Ride 2 [PS4]

Verfasst von Christian Suessmeier am 21.10.2016 um 20:01

 

Sportlich auf zwei Rädern 

 

Die Evolution der Racing-Spiele ist eine interessante und ereignisreiche Geschichte, die den technischen Fortschritt der Konsolen perfekt wiederspiegelt. Denkt man an Rennspiele bis zum Anfang der 1990er Jahre zurück, ist der Sprung zu heute gigantisch. Neben klassischen Autorennen standen aber auch immer schon Motorräder im Fokus der Entwickler. Trotz der deutlichen Unterschiede im realen Leben, steuerten sich beide Fahrzeugarten aber im Wesentlichen ähnlich. Doch als irgendwann die Realität Einzug in die Videospiele hielt und auch die technischen Möglichkeiten gegeben waren, wurde auch deutlich, wie unterschiedlich ein Motorrad vom Auto im Handling ist. Nachdem Rennspiele wie "Forza Motorsport" oder "Gran Turismo" ein realistisches Abbild des Autorennsports zeigen, steht ein Entwickler bei videospielenden Motorrad-Fans hoch im Kurs: Milestone. Neben der "Moto GP"-Serie möchten die Italiener nun auch Freunde normaler Straßenbikes begeistern und veröffentlichen mit "Ride 2" ein ambitioniertes Spiel. 

 

Du bist das Motorrad! 

 

Wie heutzutage üblich, beginnen wir "Ride 2" mit dem Erstellen unseres eigenen Fahrers, der uns künftig als fahrender Avatar im Spiel vertreten wird. Dies ist nicht besonders umfangreich. Neben Hautfarbe und Namen können wir noch die Nationalität wählen. Sobald das geschehen ist, wartet auch schon das erste Highlight auf uns. Denn wir nehmen Platz auf einer pfeilschnellen Yamaha R6 und müssen uns auf einem kurvenreichen Rundkurs im schönen Griechenland behaupten. Und schon bei den ersten paar Metern wird klar: wer Rennspiele auf vier Rädern beherrscht, ist nicht automatisch der König der Zweiräder. So kann man zwar allerhand Fahrhilfen einschalten und Besonderheiten wie das Abtauchen des Fahrers bei langen Geraden manuell oder automatisch ausführen, jedoch ist hier höchste Konzentration bei der Kurvenfahrt geboten. Sonst macht man ganz schnell Bekanntschaft mit dem Kiesbett. Hat man diesen Einstieg einigermaßen gemeistert, wird man aufgefordert, eines von vier Bikes zu wählen, das man als erstes in seiner Garage begrüßen kann. Und hier ist schon Vorsicht geboten: wählt man nämlich nach persönlichem Geschmack, kann es einem passieren, dass man die ersten Rennen mit einer lahmen Gurke wie der Honda bestreiten muss. Will man hingegen gleich richtig Gas geben, nimmt man die KTM und hat es zumindest in den ersten Rennen etwas leichter. Bei „Ride 2“ werden die Motoräder dabei nicht nach reiner PS-Leistung bewertet, sondern nach Leistungspunkten. Diese errechnen sich aus dem Gewicht und der Motorleistung. 

 

 

Das wilde Leben auf der Rennstrecke 

 

Nachdem ihr euch nun also mit einem Bike zum Start in die Karriere versorgt habt, könnt ihr anschließend aus den unzähligen Modi wählen. So steht euch neben schnellen Rennen, Zeitfahren oder Online-Rennen auch die sogenannte World Tour zur Verfügung. Und diese ist gleichzeitig das Herzstück von "Ride 2" und sorgt für unzählige Stunden Unterhaltung. Denn neben klassischen Meisterschaften mit mehreren Rennen gibt es auch die sogenannten Saison Events, in denen ihr Rennen mit unterschiedlichen Voraussetzungen bestreiten müsst. Neben klassischen Rennen gibt es so auch Zeitrennen oder Herausforderungen, in denen ihr die Kurven möglichst perfekt nehmen müsst. Ähnlich wie in anderen Racing-Games habt ihr hierbei nicht nur die Wahl aus Rennen mit klassischen Straßenbikes, auch PS-starke Rennboliden wie die Prototypen aus der Moto GP stehen euch zur Verfügung. Aber auch Motocross-Fans werden in einigen Rennen abseits der klassischen Rundkurse auf ihre Kosten kommen. Künftig könnt ihr euch also in unzähligen Rennen Credits und Tokens erspielen, die ihr für allerlei Tuningmaßnahmen oder neue Motorräder eintauschen könnt. Ebenso erlangt ihr für jede gute Platzierung in einem Rennen Ruf-Punkte, die euch in einer fiktiven Weltrangliste aufsteigen lassen. Auf der Strecke müsst ihr euch dabei aber nicht alleine bewegen, denn unter dem Punkt „Mein Team“ könnt ihr euch Mitfahrer für einige Modi aussuchen, die euch zum Beispiel andere Fahrer vom Heck halten. 

 

Könntest du bitte DIESE Schraube anziehen! 

