Virginia [PS4]

Verfasst von Playzocker am 03.10.2016 um 19:33

 

Hubert, mach was!

 

Seit jeher sind Videospiele ein interaktives Medium. Sie präsentieren Herausforderungen, die Spieler mit Geschicklichkeit, Kombinationsgabe und anderen Fähigkeiten lösen müssen. Wenngleich dieser Grundsatz erhalten geblieben ist hat sich die Definition des Mediums Videospiel in den letzten Jahrzehnten drastisch verändert. Während Spiele zu Beginn Interaktionen nach keiner oder bestenfalls rudimentärer Handlung ermöglichten rückte die Geschichte mit der Weiterentwicklung der technischen Möglichkeiten des Mediums immer weiter in den Vordergrund – so weit, dass heutzutage bereits epische Geschichten in interaktive Form gebracht werden, die jede Kinoleinwand sprengen würden. Oder aber, Spiele schlagen einen komplett anderen Weg ein, stellen die Geschichte in den Vordergrund und beschränken die Interaktionen des Spielers auf ein Minimum. Verschiedene Dialogoptionen und kleine Rätsel (Telltale), Walking-Simulatoren in denen sich der Spieler die Geschichte durch das Erforschen der Umgebungs selbst zusammensetzen muss („Everybody’s Gone tot he Rapture“, „Gone Home“) oder gar nur das Weiterklicken eines interaktiven Romans („Psycho-Pass: Mandatory Happiness“) erfreuen sich aktuell großer Beliebtheit. Das immer mehr als Kunstform anerkannte Medium Videospiel findet immer wieder neue Wege, dem Spieler eine noch nie dagewesene Erfahrung zu liefern. So auch in „Virginia“.

 

Back to the Roots

 

„Virginia“ ist das erste Spiel des britischen Entwicklers Variable State. Gegründet wurde das Studio von Jonathan Burroughs und Terry Kenny, die in den letzten Jahren bei Rare und Electronic Arts (Burroughs) bzw. Rockstar (Kenny) gearbeitet haben. Für „Virginia“ nahm man sich die wahre Geschichte eines verschwundenen Jungen im ländlichen Virginia zum Vorbild. Die Handlung des Spiels wird auf 1992 datiert, der Spieler übernimmt die Rolle von Anne Tarver, die neu bei FBI ist und neben dem Fall des verschwunden Jungen noch eine zweite, interne Ermittlung gegen ihre Partnerin Maria Halerpin aufgebrummt. Mehr möchten wir euch an dieser Stelle über die Story des Spiels nicht verraten. Im Vergleich zu den interaktiven Dramen von Telltale hat der Spieler keine Möglichkeit, die Geschehnisse zu beeinflussen. „Virginia“ läuft vor dem Auge des Spielers ab wie eine ca. 90 Minuten lange Episode einer Mystery-Krimi-Serie aus den 90ern. Die oft angesprochenen Gemeinsamkeiten mit „Twin Peaks“ und „Akte X“ lassen sich dabei nicht von der Hand weisen. Die Atmosphäre, die Gratwanderung zwischen Genie und Wahnsinn, die nicht lineare Erzählstruktur – sogar ein Finale in einem rot ausgeleuchteten Raum – sind alle vertreten. Dabei ist „Virginia“ aber keinesfalls ein ideenloser Abklatsch seiner Vorbilder. Einflüsse aus verschiedenen Richtungen sind zu spüren, aber zu keiner Zeit aufdringlich.

 

 

Detektivische Kleinarbeit

 

„Virginia“ geht seinen eigenen Weg – und das ist auch gut so. Ihr erlebt die Geschichte aus der Ego-Perspektive und habt nur zwei Möglichkeiten: gehen und interagieren. Sobald ihr mit der Mitte eures Blickfelds über ein Objekt oder eine Person fährt, mit der ihr interagieren könnt, verändert sich der Cursor und mit einem Tastendruck startet die Interaktion. Im jedem der kleinen Gebiete, die ihr im Laufe des Spiels besucht ist es zudem auf den Blick eindeutig, was ihr wo zu tun habt. Das wird allerdings zu keiner Zeit als Unkreativität der Entwickler wahrgenommen. Adventure-Fans haben sich im Laufe ihrer Videospielkarriere bereits ein gewisses ‚detektivisches Grundwissen‘ angeeignet, das ihnen bei „Virginia“ in die Karten spielt. So navigiert ihr Anna durch eine Geschichte, die zwar spielerisch linear erzählt wird, inhaltlich allerdings alles andere als linear ist. Die Ereignisse des Spiels finden im Laufe einer Woche statt und halten zahlreiche Überraschungen bereit.

 

Mein Becher hat acht Ecken…

 

Die größte Überraschung hat allerdings Entwickler Variable State für die Spieler in petto: In „Virginia“ wird nämlich kein einziges Wort gesprochen. Die komplexe Handlung, die zwischen Identitätskrise, Loyalität und mysteriösem Kriminalfall schwankt, wird komplett stumm erzählt. Die Akustik des Spiels verlässt sich dabei ausschließlich auf die Musik von Lyndon Holland, die jede Emotion und Szene grandios unterstreicht und sicherlich zu dem besten gehört, das bislang heuer im interaktiven Medium zu hören war. Auch bei der visuellen Präsentation ist „Virginia“ zurückhaltend und bietet im Gegensatz zu beispielsweise „Everybody’s Gone to the Rapture“ keine beinahe photorealistische Kulisse. Stattdessen nimmt das Spiel den klassischen Polygon-Look an und serviert Kaffe beispielsweise in achteckigen Tassen. Rückschrittlich ist die Optik des Spiels aber dadurch keinesfalls, da die Spielwelt immer noch lebendig erscheint und die farbliche wie stilistische Präsentation hervorragend zur Erzählstruktur passt. Schade ist allerdings, dass es gelegentlich zu Framerate-Einbrüchen und Rucklern kommt.

 

 

Fazit: Kultverdacht! Eines der großen Indie-Meisterwerke des Jahres!

 

„Virginia“ ist ein Spiel, wie wir es bislang noch nie gespielt haben. „Virginia“ nimmt sich viele Freiheiten und gibt dem Spieler kaum welche. Die Story ist vorgegeben und lässt sich durch den Spieler nicht verändern. Auch verschiedene Dialogoptionen wie beispielsweise bei Telltale werden nicht angeboten – im Gegenteil, „Virginia“ kommt seine komplette Laufzeit von ca. 90 Minuten ohne ein einziges gesprochenes Wort aus. Dafür verlässt sich die emotionale Tragweite der Geschichte voll und ganz auf die hervorragende Musik von Lyndon Holland, die ihren Zweck mehr als nur erfüllt. Die reduzierte Optik des Spiels passt ebenfalls hervorragend zur einzigartigen Atmosphäre, sodass die narrative Komponente und die Inszenierung wie aus einem Guss erscheinen. Eines ist allerdings klar: „Virginia“ wird polarisieren. Kritiker, wir eingeschlossen, sind von der einzigartigen Präsentation und der komplexen Story schlichtweg begeistert und sehen einen wegweisenden Meilenstein in Sachen story-driven gameplay. Spieler, denen bereits die Adventures von Telltale zu wenige Interaktionen zu bieten haben, sind hier aber definitiv an der falschen Adresse.