50. ViENNALE - Ein Tribut für Sir Michael Caine

Verfasst von am 25.10.2012 um 06:16

Auf die Frage, warum man sich bei der diesjährigen Viennale für ein „Tribute to Michael Caine“ entschieden hätte, meint Festival-Direktor Hans Hurch lächelnd „Warum nicht Michael Caine?“ Viele hätten eine Ehrung sicher ebenso verdient, aber niemand im großen Schauspielmeer zwischen den USA und Großbritannien hätte es eher verdient. Caine, 1933 in London geboren als Maurice Joseph Micklewhite, ließ sich durch THE CAINE MUTINY mit Humphrey Bogart zu seinem Künstlernamen inspirieren, woraufhin er sich selbst das Handwerk der Schauspielerei erlernte und lange Zeit mit kleinen Rollen meist in TV-Serien und -Filmchen herumschlug. 1964, im Alter von 31 Jahren, bekam er seine erste nahmhafte Rolle in dem qualitativ angesehenen Action-Drama ZULU. Und schon im Jahr darauf winkte der große Durchbruch mit seinen Hauptrollen als James Bonds Antithese in THE IPCRESS FILE und charmant ekeliger Womanizer in Lewis Gilberts ALFIE. Letztere brachte ihm eine Oscarnominierung ein, sowie Ruhm in Großbritannien und ebenso in den USA. Mit dem entschlossenen Vorhaben, nie wieder arm zu sein, genoss er den erlangten Status.

Abwechselnd sexy, arrogant, tollpatschig oder rabiat präsentiert sich Michael Caine in der Filmauswahl seines Tributes der 50. Viennale. Ohne Wiederholungen in seinem Auftreten scheint jede Rolle ihren eigenen Touch zu bekommen, während der Londoner nie auf seine Wurzeln vergisst und sowohl in der lieblichsten, als auch der brutalsten Rolle seine schlacksige Eleganz bewahrt. Während alle der zehn ausgewählten Viennale-Filme des Tribute to Michael Raine sehenswerte Werke sind, hat der Darsteller im Laufe seiner Karriere auch mittelmäßiges und schlechtes Kino produziert, was ihn jedoch weder ärgert noch peinlich ist. Denn erst in wirklich mies geschriebenen Drehbüchern sei es eine Herausforderung in der eigenen Rolle zu glänzen. Und wenn gerade kein besseres Skript auf dem Tisch liegt, dann wird ein Lückenfüller gedreht.

„Weniger ist mehr“ lautet der Titel von Michael Caines zweiter Biografie, einem Vermächtnis an die jüngere Schauspielergeneration. Die Kunst, angespannt und wachsam die völlige Gelassenheit auszustrahlen, welche sich in Sekundenbruchteilen zu furiosen Blicken wandeln kann, scheint sein Markenzeichen zu sein. In Mike Hodges GET CARTER zog Caine 1971 los, um die Ehre seiner Familie zu verteidigen, die, wie er selbst meint, dort wo er herkomme ebenso wichtig sei, wie für die britischen Aristokraten oder die sizilianische Mafia. In bewährter Bond-Manier verführt er als Hauptdarsteller Jack Carter die Ladys und gibt Anweisungen zur Selbstbefriedigung. In Joseph L. Mankiewiczs Krimi-Komödie SLEUTH wollte er sich ein Jahr später nicht von Sir Laurence Olivier an die Wand spielen lassen und tatsächlich tanzen die beiden Tango auf höchstem Niveau. Abwechselnd als Fädenzieher und als Spielball versuchen sie die Oberhand zu gewinnen. Caines vielseitige Rollenauswahl brachte ihm 1975 an der Seite seines guten Freundes Sean Connery jene Rolle des Gauners, welche ursprünglich für seine Schauspiel-Inspiration Humphrey Bogart gedacht war in John Hustons THE MAN WHO WOULD BE KING.

Im Laufe seiner mittlerweile über 50-jährigen Filmkarriere hat Michael Caine mit jeder Menge erstklassiger Regisseure zusammengearbeitet. Eine gelungene Kooperation ist Brian De Palmas DRESSED TO KILL aus dem Jahr 1980. Caine, Meister der subtilen Mimik, gibt den Psychiater Dr. Elliott, der hinter seinem freundlichen Lächeln stets etwas Abschätziges verbirgt. Der eigentümlicher Kriminalfall ist aufgeladen mit sexueller Spannung, blutigen Rasiermessern und Hitchcock-Suspense. In Lewis Gilberts EDUCATING RITA und Woody Allens HANNAH AND HER SISTERS darf er 1983 und 1986 eine sanftere Schiene als versoffener Englisch-Professor und gefühlsduseliger Ehemann im Strickjacken-Look fahren. Gemeinsam mit Steve Martin dreht er nach eigener Ansicht 1988 mit DIRTY ROTTEN SCOUNDRELS als Heiratsschwindler seinen lustigsten und glücklichsten Film. Während er in den 1990er sich seiner Rollenauswahl etwas vertan hatte, kehrt er in Phillip Noyces THE QUIET AMERICAN 2002 als zynischer Auslandskorrespendent zurück mit einer seinen besten Arbeiten als Schauspieler, wie er meint.

Während nun auch Sir Michael Caine nicht mehr der jüngste ist und im stolzen Alter von 79 noch mehrere Filme pro Jahr dreht oder zumindest drehen könnte, wurde er vom raffinierten Gauner, Actionheld und Womanzier immer mehr zum Wegbegleiter und Mentor. Seine wohl beste Performance nach der Jahrtausendwende legt er im Sci-Fi-Drama CHILDREN OF MEN ab als kiffender Idealist und Beschützer Jasper. Während Christopher Nolan in gleich in seinen fünf letzten Filmen (INCEPTION, THE PRESTIGE und die BATMAN-Trilogie) als Vaterfigur einsetzt, darf Michael Caine 2009 in Daniel Barbers HARRY BROWN noch einmal blutige Selbstjustiz üben und einen gealterten Ex-Marine würdevoll mit packendem Nachdruck verkörpern. HARRY BROWN ist das beste Beispiel dafür, dass Michael Caine heute, wie vor 50 Jahren, die selbe Energie und Intensität mit ans Set, in seine Rolle und den endgültigen Film bringt.

Am Donnerstag, dem 26. Oktober findet im Rahmen des Tributes eine Gala mit der Filmprojektion von SLEUTH im Gartenbaukino in der Anwesenheit von Sir Michael Caine statt.

 

Filmkritiken zum Tribute

 

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