Das DVD-Forum.at Kritiker Team gibt Top 10 von 2011 bekannt - Teil 2: Sebastian Klausner

Verfasst von am 11.01.2012 um 20:00

 

10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1. Prosit Neujahr ... und wieder zurück. Denn bevor wir uns den Kinofreuden von 2012 zuwenden können, müssen wir diesen Countdown erstmals wieder retournieren. Statt des Blickes nach vorne ist der nach hinten angesagt, um zu erkennen, was die größten Lacher, die klaustrophobsten Kinoräume, die schönsten Liebesvisionen, oder, schlicht und einfach, die besten Augen-blicke 2011 waren.

Bevor wir meine Top 10 beschreiten wollen, möchte ich auch einen Moment für all jene finden, die nicht ganz die Liste geschafft haben. Oder zumindest für zwei unter den Zelluloidunmengen, deren großer und großartiger Ruf reinen Oberflächenrausch verspricht – und dabei ihr Genie missverstanden wird. Zunächst Jûsanan-nin no shikaku (13 Assassins). Ein Remake, das sicherlich nicht zu wenig Aufmerksamkeit dieses Jahr bekommen hat. Beinahe in jeder Hitliste von Boudycounts und Massenschlachten darf sich Miikes Actionspektakel heimig fühlen. Die Fans der scharfen Klingen und roten Fontänen sind sich einig: Ein solch furiosen einstündigen Kampf hat Mann und Frau noch nie gesehen. Ein Kampf? Nein, ein Krieg. Die oftmalige Betonung des explosiven Adrenalinrausches versperrt auf unsinnigste Weise die eigentliche Botschaft, welche den Krieg nicht verherrlicht, sondern Samurai und Bushido-Ethos kurzerhand als Schablone des menschenverachtenden Wahnsinns heranzieht. Photographiert wie die Normandiestürmung, in seiner Sprache an die Blut und Boden-Propaganda Goebbels' und Co. erinnernd, pulverisiert Miike jeden noch so positiven Gedanken, den man über den Krieg haben kann. Und davor ziehe ich meinen Hut!
Ebenso missverstanden scheint mir James Gunns angeblicher Kick-Ass-Nachfolger Super. Mir geht es nicht darum, Vaughns Superheldenspoof in den Schatten von Super zu stellen – ebensowenig vice versa – als vielmehr die Natur des Vergleichs hier für allemal klarzustellen: Es sind zwei völlig verschiedene Filme, welche außer die manchmal brutalen Szenen und das Superheldenkostüm nichts gemein haben. James Gunn zeigt mit seiner zweiten Regiearbeit nicht nur willkommenes Gespür, seinen unglaublichen Cast (allen voran der stets unkonventionelle Rainn Wilson) in die aberwitzigsten Situationen zu verbannen, sondern beweist, dass ein Geekfilm nicht gleichbedeutend mit pubertären Fetischfantasien ist. Denn hinter all den grotesken Szenen (und der mutigen Zerstörung des fetischisierten Girlie) steckt ein kluger Gedanke: Was passiert, wenn man nicht mehr der wichtigste im eigenen Leben ist? In erster Linie ist Super ein gewichtiges Fragen nach der Stellung des Mannes in seinen besten Jahre, und somit genauso bedeutsam, wie die steoretypen Oscardramen desselben Themas. Wenn nicht bedeutsamer.


01. Black Swan / USA


Es ist egal, ob man Black Swan nur wegen der Lesbenszene zwischen Natalie Portman und Mila Kunis oder aufgrund seiner eigenen Vorliebe für Schwanensee gesehen hat. Wichtig ist nur, dass man ihn gesehen hat! Mit seiner letzten Arbeit lässt Aronofsky ein furchtloses Schreckenskabinett auf das Publikum los, das auch noch in sanftesten Tönen der Overtüre den Wahn hausieren lässt. Das Ergebnis ist ein merkwürdig hypnotischer Horrortrip, der, trotz manch Vorhersehbarkeit, die Psyche des Zuschauers bis in das hinterste Eck aufwühlt. Allein, wenn ich das Poster sehe, schlottere ich mehr, als bei jedem Horrorfilm der letzten Jahre.

