XCOM 2 [Xbox One]

Verfasst von Playzocker am 07.10.2016 um 17:21

 

Deja vu!?

 

Auf der gamescom 2015 hatten wir zum ersten Mal die Möglichkeit, einen Blick auf das rundenbasierte Strategiespiel „XCOM 2“ zu werfen. Das Spiel machte einen vielversprechenden Eindruck, war allerdings nur für einen Release auf dem PC vorgesehen. Eine Enttäuschung, immerhin wurden der Vorgänger „XCOM – Enemy Unknown“ sowie das Spin-Off „The Bureau – XCOM Declassified“ auch für die PlayStation 3 und der Xbox 360 veröffentlicht. „XCOM 2“ erschien im Februar 2016 für den PC, von einer Konsolenfassung war auch damals keine Rede. Also sprangen wir über unseren Schatten und haben das Spiel auf dem PC getestet – eine Ausnahme, die sich dank einer Wertung von 9/10 und dem Fazit „Das beste „XCOM“, das es je gab“ auf jeden Fall gelohnt hat. Dennoch hatten wir beim Spielen der PC-Version den Eindruck, dass das Spiel für die Steuerung mit dem Gamepad optimiert wurde. Viele Befehle erforderten einfach zu viele Klicks und hätten einfacher gelöst werden können. Wenig überrascht waren wir, als 2K die Konsolenversion für die PlayStation 4 und die Xbox One angekündigt hat, die vor wenigen Tagen bereits veröffentlicht wurde. Wir haben uns ein weiteres Mal in die Kommandanten-Uniform geschmissen und erklären euch im folgenden Testbericht, ob „XCOM 2“ auch auf der Xbox One überzeugen kann.

 

Versager!

 

Wir haben versagt! Selten geht ein Videospiel-Franchise das Wagnis ein in den ersten Minuten des Sequels alle unsere Erfolge aus dem Vorgänger zu zerstören. Wir haben die Aliens also besiegt und den Angriff auf die Erde abwehren können? Denkste! Letztendlich war uns die schleimige Brut aus dem dunkelsten Winkel des Universums überlegen und hat unseren schönen Planet zu ihrer neuen Heimat auserkoren. Jetzt, 20 Jahre nach der Invasion, wollen wir den Spieß umdrehen und werden selbst zu Invasoren. Zugegeben, allzu kreativ oder innovativ ist diese Story nicht – trotzdem liefert sie den interessantesten Ansatz von „XCOM 2“: Die komplette Umkehr von allem, das wir im direkten Vorgänger erlebt haben. Durch den Rollentausch allein spielen sich sämtliche Missionen komplett anders, uns stehen mehr Möglichkeiten zur Bewältigung unserer Aufgaben zur Verfügung und es gibt schlicht mehr zu tun. Obwohl „XCOM 2“ ohne umfangreiche Tutorials auskommt schafft es das Spiel, auch Neulinge zu Beginn nicht komplett im Regen stehen zu lassen. Es wird sicherlich dauern, bis man sich mit den Grundfunktionen des Spiels ausreichend auseinandergesetzt hat um wirklich effektiv arbeiten zu können, aber die Menüs und eure Basis sind durchgehend sehr übersichtlich aufgebaut.

 

 

Bittere Realität

 

Dennoch wird es vor allem in den ersten Spielstunden zu Niederlagen kommen. Schmerzhaften Niederlagen. Frustrierenden Niederlagen. Wenn man es sich leicht machen will, schiebt man die Schuld dafür dem unausgegorenen Balancing des Spiels in die Schuhe. Ja, die ersten Stunden des Spiels sind hart, einige Missionen und Auseinandersetzungen unfair und gelegentlich sogar unmöglich zu gewinnen. Aber bei dem Grad an Realismus, den „XCOM 2“ anstrebt ist es auch nicht verwunderlich, dass ihr bei der Eroberung eines Planeten manchmal in Situationen hineinschlittert bzw. in Gefechte verwickelt werdet, in denen ihr einfach schlechte (oder gar keine) Karten habt. In der Situation wird euch diese Erklärung allerdings wenig helfen – und eine Mission zu starten in der ihr eine wertvolle Maschine beschützen müsst, nur um zu sehen dass der zufällig agierende Level-Generator ein starkes Monster direkt neben diese platziert und euch zudem noch weitere Feinde in den Weg gestellt hat wird immer frustrierend sein. Aber, um es mit den Worten von Survivor zu sagen: „Went the distance, now I'm back on my feet. Just a man and his will to survive.“

