Gears of War 4 [Xbox One]

Verfasst von Playzocker am 13.10.2016 um 14:40

 

Nostalgie trifft neue Generation

 

War es nicht erst gestern, als „Gears of War“ mit seiner Deckungsmechanik das Genre des 3rd Person Shooter revolutioniert und eine völlig neue Gattung des Deckungs-Shooters ins Leben gerufen hat? Nein! Zehn Jahre sind bereits vergangen, seit Epic Games ihr episches Werk auf Microsofts Xbox 360 veröffentlicht hat. Und in der Zwischenzeit ist eine Menge passiert. „Gears of War“ ist nicht nur dank der Abwärtskompatibilität der Xbox One auch auf der aktuellen Konsolengeneration spielbar, The Coalition lieferte in der „Gears of War – Ultimate Edition“ sogar eine technisch überarbeitete Version des Kult-Spiels. Dabei war diese Neuauflage nur eine Fingerübung der Entwickler, die mit „Gears of War 4“ ins Franchise einsteigen würden. Fremd ist die Marke „Gears of War“ für The Coalition aber trotzdem nicht. Das Franchise wurde unter der Leitung von Director of Production Rod Ferguson gegründet. Er wechselte nach dem Kauf von „Gears of War“ durch Microsoft von Epic Games zu Black Tusk Studios, die später in The Coalition umbenannt wurden. Nachdem wir in den vergangenen Monaten bereits die Gelegenheit dazu hatten im Rahmen einer Beta in den Multiplayer-Modus zu schnuppern und die Kampagne auf der gamescom anzutesten ist es nun an der Zeit, die Zahnräder des Krieges tatsächlich in die Gänge zu setzen und uns anzusehen, was der erste Current Gen Ableger des Franchise unter der Haube hat.

 

Gemetzel für zwischendurch

 

„Gears of War 4“ erscheint in Deutschland mit einer USK Freigabe ab 18 Jahren. Im Gegensatz zu anderen Teilen der Reihe, die in Deutschland entweder gar nicht veröffentlicht wurden oder auf dem Index für jugendgefährdende Medien stehen/standen erhielt das Spiel seine Altersfreigabe sogar für die unzensierte Version. Auf den ersten Blick mag dies nicht weiter verwundern, kämpft man doch zu Beginn der Kampagne überwiegend gegen roboterartige Gegner. Diese lassen sich zwar in bester „Gears of War“-Manier in ihre Einzelteile zerlegen, Splatter-Effekte zeigen diese dabei logischerweise aber keine. Fleischige Gegner, die sich dank der serientypischen Kettensäge auf ungustiöse Art und Weise in ihre Einzelteile zerlegen lassen, erwarten euch im Laufe der Kampagne allerdings ebenfalls genug. Das Spiel erscheint neben der Standard-Edition auch in einer Ultimate Edition mit Early Access, Season Pass und Steelbook, außerdem gibt es eine Collector’s Edition, die zum stolzen Preis von ca. 250 Euro zusätzlich zu den Inhalten der Ultimate Edition noch eine Statue, eine Litographie und einen Granaten-Schlüsselanhänger bietet. „Gears of War 4“ ist ein Teil von Microsofts Play Anywhere Programm, sodass ihr mit dem Kauf des Spiels für die Xbox One automatisch auch die PC-Version bekommt und umgekehrt. Wir haben uns für diesen Test allerdings auf die Konsolenversion beschränkt.

 

 

In einem Land nach unserer Zeit

 

Die Story von „Gears of War 4“ setzt 25 Jahre nach dem Ende des Vorgängers ein. Die Locust konnten in die Flucht geschlagen werden, der Frieden auf dem Planeten Sera ist wiederhergestellt. Die KOR (Koalition Ordentlicher Regierungen) soll für Ordnung sorgen. Die Politiker reißen allerdings immer mehr Macht an sich und entwickelt sich zu einem totalitären Regime, mit dessen Vorgehensweise einige nicht einverstanden sind. Diese so genannten Outsider müssen außerhalb der „ordentlich“ geführten Gebiete leben – dort, wo gefährliche Monsterstürme wüten und alles mitreißen, das ihnen im Weg steht. Lebensnotwendige Ressourcen erbeuten die Outsider auf Raubzügen in den Gebieten der KOR. Während eines solchen lernen wir die Protagonisten von „Gears of War 4“ kennen. JD (kurz für Games Dominic) Fenix ist der Sohn von Marcus Fenix und seine beiden Begleiter Del Walker sowie Kait Diaz wollen einen Fabrikator von der KOR stehlen um Verteidigungseinrichtungen selbst herstellen zu können, werden allerdings von den mechanischen Soldaten DeeBees attackiert. Damit beginnt der erste Teil der Kampagne des Spiels, die wie kürzlich veröffentlichte „Call of Duty“ Ableger Gegner aus Fleisch und Blut durch robotische Unholde ersetzt. Das ist womöglich ein geschickter Schachzug um Problemen mit der USK aus dem Weg zu gehen, macht Spielern zumeist aber deutlich weniger Spaß.

