Nichts zu Verzollen - Dany Boon, dem Regisseur von den Sch'tis

Verfasst von Playzocker am 22.07.2011 um 01:15

Regisseur und Schauspieler Dany Boon konnte 2008 mit der charmanten Komödie "Willkommen bei den Sch'tis" auf sich aufmerksam machen. Sein neuer Film "Nichts zu Verzollen" ist der mit Abstand erfolgreichste Film des Jahres in Frankreich - über 10 Millionen Menschen haben den Film auf der großen Leinwand gesehen. Wie bereits bei den "Sch'tis" zeichnet sich Boon auch bei diesem Film nicht nur für die Regie verantwortlich sondern hat auch eine der Hauptrollen übernommen.


In Deutschland wird "Nichts zu Verzollen" am 28. Juli 2011 in den Kinos - passend zum deutschen Kinostart des Films präsentieren wir euch ein kurzes Interview mit Dany Boon, in dem er nicht nur über seinen Zugang zur Thematik und der Geschichte des Films spricht, sondern auch einige interessante Aspekte des Filmemachens an sich anspricht.

 

 

Wann sind Sie auf die Idee zu NICHTS ZU VERZOLLEN gekommen?

Während einer Promotiontour für „Willkommen bei den Sch’tis“. Da es in den nördlichen Regionen Frankreichs und in Belgien endlos viele Screenings gab, bin ich dauernd über die Grenze zwischen beiden Ländern gefahren, immer hin und her. Sie ist natürlich längst nicht mehr da, aber als Student habe ich diese Grenze sehr häufig überquert – entweder um zu irgendwelchen Partys zu fahren oder um Pferdewetten für meinen Vater abzuschließen – und das Ganze hat mich immer total nervös gemacht. Ich hatte damals lange Haare, und mit meiner Zeichenmappe und meinen Buttons von The Cure wurde ich jedes einzelne Mal angehalten und gefilzt. Als ich jetzt wieder über diese Grenze fuhr, fand ich ein regelrechtes Niemandsland vor: leere Wachhäuschen, geschlossene Läden, verlassene Häuser – eine Art Geisterstadt. Wie in einem Western. Und ich dachte sofort, dass das doch eine tolle Filmkulisse wäre. Die Grundidee des Films ist also dort entstanden. Dann habe ich mich mit Zollbeamten getroffen, die mir erzählen konnten, wie es vorher gewesen war, welche Veränderungen sich vollzogen hatten. Einige von ihnen hatten den letzten Tag, den Tag der Schließung, sogar mit ihren Videokameras festgehalten. Zudem bin ich ins Institut für Audiovisuelle Medien gegangen; dort habe ich im Archiv unter anderem auch Material über Streiks gefunden, die damals aus Protest gegen die Schließung der Grenzen organisiert worden waren.

 

Auch wenn der Zoll als Hintergrund für Ihre Geschichte dient, könnte man NICHTS ZU VERZOLLEN auch als Liebesgeschichte betrachten, oder?

Ja. Für mich ist es vor allem eine Liebesgeschichte zwischen Mathias Ducatel, dem von mir gespielten französischen Zollbeamten, und einer jungen Belgierin, der Schwester des frankophoben Zollbeamten Ruben Vandevoorde. Einer der Zollbeamten, mit denen ich mich getroffen habe, hatte einen Kollegen, dem etwas ganz Ähnliches tatsächlich passiert ist; dessen Liebe zu einer Frau, die für den belgischen Zoll arbeitete, wurde von den Vorgesetzten nicht gern gesehen. Zugleich ist diese Geschichte einer unmöglichen Liebe jedoch auch von der Geschichte meiner Eltern inspiriert. Mein Vater stammt aus Algerien und meine Mutter aus Frankreich. Sie wurde sehr schnell schwanger und daraufhin von einem Teil ihrer Familie verstoßen. Wenn man so etwas als Kind erlebt, vergisst man es nicht mehr. Aber mal ganz abgesehen vom Fall meiner Eltern kennen Menschen überall auf der Welt Paare, die sich über Grenzen hinweg finden – seien es Grenzen sozialer, religiöser oder anderer Art. Ich wollte mit NICHTS ZU VERZOLLEN eine Komödie schreiben, in der ich das Thema Fremdenfeindlichkeit ziemlich weit treiben kann, ohne dass man dabei das kleinste bisschen Unbehagen verspürt, weil die Franzosen und die Belgier sich eigentlich so nah sind. Ruben Vandevoordes Franzosenhass kann realistisch wirken, einen zum Lachen und zum Nachdenken bringen, ohne dass man sich dabei windet. Man kann sehr viel über Patriotismus und Fremdenhass sagen, wenn man es so indirekt macht. Wenn man das Wort „französisch“ in Rubens Äußerungen nimmt und es durch „arabisch“ oder „jüdisch“ oder „schwarz“ ersetzt, nimmt das Ganze sofort eine völlig andere Dimension an. Das nutzen wir sogar in einer Szene, in der Mathias sich während eines Abendessens bei Ruben nicht traut, sein wahres Problem zu gestehen, und Ruben deshalb erzählt, er sei in eine Schwarze verliebt, deren Familie Weiße nicht leiden könne. Und was antwortet Ruben? „Oh, wie blöd!“ und „Das ist aber traurig!“ Der Rassist ist immer ein anderer, niemals man selbst.