 

Was gehört zu einer ordentlichen Rennsimulation? Eine realistische Grafik, die die Motorräder am besten bis zur letzten Schraube perfekt abbildet. Und was die Abbildung der Motorräder angeht, hat sich Milestone wirklich Mühe gegeben. Ähnlich wie in "Forza Motorsport" kann man hier die Bikes getrost aus jedem Blickwinkel betrachten, Fans werden ob der schieren Detailfreude ihre wahre Freude an "Ride 2" haben. Kommen wir nun aber zum leidigen Thema mit dem fast jedes Rennspiel zu kämpfen hat: die sterilen Strecken. Kann man es bei den offiziellen Kursen noch nachvollziehen, dass nicht viel am Streckenrand steht und man natürlich auch keinerlei architektonischen Schönheiten entdecken kann, ist die Gestaltung einiger fiktiven Rundkurse ebenso nüchtern und bieder gehalten. Zwar gefallen einige länderspezifische Bebauungen neben der Straße wie z.B. die Pagoden in Japan, aber alles in allem hätte man sich hier etwas mehr Einfallsreichtum gewünscht. Auch die Menüs und die komplette Präsentation sind in einem sehr nüchternen Ton gehalten. Die Emotionen, die man für den Motorradsport hegt, hätte Milestone hier sicherlich noch intensivieren können. Ganz gut gelungen sind die verschiedenen Witterungsbedingungen. Ob bei Regen oder Sonnenaufgang, die aktuelle Wetterlage wirkt immer realistisch und atmosphärisch umgesetzt. 

 

 

Falsch abgebogen und in der letzten Generation rausgekommen 

 

Die Nüchternheit und emotionslose Präsentation spiegelt sich leider auch in der Technik wieder. So kann man "Ride 2" erst auf den dritten oder vierten Blick als Spiel der aktuellen Generation entlarven. Außer einigen Effekten(wie bei Regen) hinkt das Spiel Genrereferenzen wie "Driveclub" oder "Forza Horizon 3" weit hinterher und wäre wohl in ähnlicher Form auch auf der PS3 bzw. der Xbox 360 möglich gewesen. Schlimm ist besonders die musikalische Untermalung der Menüs und der Rennen. Der belanglose Mischmasch aus elektronischen und rockigen Klängen strapaziert die Nerven des Fahrers in Kombination mit der nötigen Zeit zum Einspielen zusätzlich. Weiterhin hätte man auf etwas mehr Einsteigerfreundlichkeit setzen sollen, um so auch Motorrad-unerfahrene Spieler ans Joypad zu locken. So vermisst man Tutorials zum korrekten Einsatz der verschiedenen Bremsarten und der nötigen Gewichtsverlagerung anfangs schmerzlich. Das Handling der Motorräder wurde allerdings sehr gut umgesetzt. So kann man bei jedem Bike die unterschiedlichen Besonderheiten deutlich spüren und muss sich so an die verschiedenen Arten von Motorrädern anpassen. 

 

Online läuft der Motor rund 

 

Für Freunde des gepflegten Online-Spiels bietet Milestones „Ride 2“ einige interessante Inhalte. Neben klassischen Features wie Einzelrennen oder Meisterschaften gegen andere Spieler weltweit, sind vor allem die Herausforderungen einen Blick wert. Diese sind in täglich und wöchentlich wechselnde Challenges unterteilt und oftmals wirklich anspruchsvoll. Hier kann man sich wirklich mit den Besten der Besten messen. In unserem Test war es zum größten Teil kein Problem, offene Lobbies zum gemeinsamen Rennen zu finden. Allerdings sollte man auch von den individuell einstellbaren Bedingungen Gebrauch machen, denn sonst endet man mit einem Bike mit 130 Leistungspunkten in einem Rennen mit anderen Motorrädern, die weit über 900 Leistungspunkte haben. Auch Lags oder Verbindungsabbrüche waren nie ein Thema. 

 

 

FAZIT: Für Motorrad-Freunde schon jetzt ein unverzichtbarer Titel 

 

Mit „Ride 2“ ist das so eine Sache. Denn wer nur ein wenig Emotionen beim Anblick oder dem Aufheulen eines Motorrads empfindet, der wird mit dem Spiel sicherlich seine Freude haben. Trotzdem setzt das Spiel gewisse Grundkenntnisse voraus, die es so aber leider nie an Neulinge weitergibt. Statt eines regulären Rennens zum Einstieg hätte man hier zum Beispiel eine kurzweilige Fahrschule integrieren können, die einem die ein oder andere Grundlage beibringt und so manchen Frustmoment vermeidet. Das gilt übrigens auch für die Wahl des Motorrads zu Beginn des Spiels. Die Einstiegshürde ist für Nicht-Motorradfahrer einfach recht hoch und könnte für den ein oder anderen Spieler zum Problem werden. Aber ehrlich gesagt wird „Ride 2“ wohl auch kaum von Gamern gekauft werden, die mit Motorrädern nichts anfangen können. Der Otto-Normal-Verbraucher, der virtuell aufs Gas steigen will, greift sowieso eher zu einem Rennspiel mit Autos. Abgesehen von den technischen Mängeln in Präsentation und Grafik während der Rennen, wird das Spiel aber jeden Biker glücklich machen und für ordentliche Langzeitmotivation sorgen. Auch wenn der Karrieremodus ohne Story auskommen muss, ist die große Auswahl an Rennen und verschiedenen Motorrad-Klassen definitiv für einige Stunden Spielspaß gut.