 

Wie der Fenix aus der Asche

 

Dieser (zu Beginn) geringere Blutgehalt ist aber nicht die einzige deutliche Veränderung, die man „Gears of War 4“ im Vergleich zu seinen Vorgängern anmerkt. Das Spiel wirkt deutlich erwachsener und wurde wesentlich besser in Szene gesetzt. Die patriotistische und bis an die Grenze klischeehafte Bromance-Stories der Vorgänger gehören der Geschichte an, The Coalition verlässt sich an einigen Stellen auf Set Pieces, die sich vor einem Vergleich mit cinematographischen Meisterwerken wie „Uncharted 4 – A Thief’s End“ nicht verstecken müssen. Konkretere Details zu bestimmten Szenen aus dem Spiel oder den weiteren Entwicklungen der Geschichte möchten wir im Review allerdings nicht erwähnen, da wir Spoiler in unseren Reviews immer auf das unbedingt notwendige Minimum beschränken. JD Fenix verhält sich im Spiel völlig anders als sein Vater, sodass sich der Ton des Spiels vom düsteren Zynnismus der Vorgänger in Richtung einer etwas leichteren Unterhaltung mit One-Liner Comic Relief und sympatischeren Hauptcharakteren verändert hat. All das wirkt auf den ersten Blick neu und womöglich gewöhnungsbedürftig, passt aber hervorragend in das Konzept des Spiels und dank einiger geschickter Story-Einfälle auch in das des Franchises.

 

 

Knöcheltief in Eingeweiden

 

Nachdem ihr euch eine Weile mit den DeeBees herumschlagen müsst seht ihr euch plötzlich mit dem Schwarm konfrontiert – und dieser bringt eine serientypische Komponente ins Spiel, die einige in den ersten Kapiteln vielleicht vermisst haben: Knöcheltief durch Eingeweide waten, die ihre fleischige Behausung aus unerwarteten, meist bleiernen, Gründen verlassen mussten. Diese Monster lassen sich nicht nur blutig in Stücke sägen sondern auch mit dem Lancer in zwei Teile zersägen – spätestens jetzt sind erste Bedenken wieder Geschichte und „Gears of War“ Veteranen in ihrem Element. Die Monster treten in mehreren Versionen auf. Einerseits als Juvies, die aus einem Kokon schlüpfen. Diese stürmen so lange kreischend auf euch zu, bis ihr sie in ihre Einzelteile zerlegt habt. Drohnen sind leicht bewaffnet und können es sowohl im Nahangriff als auch mit Schusswaffen auf euch abgesehen haben. Die Scions hingegen sind – man verzeihe mir das Wortspiel – Scions-Fiction im Sinne des Bane aus „Batman & Robin“. Schmerzunempfindliche Fleischberge, die eine Menge einstecken können aber noch lieber Unmengen austeilen. Größere Bossgegner (nur echt mit leuchtenden Zielscheiben am Körper!) gesellen sich ebenfalls zum bunten Gegner-Mix. Dank seiner Auswahl an fleischigen und metallischen Gegnern bietet „Gears of War 4“ deutlich mehr Gegner-Variation als sein Vorgänger, was das gelegentlich etwas monotone Gameplay aufwerten kann.

