Fakten und Fiktion in 47 Ronin

Verfasst von Johannes Mayrhofer am 09.02.2014 um 20:10

Vorsicht Spoiler-Gefahr! Im folgenden Text wird der Inhalt des Fantasy-Films 47 Ronin besprochen (hier gehts zur Filmkritik) und seine Verbindungen zu tatsächlichen japanischen Ereignissen, Legenden und Mythen betrachtet. Dieser Text soll jenen als Ergänzung dienen, die 47 Ronin gesehen haben und gerne mehr über die Hintergründe zum Gesehenen erfahren möchten.

 

 

Der historische Rahmen 

 

Die Geschichte der 47 Ronin spielt sich im angehenden 18. Jahrhundert ab, genauer nimmt sie 1701 ihren Anfang und endet im März 1703. Damit fallen die Ereignisse in die sogenannte Edo-Zeit (1600-1868), mit der die japanische Neuzeit beginnt. Der Tenno (Kaiser) hatte zu dieser Zeit politisch kaum Macht, durch eine Verordnung wurde das Amt des Kaisers auf kulturelle Aktivitäten beschränkt, während die eigentliche politische Macht bei dem sogenannten Shogun lag. Dem Shogun waren Daimyos (Landesfürsten) unterstellt, die ihm per Eid zur Treue verpflichtet waren und die die Verwaltungspolitik in den den Provinzen regelten. Daimyos konnten jederzeit versetzt werden. Jedes zweite Jahr mussten die Daimyo in Edo (dem heutigen Tokyo) residieren, wodurch das Shogunat bessere Kontrolle über sie hatte. Einem Daimyo untergeordnet waren seine Samurai.

 

Der Begriff Samurai stammt vom japanischen Verb 'samurau / saburau' ab, das sich mit 'dienen' übersetzen lässt. Ursprünglich hatte der Begriff also nicht nur militärische Bedeutung, sondern konnte allgemein Dienende in verschiedenen Positionen bezeichnen. In der Kamakura-Zeit (dem Beginn des japanischen Mittelalters: 1185-1333) setzte sich der Begriff Samurai als spezifischer Rang in der militärischen Hierarchie des Kriegsadels durch. Samurai bezeichnete einen bewaffneten Begleiter eines höhergestellten, berittenen Kriegers.

 

Während der Edo-Zeit schottete sich Japan außerdem vom Rest der Welt ab. Grund für diese strikte Isolationspolitik war unter anderem die Angst vor den Kolonialisierungsabsichten der Europäer, besonders der Spanier, die mit einer mächtigen Flotte und dem Katholizismus im Gepäck eine Gefahr für Japan waren. Es war streng verboten, Hochseeschiffe zu bauen und fremde Länder anzusteuern. Japanern, die gerade im Ausland weilten, wurde die Rückkehr nach Japan verboten. Neben einem Verbot des Christentums und der Verfolgung von Christen wurde dadurch auch der japanische Außenhandel abgebrochen, Koreaner, Chinesen und Europäer wurden des Landes verwiesen. Eine Ausnahme stellten die Holländer da, die mit der "Vereinigten Indischen Companie" auf Dejima ("Vorinsel") bleiben durften. Die künstlich aufgeschüttete Insel Dejima in der Bucht von Nagasaki war während der Edo-Zeit Japans einzige Verbindung zur restlichen Welt. Missionierung war den Holländern strengstens verboten, sie hatten keinerlei Bewegungsfreiheit und Kontakt zu Japanern war ihnen mit Ausnahme zu Prostituierten und Ehefrauen auf Zeit verboten. Die Leiter der Vereinigten Indischen Companie mussten bei jährlichen Hofreisen die japanische Regierung über Entwicklungen in der restlichen Welt informieren, wodurch fundierte Kenntnisse aus den Bereichen der Medizin und Astronomie nach Japan gelangten.

 

Da die Edo-Zeit eine relativ friedliche und politisch stabile Epoche war, hatten die Samurai in ihrer Funktion als Krieger eigentlich kaum mehr Bedeutung.

 

 

Die wahre Geschichte der 47 Ronin

 

Bei der Geschichte der 47 Ronin handelt es sich um eines der bekanntesten Ereignisse Japans, das die (vermeintlich) traditionellen Werte der Krieger beispiellos spiegelt. [Anm. des Autors: Ob die Geschichte sich tatsächlich so zugetragen hat, konnte ich nicht herausfinden. Viele Quellen bezeichnen die Geschichte in unten angeführter Form als wahr, vertrauenswürdige Quellen halten sich aber eher vage.]

