Titanfall 2 [Xbox One]

Verfasst von Playzocker am 07.11.2016 um 16:15

 

Live. Die. Repeat.

 

Nachdem sich Activision von Jason West und Vince Zampella, den beiden ehemaligen Bossen von Infinity Ward, getrennt hatte machten sich diese selbständig und gründeten das neue Studio Respawn Entertainment. Rund 50 Mitarbeiter von Infinity Ward folgten ihnen und arbeiteten an dem Shooter „Titanfall“, der 2014 exklusiv für die Xbox One und den PC veröffentlicht wurde. Die Reaktionen auf das Spiel waren gespalten – die einen lobten es für sein hervorragendes Multiplayer-Gameplay, die Vertikalität und Dynamik sowie die mächtigen Titanen mit denen sich so manches Gefecht binnen kürzester Zeit zugunsten des eigenen Teams wenden ließ. Andere wiederum kritisierten den zum Launch des Spiels sehr geringen Umfang. Um diesen haben sich Respawn und EA allerdings gekümmert und in den Monaten nach dem Launch viele neue Inhalte für das Spiel veröffentlicht um die Online-Community lange bei der Stange zu halten. Eines fehlte aber nach wie vor und wurde von vielen ähnlich schmerzlich vermisst wie bei DICEs „Star Wars Battlerfront“: Eine Single Player Kampagne. Die Freude bei vielen war groß als angekündigt wurde, dass „Titanfall 2“ nicht nur auch für Sonys PlayStation erscheinen soll sondern zudem einen Einzelspielermodus an Bord haben wird. Wir haben uns auf der Xbox One S hinter das Steuer des metallischen Ungetüms geklemmt und verraten euch im Test, ob die neuen Inhalte „Titanfall 2“ noch über die Klasse des Vorgängers heben können.

 

???

 

Während unser Überschrifts-Generator noch unschlüssig ist, ob eine Reference zu „RobotJox“ oder eine zu „Pacific Rim“ besser zu diesem Absatz passt, hat „Titanfall 2“ bereits den Beginn der Kampagne geladen. In dieser findet ihr euch in der Haut von Jack Cooper wieder, der gemeinsam mit dessen Freund Captain Lastimosa eine wichtige Mission erfüllen muss. Lastimosa allerdings kommt beim Absturz eines Raumschiffes ums Leben und so übernimmt Cooper das Steuer seines Titan BT-7274 und wird von diesem durch das Spiel begleitet. Respawn hat im Vorfeld der Veröffentlichung des Spiels – unter anderem bei der Gameplay Demo auf der gamescom 2016, der wir ebenfalls beiwohnen konnten – immer wieder betont, dass die Bindung zwischen Jack Cooper und BT-7274 ein besonders wichtiges Element der Kampagne des Spiels sei. So können uns wir während Unterhaltungen zwischen Cooper und BT für mehrere Dialogoptionen entscheiden und sehen obwohl die Kampagne ohne handelsübliche Zwischensequenzen auskommt einige humorvolle aber auch emotionale Szenen zwischen den beiden Protagonisten. Die eigentliche Geschichte und leider auch die Zeichnung sowie die Interaktion der Charaktere ist absolut generisch ausgefallen und bietet kaum Überraschungen. Vor allem Jack Cooper bleibt die gesamte Kampagne hindurch absolut blass, sodass dessen Schicksal und leider auch dessen durchaus vielversprechende Bindung zu seinem Exoskelett weitestgehend verpuffen. Der einzige Charakter, den man nach dem Ende der Kampagne im Gedächtnis behalten wird ist der deutsche Export-Fiesling Richter, der für einige coole Szenen sorgen kann aber dennoch leider weit von tatsächlicher Charakterzeichnung entfernt bleibt.

 

 

Nummer 7274 lebt!

