine willkommene Abwechslung sein, wenngleich diese zum Zeitpunkt unseres Tests noch etwas unverlässlich war und es immer wieder zu Spielabbrüchen kam oder die nächste Runde einfach nicht starten wollte.

 

The Sound of Silence

 

Während der Gedanke an freilaufende Untote grundsätzlich keine rosige Zukunft bescheinigt ist die Mischung aus Zombies und Spaß eine, die spätestens seit „Tanz der Teufel 2“ und Bruce Campbells unvorstellbarer Coolness fest in den Herzen der Fans verankert ist. Frank hat in „Dead Rising 4“ auch unbekannten Gründen einen neuen Synchronsprecher bekommen, der sich aber offensichtlich bei Bruce und seiner Darstellung von Ash Williams einige Inspirationen geliefert hat. Die Betonung, die Art und Weise in der coole One Liner serviert werden – all das sorgt für eine Menge Spaß. Dass Frank und seine Begleiter zudem noch professionell eingesprochen werden und die Leistungen der Sprecher sogar emotionale Szenen ohne jegliche Lächerlichkeit tragen verbessert die Wirkung der Story um einiges. Lediglich bei einigen NPCs lassen die Sprecher zu wünschen übrig. Die Musik bietet eine hervorragende Mischung aus Weihnachtsmusik und größeren Orchester-Pieces bei heroischen Momenten und liefert einen abwechslungsreichen Soundtrack, der in vielen Momenten allerdings auch Stille als veritables Vehikel zur Steigerung der Atmosphäre akzeptiert und damit ein gut balanciertes Klangbild liefert. Das lässt sich ohne Frage auch über die Soundeffekte sagen, die vor allem in den offenen Arealen sehr gut abgemischt werden und auch bei weiter entfernten Ereignissen dem Spieler ein Gefühl von Direktionalität liefern. Auch Nahkampf- und Projektilwaffen wurden zumeist mit umfangreichem Klangspektrum ausgestattet, lediglich Explosionen klingen sehr schwach und höhenlastig.

 

 

Look at me, Bro!

 

Grafisch bietet „Dead Rising 4“ wie bereits erwähnt eine deutliche Verbesserung gegenüber seinem Vorgänger. Neben der höheren Auflösung und der stark erhöhten Gegneranzahl sind es aber vor allem die überarbeiteten Animationen, die dem Spiel einen besseren Gesamteindruck verpassen. Die Leistung ist dabei weitestgehend stabil, wenngleich Clipping-Fehler, Popups und vereinzelte Framerateeinbrüche trotzdem zu verzeichnen sind. Die Map von „Dead Rising 4“ ist mit ihren Innen- und großen Außenarealen abwechslungsreiche, das Weihnachtsthema wurde dabei sowohl in die Optik als auch in die Akustik und sogar in die Waffenauswahl sehr gut eingearbeitet. Auffällig ist allerdings, dass Blut- und Goreffekte etwas flach und kaum plastisch erscheinen, sodass diese bei Zwischensequenzen oft aufgemalt wirken. Zudem fällt deutlich auf, dass die Gegnervariation recht gering ist und ihr auch in einem Gebiet eine Menge Klonzombies lediglich mit andersfarbiger Kleidung bekämpfen müsst. Bei der Menge an Zombies wird sich allerdings kaum jemand auf einzelne Untote konzentrieren. Die Steuerung wurde ebenfalls überarbeitet, Frank bewegt sich nun etwas flüssiger und schneller. Dies macht sich vor allem zu Fuß bemerkbar, hinter dem Steuer eines Vehikels hätte man sich eine wesentlich feinere Steuerung gewünscht. Auch wenn ihr das Spiel mit dem Analogstick steuert habt ihr beim Fahren fast das Gefühl, ihr verwendet das Steuerkreuz, denn feinere Kommandos als „links“ und „rechts“ scheint das Spiel nicht anzunehmen.

 

Fazit: Alle Jahre wieder … macht das Schlachten von Zombies Spaß!

 

Das Zombie-Genre ist bewundernswert. Seit Jahrzehnten wird die mehr oder weniger selbe Story immer wieder in allen Formen der Medien aufgewärmt und den Fans erneut vorgesetzt – und diese stürzen sich darauf wie Zombies auf ein frisch erbeutetes menschliches Gehirn. „Dead Rising 4“ beweist dabei wieder eindrucksvoll, dass es im Genre keiner großen Innovationen bedarf um einfach nur Spaß zu machen. Zigtausende Untote auf verschiedenste Arten zu eliminieren ist ein unterhaltsamer Zeitvertreib, der im Fall von „Dead Rising 4“ noch von einer gelungenen Story und sehr guten Synchronsprechern unterstützt wird, sodass das Spiel den Status der zynnischen Zombie-Comedy oftmals noch stärker ausnützt als seine Vorgänger und dabei trotzdem nie in die Lächerlichkeit abdriftet. Die größte Stärke des Spiels ist allerdings ohne Frage, dass es als erster Teil der Reihe ohne den unsäglichen Endgame-Timer auskommt und ihr dadurch beim Gang durch das vorweihnachtliche Einkaufszentrum wahrscheinlich weniger Stress empfindet als in der Realität, in der zwar keine Zombies auf euch warten aber dafür andere, vielleicht sogar noch schlimmere Sachen. Wer bereits mit den Vorgängern Spaß hatte und keine allzu großen Innovationen oder gar eine Revolution des Genres erwartet, wird mit „Dead Rising 4“ insgesamt aber auf jeden Fall Spaß haben.

 

 

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