Jewish Film Noir-Kurator Dr. Klaus Davidowicz im Gespräch

Verfasst von am 02.04.2011 um 13:28
Über den Jüdischen Filmclub Wien, ORF-Peinlichkeiten und grünen Noir –
Jewish Film Noir-Kurator Dr. Klaus Davidowicz im Gespräch


Der Jüdische Filmclub Wien machte es sich bei seiner Gründung zur Aufgabe, aktuelle und vergessene Filme aus der bunten Welt jüdischen Kulturschaffens an das Licht der Öffentlichkeit zu tragen. Dass aber nicht nur vergessene Filme wieder in den Blick gerückt werden müssen, beweist der Filmclub mit seiner neuesten Filmschau. Manchmal reicht es einfach die Perspektive ein wenig umzustellen, damit die Schatten der Vergangenheit in neuem Licht des Projektors erstrahlen. Jewish Film Noir ist Titel und Programm der diesjährigen Werkschau des Jüdischen Filmclub Wien, der versucht mithilfe des eigens produzierten Genrekonstrukts in alten Filmen neues Leben zu finden.
Wie eine derartige Kategorie neue Möglichkeiten für die Filmgeschichte liefert, erleben wir vom Sonntag bis Donnerstag im Metro-Kino. Wie ein derartiger Gedanke überhaupt erst entsteht, erzählt uns Kurator Dr. Klaus Davidowicz hier und jetzt.

 


Sebastian Klausner (DVD-Forum.at)
Gleich zu Beginn möchte ich, sozusagen, zu den Ursprüngen zurückkehren: Wie entstand der Jüdische Filmclub Wien? Was waren die Beweggründe? Die Motive? Die Wunschvorstellungen?

Klaus Davidowicz

Tja, das ist jetzt schon quasi mehrere Jahre her, seitdem wir es uns überlegt haben. Das heißt, es waren Frank Stern – eben vom Institut für Zeitgeschichte -, die Bella Makagon – vom Club jüdischer Erwachsener, MOADON – und ich. Wir überlegten uns eine Initiative zu machen, wo die Leute die Möglichkeit haben, zusammen zu kommen und Filme zu schauen, aber in einem besseren Rahmen, als wenn man jetzt beamt oder einen DVD-Player hinstellt. Es gab schon einmal einen jüdischen Filmclub, ich glaube in den 20er, 30er Jahren oder in 50ern – irgendwann gab es schon mal so eine Geschichte. Das heißt, diese alte Geschichte jetzt nicht wieder zu beleben, sondern eben dem jüdischen Film ein regelmäßiges Zuhause zu geben. Also, nicht nur in Form von alljährlichen Festivals bzw. irgendwelchen Festivalwochen und all diesen Dingen. Sondern dass es regelmäßig passiert. Das Problem ist immer – das weiß ich selber – egal ob das nun ViENNALE, Jüdische Filmfestival ist: Es ist eine Sache, die läuft eine Woche oder 10 Tage und wenn man andere Verpflichtungen, eine Familie hat, dann kann man vielleicht das eine rauspicken, das andere rauspicken. Darum bin ich nicht so ein Fan davon, weil man das meiste nicht wahrnehmen kann. Und da fand ich die Idee von einem monatlichen Filmclub interessanter. Zuerst hatten wir es in größeren Abständen geplant gehabt. Das lag auch am Filmarchiv Austria, die schauen wollten, ob die Sache nun funktioniert oder nicht. Deswegen waren wir am Anfang auch auf der Nachmittagsschiene, Sonntagnachmittag, und jetzt haben wir den Sonntagabend bekommen und sind monatlich. Es muss so eine Geschichte auch getestet werden, ob das nun Zulauf bringt oder nicht. Und wir konnten von Veranstaltung zu Veranstaltung feststellen, dass wir sehr viele Leute ins Metro-Kino bringen.

SK
Das haben Sie sogar in ihrem Vorstellungstext geschrieben, dass Matineen angesagt wären. Das hat mich – im Bezug auf den jetzigen Zustand – auch gewundert.

KD
Das war die ursprüngliche Idee, dass nachmittags, vormittags irgendwas zu verbinden, weil wir auch sehen mussten, wie erfolgreich es ist. Ob Leute das nun auch am Abend anschauen möchten. Ob sie sagen, dass das Filmfestival einmal im Jahr reicht und es nicht regelmäßig brauchen.