 

Twister

 

Ein Highlight des Spiels sind zweifelsohne die Passagen, in denen ihr nicht nur gegen Widersacher jeglicher Art sondern auch gegen die Monsterstürme auf Sera ankämpfen müsst. Diese wurden nicht nur optisch hervorragend umgesetzt und punkten mit dunklen Wolken, Blitzen und herumfliegenden Gegenständen verschiedenster Größenordnungen, sondern lockern auch das Gameplay auf. Nicht nur, dass die Fortbewegung nur mehr in reduzierter Geschwindigkeit möglich ist oder dass unsere Granaten und selbst Projektile keinen geraden Weg mehr nehmen können wir mit etwas Geschick Teile des Levels loslösen und in Richtung unserer Gegner sausen lassen. Die Surround-Anlage leistet während einer solchen Sequenz sicherlich das Äquivalent von fünf unbezahlten Überstunden, was sich für die Atmosphäre des Spielgeschehens aber sehr wohl bezahlt macht. Der beliebte Horde-Modus hat diesmal sogar Einzug in die Kampagne bekommen und liefert einige Momente, in denen ihr eure Stellung vor einstürmenden Gegnerhorden beschützen müsst. Erwähnenswert ist, dass ihr die 8-10 stündige Kampagne von „Gears of War 4“ nicht alleine spielen müsst sondern diese auch im Ko-Op mit einem zweiten Mitstreiter spielbar ist.

 

 

Same same, but different

 

„Gears of War 4“ schlägt in einigen Punkten eine neue Richtung ein als seine Vorgänger, bleibt der Linie des Franchise aber trotzdem weitestgehend treu. So hat es The Coalition hervorragend verstanden, die ausgefeilte Cover-Mechanik der Reihe nicht nur umzusetzen sondern sogar durch einige Kleinigkeiten – wie beispielsweise einen Move, durch den ihr einen Gegner aus der Deckung packt, zu euch zieht und mittels Messer erledigt – zu erweitern. Auch die Steuerung funktioniert hervorragend, die Empfindlichkeit des Analogsticks lässt sich wie von einem Shooter gewohnt verändern. Die KI macht einen sehr guten Eindruck, vor allem stimmt die Balance zwischen den Schwierigkeitsgraden. „Gears of War“ war nie ein einfaches Franchise und zeigt auf den leichteren Settings, dass sich die Gegner oftmals auf eure Mitstreiter konzentrieren und euch dadurch freies Feld bieten. Auf den höheren Stufen hingegen werdet ihr nahezu durchgehend im Dauerfeuer stehen und zudem die ein oder andere Granate in eure Nähe fliegen. Definitiv ein forderndes Spielerlebnis, das glücklicherweise immer fair bleibt. „Gears of War 4“ bietet dank der Monsterstüme und einige geskripteter, kinoreifer Sequenzen mehr Abwechslung als die Vorgänger, das Gameplay an sich hätte allerdings noch mehr Variation durchaus vertragen. Dafür allerdings ist die Handlung wesentlich komplexer und interessanter, wenngleich JD Fenix als Hauptcharakter etwas wenig zu bieten hat.

 

Multiple Choice(s)

 

Für viele Spieler wird der Multiplayer-Modus der Hauptgrund für den Kauf von „Gears of War 4“ sein. Und auch wenn dieser in den kommenden Monaten durch DLCs bzw. im Rahmen des Season Pass noch erweitert wird ist auch dessen Startangebot mit sechs verschiedenen, bekannten, Mehrspielermodi gelungen. Besonders erwähnenswert ist auch diesmal wieder der Horde-Modus, der mit bis zu fünf Spielern (bzw. Bots) gespielt werden kann und in dem ihr euch gegen immer stärker werdende Wellen an Gegnern behaupten müsst. Dabei zählen nicht nur eure Skills sondern vor allem auch Teamfähigkeit und Ressourcenmanagement. Horde ist ein komplexer aber dennoch überraschend einsteigerfreundlicher Spielmodus, der einfach unglaublich viel Spaß macht. Eure Erfolge in Multiplayer-Matches werden mit Erfahrungspunkten und Credits belohnt. Letztere benötigt ihr für den Kauf von Karten, die beispielsweise neue Boni freischalten oder um Crafting-Materialien für andere Karten zu erhalten zerstört werden können. Wer lieber bezahlt anstatt zu spielen kann von den Mikrotransaktionen des Spiels Gebrauch machen.

