Dishonored 2: Das Vermächtnis der Maske [PS4]

Verfasst von Playzocker am 23.11.2016 um 10:18

 

Been there, done that

 

Zu Zeiten des klassischen Atari 2600 bestanden Spiele vor allem aus Punkten, Linien und der Vorstellungskraft des Spielers. Mit dem Nintendo Entertainment System kam dann dank der Sidescroller ein großer Schritt für tatsächliche Interaktivität und Langlebigkeit. Viele Kultspiele aus dieser Zeit haben auch heute noch einen besonderen Platz in den Herzen der Spieler. Zurecht. Und das, obwohl man in den meisten de facto eigentlich das selbe tut. Heutzutage sind die Spiele zwar grafisch aufwändiger und haben wesentlich mehr Potential, komplexe Geschichten zu erzählen – die tatsächlichen Aufgaben der Spieler beschränken sich aber meist dennoch auf wenige Möglichkeiten. Selten gibt es ein Spiel, in dem Spieler tatsächlich leben und eine Welt erfahren können, wie es ihnen beliebt. „Dishonored“ aus dem Jahre 2012 war so ein Spiel. Mit einer großartigen Balance zwischen den Stealth-Elementen, Magie und Waffen, der Option unbemerkt an den Gegnern vorbei zu schleichen oder diese in ihre Einzelteile zu zerlegen bot das Spiel mehr Tiefgang und mehr Lebendigkeit als viele andere. Das und der grandiose Grafikstil machten das Spiel zu einem der besten Spiele des Jahres und sorgten dafür, dass die Arkane Studios aus Frankreich für das Sequel wesentlich mehr Möglichkeiten zur Verfügung hatten. 2016 ist es soweit und mit „Dishonored 2 – Das Vermächtnis der Maske“ erscheint eben jene Fortsetzung. Ob diese die hohen Erwartungen der Fans erfüllen kann verraten wir euch in diesem Test.

 

Die Kaiserin ist tot! Lang lebe die Kaiserin!

 

15 Jahre sind vergangen, seit die Kaiserin von Dunwall ermordet und die Tat Corvo Attano in die Schuhe geschoben wurde. Dieser konnte aber seine Unschuld beweisen und auf dem Thron nahm die Tochter der Kaiserin, Emily Kaldwin Platz. Aber, was rede ich – das werden die meisten von euch sowieso bereits wissen, handelt es sich dabei doch um die Handlung von „Dishonored“ aus dem Jahre 2012. „Dishonored 2“ spielt 15 Jahre nach der Geschichte des Vorgängers und beginnt mit einer ausufernden Party. Der Tod der letzten Kaiserin ging nämlich in die Geschichte ein und wird seitdem aus Feiertag zelebriert. Diesmal allerdings taucht die Hexe Delilah auf und beansprucht den Thron für sich selbst. In einer zweifelsohne zweifelhaften Reaktion steht die Allgemeinheit hinter ihr und Emily sowie ihr Freund und Berater Corvo sind erneut in Bedrängnis. An dieser Stelle offenbart sich der erste große Unterschied zwischen „Dishonored 2“ und seinem Vorgänger – ihr könnt auch diesmal mit Crovo Attano spielen, oder aber ihr durchlebt die komplette Geschichte des Spiels mit Emily Kaldwin. Die Vielschichtigkeit des Gameplays von „Dishonored“ bekommt dadurch einige weitere Ebenen spendiert, von denen man viele erst mehr wiederholten Spieldurchgängen wahrnehmen wird können.

 

 

Encore une fois

 

Beide Hauptcharaktere funktionieren hervorragend und wurden gleichermaßen durchdacht in das Spielgeschehen integriert. Corvo und Emily teilen sich einige grundlegende Fähigkeiten, sodass die wichtigsten Bewegungsabläufe sowie das Beherrschen der Vertikalität der Spielwelt von beiden ohne nennenswerte Vor- und Nachteile gemeistert werden kann. Im Laufe der Handlung lernen beide vermehrt unterschiedliche Fähigkeiten, die allerdings nur den Ablauf der Kämpfe sowie das Planen der Schlachten maßgeblich beeinflussen. Die Geschichte an sich unterscheidet sich für beide Charaktere nur recht gering, in den meisten Fällen wurden in Dialogen und Zwischensequenzen nur einzelne Wörter ausgetauscht. Dennoch bekommt die Geschichte alleine durch die anderen Sprecher eine andere Atmosphäre und sowohl die Story als auch die Spielwelt fühlen sich anders an. Dafür und für die kleinen Details der Geschichte, die man nur mit einem bestimmten Charakter erfahren kann, zahlt es sich bereits aus, „Dishonored 2“ mit beiden Charakteren durchzuspielen. War die Geschichte von „Dishonored“ noch in Dunwall angesiedelt, dessen Straßen bedingt durch eine Rattenplage (bzw. zu einem gewissen Grad wohl auch bedingt durch technische Einschränkungen) recht leer waren verschlägt es Corvo und Emily im Sequel nach Karnaca, einer deutlich größeren und deutlich besser ausgebauten Stadt.