SK
Da der Jüdische Filmclub nun erstens auf die Abendschiene gekommen ist und zweitens ein monatliches Programm präsentiert, schätze ich mal, dass die Filmschauen durchaus Zuspruch gefunden haben. Aber wie zufrieden sind Sie nun eigentlich mit dem Erfolg, die Rezeption des Filmclubs?

KD
Ich muss sagen, momentan bin ich sehr zufrieden – was die Zuschauerzahlen anbelangt. Dass eben unterschiedlichste Bevölkerungsschichten das nun wahrnehmen: Von der jüdischen Gemeinde, Studenten, allgemeine Bevölkerung. Quer durch die Altersgruppen kommen Leute. Auch wenn nun französische Filme gespielt werden, kommen auf einmal Gäste, Touristen, die es aus der Zeitung erfahren haben. Das Programm wird sehr gut angenommen. Aber weniger zufrieden bin ich mit der Pressearbeit. Das heißt, dass ab und zu mal was im Standard ist. Der Falter ignoriert uns total. Wenn mal eine Veranstaltung stattfindet, steht da vielleicht „Filmarchiv Austria“ / „Metro-Kino“, aber die Existenz des Filmclubs wird quasi nicht wahrgenommen. In der Presse ist noch einiges zu machen. Ich bin damit nicht zufrieden. Auch was in der ORF-Berichterstattung gezeigt wird, wenn wir etwa andere Sachen gemacht haben, wie University Goes Movies, war einfach nur peinlich [lacht].

SK
Könnten Sie uns sagen, was da genau gezeigt wurde?

KD
Das war bei der Retro DOUBLE TAKE 1. Da wurde es im ORF-Beitrag hingestellt, als wolle das Metro-Kino – und das Filmarchiv, glaube ich, wurde am Rande erwähnt – Verbotsfilme zeigen und holt sich quasi von der Uni Leute, die dann das mitbetreuen. Dass das eigentlich unsere [Dr. Klaus Davidowicz und Dr. Frank Stern] Initiative war und wir das Metro-Kino als Kinosaal benutzt haben – tja [lacht].

SK
Sie erwähnten zuvor die breite Palette von unterschiedlichen Besuchergruppen, die vom weiten Spektrum an Filmgenres und –nationen angelockt werden. Wie gehen Sie in Ihrer Filmauswahl heran? Letztens haben Sie, nach der Vorstellung von Der Fluch (1925), angekündigt, es würde bald Holy Rollers (2010) mit Jesse Eisenberg spielen, der dank der diversen Preisverleihungen momentan in aller Munde ist. Steckt auch ein Funken kommerziellen Interessen in der Auswahl?

KD
Das Programm steht schon seit November oder Oktober. Also weit vor Oscar und anderen Geschichten [lacht]. Bloß Holy Rollers war einfach durch Sundance Film Festival und anderen Festivals in den USA der jüdische Film, der aufgrund der Thematik als sensationell, als ein Hit gegolten hat. Orthodoxe Drogendealer. Und das ist nicht mal gekünstelt, sondern eine wahre Geschichte, was es natürlich noch interessanter macht. Das ist nun wirklich ein ganz anderer Film, da normalerweise werden immer orthodoxe Gruppierungen und die Ausbruchversuche der Söhne oder der Ehefrau gezeigt, wie etwa in Teurer als Rubine (1998). Aber Holy Rollers wirft ein völlig anderes Licht auf diese orthodoxen Menschen: Dass es auch orthodoxe Drogendealer geben kann, dass sie Probleme mit ihrer eigenen jüdischen Identität haben und dann was sie eigentlich tun. Der Film war dann nun so erfolgreich in verschiedenen Festivals in den USA, dass wir uns gesagt haben: Den Film müssen wir zeigen! Unser Anspruch ist einerseits neuste, jüdische Filme aus den verschiedensten Genres und Ländern zu zeigen oder eben vergessene Filme zu zeigen, im Form von Retros oder solche Stummfilmevents wie bei Der Fluch.

SK
Bezüglich Orthodoxie und die Präsentation dieser im Film: Im Dezember lief Du sollst nicht lieben (2009), ein israelischer Film über Homosexualität im jüdisch-orthodoxen Rahmen. Wie stehen Sie zu diesem Film?

