The Walking Dead - Michonne - Episode 1: In Too Deep [PS4]

Verfasst von Playzocker am 29.03.2016 um 10:10

 

Drama, Baby, Drama!

 

Videospiele haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Vorbei sind die Zeiten einfacher „geh dort hin und töte das/den“-Stories. Spieler wollen Charaktere, Emotionen und vor allem die Möglichkeit, die Geschichte und deren Ausgang beeinflussen zu können. Telltale Games war an dieser Entwicklung maßgeblich beteiligt. Als das Studio vor knapp sechs Jahren die erste Staffel von „The Walking Dead“ veröffentlicht hat, haben Spieler nicht schlecht gestaunt. Basierend auf der bekannten Comic- bzw. TV-Serie lieferte das Studio ein fünf Episoden umspannendes, interaktives Drama ab, bei dem Spieler nicht nur die Geschichte sondern auch das Verhältnis der Charaktere zueinander stark beeinflussen konnten. Je asozialer man sich verhält, desto schwerer wird das Finale. In diesem wird man immerhin von den anderen Überlebenden unterstützt – vorausgesetzt natürlich, sie haben tatsächlich überlebt und liegen nicht völlig im Clinch mit uns. In den folgenden Jahren hat Telltale neben einer zweiten Staffel von „The Walking Dead“ auch andere Franchises wie beispielsweise „Game of Thrones“, „Borderlands“ oder zuletzt „Minecraft“ zu interaktiven Serien verarbeitet, derartig weitreichend wie in „The Walking Dead – Season 1“ waren die Entscheidungen des Spielers allerdings nicht mehr. Während man aktuell auf Hochtouren an der dritten Staffel des erfolgreichen Zombie-Franchises arbeitet erscheint mit „The Walking Dead – Michonne“ eine nur drei Episoden lange Miniserie mit Michonne in der Hauptrolle. Wir haben uns die erste Episode „In Too Deep“ auf der PlayStation 4 näher angeschaut.

 

When there’s no mehr room in hell…

 

Die ersten beiden Staffeln von Telltales „The Walking Dead“-Serie basierten zwar auf den Comics, erzählten die Geschichte allerdings aus den Blickpunkten von völlig neuen Charakteren. Nur so konnte gewährleistet werden, dass der Spieler auch tatsächlich Handlungsfreiheit hat und nicht letztendlich doch an die Story der Comics (bzw. der TV-Serie) gebunden ist. In der ersten Staffel hatten lediglich Glenn und Herschel einen kurzen Gastauftritt. „The Walking Dead – Michonne“ ist nun das erste Mal, dass tatsächlich ein Charakter aus der Vorlage eine prominente Rolle in der interaktiven Serie bekommt. Warum man sich dafür gerade Michonne ausgesucht hat, ist leicht nachvollziehbar. Immerhin ist sie einer der coolsten, toughsten und auch interessantesten Charaktere des „The Walking Dead“-Universums. Um trotzdem keinen Konflikt mit der Vorlage eingehen zu müssen spielt die Geschichte von Telltales Miniserie zwischen den Comics #126 und #139, in denen Michonne die Gruppe verlässt um sich mit ihren inneren Dämonen zu beschäftigen. Was sie in der Zwischenzeit erlebt und warum sie letztendlich doch wieder zur Gruppe zurück kehrt wird Thema der Telltale Story sein.

 

 

The Voices

 

Eines wird „The Walking Dead“ und vor allem Michonne-Fans sofort auffallen: Michonne wird in der Telltale Serie nicht von der selben Schauspielerin gesprochen, die sie in der TV-Serie verkörpert. Anstelle von Danai Gurira schlüpft Samira Wiley in die Rolle und liefert eine absolut hervorragende Performance ab. Michonnes Emotionen sind zu jeder Zeit glaubwürdig und in Sachen Animationen machen sich deutliche Weiterentwicklungen bei Telltale Games bemerkbar. Obwohl „The Walking Dead – Michonne“ grundsätzlich auf dem selben Gameplay-Konzept aufbaut und die Telltale-Formel um keine neuen Elemente anreichert wirken die Charaktere wesentlich menschlicher als noch in den ersten beiden „The Walking Dead“-Staffeln. Das liegt hauptsächlich daran, dass die Bewegungen wesentlich subtiler und reduzierter wirken. Eine einfache Geste kann in „The Walking Dead – Michonne“ schon fast einen kompletten Dialog ersetzen, wohingegen die Bewegungen in den ersten beiden Staffeln oftmals noch recht fahrig und übertrieben gewirkt haben.