 

Trotz dieser Schwächen haben es die Drehbuchautoren geschafft, dass einem die beiden Hauptcharaktere nicht völlig egal sind. Dazu tragen vor allem die Dialoge zwischen Cooper und BT bei, die mit ihren humorvollen Einlagen aber auch reichlich Dramatik für Abwechslung im Geschehen sorgen. Schlecht ist die Kampagne keinesfalls, allerdings bleibt sie weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. So ist die Geschichte mit ca. 5 Stunden Spielzeit auch recht kurz ausgefallen und fühlt sich gelegentlich wie ein glorifiziertes Multiplayer-Tutorial an. Während es für Shooter üblich ist sämtliche Gameplay-Mechaniken in der Einzelspieler-Kampagne vorzustellen, damit Spieler sie auch für den Multiplayer-Modus kennen lernen schaffen es einzelne Titel wie „Battlefield 1“ immer wieder, diese offensichtlichen Tutorial-Elemente geschickt zu verpacken und nicht zu offensichtlich erscheinen zu lassen. „Titanfall 2“ schafft das nicht, unterhält dank des abwechslungsreichen Gameplays während seiner Kampagne aber trotzdem. Während der neun Missionen der Kampagne finden wir acht verschiedene Loadouts für BT, die sowohl Raketen, Laser als auch Maschinengewehre mitbringen und uns natürlich auch genügend Gegner vor die Kanonenrohre stellen um diese bildgewaltig auszuprobieren.

 

Wall-E, Aufgabe!

 

Während der Action-Sequenzen wird allerdings auffallen, dass die KI eurer Gegner nicht besonders ausgeprägt ist und diese auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad zwar deutlich mehr Schaden einstecken und austeilen können, insgesamt aber dennoch kaum taktisches Geschick unter Beweis stellen und für Shooter-Veteranen dem entsprechend einfach zu plätten sind. Dennoch ist die Kampagne von „Titanfall 2“ weitaus weniger actionlastig inszeniert als beispielsweise die eines typischen „Call of Duty“. Wenngleich der Abzugsfinger oft genug zum Einsatz kommen wird glänzt das Gameplay neben den dynamischen und dank der flüssigen Steuerung hervorragend umgesetzten Shooter-Passagen auch durch kleine Puzzle-Einlagen sowie Möglichkeiten, die Vertikalität des Level-Designs zu nützen. Wenngleich die Levels grundsätzlich linear aufgebaut sind gibt es immer wieder (geringfügig) andere Wege zum Ziel. Bei den Puzzles gilt es zumeist bestimmte Elemente aus der Umgebung so zu platzieren, dass ihr dann mithilfe eurer Parcours-Fähigkeiten ein ansonsten unüberwindbares Hindernis passieren könnt. Auch klassische Platforming-Sequenzen auf beweglichen Plattformen sind Teil des Spiels, aufgrund der gelungenen Story aber trotz der für das Genre untypischen First Person Perspektive unproblematisch. Auch das Level-Design bietet Abwechslung und lässt uns neben felsigen Außenarealen auch ein brennendes Labor bzw. das Wrack eines Raumschiffs besuchen.

 

 

Variety Show

 