KD
Der Inhalt ist ganz spannend, interessante Lovestory, aber wir haben uns den Trailer und die DVD angesehen, die schon vor dem Kinostart erschienen ist, und wir fanden ihn einfach filmisch zu langweilig. Wir haben nun eben den Anspruch: Auch wenn die Story interessant wäre, ist das Filmische letztklassig, dann zeigen wir es nicht. Und das ist bei diesem Haim Tabakman (Anm.: Regisseur von Du sollst nicht lieben) der Fall. Da fanden wir den anderen israelischen Film, Ha-Sodot (2007), der lesbische Frauenbeziehungen am Rande behandelt, filmisch wesentlich besser. Das war mal was anderes aus Israel. Tabakmann ist von den Bildern einfach zu konventionell, fast wie ein Fernsehfilm.

SK
In der Vorstellung des Jüdischen Filmclub Wiens sagen Sie: „Lassen Sie sich mit uns in die bunte, widersprüchliche, vor allem aber globale jüdische Filmkultur entführen.“ Dies impliziert ein holistisches Bild der jüdischen (Film)Kultur, welches Sie nicht nur auf, sondern auch vor der Leinwand erfüllen möchten: Jiddische Lieder, rabbinische Texte oder auch Poesie. Eine sehr vielschichtige Auswahl, aber die bis dato eher im Kanon der Hochkultur feststeckt. Wäre es für Sie in diesem Kontext auch interessant mit Populärkultur zu arbeiten?

KD
Wir versuchen das auch, wenn es Beispiele gibt, die auch filmisch passen bzw. ein Platz für sie gibt. The Unborn (2009) passte sehr gut mit der Dybbuk-Geschichte. Aber wenn es einfach zu flach ist, dann wollen wir es nicht. Wenn es etwas gäbe wie South Park - Der Film (1999), dann könnte ich es mir vorstellen, einen derartigen Abend zu organisieren. Aber meistens ist es leider so, dass, wenn jüdische Filme zu populär sind, sie einfach zu dumm sind, wie etwa Adam Sandler-Filme. Da geht es etwa auch um jüdische Thematiken, aber auf eine Weise abgehandelt, die ich nicht vertreten kann.

SK
Jetzt aber nicht nur bezogen auf filmische, sondern auch auf performative Ebene, vor der Leinwand. Also etwa möglicherweise auch Comics zu integrieren, die sich mit jüdischen Thematiken beschäftigen. Wäre das interessant?

KD
Das wäre interessant, aber es gibt auch nicht eine so große Auswahl. Der Trickfilm vom französischen Comickünstler Sfar (Anm.: Die Katze des Rabbiners (2011)) kommt momentan ins Kino. Da ist aber nun die Frage, kommt er in die heimischen Kinos oder nicht. Wenn er nun richtig gestartet wird, hat das keinen Sinn. Hingegen wenn er nicht läuft, ist das ein Film, den wir ins Programm nehmen würden.

SK
Ein weiterer Wunsch des Jüdischen Filmclub Wiens ist es Künstler und Kunstschaffende einzuladen. Ist in nächster Zeit wieder etwas Derartiges geplant?

KD
Wir hätten es gerne, aber es ist einfach eine Sache der Finanzen. Wir handeln es momentan so, dass es sich ungefähr ausgleicht. Leider kommen die meisten Künstler nicht, wenn nicht alles gedeckt ist.

SK
Von der internationalen nun auf die heimische Ebene: Wie bewerten Sie denn das österreichisch-jüdische Kulturschaffen bzw. auch die Rezeption dieser in den letzten Jahren?

KD
Es ist ein Problem, dass jüdische Kultur in der Wahrnehmung sehr gerne in diesen abgelutschten Begriffen von „Weltkino“ und „Weltkultur“ verstanden wird. Das ist ein überstrapazierter Begriff. Deshalb wird es meist als etwas wahrgenommen, dass nicht Teil der eigenen Kultur ist, sondern irgendwie außerhalb von Österreich stattfindet. Gerade, wenn wir alte Beispiele aus Österreich oder aus Osteuropa zeigen, sieht man, dass das nicht stimmt. Wenn es mehr österreichische Filme gäbe, würden wir auch mehr zeigen, aber da sieht es sehr mau aus. Und wenn es Filme gibt, dann ist es immer nur über die Shoah – und auch nicht immer geglückt. Und ein jüdischer Filmclub hat auch nicht immer Lust, jeden Monat sich Filme über die Shoah anzusehen. [lacht] Da ist also ein Problem, dass jüdische Kultur aus dem Fokus Österreichs, oder noch schlimmer aus dem Fokus Europas herausgedrängt wird. Und im übelsten Fall mit israelischer Kultur gleichgesetzt wird.