 

Entdeckungsreise

 

In Karnaca gibt es einiges zu entdecken. Dem eigenen Forschertrieb freien Lauf zu lassen zahlt sich aus – immerhin lassen sich auf dem Schwarzmarkt Gegenstände einkaufen oder verbessern bzw. spezielle Runen zum Verbessern der Fähigkeiten eures Charakters finden. Außerdem haben die Arkane Studios den phantastischen Artstyle des Vorgängers beibehalten und liefern somit auch mit Karnaca eine schlichtweg atemberaubende Spielwelt. Diese wurde nicht nur architektonisch, sondern auch spielerisch hervorragend gestaltet um in allen möglichen Kampfsequenzen Rücksicht auf verschiedene Spielstile nehmen zu können. Das merkt man allerdings auch, wenn man sich das Leveldesign genau ansieht. Immer wieder stößt man auf Objekte die einfach offensichtlich platziert wurden um beispielsweise für das Blickfeld eines bestimmten Gegners in Deckung gehen zu können und einige Räume wurden in einer Art und Weise gebaut, wie sie zwar ins Spieldesign passen aber in der Realität nie umgesetzt werden würden. Apropos Blickfeld – wollt ihr in „Dishonored 2“ die unauffällige Route gehen, dann wird euch dies noch mehr fordern als im Vorgänger. Die Gegner können euch diesmal bereits aus größeren Distanzen erspähen, unbemerkt von einem Ort zum anderen zu kommen ist dadurch weitaus schwieriger. Allzu intelligent verhalten sich die Gegner allerdings auch auf dem höheren Schwierigkeitsgrad nicht, was sich in den Kämpfen gut ausnützen lässt.

 

 

Dehnungsübung

 

Die Geschichte von „Dishonored 2“ wird euch – je nach Spielstil zwischen 12 und 15 Stunden beschäftigen. Verteilt ihr die Eingeweide eurer Feinde auf der Straße und erzeugt einen hohen Chaos-Faktor könnt ihr das Spiel schneller abschließen, wer sich an niedrigem Chaos versucht oder gar als Schatten ohne entdeckt zu werden oder irgendjemanden töten zu müssen durch das Spiel schleichen möchte muss mit wesentlich längerer Spielzeit rechnen. Wenngleich sich der Chaosfaktor deutlicher auf die Entwicklung der Geschichte auswirken hätte können ist die Story von „Dishonored 2“ sehr gut gelungen und kann das Niveau des Vorgängers sogar noch übertreffen. Im Rahmen der 12-15 Stunden langen Kampagne schafft es Arkane, eine Menge Abwechslung in den Spielablauf zu bringen. So gibt es beispielsweise ein Level, in dem ein Sandsturm immer wieder eure Sicht blockiert oder aber ihr landet in der Clockwork Mansion – einem der vermutlich besten Level, die wir in den letzten Jahren in einem Videospiel gesehen haben – in der ihr das Layout des Levels durch das Betätigen von Schaltern verändern könnt. Oder ihr trefft plötzlich auf Gegner, die ebenfalls über eine Teleportationsfähigkeit verfügen. Zwar sind es oftmals nur Kleinigkeiten, aber derartige Unterschiede sind in nahezu jedem einzelnen Level anzutreffen, sodass das Gameplay von „Dishonored 2“ von der ersten bis zur letzten Minute eine Menge Abwechslung bietet und man als Spieler förmlich dazu gezwungen wird, mit- bzw. umzudenken und andere Spielstile auszuprobieren. Auf wirklich rasantes, actionorientiertes Gameplay scheint „Dishonored 2“ allerdings nicht ausgelegt zu sein. Gelegentlich hat man den Eindruck, die Steuerung sei mit einem leichten input lag behaftet, sodass Kämpfe sich etwas lose anfühlen können.

 

Turbulente Landung

 

