Deponia [PS4]

Verfasst von Playzocker am 23.11.2016 um 10:58

 

PC Master Race

 

Langsam können wir schon nicht mehr hören, wie sehr PC Gamer durch individualisierbare Systeme und höherer Rechenleistung den Konsolenspielern voraus sind. Die Vorteile eines PCs auf dessen technische Komponenten zu reduzieren klammert nämlich einen nicht minder wichtigen Aspekt aus: Ein Genre, das nahezu ausschließlich auf dem PC beheimatet ist und das nur selten Konsolenluft schnuppern darf. Die Rede ist dabei natürlich von Point & Click Adventures, die – wie bereits am Namen abzulesen ist – für die Verwendung einer Maus konzipiert sind. Seit knapp zehn Jahren ist das deutsche Unternehmen Daedalic Entertainment ein Garant für hervorragende Point & Click Adventures mit Humor, kniffligen Rätseln und einem beeindruckenden Grafikstil. Erst heuer veröffentlichte das Studio mit „Randal’s Monday“ von den Nexus Game Studios das erste Spiel für die PlayStation 4. Dabei dürften die Hamburger einen neuen Markt für sich entdeckt haben und bringen mit „Dead Synchronicity“ und „Silence: The Whispered World II“ heuer zwei neue Spiele für die Sony Konsole. Zudem feiert das wohl bekannteste Franchise des Studios ihr Konsolendebut. „Deponia“ hätte bereits 2014 für die PlayStation 3 erscheinen sollen, wurde auf dem System allerdings nie veröffentlicht. Im November 2016 wird das Kultspiel direkt für die PlayStation 4 veröffentlicht und mit „Deponia Doomsday“ soll auch der bislang vierte Teil der Reihe, der für den PC bereits vor einigen Monaten erschienen ist veröffentlicht werden. Bleibt zu hoffen, dass „Chaos auf Deponia“ und „Goodbye Deponia“ ebenfalls noch erscheinen werden. Für diesen Testbericht haben wir Rufus zum ersten Mal nach Deponia begleitet und sind der Frage nachgegangen, ob das 2012 für den PC veröffentlichte Adventure sich auch vier Jahre später auf der Konsole noch sehen – und spielen – lassen kann.

 

Müll, soweit das Auge reicht

 

Menschen leben verschwenderisch. Um diesen Umstand zu erfahren ist es eigentlich gar nicht notwendig, eine der zahlreichen Umwelt-Dokumentationen zu schauen – in vielen Ländern reicht der Blick auf die riesigen Mülldeponien, die von Jahr zu Jahr größer und voller werden. 3,5 Millionen Tonnen Müll werden von allen Menschen auf der Welt produziert. Pro Tag! Ein Problem, dessen sich auch viele kreative Autoren angenommen haben und beispielsweise in dem großartigen Animationsfilm „Wall-E“ verpackt haben. Daedalic hat das Thema 2012 aufgegriffen und für das gleichnamige Adventure den Müll-Planeten „Deponia“ (wohl von „Deponie“ angeleitet) geschaffen. Obwohl der Planet eigentlich für unbewohnbar erklärt wurde fristen viele Menschen ihr tristes Dasein auf selbigem und können dabei Begriffe wie Gesundheit, Wohlstand und Luftqualität bestenfalls in einem zufällig in einem Müllberg gefundenen Lexikon nachschlagen. Einer dieser Deponie-Bewohner ist der Bastler Rufus, dem logischerweise eine Verbesserung seiner Lebensqualität vorschwebt. Apropos schweben – das Elysium, ein elitärer, sauberer Ort schwebt triumphierend über der gigantischen Müllhalde und dient als Wohnort für Reich und Schön. Bewohner von Deponia sind dort allerdings nicht gerne gesehen und werden von den Beamten des Organon in ihrer bedrückenden Heimat festgehalten. Aber Rufus hat noch ein anderes Ziel in der Form des hübschen Mädchens Goal, das er vom Organon retten konnte und in dem er nicht nur die Liebe seines Lebens sondern auch seine Fahrkarte nach Elysium sieht.