 

You must fight just to keep them alive

 

Die menschlichen Charaktere bleiben zwar auch in „XCOM 2“ weitestgehend flach, dennoch schafft es das Spiel eure Begleiter und Untergebenen so gut darzustellen, dass euch deren Schicksal nicht egal ist. Der Verlust einer Einheit ist ein niederschmetterndes Ereignis, siegreich aus einer Schlacht hervorzugehen ein Grund zum Jubel. Und das zurecht. Denn alles, was am Bildschirm passiert, habt ihr zu verantworten. Nicht selten werdet ihr euch über Entscheidungen freuen oder ärgern, die ihr bereits vor Stunden getroffen habt. Nicht selten wird euch das Ausmaß eurer Handlungen erst weit später bewusst. All das kann zu Beginn des Spiels zum Frustfaktor beitragen, dient aber in erster Linie dem hohen Realismusfaktor des Spiels. Ihr könnt/sollt in jeder Situation nach bestem Wissen und Gewissen handeln, eure Entscheidungen wohl überlegen – aber müsst letztendlich auch mit den Konsequenzen leben, sofern ihr Fehler gemacht habt. Und da ihr in „XCOM 2“ in jeder einzelnen Minute wichtige Entscheidungen treffen müsst – welche Mitarbeiter bilde ich aus, worauf konzentriere ich meine Forschung, welche Rohstoffe baue ich ab, mit welchen Regionen arbeite ich als nächstes zusammen, welche Missionen bringen die besten Belohnungen, etc. – werden euch Fehler garantiert passieren. Aber das ist, zu einem gewissen Grad, nicht nur Teil sondern auch Sinn des Spiels.

 

 

Wie war das im Mittelteil?

 

Aber alles der Reihe nach. In unserer fliegenden Basis bauen wir wichtige Anlagen wie beispielsweise das PSI-Labor oder ein Kriegszentrum und betreiben Forschung, um unsere Bodentruppen mit immer stärkeren Upgrades versorgen zu können. Dabei ist logisch: Je mehr Wissenschaftler ihr Hirnschmalz zum Kochen bringen, desto schneller ist der Forschungsauftrag erledigt. Ingenieure können wir diesmal allerdings einzeln bestimmten Aufgaben zuteilen und damit Prioritäten setzen. Das Konzept von „XCOM 2“ ist so hervorragend durchdacht, dass es nahezu jeden Spielertypen unterstützen kann. In unserem Praxistest sind wir nie vor dem Problem gestanden, dass wir entweder nicht weiter wussten oder ein von uns gewünschtes Ziel einfach nicht umsetzbar war. Bereits nach wenigen Spielstunden machen sich – je nach Spielstil – extreme Unterschiede in der Beschaffenheit der Basis, der Truppen oder auch der Strategien in den Missionen bemerkbar. Eine interessante Neuerung von „XCOM 2“ ist auch, dass eure Basis fliegen kann und ihr dadurch die Möglichkeit bekommt, verschiedene Teile der Erde zu besuchen.

 

Apokalyptische Freundschaftsanfrage

 

Auf diese Art knüpft ihr Kontakte in neuen Regionen, gewinnt Unterstützer für die Revolution und außerdem Zugang zu wertvollen Rohstoffen. Die sind auf eurer Basis auch dringend notwendig – ansonsten können eure Wissenschaftler in Kürze nur mehr Däumchen drehen. Während ihr euch mit diesen Elementen des Spiels beschäftigt werdet ihr oftmals von einer besonders interessanten Komponente des Spiels überrascht: Den so genannten düsteren Ereignissen. Dabei handelt es sich im weitesten Sinne um Buffs, die euren Feinden für kurze Zeit zur Verfügung stehen. Dadurch bekommen sie beispielsweise bessere Rüstungen, können eure Truppen vergiften, etc. Glücklicherweise können eure Spione immer rechtzeitig herausfinden, welche düsteren Ereignisse euch bevor stehen. Das Problem: Ihr seid trotzdem weitestgehend machtlos. Immerhin starten die Aliens meistens zwei oder drei dieser Ereignisse gleichzeitig – und ihr könnt nur einem einzigen entgegen wirken. Eine weitere wichtige Entscheidung, die ihr quasi nebenbei treffen müsst, die aber gravierende Auswirkungen auf euer Fortkommen im Spiel haben kann.