SK
In der Filmauswahl der heurigen Retrospektive sind ja schon einige österreichisch anmutende Beispiele von Exilanten wie etwa Billy Wilder, Fred Zinnemann und Peter Lorre. Wäre es also nicht interessant eine Retrospektive zu organisieren, die sich nur mit austro-jüdischem Filmschaffen der letzten 100 Jahren beschäftigen würde?

KD
Die Frage ist hier, ob es nicht zu wenig letztendlich gibt – und dann sehr Shoah-spezifisch. Außerdem sind wir bis jetzt noch nicht soweit, dass wir Dokumentarfilme hineinbringen würden, da sie sehr oft filmisch einfach zu fad sind. Ein Film im Stil von Workingman’s Death (2005) könnte ich mir gut vorstellen, aber über jüdische Themen gibt es das eher nicht.

SK
Bevor wir nun uns der diesjährigen Werkschau Jewish Film Noir widmen, will ich noch einmal einen Rückgriff wagen: Letztes Jahr lautete das Motto Vom Shtetl bis zur Lower East Side und momentan tritt der Jüdische Filmclub Wien – zumindest im Person von Dr. Frank Stern – auch in Baden auf. Ist es somit auch dem Filmclub ein Anliegen, ihren Rezeptionskreis auch geographisch zu expandieren?

KD
Ja, die Tendenz ist momentan so, ein bisschen in die Bundesländer zu expandieren. In Baden war halt die Infrastruktur vorhanden – wobei das natürlich kein Kinorahmen ist, sondern DVD-Projektion. Deshalb fährt der Frank auch alleine mit DVDs dorthin und macht die Einführung. Es wäre natürlich wünschenswert – wenn es erfolgreich wäre –, auch in Salzburg oder sonst wo zu expandieren, denn dort gibt es nichts vergleichbares.

SK
Und wird der Jüdische Filmclub in Baden auch gut angenommen?

KD
Sehr gut. Es kommt gut an, wobei es – wie mir der Frank sagte –sehr starlastig ist. Wenn große Namen mitspielen, ist es eher ein Erfolg. Beispielsweise zu dem Film mit Gerard Depardieu und Fanny Ardant (Anm.: Hello Goodbye (2008)) kommen mehr, obwohl es den Film schon auf DVD gibt. Zu anderen, nicht so Bekannten kommen eher weniger.

SK
Frank Stern und Sie schreiben in der neuesten Ausgabe vom Filmarchiv Austria: „Gibt es überhaupt Jüdische Film Noir? Schaut man in die vorhandene und ständig wachsende Literatur zum Film Noir – gibt es ihn nicht!“ Nun ist die Frage: Warum Jewish Film Noir? War es ein Anschluss – was Sie aber in dem Artikel verneinen – an die Thematik der Migration der letztjährigen Filmschau? Oder war der Unbekanntheitsgrad der ausschlaggebende Punkt?