 

1701 werden die beiden jungen Daimyo Asano Naganori von Ako und Kamei Sama aus Tsumano nach Edo geschickt. Kira Yoshinaka, ein Beamter des Shogunats sollte die beiden die richtige Hof-Etikette lehren. Kira war verärgert über die unpassenden Geschenke der beiden Daimyo und reagierte mit Verachtung, was Kamei wütend machte. Kamei wollte Kira umbringen, doch Asano bewahrte Ruhe. Die Angehörigen von Kamei bestachen daraufhin Kira, der Kamei in Folge besser als Asano behandelte, dem er noch immer mit Geringschätzung gegenüber stand.

 

Nach einer Beleidigung zog Asano sein Schwert und verletzte Kira. Das Ziehen des Schwerts war am Hof aber verboten, weshalb der 34-jährige Asano gezwungen wurde, Seppuku zu begehen. Asanos Samurai-Gefolge wurde dadurch zu Ronin, herrenlosen Samurai. Angeführt von Oishi Yoshio schworen 47 dieser Ronin Kira zu töten und ihren Herrn Asano zu rächen, obwohl Rache in einem solchen Fall untersagt war. Im Dezember 1702 stürmen die 47 Ronin das gut bewachte Haus von Kira bei Nacht und überrumpeln die Wachen. Oishi findet Kira und bietet ihm das wakizashi (Kurzschwert) an, mit dem Asano Selbstmord beging. Als Kira nicht gewillt ist, selbst Seppuku zu begehen, köpft ihn Oishi.

 

Im Februar 1703 bekommen die Ronin den Befehl Selbstmord zu begehen. Obwohl es Stimmen gibt, die ihnen ob ihres Heldenmutes verzeihen wollen, müssen 46 der Ronin, darunter Oishi und sein 16-jähriger Sohn, letztendlich ebenfalls Seppuku begehen. Einem 47. Ronin, dessen weiteres Schicksal nicht ganz geklärt ist, wird verziehen. Er stirbt 1747 und wird bei seinen 46 Kollegen begraben. Ihre Gräber können noch heute im Sengaku-ji (ein buddhistischer Tempel in Tokyo) besucht werden.

 

 

Big in Japan: Keanu Reeves und seine 46 Ronin

 

Bereits kurz nach dem tatsächlichen Ereignis gab es die ersten Theaterstücke, die die Geschichte aufgriffen. Mit 'Chushingura' bezeichnet man japanische Theaterstücke, Filme und literarische Werke, die sich in fiktionalisierter Form mit der Geschichte der 47 Ronin auseinandersetzen. Mit dem Film 47 Ronin wagt sich auch Hollywood an diesen japanischen Nationalmythos und stellt Keanu Reeves als Halbjapaner Kai in die heldenhafte Truppe, wobei man sich einige künstlerische Freiheiten in der Erzählung genommen hat. Um die auftretenden Fabelwesen soll es hier gehen.

 

Schon zu Beginn ist Kai (Keanu Reeves) mit einer Gruppe Samurai im Wald unterwegs. Als Jäger hilft er ihnen, die Fährte eines Ungeheuers aufzunehmen, welches sein Unwesen treibt und beseitigt werden muss, bevor der Shogun auf Besuch kommt. Bei dem Untier handelt es sich um ein Kirin, das Kai schließlich erlegen kann. Während des Kampfes beobachtet er außerdem einen weißen Fuchs mit zwei verschiedenen Augenfarben.

