Psycho-Pass: Mandatory Happiness [PS4]

Verfasst von Playzocker am 03.10.2016 um 18:31

 

Kann man für etwas bestraft werden, das man nicht gemacht hat?

 

Keine Sorge – diese Frage mündet nicht in die Aussage ‚…denn ich habe meine Hausübung nicht gemacht‘, die bereits bei achtjährigen auf dem Schulhof für humoristische Lähmungserscheinungen sorgt. Vielmehr handelt es sich bei dieser Frage um einen philosophischen Ansatz, den Philip K. Dick in seiner Kurzgeschichte „Minority Report“ begründet hat. In dieser Geschichte – die von Stephen Spielberg mit Tom Cruise in der Hauptrolle verfilmt wurde – ist bereits der Gedanke an ein Verbrechen ausreichend genug, um bestraft zu werden. Im fernen Osten hat Gen Urobuchi mit „Psycho-Pass“ ein ähnliches Konzept geschaffen, das in einigen Punkten allerdings noch weiter geht. Hier ist es nicht einmal ein konkreter Gedanke an einen konkreten Gesetzesbruch, der zur Präventivstrafe führt, sondern der geistige Allgemeinzustand des Patienten. Alle Menschen sind dazu verpflichtet, den so genannten Psycho-Pass mit sich zu führen. Dieser durchleuchtet die Psyche seines Trägers und verändert passend zu dieser seine Farbe. Ist ein Mensch glücklich, so erkennt man das durch einen hellen, sauberen Psycho-Pass. Je schlechter die seelische Verfassung des Trägers, desto dunkler erscheint auch der Psycho-Pass. Dessen Verfärbung reicht bereits aus, um therapiert, festgenommen oder sogar getötet zu werden.

 

Willkommen in der Welt der erzwungenen Fröhlichkeit

 

Bei „Psycho-Pass“ handelt es sich um eine futuristische Science-Fiction-Serie, die 2012 in Produktion ging und 22 Episoden umfasst. Zwei Jahre später wurden elf weitere Episoden produziert, 2015 folgte sogar ein Kinofilm. Alle Episoden sowie der Film sind im deutschsprachigen Raum von Kazé auf DVD und Blu-ray veröffentlicht worden. Nun erscheint hierzulande auch die Videospielumsetzung „Psycho-Pass: Mandatory Happiness“, die in Japan bereits vergangenes Jahr veröffentlicht wurde für die PlayStation 4 und die PlayStation Vita. Wobei, der Begriff ‚Videospiel‘ ist in diesem Zusammenhang womöglich falsch gewählt. „Psycho-Pass: Mandatory Happiness“ präsentiert sich nämlich als Visueller Roman und geht damit noch einen Schritt weiter als die interaktiven Dramen von Telltale. Diese haben in den letzten Jahren stark an Beliebtheit zugelegt, konfrontieren den Spieler allerdings mit einer stark reduzierten Version interaktiver Unterhaltung. Die Geschichte läuft dabei wie bei einer TV-Serie vor den Augen des Spielers ab, der lediglich die Dialoge (zumeist nur geringfügig) per Multiple Choice Verfahren beeinflussen kann. Nur selten lassen einzelne Passagen des Spiels etwas spielerische Freiheit um kleine Rätsel zu lösen oder Hinweise zu finden.

 

 

Sprechen Sie deutsch?

 

„Psycho-Pass: Mandatory Happiness“ geht noch einen Schritt weiter. In Japan hat sich das Konzept der Visual Novels auch auf der aktuellen Konsolengeneration bereits etabliert, für europäische Spieler ist dies noch ungewohnt. Die Handlung wird ausschließlich in Textform präsentiert. Im unteren Bereich des Bildschirms ist eine Textbox ähnlich wie bei klassischen Rollenspielen, in der man sowohl die Dialoge als auch die Erzählungen des Protagonisten lesen kann. Die Dialoge werden zudem auch vertont, die Erzählungen sind ausschließlich in Textform. Lokalisiert wurde das Spiel für seinen Release im deutschsprachigen Raum leider nicht – lediglich die japanischen Originalstimmen und englische Texte werden geboten. Wer des Englischen mächtig ist bekommt dafür bei „Psycho-Pass: Mandatory Happiness“ nicht einfach eine liebliche Standardübersetzung à la Google sondern hervorragend formulierte Texte, die stilistisch auch den Anforderungen an einen anspruchsvollen Roman genügen. Das inszenierte Drumherum ist lediglich als Bonus für die Erfahrung zu werten, die man für gewöhnlich mit einem halben Kilo Papier in der Hand auf der Couch hat.

 

Inszenierte Lesung

 

So bekommt man bei „Psycho-Pass: Mandatory Happiness“ neben den Texten und den japanischen Stimmen zur Untermalung des Geschehens auch Soundeffekte und Musik. Die Visualisierung des Visual Novel hingegen hält sich stark in Grenzen und bleibt in Sachen Zurückhaltung oftmals sogar unter einem Motion Comic. Bei den Charakteren bewegen sich fast ausschließlich die Lippen, Animationen werden nicht geboten. Dadurch bekommt die Visualisierung des Romans einen recht sterilen Look, der zwar optisch zur Anime-Vorlage passt, dessen makellose Produktionsqualität aber nicht einhalten kann. In diesem Bereich hätte das Spiel definitiv mehr bieten können. Die meiste Zeit über wird man das allerdings nur am Rande mitbekommen, da man wie gebannt auf die drei Zeilen Text am unteren Bildschirmrand starren wird. Für die Story von „Psycho-Pass: Mandatory Happiness“ zeichnet sich Serienschöpfer Gen Urobuchi persönlich verantwortlich, der Charaktere und eine Handlung geschaffen hat, die hervorragend in das „Psycho-Pass“ Universum passt und andererseits einen anderen Blick auf die totalitäre Dystopie ermöglicht.