Während „Dishonored“ die Unreal Engine 3 Engine genützt hat läuft „Dishonored 2“ mit der Void Engine, die Arkane auf Basis der id Tech 5 Engine entwickelt hat. Dabei wurden nicht benötigte Elemente wie eine offene Spielwelt entfernt und die Grafik verbessert, vor allem die Licht- und Post-Processing-Effekte sollen davon profitieren. Id Tech 5 ist allerdings der Vorgänger der id Tech 6 Engine, die bei „Doom“ Verwendung fand. Dass „Dishonored 2“ auf einer modifizierten älteren Engine läuft merkt man dem Spiel leider deutlich an, da das Fundament des Spiels merklich an seine Grenzen stößt. Das soll keinesfalls heißen, dass die visuelle Präsentation von „Dishonored 2“ enttäuscht, im Gegenteil. Über weite Strecken beeindruckt das Spiel mit hervorragender Weitsicht, detaillierter Umsetzung des grandiosen Artstyle und einer umfangreichen Farbpalette, die sowohl die Tristesse einiger Areale als auch sattes Grün beim Bewuchs von Karnaca sehr gut darzustellen vermag. Auch Grafikeffekte wie vor allem der bereits erwähnte Sandsturm oder das Wasser rund um eure schwimmende Basis wissen zu gefallen. Dass die Engine oftmals an ihre Grenzen stößt lässt sich vor allem bei Post Processing Effekten deutlich erkennen. So sieht man im Spiel oftmals Fehler beim Shading und den Texturen, flackernde Schatten und deutliches Aliasing. Zudem fällt die Framerate vor allem bei höherem Gegneraufkommen schnell ab und lässt auch auf der PlayStation 4 einige Ruckler erkennen. Probleme wie auf dem PC (zum Launch) gibt es auf der Konsole aber glücklicherweise nicht. Während die Animationen grundsätzlich zu gefallen wissen tauchen gelegentlich Clipping-Fehler auf wie Gegner, die nach ihrem Ableben zur Hälfte im Boden verschwinden oder unmotiviert zucken. Vor und nach Zwischensequenzen setzt das Spiel oftmals Schwarzbildblenden, was offensichtlich Ladezeiten kaschieren soll aber für kurze Zeit aus der Handlung des Spiels reißt.

 

 

What did you say?

 

Im englischen Original werden einige Charaktere von prominenten Sprechern verkörpert. Positiv fällt dabei vor allem Sam Rockwell auf, der seinem Charakter eine umfangreiche Range an Emotionen verpasst. Gelegentlich – vor allem bei Corvo aber auch der Kaiserin – gibt es allerdings auch seltsam betonte Passagen oder unpassend erscheinende Emotionen. Trotz dieser kleinen Schwächen ist die Synchronarbeit hervorragend und trägt die Charaktere vielschichtig durch die Geschichte des Spiels. Interessanterweise ist es der Charakter von Captain Meagan Foster – gesprochen von der großartigen Rosario Dawson – deren Charakter sich im Rahmen der Geschichte am meisten entwickelt. Soundeffekte klingen hervorragend, vor allem Schwerkämpfe fühlen sich kräftig und dynamisch an. Leider treten beim Layering der Soundeffekte einige Fehler auf, vor allem mit der Vertikalität des Spiels scheint das digitale Mischpult nicht gut klarzukommen. So klingen Geräusche oftmals näher oder weiter entfernt als sie eigentlich sein sollten und auch die Ebene auf der sich Gegner aufhalten ist oft rein aufgrund des Klangbildes schwer einzuschätzen. Vor allem bei Stealth-Playthroughs kann sich das zu einem Problem entwickeln. Aus der Nähe sind der Klang und die Abmischung der Soundeffekte inklusive deren Post Processing Effekte sehr gut gelungen. Die Musik des Spiels ist druckvoll, dynamisch und untermalt die Geschehnisse sehr gut und passend.

 

Fazit: Trotz technischer Probleme eines der besten Spiele des Jahres

 

„Dishonored 2“ ist keinesfalls ein perfektes Spiel. Vor allem die Entscheidung das Fundament auf Basis der überholten id Tech 5 Engine aufzubauen ist etwas zweifelhaft, da auch auf der PlayStation 4 Probleme mit dem Aliasing, flackernden Schatten, der Framerate und einzelnen Texturen auftreten können, die man bei einem Spiel dieser Größenordnung nicht erwarten würde. Schade ist ebenfalls, dass es durch das oftmals fehlerbehaftete Layering der Soundeffekte schwierig ist den Standort von Gegnern zu ermitteln. Davon abgesehen ist „Dishonored 2“ allerdings ein phantastisches Spiel, das seinen bereits hervorragenden Vorgänger in nahezu allen Belangen übertrifft. Die Story ist großartig geschrieben und bietet, selbst wenn das Setup etwas forciert erscheinen kann, je nach individuellem Spielstil 12-16 Stunden spannende Unterhaltung. Nachdem man bereits in „Dishonored“ mit vielen verschiedenen Spielstilen in die Schlacht ziehen konnte bietet „Dishonored 2“ zwei gleichwertige Hauptcharaktere, die zwar ähnliche Basic Skills haben aber im Laufe des Spiels immer mehr einzigartige Fähigkeiten offenbaren. Dank der vielen Möglichkeiten, sich durch „Dishonored 2“ zu schnetzeln oder zu schleichen bietet das Spiel hohen Wiederspielwert. Trotz seiner zahlreichen technischen Probleme – die womöglich bzw. hoffentlich kurze Zeit nach dem Release per Patch ausgemerzt werden – ist „Dishonored 2“ ein einzigartiges, hervorragendes Spiel, das ohne Frage zu den Highlights des Jahres zählt.

 

 

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