 

 

David gegen Goliath

 

Durch diese Ereignisse bekommt ihr zudem regelmäßig zu spüren, dass ihr euch im Krieg mit einem übermächtigen Gegner befindet. Allerdings könnt ihr diese Underdog-Position an anderen Stellen wiederum für euch nützen. So sind eure Truppen zu Beginn der meisten Missionen getarnt und versteckt. Dadurch könnt ihr diese geschickt in Position bringen und eure ahnungslosen feinde gnadenlos einkesseln und aus mehreren Richtungen gleichzeitig angreifen. Ein diabolisches, aber irgendwie auch gutes Gefühl. Hierbei machen sich die Gameplay-Unterschiede durch den Rollentausch im Vergleich zum Vorgänger besonders deutlich bemerkbar. Generell stehen euch in den Missionen noch mehr Möglichkeiten offen. Den größten Kritikpunkt an „XCOM – Enemy Unknown“ hat Firaxis Games auch bravourös verbessert. Viele Spieler haben sich an den oftmals ähnlich wirkenden Maps und den sich wiederholenden Missionszielen gestört – das ist jetzt Geschichte. „XCOM 2“ führt ein neues System ein, das sowohl die Maps als auch die Platzierung der Gegner bei jedem Missionsstart neu, per Zufallsgenerator und damit einzigartig berechnet. Dadurch kann es zwar gelegentlich auch zu unfairen Aussetzern kommen wie etwas weiter oben bereits beschrieben, die meiste Zeit über bleibt das Spiel allerdings fair.

 

Ziehen Sie an, Geräucherter!

 

Und auch der etwas umgekehrt erscheinende Schwierigkeitsgrad bei „XCOM 2“ – es beginnt schwer und wird gegen Ende hin immer leichter – ist durch den grundlegenden Aufbau des Spiels ebenfalls zu erklären. Immerhin seid ihr im Krieg mit einem mächtigen Gegner und habt zu Beginn weder mächtige Waffen noch Rüstungen. Sobald ihr nach einigen Spielstunden über bessere Ausrüstung und natürlich auch bessere Taktiken verfügt, wird das spiel logischerweise einfacher. Weiters darf man sich zu Beginn des Spiels keinesfalls auf etwaiges Vorwissen verlassen. Die Sektoiden beispielsweise sind wesentlich tödlicher als noch im Vorgänger – diese dürften in den vergangenen 20 Jahren viel dazu gelernt haben – und auch von Gesichtslosen geht eine neue tödliche Gefahr aus. Diese tarnen sich nämlich gerne als harmlose Zivilisten. Kommen wir ihnen zu nahe ist mit etwas Pech auf einen Schlag – im wahrsten Sinne des Wortes – unsere komplette Einheit filettiert. Ebenfalls neu ist, dass wir viele Missionen unter Zeitdruck erledigen müssen. Dabei blinkt aber nicht einfach ein Timer im Bildschirm auf, sondern es steht beispielsweise unser Rettungsschiff unter Beschuss oder eine Bombe in der Nähe explodiert in Kürze. Daher müssen wir die Mission nicht nur wohldurchdacht sondern vor allem auch schnell abschließen. Zeitdruck-Missionen sind im Verlauf von „XCOM 2“ aber viel zu häufig, wir hätten es bevorzugt wie von rundenbasierten Strategiespielen gewohnt mehr Zeit zum Taktieren und Tüfteln zu haben. Vor allem aufgrund der zufällig generierten Umgebungen ist dies ein weiterer, eigentlich unnötiger Frustfaktor.

 

 

Ein bisschen PSI schadet nie!