Auch wenn es erfreulich ist, dass „Titanfall 2“ eine Einzelspieler-Kampagne mit an Bord hat werdet ihr den größten Teil eurer Spielzeit dennoch im Mehrspieler-Modus verbringen. Und dieser bietet sowohl bekanntes als auch neues bzw. neu durchdachtes. Insgesamt könnt ihr eure Kräfte in zwölf verschiedenen Modi mit anderen Spielern messen, wobei einige Modi wie „Attrition“, „Capture the Flag“ und „Last Titan Standing“ bereits aus dem ersten Teil bekannt sind. Bei „Amped Hardpoint“ handelt es sich um eine überarbeitete Version des Hardpoint-Modus, der zusätzliche Punkte für das Besetzen bestimmter Punkte ausschüttet. „Variety Pack“ und „T-Day“ sind lediglich Playlist-Versionen der anderen Spielmodi, sodass der Eindruck vom großen Umfang des Multiplayer-Modus womöglich etwas trügen kann. Dennoch gibt es auch einige neue Modi mit dabei, allen voran der „Bounty Hunt“ Modus, den man bereits vor dem Release des Spiels ausprobieren konnte. In diesem Modus geht es darum, Geld zu sammeln und bei den Depots des eigenen Teams einzuzahlen. Wird man getötet, verliert man die Hälfte seines Geldes. Dieses System sorgt für spannende Schlachten, da immer abwägen muss, ob man einen Angriff noch starten soll oder lieber zuerst das bisher gesammelte Geld in Sicherheit bringen soll. Die Terminals zum Einzahlen des Geldes gleichen hart umkämpften Festungen wie bei „King of the Hill“ Matches und die hervorragend balancierte Dynamik der einzelnen Gameplay-Elemente sorgt dafür, dass der Modus nach einigen Spielstunden noch mehr Spaß macht als zu Beginn.

 

Booster Pack

 

Ebenfalls neu ist der Modus „Coliseum“ in dem man Käfigfights mit nur einem Kontrahenten absolvieren kann. Ein völliger Stilbruch mit der bildschirmfüllenden Action, die den Rest der Multiplayer-Erfahrung ausmacht und damit willkommene Abwechslung. Variation bietet Respawn auch bei der Gestaltung der Maps, die herrlich vielseitige Gebiete und Möglichkeiten bieten und allesamt eigene Vorgehensweisen belohnen. Allerdings bieten die Maps auch genügend Potential um mit völlig verschiedenen Spielstilen zum Ziel zu kommen. Diese Möglichkeiten kennen zu lernen und die Besonderheiten der einzelnen Karten kennen zu lernen zählt zu den großen Stärken der Mehrspielererfahrung von „Titanfall 2“. Während der Matches stehen euch elf verschiedene Boosts zur Verfügung, die das Burncard-System des Vorgängers ablösen. Diese Boosts könnt ihr nach einer bestimmten Anzahl an Tötungen einsetzen und damit beispielsweise den von euch verursachten Schaden erhöhen, ein Abwehrgeschütz gegen Titanen aufbauen, etc. Apropos Titanen, auch bei diesen hat Respawn einige Änderungen vorgenommen. Ihr könnt euer metallisches Exoskelett nicht mehr beliebig mit Waffen und Goodies ausstatten sondern greift auf sechs vorgefertigte Chassis zurück, die dem entsprechend auch fixe Vor- und Nachteile im Kampf haben. Ein Titan beispielsweise punktet mit seiner Durchschlagskraft und kann viel Schaden einstecken, bewegt sich durch sein Gewicht allerdings langsamer. Ein anderer wiederum ist leichter, bewegt sich schneller aber kann weder so stark austeilen noch so viel einstecken. Individualisierung über Einsatzboni wie ein Schutzschild oder natürlich auch zahlreiche Skins ist dennoch möglich.

 

 

Meins! Meins!

 

Das neue System zur Individualisierung der Titans wirkt nicht zwangsläufig wie eine Einschränkung des Spielers sondern kann sogar dabei helfen, feindliche Titans auf dem Schlachtfeld besser einschätzen zu können und dem entsprechend taktischer vorzugehen. Grundsätzlich macht die Balance auf dem Schlachtfeld zwischen den verschiedenen Soldatenklassen, Boosts, Loadouts und Titans einen hervorragenden Eindruck. Unser einziger Kritikpunkt ist die Entscheidung, dass Titans als Bonus nach einer Killserie eingesetzt werden und es keine Cooldown-Zeit mehr gibt. Dadurch könnte es – ähnlich wie bei „Call of Duty“ – passieren, dass besonders starke Spieler nahezu pausenlos im Cockpit eines übermächtigen Stahlkolosses sitzen und das gegnerische Team kaum eine Chance und demnach auch kaum Spaß an der Partie hat. Ein weiterer Vorteil des Multiplayers ist das Networking-System, das man sich wie kleine Gilden vorstellen kann. Ihr könnt mehreren beitreten und beim Start des Spiels auf diese Art schnell Leute findet, die ihr kennt bzw. mit denen ihr spielen wollt. Jeder einzelne Spielmodus macht einen sehr guten Eindruck und spielt sich dank des mit kleinen Ausnahmen hervorragenden Balancings einwandfrei. Wir hatten lediglich den Eindruck, dass einige Maps für 10 Spieler etwas zu groß ausgefallen sind und hätten uns gewünscht mit größeren Teams in die Schlacht ziehen zu können.