 

Kirin

 

Beim Kirin handelt es sich um ein Fabelwesen, dessen Ursprünge wie so vieles in der japanischen Kultur in China liegen dürften. Während es in der chinesischen Mythologie als Qilin deutlich häufiger auftritt, ist es in Japan während der Edo-Zeit ein Glückssymbol, welches auf Außenwänden von Tempeln und Schreinen zu finden ist. Übersetzt werden kann das Wort Kirin am besten als 'Drachenpferd' und es hat einen ähnlichen Stellenwert wie das europäische Einhorn. Das Gesicht des Kirins wird drachenartig beschrieben, doch hat es oft ein ausgeprägtes Geweih und den Körper eines Pferdes oder Hirsches. Seine Haut kann mit Schuppen überzogen sein. Kirin gelten wie andere legendäre Tiere als Glücksbringer, die freudige Ereignisse ankündigen. Während die Darstellung des Kirin im Film also halbwegs passend ist, kündigt sein Auftreten allerdings ein dramatisches Ereignis an, wobei man argumentieren könnte, dass das Drama eventuell nur seinen Lauf nimmt, weil das glücksbringende Kirin umgebracht wurde. Im Übrigen ist Kirin auch eine japanische Biermarke.

 

 

 

Kitsune / der weiße Fuchs

 

Füchse gelten in der japanischen Sagenwelt als die großen Verwandlungskünstler. Füchse können magische Fähigkeiten haben, je älter ein Fuchs ist, desto stärker sind seine Kräfte. Ähnlich wie verschiedene Gürtelgrade bei japanischen Kampfkünsten und Kampfsport kann man magische Füchse an ihren Schwänzen erkennen, von denen sie bis zu neun haben können. Jene Füchse können sich in Menschen verwandeln und stehen auch mit Besessenheit und Exorzismus in Verbindung. Frauen sind besonders anfällig für die Zauberkünste von Füchsen, während sich die Füchse auch gern in schöne Frauen verwandeln. Wie sich im Verlauf des Films herausstellt, weilt die Füchsin als Hofdame im Gefolge von Kira. Das ist insofern interessant, weil die Statuen von zwei weißen Füchsen oft die Schreine der Gottheit Inari bewachen. Diese Fuchswächter nennt man auch myoubi, was wörtlich mit Hofdame zu übersetzen ist. Das zeigt gut, wie der Film 47 Ronin existierende Elemente japanischer Folkolore und Brauchtums neuinterpretiert.

 

 

Die besagte Fuchsdame verhext in der Folge Gefolgsleute von Asano, um ihn vor dem Shogun und Kira zu diffamieren. Als das nicht gelingt, schwebt sie in der Nacht kopfüber über Asano und lässt eine magische Spinne am Spinnfaden über dem schlafenden Asano herab. Die Spinne vergiftet Asano und in seinem Wahn attackiert er Kira, wodurch er vom Shogun – wie bei der originalen Geschichte – zum rituellen Selbstmord gezwungen wird. Auch der giftige Spinnenangriff von oben scheint an eine bekannte Legende zu erinnern. Ein Ninja lässt über seinem schlafenden Opfer einen Faden herab, über den Gift seinen Weg zum Mund des Opfers findet. Diese Geschichte wurde beispielsweise im James Bond Film You Only Live Twice aufgegriffen.

 

Beim Seppuku, dem sich Asano und 46 seiner Männer stellen müssen, handelt es sich um die männliche Form des ritualisierten Selbstmordes, die ausgeführt wurde, um verlorene Ehre im Tod wiederherzustellen. Dabei saß der Mann nach der Entblößung des Oberkörpers vom weißen Gewand im Seiza (klassische japanische Sitzposition) und schnitt sich mit einem Wakizashi (Kurzschwert) den Bauch auf. Entscheidend dabei war es, keinen Schmerz zu zeigen. Durch leichtes Vorbeugen des Kopfes konnte ein bereitstehender Sekundant (Kaishaku-Nin) dazu aufgefordert werden, das Ritual durch eine Enthauptung zu beenden. Mit dem Ausklingen der Edo-Zeit 1868 durch die Meiji-Restauration wurde Seppuku verboten.

 

Nachdem der Shogun den Ronin die Rache untersagt hat, verlobt er Kira mit Mika, die gegen ihre Standesposition Gefühle für Kai empfindet. Kai und Mikas Liebe steht in dieser Epoche sowieso unter einem schlechten Stern, denn abgesehen vom Standesunterschied wurden zu jener Zeit die wenigsten Ehen aus Liebe geschlossen, arrangierte strategische Ehen waren üblich. Im Vergleich zu den vorangegangenen Epochen der japanischen Geschichte hat sich die allgemeine Situation für Frauen in der Edo-Zeit übrigens deutlich verschlechtert.