 

Wie von Strategiespielen gewohnt kommandiert ihr auf dem Schlachtfeld auch in „XCOM 2“ verschiedene Charakterklassen mit individuellen Stärken und Schwächen. Ein Agent kann beispielsweise feindliche Elektronik hacken. Dazu küsst ihr kein nerviges Minispiel absolvieren, dafür hängt euer Hack-Erfolg vom Zufall ab. Habt ihr einen guten Technologie-Wert könnte es sogar gelingen feindliche Mechs auf eure Seite zu bringen. Mit etwas Pech stärkt ihr sie allerdings nur und könnt dann nur hilflos dabei zuschauen, wie eure Einheit zerlegt wird. Der Sturmsoldat hat das Schießgewehr an den Nagel gehängt und rückt seinen Feinden diesmal mit einem Schwert zuleibe. Scharfschützen und Grenadiere wurden nur geringfügig verändert, die wohl größte Neuerung bieten die PSI-Soldaten als fünfte Klasse. Dabei handelt es sich um kein Upgrade für bestehende Soldaten mehr sondern um eine eigene Klasse, auf die wir außerdem nicht erst gegen Ende des Spiels Zugriff bekommen. Daher können wir auch bereits wesentlich früher mit geballter Gedankenkraft auf unsere Feinde losgehen. Auch wenn wir eingangs erwähnt haben, dass die Charaktere an sich etwas flach bleiben, egal sind sie uns bei „XCOM 2“ definitiv nicht. Immerhin können wir jede Kleinigkeit an unseren Truppen – von Ausrüstung bis hin zum Gesicht – verändern und werden (hoffentlich) viele Stunden mit einzelnen Truppen verbringen können.

 

Play it again, Sam!

 

Die Portierung des Spiels auf die Xbox One ist hervorragend gelungen. Die hochkarätige Optik macht auch auf der Konsole einen sehr guten Eindruck. Zudem läuft das Spiel angenehm flüssig, lediglich bei großen Explosionen kann die Framerate für kurze Zeit ins Stocken geraten. Das kann wie auch gelegentliches Tearing bei Zwischensequenzen oder seltenen Fehlern bei der Kameraführung oder den Animationen den Gesamteindruck nicht trüben. Enttäuschend sind lediglich die langen Ladezeiten, die gelegentlich weit länger als eine Minute sein können. Die Steuerung ist sehr gut ausgefallen und stellt erneut unter Beweis, dass das Spiel mit einem Gamepad im Hinterkopf konzipiert wurde. Vor allem die Zielansicht macht mit einem Gameplay in der Hand wesentlich mehr Sinn und ist deutlich einfacher zu bedienen als mit Maus und Tastatur. Einzelne Befehle wie beispielsweise das Werfen einer Granate wirken immer noch etwas kompliziert, wirklich stören kann das den Spielfluss aber zu keiner Zeit. 

 

 

Fazit: „XCOM 2“ macht auch auf der Konsole eine hervorragende Figur

 

Böse Zungen könnten jetzt meinen „Warum nicht gleich so?“. Immerhin war die Enttäuschung bei einigem „XCOM“-Fans – uns eingeschlossen – groß, als angekündigt wurde, dass „XCOM 2“ ausschließlich für den PC erscheinen soll. Nach knapp achtmonatiger PC-Exklusivität ist das Spiel Ende September 2016 allerdings auch für die PlayStation 4 und die Xbox One erschienen und macht auf der Konsole erwartungsgemäß eine sehr gute Figur. Die offensichtlich für ein Gamepad optinierte Steuerung funktioniert hervorragend und wirkt deutlich runder als die Maus/Tastatur-Steuerung auf dem PC. Dass vereinzelte Befehle trotzdem etwas länger brauchen als unbedingt notwendig stört genau so wenig wie die gelegentlichen Kamera- und Animationsfehler sowie die seltenen Framerate-Einbrüche. Lediglich die ungemütlich langen Ladezeiten von deutlich mehr als einer Minute nagen am Spielfluss und Spielspaß. Und somit heißt es auch auf der Konsole: Wenn das Schicksal der Erde auf dem Spiel steht, darf man ja eigentlich gar nicht aufhören, oder?

 

 

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