 

 

Anime-sitäten

 

Man könnte die Geschichte in den Anfang der ersten Staffel der Anime-Serie einordnen, was sowohl für Fans der Vorlage als auch für Neueinsteiger einen großen Vorteil bietet. Kenner werden viele Elemente der Handlung wiedererkennen und auch ohne Lektüre der zusätzlichen Hinweise in der Enzyklopädie des Spiels einordnen können. Für Neulinge ist die Geschichte zu Beginn zwar weniger durchsichtig, dafür allerdings umso mysteriöser und vor allem von Beginn an spannend. Vorwissen aus dem Anime wird nicht benötigt, das Spiel funktioniert als eigenständige Geschichte. Diese könnt ihr wahlweise aus der Perspektive von Nadeshiko oder Tsurugi erleben, die beide aus anderen Beweggründen zu einem Entführungsfall dazu stoßen. Bereits nach kurzer Zeit entpuppt sich die Entführung allerdings nur als kleiner Teil einer großen Problematik, die sich im Laufe der nächsten Spielstunden Stück für Stück entfaltet.

 

Twister

 

Mehr möchten wir an dieser Stelle über die Handlung des Spiels nicht verraten, da wir uns sonst sehr schnell auf dünnes Spoiler-Eis begeben würden. Dünn ist dieses vor allem deswegen, weil sich die Entscheidungen des Spielers hier weitaus deutlicher auf das Spielgeschehen auswirken als bei den Kollegen von Telltale. Wir haben das Spiel für diesen Test mit beiden Charakteren mehrmals durchgespielt und dabei trotz gemeinsamer Szenen eine völlig unterschiedliche Geschichte mit zahlreichen verschiedenen Enden erlebt. Der Story-Verlauf von „Psycho-Pass: Mandatory Happiness“ ist absolut unvorhersehbar und liefert etliche Überraschungen. Das kann sowohl positiv als auch negativ sein, da an manchen Stellen die Auswirkungen der Entscheidungen des Spielers ebenfalls unvorhersehbar sind. Dennoch bekommt man an einigen Punkten des Spiels die Möglichkeit, den weiteren Handlungsverlauf zu beeinflussen. Die Geschichte ist dabei zu jeder Zeit spannend, interessant und sowohl für Fans von „Psycho-Pass“ als auch für Neueinsteiger verständlich.

 

 

Let’s Play Psycho-Pass

 

Die Bedienung des Spiels ist hervorragend ausgefallen und für das Visual Novel Konzept sehr gut durchdacht. Die Textgeschwindigkeit lässt sich frei einstellen, auch kann man festlegen ob der Text automatisch ablaufen und wechseln soll oder nur auf Kommando des Spielers. Bei Entscheidungen ist kein Menüpunkt vorab markiert, sodass man nicht versehentlich eine Option auswählt, die man gar nicht möchte. Zudem bietet das Spiel die Möglichkeit, 90 verschiedene Spielstände anzulegen, sodass man vor jeder einzelnen Entscheidung speichern könnte um sich die unterschiedlichen Handlungsabläufe der Reihe nach anzusehen. Nach dem Spiel kann man sich auch alle Szenen des eigenen Handlungsverlaufs im Menü separat ansehen oder über ein Mini-Spiel Soundclips oder eine Bildgalerie freischalten. Bei diesem Minispiel handelt es sich um eine Variation des beliebten Smartphone-Spiels „2048“ bei dem ihr Vierecke mit Zahlen übereinander schiebt und sich deren Werte addieren. Erreicht man bestimmte Werte, verschwinden Kästchen wieder vom Bildschirm und ihr erhaltet Punkte. Das System ist einfach, fordernd, macht süchtig und kann für lange Zeit beschäftigen – vor allem, wenn ihr die komplette Galerie freischalten wollt.

 

Fazit: Hervorragende Geschichte mit einzigartiger Atmosphäre, aber gewöhnungsbedürftigem Spielkonzept

 

„Psycho-Pass: Mandatory Happiness“ ist ein Spiel, wie wir es bis dato noch nicht erlebt haben. Das düstere Cyberpunk-Setting auf Basis der beliebten und erfolgreichen Anime-Serie „Psycho-Pass“ wurde hervorragend umgesetzt, die Geschichte ist spannend und auch ohne Vorwissen aus dem Anime verständlich. Durch die teils gravierenden Auswirkungen der Spielerentscheidungen auf den Handlungsverlauf bleibt das Konzept trotz spärlicher Interaktionen interessant. Allerdings sollte man sich vor dem Kauf des Spiels unbedingt bewusst sein, dass „Psycho-Pass: Mandatory Happiness“ die Bezeichnung Visual Novel ernst meint und tatsächlich ein Roman ist, der mit Bildern, Soundeffekten und Musik inszeniert wurde und zudem auch in der deutschen Fassung nur im japanischen Original mit englischen Texten präsentiert wird. „Psycho-Pass: Mandatory Happiness“ spielt man nicht, man liest es. Und dank der hervorragend geschriebenen englischen Texte, der tollen Charaktere und der herrlich düsteren Atmosphäre tut man das auch gerne. Ein Mini-Spiel im Stil des Smartphone-Hits „2048“ ist ebenfalls mit an Bord und dient als zusätzlicher Zeitvertreib bzw. um in der Galerie Soundclips und Bilder freizuschalten.