 

Kai wird nach Dejima gebracht, Oishi in ein dunkles Loch geworfen. Als er endlich freikommt, befreit er Kai, der in Dejima an Gladiatorenkämpfen teilnehmen muss. Gemeinsam reiten sie zu den restlichen Ronin. Sie schwören Rache und machen sich auf die Suche nach Waffen, die sie letztendlich bei den Tengu finden.

 

Tengu


Die Tengu in 47 Ronin sind Dämonen, die in einem Wald voller Geister leben und offenbar Buddha anbeten. Sie tragen orange-gelbe Mönchsgewänder, können sich rasendschnell bewegen und ihre Gesichter erinnern ein wenig an Lord Voldemort aus den Harry Potter Filmen. Tengu zählen zu den prominentesten Fabelwesen der japanischen Mythologie und treten immer wieder in Manga, Anime oder Videospielen (beispielsweise der Endboss in Dead or Alive 2) auf. Es werden dabei die Gruppen der Langnasen-Tengu und Raben-Tengu unterschieden. Der Körper der Tengu ist menschlich, sie sind geflügelt und sie können sich ähnlich wie im Film schnell von einem Ort zum anderen teleportieren. Raben-Tengu haben die Gesichtszüge eines Raben, während Langnasen-Tengu ein rotes Gesicht mit einer (Überraschung!) langen, phallusartigen Nase haben, die auch mit Fruchtbarkeit (oder Glück) in Verbindung gebracht wird, was im damaligen Japan aber keinesfalls obszön war. Es gibt Theorien, dass das Aussehen der Tengu mit den roten Gesichtern und den langen Nasen sich im Lauf der Zeit aus Klischees über Europäer entwickelt hat, die man in der Edo-Zeit abfällig als südliche Barbaren bezeichnet hat. Der Begriff 'Tengu' lässt sich übrigens etwa mit 'Himmelshund' übersetzen. Obwohl Tengu meist eher unheimlich auftreten, sind sie nicht zwangsweise böswillig.

 

Tengu-Legenden stehen oft in Zusammenhang mit buddhistischen Mönchen. So können Mönche, die vom richtigen Weg abkommen, zu Tengu werden und Tengu versuchen Mönche vom richtigen Weg abzubringen. Hochmütige und arrogante Adelige und Geistliche können zu Tengu werden. Im Film 47 Ronin handelt es sich zweifellos nicht um Langnasen-Tengu, ob die Gesichter rabenartig sind oder nicht, kann diskutiert werden. Auf jeden Fall greift der Film die oft auftretende Verbindung zwischen Tengu und buddhistischen Mönchen auf, interpretiert diese aber um. Die Tengu im Film müssen sich im Wald verstecken, da sie für ihren Glauben verfolgt werden. Laut Wikipedia stehen die Tengu auch in Verbindung mit Kampfkünsten, so soll etwa der großartige Krieger Minamoto no Yoshitsune seine Künste von einem Tengu erlernt haben. Nachdem Kai im Film das Kämpfen von den Tengu gelernt hat, wird auch dieses Element aufgegriffen.

 

 

yūrei / Totengeister

 

Als die Ronin den Wald der Tengu betreten, ziehen die nebelhaften Geister verstorbener Kinder um sie. Wie im Gespräch zwischen Kai und einem Tengu ersichtlich wird, werden ungewollte Kinder zum Sterben in diesen Wald gebracht und auch Kai wurde im Wald ausgesetzt. Diese Totengeister, auf japanisch yūrei, werden oft mit weißem Gewand, langem aufgelösten Haar (ganz wie man es aus asiatischen Horrorfilmen wie Ringu kennt) und als nebelhaft beschrieben. Geistergeschichten erlebten im Japan der Edo-Zeit einen Aufschwung, wie auch zahlreiche bildliche Darstellungen zeigen.

 

Die Ronin wissen, dass Kira vor seiner Hochzeit mit Mika zum Schrein seiner Vorfahren pilgern wird. Sie planen einen Anschlag, der jedoch wegen den Zauberkünsten einer wandelbaren Dame mit zwei verschiedenen Augenfarben misslingt.

 

Shintoismus und Buddhismus

 

Wirklich auf Religion eingegangen wird in 47 Ronin nicht. Allerdings reiten die Ronin an großen Buddha-Statuen vorbei, die Tengu beten vor einer Buddha-Statue und Kira will zum Schrein seiner Vorfahren. Die genauen Glaubensgrundsätze von Buddhismus und Shintoismus zu erläutern, würde den Rahmen sprengen, weswegen nur auf einige Merkmale eingegangen werden soll, die sich im Film spiegeln oder dafür Relevanz haben.