 

 

Technobabble

 

Die technische Performance von „Gears of War 4“ bringt die Xbox One an ihre Grenzen, dafür aber auch zu Höchstleistungen. Die Kampagne wird in FullHD-Auflösung von 1080p und mit einer Bildwiederholungsrate von 30fps präsentiert, außerdem unterstützt das Spiel auf der Xbox One S HDR. Letzteres sorgt auf unterstützten Fernsehern für großartige Licht- und Farbeffekte, die sogar noch einen Tick besser aussehen als die von „Forza Horizon 3“. Das Licht in „Gears of War 4“ wird unglaublich weich, realistisch, die Spiegeleffekte in Wasserlacken gehören zum Besten, das wir bislang auf der Konsole gesehen haben. Enttäuschend ist, dass es gelegentlich zu leichten Einbrüchen der Framerate kommt, die vor allem beim Erreichen von Speicherpunkten deutlich zu bemerken sind. Die Animationen sind natürlich, rund und dynamisch, lediglich nach dem Tod verfallen Charaktere oftmals in das klassische Ragdoll-Schema. Hin und wieder fallen allerdings auch Schwächen auf, so sind vereinzelte Texturen deutlich weniger detailliert als andere, zudem handelt es sich bei Regen nur um einen oberflächlichen Effekt ohne tatsächliche Auswirkungen auf die Umgebung. In Zwischensequenzen rinnt Wasser gelegentlich sogar in der falschen Richtung (!?) über die Körper/Panzer der Charaktere.

 

Game of Clones

 

Im Multiplayer-Modus läuft „Gears of War 4“ sogar mit 1080p und 60fps, wobei die Bildwiederholungsrate auch hier nicht fixiert ist. Gelegentliche Einbrüche fallen allerdings kaum auf, vor allem weil das Spiel auf der Konsole mit einer variablen Auflösung ausgestattet ist und im Fall von hoher Auslastung die Auflösung geringfügig verändert um die flüssige Darstellung aufrecht erhalten zu können. Auch in Sachen Akustik ist „Gears of War 4“ hervorragend. Die Soundeffekte klingen icht nur phantastisch sondern wurden auch hervorragend abgemischt, sodass ihr nicht nur Direktionalität und räumliches Klangbild erwarten könnt sondern Waffen auch anhand ihrer Schussgeräusche leicht erkennen könnt. Die Musik stammt von Ramin Djawadi, der aktuell die großartige Musik für die Serie „Game of Thrones“ beisteuert, dessen Talent allerdings bereits von Looking Glass beispielsweise für „System Shock“ oder „Thief“ eingesetzt wurde. Djawadi liefert einen wesentlich subtileren und nuancierteren Soundtrack als seine Kollegen bei den Vorgängern, sorgt aber trotzdem für epische Klänge mit hohem Wiederspielwert. Die englische Originalfassung kann zudem mit unter anderem Liam McIntyre, Laura Bailey und Jimmy Smits sowie entsprechend hochwertigem Voice Acting punkten.

 

 

Fazit: Erwachsener, reifer, besser balanciert – aber immer noch spaßiges Gemetzel

 

In Sachen Inszenierung sticht „Gears of War 4“ seine Vorgänger klar aus. Die Kampagne bietet einige cineastisch präsentierte Momente, die im Gedächtnis bleiben werden und punktet nicht nur mit düsterem Zynnismus sondern auch mit etwas leichteren, fröhlicheren Tönen. Leider bleibt Hauptcharakter JD Fenix selbst im Vergleich zu seinen Begleitern etwas flach, die Story motiviert über die 8-10 Stunden lange Kampagne aber trotzdem. Die meiste Zeit verbringen „Gears of War“ Veteranen sowieso im Multiplayer-Modus, bei dem auch dieses Mal Horde der mit Abstand unterhaltsamste und beste Modus ist. Die Mischung aus Können, Teamgefühl und Taktik sorgt für ein einzigartiges Spielerlebnis, das man außerhalb von „Gears of War“ kaum in dieser Qualität bekommt. Das Cover-System funktioniert nicht nur gewohnt gut sondern wurde auch durch Kleinigkeiten weiter aufgebessert. Optisch zählt „Gears of War 4“ trotz vereinzelter Schwächen zu den absoluten Highlights auf der Xbox One und akustisch punktet der Titel durch tolles Voice Acting, phantastische Soundeffekte und geniale Musik von Ramin Djawadi („Game of Thrones“).