 

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02. Enter the Void /Frankreich, Deutschland, Italien, Kanada

Ja, los, stürzt euch auf mich. Ich mag den Film doch nur wegen seinen waghalsigen Kameraillusionen, seinen famosen Flügen über das nächtliche Tokio und seinen Schnitten, welche das Jetzt und das Damals auf das Engste zusammenbinden. Muss ich dem auch teilweise zustimmen – immerhin wird Noés Enter the Void auch von Hassern als bildhübscher Drogenrausch bezeichnet –, scheint mir das nicht alles zu sein. Gaspar Noé traut sich hier etwas, das der Mehrheit der Regieelite mehr als zuwider ist: Sprechen mit Bildern. Anstelle verbale Angaben über sein Tun zu geben, reißt Noé die Konventionen auf und lässt seine Visionen den Zuschauer für beinahe drei Stunden zuquatschen. Ein Blick in den Menschen, ein Blick um den Menschen, ein Blick aus dem Menschen. Verschiedene Perspektiven fragen stets nach derselben Frage, nach der Frage aller Fragen: Was ist der Mensch? Die Worte werden nicht unnötig verschwendet und so muss das Publikum die Passivität des Zuschauers entfliehen und zu Schauern werden. Somit ist Enter the Void nicht nur Poesie, sondern Philosophie der Bilder!

 

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03. Another Year / Großbritannien

Nicht nur Tod und Verderben, sondern auch Humor und Witz gab es dieses Jahr. Mike Leighs Another Year lädt sein Publikum ein mit dem unverschämt sympathischen Jim Broadbent und seiner ebenso betörenden Filmfrau Ruth Sheen einen Jahreszyklus zu verbringen – oder zumindest einen kompromiert in genüssliche 129 Minuten. Scheint der schnöde Alltag noch zu Beginn wie ein schlechter Scherz, erkennt man schnell, wie verführerisch die Idee eigentlich ist. Immer wieder benützte der britische Filmemacher das Gewöhnliche als Kampflatz für die Verschrobene, doch noch nie war Leighs Resignieren der menschlichen Existenz so festlich. Denn hinter dem Titel verbirgt sich nicht nur die alljährliche Normalität, sondern auch die Freude an dem Alltag, an den Freunden und an dem Sein.

 

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04. The Tree of Life / USA
Unter der Rubrik „Schwere Kost” konnte dieses Jahr wohl kaum jemand mit Terrence Malicks Hauptgericht seiner Karriere mithalten. Der Amerikaner hat noch nie einfache Filme gemacht und „simple“ scheint ihm ein Fremdwort, doch was Malick uns hier serviert, sprengt die Grenzen des Schweren. Dinosaurier werden neben Mikroben gesetzt, fliegende Mütter neben schlagende Väter, christliche Heilsbotschaften neben jugendlichem Sadismus. Und schlussendlich treffen sich alle auf einem Himmelsgleichen Strand wieder. Die vom Regisseur ersehnte Qualität ist dank kosmischer Bilder durchaus nachvollziehbar, doch das Ergebnis ist an manchen Stellen unrund, an anderen verstörend und insgesamt einfach nur unglaublich faszinierend! Ohne Bedenken schneidet Malick das Unsinnige mit dem Sinnvollen, das Fantastische mit dem Realen und kreiert so einen Rausch der Bilder, von denen keines hervorgehoben wird. Mag er auch nicht ganz die Klasse von Kubricks Opus Magnum erreichen (das, wegen seines 10-Jahr-Rhythmus, knapp vor Filmstart von The Tree of Life erneut die große Leinwand des Gartenbaukinos erhellte), verspricht das opfernhafte Epos des Lebens doch zwei fesselnde Stunden Kino-„unterhaltung“ und, was wichtiger ist, tagelanges Nachdenken und Diskutieren.

 

 

05. Serbuan maut / Indonesien, USA

All das, was mir die Freude an Ong Bak & Co. zu verderben scheint, macht Gareth Evans drittes Actionspektakel nicht nur richtig, sondern perfektioniert nebenbei das Genre noch. Denn anders als das thailändische Actionkino fühlt sich Serbuan maut (The Raid) wirklich wie ein Film an. Es sind nicht nur atemberaubende Stunts, sondern eine packende Rhythmik, die die knochenbrechenden Schläge einen knallenden Metalbeat anpassen. Purstes Adrenalinkino, in dem die Augen groß werden und das Herz rast.

 

 

 

 

06. Rango / USA

Dass es nicht immer nur DreamWorks, Pixar oder Disney sein muss, beweist Gore Verbinskis Animationserstling. Denn während die (bisherigen) Big Player in ihrem Sequelwahn die eigenen Figuren zu Tode treiben, kreieren kurzerhand Nickelodeon Movies und ILM ein spannenden Neonwestern, dessen Animationsqualität die Konkurrenz links liegen lässt. Jedes einzelne Staubkorn dieser Wüste glizert in der unbarhmherzigen Sonne, die den Tod zu bringen scheint. Da schnürt es einem die Kehle richtig zu – wenn man nicht gerade lauthals lacht. Denn das humorvolle Treiben kann auch inhaltlich den ästhetischen Standard das Wasser reichen. Nachdem Verbinski schon die Piraten wieder an Bord geholt hat, gelang ihn mit seinem Colt schwingenden Chamäleon ein gloreiches Comeback der Nobodys. Denn, anders als viele seiner Kollegen, nützt Rango gerade wegen seiner Prämisse das Cowboygenre nicht als Kulisse, sondern ist ein Western in Reinkultur.