 

Shintoismus ist die Urreligion Japans. Wichtige Motive sind der Glaube an Schutzgottheiten, Naturverehrung und Ahnenverehrung. Im Shintoismus kann nahezu alles göttlich sein, was praktischerweise die Integration vieler anderer Glaubensrichtungen ermöglicht. Der Begriff Shinto als Name für diese Urreligion kam allerdings erst auf, als der Buddhismus in der Mitte des sechsten Jahrhunderts aus Indien und China über Korea nach Japan kam. Der Begriff 'Tempel' bezeichnet in Bezug auf Japan buddhistische Glaubenseinrichtungen, während der Begriff 'Schrein' für shintoistische Stätten steht.

 

Laut CIA World Factbook sind heutzutage 83,9% der Bevölkerung Shintoisten und 71,4% der Bevölkerung Buddhisten. (Andere Glaubensrichtungen sind verschwindend gering.) Kluge Köpfe werden feststellen, dass knapp 84% addiert mit 71% nicht gerade 100% ergibt. Das liegt daran, dass der Großteil der Bevölkerung sowohl shintoistisch als auch buddhistisch ist. Fröhliche Feste werden eher shintoistisch gefeiert, an traurigen Anlässen wendet man sich an den Buddhismus. Kira, der für die Hochzeit (positives Ereignis) beten will, muss sich also an seine Vorfahren wenden. Da die Vorfahrenverehrung etwas eindeutig Shintoistisches ist, muss er also zu einem Schrein. Ein markantes Merkmal für Shinto-Schreine sind die sogenannten Torii, Torbögen, die fast schon zu einem Kennzeichen für japanische Kultur geworden sind. Auch Torii sind bei 47 Ronin zu sehen.

 

 

Kabuki / Nô Theater

 

Der Plan Kira zu töten, besteht aus zwei Teilen. Eine Gruppe, darunter Oishi, schleicht sich mit einer Theatergruppe in Kiras Festung ein. Oishi nimmt maskiert auch am Stück teil. Die zweite Gruppe steigt heimlich über die Mauern, während der Hofstaat vom Theaterstück abgelenkt ist. Während des Theaterstücks selbst kommen einige Spezialeffekte und Falltüren zum Einsatz. Es gibt drei große Formen des japanischen Theaters. Das Puppentheater Bunraku, Kabuki und Nô.

 

Die Gesellschaft in der Edo-Zeit war in vier Stände gegliedert: Militäradel (shi), Bauern (nō), Handwerker (kō) und Kaufleute (shō). Schauspieler gehörten wie Gerber, Schlächter, Totengräber et cetera zu den geächteten eta ('viel Schmutz') oder hinin ('Nichtmenschen'). Ihr Status lag unter dem von Haustieren, wobei es unter den Schauspielern nicht nur Geächtete sondern auch wahre Superstars gab. Das Nô Theater war den Samurai vorbehalten. Es zeichnet sich durch Einfachheit und Abstraktion aus. Die Größe und das Aussehen der Bühne beim Nô ist exakt vorgegeben. Die Bühne ist etwa 5,5m² groß, vier Säulen tragen ein Dach, das an das Dach von Shinto-Schreinen erinnert, da Nô ursprünglich im Freien aufgeführt wurde. Die Säulen dienen auch dem maskierten Schauspieler zur Orientierung. Oishi trägt in 47 Ronin eine solche Nô-Maske ('nômen'). Dem Nô gegenüber steht das Kabuki Theater, das sich in der Edo-Zeit ausprägt, ein reiches Bühnenbild mit spektakulären Spezialeffekten (darunter Falltüren) hat und dessen Schauspieler auffällig geschminkt sind. Die Bühne des Kabuki hat unter anderem einen einen Gang in den Zuschauerraum, den sogenannten Blumenweg ('hanamichi'), der dazu diente, den Schauspielern Blumen und Geschenke zu bringen.

 

In 47 Ronin verwendet Oishi erst eine Falltüre in diesem Blumenweg, um an sein Schwert zu kommen und dann um auf Kira zuzustürmen. Die gezeigte Theaterform in 47 Ronin vermischt somit Elemente aus dem Kabuki und dem Nô.