KD
Bei dieser Retro ist der Filmclub quasi auch dabei, aber es ergab sich eher wegen der Universitätsretro im Winter, DOUBLE TAKE 1 und 2, zu den Verbotsfilmen und den Filmen aus den USA. Im Sommer wollten wir wieder etwas machen, was sich an unsere Lehrveranstaltungen anbindet. Frank Stern behandelt eben Film Noir und ich habe den Antisemitismus, jüdische Figuren und Shoah in der Nachkriegszeit. Da bot es sich an, etwas in diese Richtung zu machen. Da wir nicht Zeit haben, zwei Retros zu veranstalten, wurde es gleichzeitig mit der Jüdischen Film-Retro zusammengelegt. Und hier kamen wir auf die Tatsache, dass es witzigerweise in der Literatur zu dem Thema nur ein Buch gibt, Driven to Darkness von Vincent Brook. Dieses geht aber in eine ganz andere Richtung: Er untersucht Fred Zinneman, Preminger, Max Ophüls und verschiedene andere Regisseure, aber er biegt die Interpretation. Brook liest in Filmen etwas hinein, die nie so gedacht waren. Das ist spannend und interessant, hat aber nichts mehr mit den Filmen zu tun. Etwa die Noir-Filme von Max Ophüls – die sind nicht jüdisch angelegt, weder die Figuren noch sonst irgendwas. Dann liest er aus der ‚feminin angehauchten“ Figur von James Mason die Vorurteile hinein, die man über Juden hat. Ähnlich auch bei Act of Violence (1948), den wir als Beitrag aufgenommen haben – unter anderen um zu zeigen, wie derartige Interpretationen laufen. Um den Leuten zu sagen: Schauen Sie sich das an, sehen Sie das so wie Herr Brook, oder nicht? In der Literatur kommen aber ansonsten alle Filme, die wir in der Filmschau inkludiert haben, gar nicht vor. Manche sind dezidiert Jewish Noir, wie etwa bei Crossfire (1947), wo es um Antisemitismus geht und jüdische Figuren im Mittelpunkt stehen. Dann Address Unknown (1944), den ich letztes Jahr quasi gefunden habe: Ein Shoahfilm mit Noir, 1944 – ein Wahnsinn. Es ist eine der irrsten Entdeckungen, auch von der Filmästhetik. Wenn man Sequenzen sieht, glaubt man, in einem Godard-Film der 60er zu sein, und dann ist man wieder im absoluten Noir-Spektrum. Ganz faszinierender und völlig unbekannter Film. Und der ist klassisch Jewish Film Noir. So kam überhaupt die Idee auf: Innerhalb dieser Noir-Bewegung gibt es von Exilanten wie Nicht-Exilanten, von jüdischen, aber auch nicht-jüdischen Regisseuren Noir-Filme, die wir zu diesem Bereich des Jewish Film Noir zählen würden. Wobei das ist eine Filmschau, die es weltweit noch nicht gegeben hat. Wir nahmen jetzt nicht nur amerikanische Filme, sondern auch Beispiele aus Europa hinein. Deshalb haben wir auch deutsche Sachen im Programm, wie Schwarzer Kies (1961) und Der Verlorene (1951), die aber filmisch Noir sind – und der von Helmut Käutner (Anm.: Schwarzer Kies) ist völlig unbekannt, weil man alles jüdische hinausgeschnitten hat. Wir hatten ursprünglich überlegt den Bogen bis hin zu Melville zu spannen, wie etwa Armee im Schatten (1969), da er seine ganzen Kriegserfahrungen in seinem Film hineingepackt hat. Eigentlich geht es immer nur um die Résistance, die sie dann Gangster nennen. Leider läuft zu ihm momentan im Filmmuseum eine Retrospektive, weshalb wir wussten, das zu zeigen, wäre ein Unsinn.

SK
Worauf beziehen Sie sich, wenn Sie meinen, dass Adress Unknown wäre unbekannt gewesen? Rezeption oder war er tatsächlich verloren?

KD
Auf die Rezeption. Der kommt zwar in Filmbüchern vor, wo es um Darstellung von Juden im amerikanischen Film geht, aber er wird überhaupt nicht bei der sämtlichen Literatur von Shoah im Film erwähnt. Der ist einfach fallen gelassen worden. Die Bezüge, die drinnen sind, auch jene zum deutschen Expressionismus: Da sind Szenen drinnen und auch wie die Nazis dargestellt werden – völlig anders als kalte Bürokraten. Es ist eine wirkliche Entdeckung, dieser Film. Es ist schade, dass er nie rezipiert wurde. Er ist halt wirklich unknown. Da geht es um eine unbekannte Adresse, eine Geschichte zweier Familien – deutsche und jüdische in den USA, wie die eine nach Deutschland in der NS-Zeit geht und sich zu Nazis entwickeln. Wie die beiden Familien auseinander brechen. Auch überhaupt nicht melodramatisch, vielmehr eine Art Thriller. Ziemlich kühl, vor allem diese Szene in San Francisco in der Art Gallery – wie die Kamera es aufgenommen hat, ist wirklich wie französische Filme der 60er. Da passt natürlich wiederum Peter van Eyck hinein, weil er ein Star der Nachkriegszeit war – und wenn man ihn sieht, denkt man es wäre ein Film von 66 und nicht von 44. Ich habe auch andere Filme, wie etwa Body & Soul (1947) als Noir-Film entdeckt - das war dann aber leider zu spät. Auch der wird in der Literatur falsch dargestellt. Entweder kommt er vor als jüdisches Boxerdrama oder als Noir-Film, aber nicht in der Mischung. Und in der einschlägigen Jewish Film Noir-Literatur sind all diese Filme nicht drinnen.