 

The Evil Within

 

„The Walking Dead – Michonne“ beginnt damit, dass Michonne von ihren traumatischen Erlebnissen berichtet. Dabei wechselt die Perspektive wiederholt zwischen dem Jetzt und der Vergangenheit, was sowohl spannend als auch visuell herausragend umgesetzt wurde. Auch Telltales gewohnter comichafter Stil wirkt wesentlich detaillierter, zumal „The Walking Dead – Michonne“ etwas düsterer ausgefallen ist als die Episoden aus den ersten beiden Staffeln. Auch wenn die typische Telltale-Formel unangetastet bleibt – man entscheidet sich für eine von fünf Optionen während der Dialoge, untersucht Objekte in den offeneren Momenten und kämpft mit Hilfe von QTEs – unterscheidet sich die Präsentation letztendlich doch stark von dem, was Spieler von den ersten beiden Staffeln von „The Walking Dead“ gewohnt sein werden. Michonnes Charakter tritt wie bereits in der Vorlage wesentlich öfter in den offenen Konflikt mit den Untoten, bereits in der Intro-Sequenz gibt es eine lange und sehr blutig umgesetzte Kampfszene. Generell sollte man sich bei „The Walking Dead – Michonne“ auf viele gespaltene, zerstörte und abgeschlagene Zombie-Köpfe und sogar eine kurze Folterszene einstellen – und das im Gegensatz zu den ebenfalls recht derben „Tales from the Borderlands“ und „The Wolf Among Us“ vollkommen ohne Humor. „The Walking Dead – Michonne“ ist sicherlich die brutalste Serie, die Telltale Games bisher geschaffen hat, aber auch die Atmosphärischste.

 

 

Fazit: Vielversprechender Start für einen der coolsten Charaktere aus dem TWD-Universum

 

Leider wird Michonne in der interaktiven Spin-Off Serie nicht von der selben Schauspielerin verkörpert wie in der erfolgreichen TV-Serie, allerdings ist die schauspielerische Leistung von Samira Wiley hervorragend und lässt dieses Manko bereits nach wenigen Sekunden vergessen. „The Walking Dead – Michonne: Episode 1 – In Too Deep“ ist ein hervorragender Auftakt einer neuen, dreiteiligen Miniserie. Brutal, düster und atmosphärisch hat Telltale Games einen der interessantesten Charaktere aus dem „The Walking Dead“-Universum umgesetzt. Die Episode bietet knapp 90 Minuten Spielzeit, danach wartet man sofort auf die Fortsetzung, die hoffentlich in absehbarer Zeit erscheinen wird. Aus technischer Sicht ist „The Walking Dead – Michonne“ die bislang beste interaktive Serie von Telltale Games. Durch die reduzierten Animationen wirken Gesten und Bewegungen der Charaktere nicht mehr fahrig und übertrieben sondern tatsächlich menschlich und aussagekräftig. In Kombination mit den hervorragenden englischen Sprechern sorgt das für eine beeindruckend dichte Atmosphäre, die hoffentlich in den nächsten zwei Episoden aufrecht erhalten werden kann.

 

 

Wenn ihr euch vor dem Kauf selbst ein Bild von „The Walking Dead – Michonne: Episode 1 – In Too Deep“ machen wollt, könnt ihr euch dieses Video auf unserem Partner-Kanal Playzocker Reviews anschauen. Dieses zeigt euch einen möglichen Weg durch die Episode, ohne Unterbrechungen oder Kommentare.