 

 

Während des Kampfes um Kiras Festung offenbart die Fuchslady ein weiteres Gesicht. Sie verwandelt sich in einen Drachen.

 

Drachen und Schlangen

 

Drachen und Schlangen sind sich in Japan, China und dem buddhistischen Glauben recht ähnlich. Die buddhistischen Drachen lassen sich auf indischen schlangenartigen Gottheiten, die naga zurückführen. Während die Naga in Indien noch eher niedere Tiere sind, wird in Japan zwischen buddhistischen Naga und chinesischen Drachen kaum unterschieden. Einige Drachen und Schlangen können sich in Menschen verwandeln. (Hallo Fuchs- und jetzt auch Drachenlady!) Sie stehen mit Wasser in Verbindung, werden für das Ausbleiben von Regen oder Überschwemmungen verantwortlich gemacht und der legendäre erste Kaiser Japans Jimmu Tenno wird nicht nur auf die Sonnengöttin Amaterasu zurück geführt, sondern auch auf das Geschlecht eines Drachenkönigs. Im Gegensatz zu den europäischen feuerspeienden Drachen stehen die Drachen und Schlangengottheiten mit Wasser in Verbindung, was sich beispielsweise auch darin zeigt, dass der Palast des Drachenkönigs am Meeresgrund ist. Assoziationen zu den Drachen sind Respekt und Ehrerbietung, sie können allerdings auch in Zusammenhang mit Eifersucht auftreten. In manchen (meist erotischen) Geschichten verwandeln sich Füchse oder Schlangen in Menschen und leben unerkannt an der Seite des Ehepartners. Eifersucht und enttäuschte Liebe können zur Wiedergeburt als Schlange führen. Ein Schicksal, das buddhistischen Legenden nach häufig Frauen trifft.

 

Während in 47 Ronin die Komponente der Eifersucht durchaus aufgegriffen wird – die Schlangenfuchslady mit den zwei verschiedenen Augenfarben ist auf Mika eifersüchtig, die Kira heiraten wird – hat man sich gegen das Element Wasser für traditionelles westliches Feuer entschieden. Außerdem ist die Drachendame weniger Glückssymbol und gutwillig, sondern ziemlich böse.

 

 

Bushidô – Der Weg des Kriegers

 

47 Ronin mag in seiner Darstellung nicht den tatsächlichen historischen Ereignissen entsprechen, doch haben die Drehbuchautoren und Produktionsdesigner viele Elemente japanischer Folklore und Mythologie aufgegriffen. Die echte Geschichte der 47 Ronin ist ein Paradebeispiel für jene Wertvorstellungen, die den Samurai zugeschrieben werden. Es geht um die zentralen Tugenden Mut und Ehre, Loyalität zu einem Herrn, Opferbereitschaft, Zielstrebigkeit, Todesverachtung, Pflichterfüllung und Gruppenzusammenhalt. All jene Werte finden sich – trotz Drachen und Tengu – auch in der Neuinterpretation mit Keanu Reeves in der Hauptrolle. Der Kern der Geschichte bleibt also eigentlich trotz neuer Fantasy-Elemente auch in der Hollywood-Variation erhalten.

 

Die Bezeichnung bushidô ('Weg des Kriegers') stammt übrigens auch aus der Edo-Zeit und ist genau wie die Geschichte der 47 Ronin selbst mehr ein Versuch, verlorene Ideale zu beschwören. Die Edo-Zeit war eine Zeit des Friedens, Krieger waren eigentlich nutzlos und viele Samurai verarmten, während die Kaufleute in den Ballungsräumen zu Reichtum kamen, mit dem eine frivole, lustvolle bürgerliche Kultur entstand. Die Tugenden des bushidô waren kein existierendes Regelwerk, sondern wurden nachträglich formuliert, als man den Stand des Kriegsadels in der Friedenszeit legitimieren wollte.

 

 

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Quellen und Hinweise: 

Außerdem Skripten, Unterlagen und Mitschriften aus den Vorlesungen "Geschichte Japans" (Ao. Univ.-Prof. Dr. Ingrid Getreuer-Kargl) und "Kultur Japans" (Univ.-Prof. Mag. Dr. Ina Hein, ) am Institut für Ostasienwissenschaften der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.