Oscars 2014 - Eine kleine Geschichte der Filmmusik in Hollywood

Verfasst von Phil Heron am 27.02.2014 um 12:48

 

Am 2. März 2014 werden die 86. Academy Awards in Hollywood verliehen. Dies haben wir zum Anlass genommen, um uns mit einem Aspekt hinter den Kulissen der Filme zu beschäftigen, der die Rezeption eines Films durch den Zuseher maßgeblich beeinflusst, aber im Kontrast zu Kamera, Schnitt oder Schauspieler niemals im Film zu sehen ist und doch in vielen Fällen die Gefühle des Publikums anspricht: Die Filmmusik.

 

Zum Beginn des Kinos wurde Musik dazu verwendet, um von der Stille und dem Rattern des Projektors bei den Stummfilmen abzulenken. Ausschnitte aus klassischer und populärer Musik wurde meist von einem Pianisten oder Organisten eingespielt, der zu dem Film improvisierte oder jedem der Filme die selbe Tonpalette verlieh. Wie in einem Café oder Nachtclub spielte neben der Hauptattraktion Musik, die der reguläre Kinogeher oft nicht wahrnahm. Für Filme wurde zur Anfangszeit des Kinos noch keine spezifische Musik komponiert. Neben dem Kinopianisten wurden auch oft Aufnahmen verwendet, die eigens für Kinos angefertigt wurden, aber keinem einzelnen Film zugeschrieben waren, bis der klassische Komponist Camille Saint-Saëns 1908 beauftragt wurde, für den Kurzfilm La Mort du Duc de Guise eine Partitur zu komponieren. Somit beginnt mit Saint-Saëns die Ära des Filmkomponisten, die sich in den nächsten Jahren immer mehr ausweitete. Schon 1915 wurde ein Film das erste Mal mit einem vollen Orchester begleitet, nämlich mit Joseph Carl Breils durchkomponierter Filmmusik zu D.W. Griffiths umstrittenem Meilenstein The Birth of a Nation. Der Erfolgsgeschichte der Filmmusik in Hollywood stand dadurch nicht mehr im Wege. Doch nicht nur in den USA entwickelte sich die Filmmusik während der Stummfilmzeit, auch in Deutschland konnte man die groß angelegten Kompositionen von Komponisten wie Hans Erdmann (Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens) oder Gottfried Huppertz (Metropolis) aus den Orchestergräben im Lichtspielhaus bewundern.

 

Als Al Jolson 1927 im ersten großen Tonfilm The Jazz Singer anfing zu singen, stand dem Vormarsch der großen Filmmusik nichts mehr im Wege: Nun musste man nicht jeden Abend ein ganzes Orchester in den Filmtempeln Hollywoods beschäftigen, man konnte die Musik ein mal aufnehmen und sie direkt in den Film einbinden. Die Academy of Motion Picture Arts and Science brauchten trotzdem bis zum Jahr 1935, um die Musik in den Filmen mit einem Oscar zu ehren und verliehen Victor Schertzinger und Gus Kahn für One Night of Love den Academy Award für die Beste Musik. In den vierziger Jahren begann auch die Ära der großen Hollwood Komponisten: Meister ihres Fachs wie Erich Wolfgang Korngold, Max Steiner oder Miklós Rózsa untermalten die Filme des alten Hollywoods mit romantischen und bombastischen Klängen. Dissonanz suchte man hier vergebens, Einflüsse moderner klassischer Musik waren in der Traumfabrik lange Zeit keine Option. Während Komponisten wie Arnold Schönberg oder Charles Ives neue tonale und atonale Klangregionen in der Musik erforschten, musste man im amerikanischen Kinos bis 1955 warten, um diese Art von Musik auch im Kinosaal hören zu können, denn in diesem Jahr komponierte Leonard Rosenman seine Musik zu Elia Kazans East of Eden, die bis zu diesem Zeitpunkt ungehörte Kompositionstechnik enthielt. Auch moderne Komponisten wie Bernard Herrmann (Alfred Hitchcocks Hofkomponist) oder Franz Waxman (Sunset Boulevard)prägten mit ihrem unverwechselbarem Stil die Musik der Silver Screens. Auch elektronische Filmmusik hatte in den 50er Jahren mit Louis und Bebe Barrons Musik zu Forbidden Planet ihre Hollywoodpremiere, ebenso wie die amerikanische Musikform Jazz mit Scores wie Duke Ellingtons Anatomy of a Murder in Hollywood Anklang fand.

 

In den Sechziger Jahren erlebte die Filmmusik einen großen Wandel, besonders mit der steigenden Popularität europäischer Filme. Komponisten wie Georges Delerue, Nino Rota, Ennio Morricone oder Mikis Theodorakis wurden auch über ihre Landesgrenzen hinaus bekannt und beeinflussen bis heute das Schaffen vieler Filmkomponisten. Mit dem Wandel der Zeit in den USA der späten Sechziger Jahre veränderten sich auch die Filme und damit ihre musikalische Untermalung. Klassiker wie Easy Rider verzichteten ganz auf traditionelle Filmmusik und legten den Grundstein für heute bekannte Soundtracks, die ausschließlich aus Songs bestehen. Während in den Siebziger Jahren Filmscores wie John Williams Star Wars eine Reminiszenz an das alte Hollywood aufkommen ließen, kam nun auch Funk und Soul zum Repertoire der amerikanischen Filmmusik hinzu und bekannte Künstler wie Isaac Hayes (Shaft)oder Marvin Gaye (Trouble Man) konnten für ganze Filmscores gewonnen werden. Als 1978 Giorgio Moroder mit Midnight Express den ersten Oscar für einen komplett elektronischen Score erhielt, begann die Academy auch langsam ihren Konservatismus in Sachen Filmmusik aufzulockern. Die elektronische Filmmusik wurde durch Moroder, John Carpenter, Wendy Carlos und Gil Melle in den späten Siebziger Jahren langsam salonfähig gemacht und erreichte in den Achtziger Jahren ihren absoluten Höhepunkt: Fast keine Filmmusik in diesem Jahrzehnt kam ohne wenigstens ein elektronisches Instrument aus und selbst berühmte Komponisten wie Maurice Jarre oder Basil Pouledoris, die hauptsächlich für ihre Orchesterkompositionen bekannt waren, versuchten sich am Synthesizer, mit mehr oder weniger Erfolg. In den Neunziger Jahren fing man an, sich mehr auf Song Albums zu konzentrieren und somit ist für viele Sammler so manche interessante Filmmusik nicht auf der CD enthalten und durch Songs der Stars des Stunde ersetzt worden. Quentin Tarantino perfektionierte in seinen Filmen wie Pulp Fiction, Kill Bill und Jackie Brown die Verwendung schon zuvor existierender Songs und erzielte mit den Verkaufszahlen der Soundtrackalben beachtliche Beträge.

 

Heutzutage ist die Filmmusik in Hollywood eine Mischform all dieser gelernten Techniken. Minimalistische Elekronikcluster wie Hans Zimmer sie komponiert, Verhaltener Romantizismus bei Alexandre Desplat, Wagnersche Leitmotivik und auch experimentelle Klänge bei Howard Shore, experimentell anmutender Pop bei Jon Brion, Mischformen aus tonaler und atonaler Musik bei Michael Giacchino oder an klassische Musik des zwanzigsten Jahrhunderts angelehnte Musik bei Jonny Greenwood, die Filmmusik in Hollywood (und auf der ganzen Welt) ist heute so breitgefächert wie noch nie.