 

 

Über sieben Brücken musst du gehen

 

Rufus‘ Weg zum Glück ist kein Leichter – und auch kein Kurzer. Knapp 10 Stunden werdet ihr mit der Geschichte von „Deponia“ beschäftigt sein und in dieser Zeit eine spannende aber vor allem humorvoll erzählte Reise erleben. Die Geschichte stammt aus der Feder von Jan Müller-Michaelis, der auch bei zahlreichen anderen Daedalic Adventures die Story beigesteuert hat. Er hat es bei „Deponia“ perfekt verstanden, nicht nur ein interessantes Ausgangsszenario zu schreiben sondern dieses auch dynamisch und unterhaltsam weiterzuentwickeln. Das Spiel lebt dabei aber nicht nur von der Absurdität des Szenarios und der Spielwelt sondern vor allem von den großartigen und liebenswerten Charakteren. Allen voran steht dabei natürlich Rufus selbst, der durch seine schusselige Art und seine sarkastischen Sprüche ein moderner Guybrush Threepwood sein könnte. Das Dialogbuch ist dabei eines der besten, das wir in den letzten Jahren in einem Point & Click Adventure gesehen haben. Die Dialoge entlocken uns im Minutentakt Schmunzler, lassen uns gelegentlich laut auflachen und sorgen dafür, dass das Erkunden er Umgebung noch mehr Spaß macht als gewöhnlich. Immerhin hat Rufus zu fast allen interaktiven Objekten der Spielwelt etwas zu sagen, was den Spaßfaktor weiter nach oben schraubt. Lediglich in der Szene mit dem Piraten hatten wir den Eindruck, dass Rufus‘ Art weit über das Ziel hinaus geschossen ist und er kurzzeitig richtig unsympatisch erschien.

 

To be continued…

 

Jan Müller-Michaelis verlässt sich beim Dialogbuch von „Deponia“ auf die schönen Seiten der deutschen Sprache und vereint Wortspiele, Redewendungen und blumige Formulierungen zu einer tollen Geschichte. Auf der PlayStation 4 hat „Deponia“ (unter anderem) auch eine englische Sprachfassung an Bord, die hervorragend umgesetzt wurde und sich nicht hinter dem deutschen Original verstecken muss. Der einzige Kritikpunkt, den viele Spieler an der Story von „Deponia“ haben ist deren abruptes Ende, das viele Fragen offen lässt und dem man sehr deutlich anmerkt, dass man nur den ersten Teil eines als Mehrteiler gedachten Spiels erlebt hat. Gerade deswegen bleibt zu hoffen, dass auch die beiden Sequels für die PlayStation 4 portiert werden. Über die Entwicklungen der Geschichte und die Charaktere halten wir uns in diesem Review bewusst bedeckt, da ihr diese am besten beim Spielen selbst erlebt. In Sachen Gameplay ist „Deponia“ ein klassisches Point & Click Adventure. Einen großen Teil der Spielzeit verbringt ihr in den tollen interaktiven Dialogen oder aber ihr bringt euren Kopf mit den zahlreichen Rätseln zum Rauchen. Viele davon erfordern die Kombination verschiedener Objekte, die ihr in der Spielwelt findet. Glücklicherweise könnt ihr mit der L1/R1 Taste des Controllers schnell zwischen allen Objekten mit Interaktionsmöglichkeiten herumschalten, eine Taste wie auf dem PC mit der man alle Objekte auf einen Blick sehen kann gibt es leider nicht. Diese wäre eine große Hilfe gewesen, da interaktive Objekte dank der detailverliebten Hintergründe oft nicht leicht als solche auszumachen sind.

 

 

Kombiniere … ich bin ein Gewinner

 