 

Haben Sie nach dem Riesenerfolg von „Willkommen bei den Scht’is“ einen großen Druck beim Schreiben Ihres nächsten Films empfunden?

Ja, der Druck war schon sehr groß. Viele Regisseure und Produzenten hatten mir erklärt, wie schwierig es sei, sich nach einem großen Erfolg wieder hinzusetzen und zu schreiben. Und dass es dann normalerweise ein großer Flop würde! (lacht) Bertrand Blier sagte sogar zu mir: „Viel Glück für Ihren nächsten Film. Denn mein nächster direkt nach ‚Die Ausgebufften‘ war ein Riesenreinfall!“ (lacht) Auf der praktischen Ebene lief aber alles gut, als ich erst einmal eine Geschichte gefunden hatte. Auch wenn ich vermutlich immer diese Vorstellung im Hinterkopf hatte, dass alle sehr gespannt sind, was ich nun tun würde. Ich schätze, ich habe mich selbst stark unter Druck gesetzt, weil ich dachte, ich dürfte die Leute nicht enttäuschen. Anfangs hatte das Produktionsteam, glaube ich, Angst, dass ich aufs Set kommen und meine 20 Millionen verkauften Kinokarten vor mir hertragen würde. Das kann ich verstehen. Aber es ist einfach nicht so. Ich freue mich wirklich sehr über diesen phänomenalen Erfolg, aber ich hatte nie vor, ihn bei diesem Dreh wie ein Banner zu schwingen!

 

 Was Kameraführung und Ausstattung angeht, hat man das deutliche Gefühl, dass Sie bei diesem Projekt ehrgeiziger waren als bei „Willkommen bei den Sch’tis“. Welche Vorgaben haben Sie dem Ausstatter und Ihrem Kameramann gemacht?

Von den Zollstationen bis zu dem von den Eheleuten Janus geführten Restaurant fungieren die Dekorationen und Bauten in NICHTS ZU VERZOLLEN als vollwertige eigene Figuren. All diese Elemente sind für den Film mit viel Liebe zum Details hergestellt worden. In Ruben Vandevoordes Haus gibt es beispielsweise drei Kerzen in den Farben der belgischen Flagge. Kann sein, dass dieses Detail es nicht mal bis auf die Leinwand geschafft hat, aber meiner Ansicht nach trägt es wesentlich dazu bei, die Atmosphäre herzustellen, die ich wollte. Und das verdanken wir Alain Veissier, mit dem ich bereits bei den „Sch’tis“ zusammengearbeitet habe. Er hatte bei NICHTS ZU VERZOLLEN ein größeres Budget zur Verfügung. Und wir haben das alles lange im Voraus und in enger Zusammenarbeit mit dem Kameramann Pierre Aïm vorbereitet, der ebenfalls schon bei den „Sch’tis“ dabei war. Pierre und ich wollten einen Kontrast zwischen dem winterlichen Außenbereich und den wärmeren Innenbereichen schaffen – und dabei einen Unterschied hervorheben: Die belgische Zollstation sollte eine rustikale Anmutung haben, während die französische eher bürokratisch wirken sollte.

 

Actionszenen zu drehen, ist für Sie etwas Neues. Wie sind Sie da herangegangen?

Dank Rodolphe und Nicolas Guy, meinem ersten Assistenten, habe ich den „Ultimate Arm“ entdeckt und benutzt. Das ist eine russische Erfindung, die von den Amerikanern perfektioniert wurde. Es handelt sich um einen computergesteuerten Kamerakran, der aufs Dach eines Fahrzeugs montiert wird. Er kann 360-Grad-Bewegungen um eine Achse machen und liefert dabei scharfes Bildmaterial, ganz egal, wie schnell und bei welchem Wetter man fährt oder auf welchem Gelände. Es war lustig: Ich hatte in diesem Auto immer ein bisschen Bammel, obwohl ich als Schauspieler eigentlich sehr gern meine eigenen Stunts mache. Benoît hatte richtig Panik und sagte dauernd zu mir: „Du bist ein Wahnsinniger!“ (lacht) Er hat nicht verstanden, warum ich nicht mehr Angst hatte, obwohl wir beide Hypochonder sind. Aber mir hat es Spaß gemacht, bei halsbrecherischem Tempo am Steuer eines R4 herumzualbern.

Ich habe mich kaputtgelacht, wenn ich Benoît mit panischem Gesichtsausdruck neben mir sitzen sah. Aber solche Szenen sind keine Zauberei – es hat viel Zeit gekostet, sie hinzukriegen. Für die eine auf der Autobahn, in der wir nach und nach immer mehr Teile des Autos verlieren, haben wir eine Woche gebraucht. Dabei gab es ganz präzise Storyboards, inklusive der Stellen, an denen die Autos während der Verfolgungsjagd aufeinanderprallen sollten.



Quelle: PROKINO Filmverleih GmbH