 

Der Teufel steckt im Detail

 

Sowohl in der Kampagne als auch im Multiplayer-Modus überzeugt „Titanfall 2“ mit seiner hervorragenden Steuerung. Sowohl zu Fuß als auch im vermeintlich sicheren Titan-Koloss steuert sich das Spiel zwar logischerweise anders, aber immer flüssig und eure Befehle werden nahtlos ins Spiel übertragen. Vor allem das Handling der Waffen begeistert in allen Spielmodi. Für weitere Dynamik sorgt auch die Tatsache, dass das Spiel bemüht ist eine Bildwiederholungsrate von 60fps zu erreichen. Dafür arbeitet „Titanfall 2“ mit einer dynamischen Auflösung, die bei besonders wilden Bildschirmgefechten schlichtweg etwas zurückgefahren ist. Die magischen 60fps erreicht das Spiel auf der Xbox One dennoch nur selten, zumal die Framerate auf der Microsoft Konsole schwächer ausfällt als auf dem Konkurrenten von Sony. Oberflächlich betrachtet ist die Grafik von „Titanfall 2“ sehr gut ausgefallen und bietet vor allem mit Wüstenstaub, brennenden Wrackteilen und Mündungsfeuer einige tolle Effekte. Hinter dem Geschehen steckt allerdings eine etwas antiquierte Engine, was man vor allem bei oftmals detailarmen Objekten in der Umgebung und vor allem den Bodentexturen merkt. Dafür punktet „Titanfall 2“ mit einer bemerkenswerten Soundkulisse. Die Effekte wurden hervorragend abgemischt, bieten Direktionalität und verändern ihren Klang maßgeblich wenn ihr am Steuer eines Titan sitzt. Dessen metallene Geräusche machen zudem einen mächtigen Eindruck und auch die druckvollen Waffensounds überzeugen weitaus mehr als noch im ersten Teil. Die Musik und die Sprecher liefern jeweils souveräne Arbeit, werden nach dem Ende des Spiels jedoch kaum in Erinnerung bleiben.

 

 

Fazit: Übertrumpft den Vorgänger in allen Belangen

 

„Titanfall“ war ein sehr gutes Spiel, das seine Multiplayer-Community viele Stunden lang mit spannenden und actionreichen Gefechten versorgt hat. Von Perfektion war das Spiel allerdings weit entfernt – der Umfang zum Launch war recht gering und vor allem das Fehlen einer Einzelspielerkampagne stieß vielen sauer auf. Letzteren Fehler hat Respawn bei „Titanfall 2“ korrigiert und liefert einen Story-Modus, der mit ca. 5 Stunden Spielzeit zwar recht kurz und zudem absolut durchschnittlich ist, der mit seinen beiden Protagonisten allerdings dennoch einige gelungene Momente liefert. Im Multiplayer-Modus liefert das Spiel elf Spielmodi, abwechslungsreiches Gameplay und deutlich spürbares Feintuning im Vergleich zum Vorgänger. Schade ist lediglich, dass das Spiel auf eine offensichtlich veraltete Engine setzt, was man vor allem bei der Qualität von Bodentexturen und Umgebungsobjekten merkt. Grundsätzlich sieht das Spiel aber gut aus – wenngleich die angestrebten 60fps weitestgehend Utopie sind – und klingt hervorragend.

 


 

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