Die Kombinationsmöglichkeiten der Objekte sind oftmals absurd, überraschend und unerwartet. Wer sich mit dem Stil des Spiels angefreundet hat und im besten Fall bereits Adventure-Klassiker von LucasArts gespielt hat wird allerdings bemerken, dass die Lösungen – wenngleich nur selten wirklich naheliegend – keinesfalls unfair oder gar frustrierend sind. Außerdem bietet das Spiel Rätsel im klassischen Sinn und kleinere Minispiele, sodass über die Laufzeit der Geschichte von „Deponia“ viel Abwechslung geboten wird. Damit nicht genug – mit Voranschreiten der Story verändert sich das komplette Spielgefühl von „Deponia“. Wie bei vielen anderen Adventures auch verbringt ihr die erste Hälfte des Spiels in erster Linie mit (teilweise angenehm komplexen) Inventarrätseln, die Menge der Gegenstände in eurem Besitz wird gegen Ende des Spiels allerdings immer geringer, die Rätsel werden einfacher und bieten damit der dramaturgischen Weitereintwicklung der Geschichte mehr Platz. Wiederspielswert hat der Titel allerdings dennoch nur wenig, da „Deponia“ nur einen Lösungsweg bietet und bei einem erneuten Durchgang kaum Neues bieten kann. Außer natürlich, man aktiviert den Droggelbecher-Modus, der nach dem einmaligen Durchspielen freigeschaltet wird. Dieser ersetzt die Bezeichnung sämtlicher Objekte durch „Droggelbecher“, was das Spiel nicht nur bedeutend schwerer macht („Soll ich jetzt den Droggelbecher mit dem Droggelbecher kombinieren um den erhaltenen Droggelbecher in den Droggelbecher einsetzen zu können oder doch lieber den Droggelbecher zuerst mit dem Droggelbecher…“) sondern auch unglaublich viel Spaß machen kann. In diesem Modus zahlt sich ein erneuter Spieldurchgang wiederum auf jeden Fall aus. Der Droggelbecher-Modus hat sicher maßgeblich zum Kultfaktor des Spiels beigetragen und daher ist es besonders ärgerlich, dass Daedalic diesen nicht in die PlayStation 4 Version des Spiels übernommen hat. Dieser ist leider PC-Spielern vorbehalten.

 

Bob Ross auf deutschem Boden?

 

„Deponia“ lebt aber nicht nur von seinen hervorragenden, unterschiedlichen Charakteren, der interessanten Geschichte und den hervorragenden Puzzles sondern auch von der grandiosen Visualisierung. Daedalic ist bekannt dafür, sowohl die Hintergründe als auch die Charaktere inklusive aller Animationen per Hand zu zeichnen – eine Hingabe, die sich bei dem Look von „Deponia“ auf jeden Fall bezahlt macht. Die Grafik ist vom ersten bis zum letzten Bild beeindruckend und hüllt die Geschichte in ausdrucksstarke Bilder. Die Detailverliebtheit ist dabei atemberaubend, in jedem einzelnen Bild lassen sich unzählige Kleinigkeiten entdecken, durch die die Atmosphäre von „Deponia“ massiv gewinnt. Neben flüssigen Animationen hat man in der deutschen Originalfassung auch großen Wert auf Lippensynchronität gelegt, sodass das Adventure zu jeder Zeit rund wirkt und wie aus einem Guss erscheint. Auch die Akustik des Spiels kann begeistern. Die Musik zählt zu den besten Soundtracks, die wir in dem Genre bislang gehört haben und die deutschen Sprecher leisten wie auch ihre englischen Kollegen sehr gute Arbeit. Jeder Charakter wird durch unterschiedliche Sprachstile und Betonungen individualisiert und jeder Sprecher schafft es, die großartigen Dialoge glaubwürdig und mit dem richtigen Timing zu sprechen, sodass jeder Gag zündet.

 

 

Fazit: Ein Meilenstein des Genres endlich auch auf der PlayStation 4

 

Point & Click Adventures sind – wie der Name schon vermuten lässt – für den PC und die Steuerung mit Maus (und Tastatur) ausgelegt. Dennoch haben einige Spiele in den letzten Jahren bewiesen, dass das Genre auch mit dem Gamepad der PlayStation 4 funktionieren kann. „Deponia“ ist da keine Ausnahme. Wenngleich die Steuerung logischerweise nicht ganz so schnell und präzise von der Hand geht wie auf dem PC lässt sich das Spiel hervorragend spielen, weder die Navigation noch das Inventarsystem oder die Rätsel stellen Spieler vor unnötige Handhabungshürden. Das Spiel begeistert auch nach vier Jahren mit hervorragendem Grafikstil, einer grandiosen Vertonung, einem humorvollen Drehbuch und liefert daher auch Jahre nach seinem Debut auf dem PC einige Stunden Adventure-Unterhaltung. „Deponia“ ist eines der besten Point & Click Adventures, die wir bislang gespielt haben und daher eines, das jeder Genrefan unbedingt gespielt haben sollte. Ein großes Manko der Konsolen-Portierung ist die Tatsache, dass Daedalic auf den genialen Droggelbecher-Modus verzichtet hat, der auf dem PC für viele witzige aber auch knifflige Stunden gesorgt hat.