 

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07. Le piel que habito / Spanien


Der spanische Feminist Pedro Almodóvar zeigte stets ein Faible für das Körperkino. Zwar drang er nie direkt in das Genre ein, jedoch spürte man die Bedeutsamkeit, welche die Physiognomie in dem Denken der Figuren hatte. Der Körper war in seinem Oevre eine wichtige Nebenrolle. Nun wurde er befördert. Weder die beiden Almodóvar-Darsteller Antonio Banderas und Elena Anaya noch Neuling Jan Cornet sind die Hauptdarsteller in Le piel que habito (Die Haut, in der ich wohne), sondern ihr Körper. Das Kameraauge fällt möglicherweise nur auf die Oberfläche, doch unter dieser pulsieren die Andern, spannt sich die Muskulatur und die Knochen dringen hervor. Wortwörtlich Stück für Stück wird der Körper zer-, ver- und ersetzt, bis er nicht mehr Organ, sondern Maschine ist. So wie sich hinter der Haut die Mechanik des Menschen verbirgt, zeigt sich auf gewiefte Weise hinter dem schlichten Thrillerdrama die archetypische Frage nach Gender und Sex. Wie sehr ist es Körper, wie sehr ist es Denken, wie sehr a priori, wie sehr a posteriori. Was macht das Geschlecht eigentlich aus?

 

 



08. The Guard / Irland

Nach dem fabelhaften Martin McDonaghs In Bruges zeigt auch dessen Bruder, dass das irische Kino auch heute noch fröhlich in saftgrünen Tönen abgefahrene Geschichten erzählen kann. John Michael McDonagh hätte mit The Guard, der mit großer Wahrscheinlichkeit aufgrund des Erfolgs von Martin McDonagh erst finanziert wurde, sichtlich einen Abklatsch der schwarzen Tragikomödie seines Bruders machen können. Doch stattdessen schlägt er eine völlig andere Richtung ein. Als bösartige Satire auf den Gangsterfilm und zugleich Homage an das klassische Westerngenre schickt er ein ungleiches Gespann aufeinander und auf das Publikum los. Ergebnis: Eine tiefschwarze Komödie, welche nach Outland das High Noon-Motiv nun an die irische Küste verfrachtet.

 

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09. The Artist / Frankreich, Belgien


Die französische Regie-Schauspielerkombo Hazanavicius-Dujardin bewies schon mit ihrer verboten komischen Bond-Persiflage OSS 117, mit welchem Geschick sie alte Zeiten des Kinos wiederbeleben können. The Artist ist jedoch dieses Mal weniger ein Lachfest als eine kluge Classic Hollywood-Tragikomödie. Nicht nur Stil und Ära, sondern Tempo und Charme sind die eigentlichen Ziele dieser mimetischen Nachbildung einer längst verlorenen Periode unserer Kinokultur. Verliert The Artist sich auch manchmal in eben jenem Lachrausch um den Körperkünstler Dujardin, behält Hazanavicius stets den tragischen Menschen und dessen Schicksal im Kopf, das, auch wenn man es nicht zugeben möchte, auf höchst melodramatische Weise zu berühren weiß.

 

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10. Kokuhaku / Japan

Meine Jahreslisten sind, wegen des eigenen Faibles, meist vollgestopft mit den verschiedensten Filmchen aus Japan, doch bis auf das heiß diskutierte Pseudo-Remake zu Satoshi Kons Meisterwerk hielt sich das Land der aufgehenden Sonne vornehm zurück. Bisjetzt. Popkulturfetischist Tetsuya Nakashima, der schon mit seinem höchst übertreten Kamikaze Girls das Verhältnis von Stil und Pastiche neu formierte, begibt sich wieder in unerforschte Gefilden und versucht sich mit Kokuhaku (Geständnisse) an Snyders und Singhs Spiel. Doch anders als bei jener Filmographie perfektioniert Nakashima das Musikvideo als Spielfilm, in dem jeder einzelne Kader dem Goldenen Schnitt unterworfen ist. Sekunde um Sekunde tischt Nakashima hypnotische Bilder auf, in deren Spannungen der Zuschauer förmlich zerrissen wird. Kokuhaku ist ein Rausch, der bis zuletzt sein Publikum nicht mehr loslässt.

 

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