SK
Mit Schwarzer Kies von Helmut Käutner kann man in dieser Filmschau ja tatsächlich erleben, wie Filmgeschichte geschrieben wird. Die Kuriosität eines BRD-Film-Noirs im US-amerikanischen Milieu wird gepaart mit dem „Saujud“-Skandal – und das Ergebnis ist ein Quasi-Verbotsfilm, der mit beinahe 40 jähriger Verspätung in der Originalfassung seinen Weg in die Kinos findet. Was können Sie uns zu der spannenden Geschichte eines Filmes sagen, der doch pars pro toto für eine ganze Reihe von Arbeiten steht, die ein ähnliches Schicksal durchleiden mussten?

KD
Es ist recht seltsam. Es gibt diese Premierenfassung und damals hat unter anderen auch der Zentralrat der Juden in Deutschland gegen Käutner Sturm gemacht, weil sie das Wort „Saujud“ nicht hören wollten. Aber es ist ja nicht nur dieses Wort, sondern die ganze Figur des jüdischen Barbesitzers wird in diesen wenigen Sequenzen, drei-vier Minuten, herausgeschnitten – weshalb wir nicht wissen, dass er ein Jude und Shoah-Überlebender ist. Aber genau das ist typisch für die deutsche Nachkriegszeit. Gerade in Frankfurt und anderen Orten, wo Militärbasen von den Amerikanern und den anderen lagen, waren sehr oft Juden in dieser Gastronomiegeschichte tätig. Was sollten sie auch anderes machen? Mein eigener Vater war Barbesitzer, zum Beispiel, und wir hatten Gaststätten. Durch die Shoah waren sie aus dem üblichen Lernprozess hinausgerissen, die Familienbetriebe existierten nicht mehr – bei uns waren das Sägewerke, alles zerstört, arisiert und weg – und was wurde man dann? Sehr oft eben in der Gastronomie tätig. Und so ist es eben nicht untypisch. Eher eine klassische Figur, die da für die Nachkriegszeit auftritt. Dass man diese dann entjudaisiert, ist sehr schade gewesen. Es war nicht nur der Ausdruck „Saujud“, an dem sich die Presse damals hochgehangelt hat. Es ist gerade diese wunderbare Sequenz, dass der Ruf „Saujud“ kommt, worauf der Barbesitzer so entsetzt ist, und dann spiegelt sich seine KZ-Nummer in der Music-Box. Dann weiß der Zuschauer, was für eine Geschichte er hat. Auch ein paar andere Hinweise: Man wundert sich zum Beispiel, wenn man den Film so sieht, warum der Amerikaner in polizeilicher Arbeit so gut Deutsch spricht – er ist halt ein Wiener Jude, der in Amerika lebte. Diese ganzen Bezüge der Figuren wurden dann einfach weg geschnitten, was bei Schwarzer Kies sehr bedauerlich war. Es ist außerdem sehr seltsam: Ich kenne die richtige Fassung, da in den 80ern in einem deutschen Fernsehsender – RTL II oder irgend so etwas – Schwarzer Kies mit all diesen Bezügen ausgestrahlt wurde. Die hatten irgendeine Uncut-Version. Die normale Fassung, die im Kino und zum Beispiel im DDR-Fernsehen lief, ist all das Erwähnte draußen. Vielleicht war die RTL-Fassung doch ein wenig cut, aber das, was ich erwähnt habe, ist alles in dieser Fassung drinnen.

SK
Wurde das irgendwie in der Presse reflektiert? Ist es zu einem Aufruhr oder sonstigen ausgeartet?

KD
Gar nichts. Das ist irgendwann in den 80ern auf RTL gelaufen und scheinbar hat es keiner realisiert.

SK
Aber eben diese Bezüge zur Shoah, die Sie vorhin erwähnt haben, ist doch ein absolutes Unikat der Filmgeschichte, oder? Ich kenne keinen anderen Film, der diese Themen behandelt – nicht einmal Cortis Allround-Blick der Nachkriegszeit.

KD
Ja, ich kenne auch keine. Und wenn man das nicht kennt, oder nicht weiß, dann glaubt, man es hätte nie stattgefunden. Abgesehen davon ist es ein deutscher Noir. Ein Laster-Krimi unter den Arbeitern der Flugbasis, die dort fahren und schieben. Also von der filmischen Ästhetik ist es wie ein Noir, aber auch die vorkommenden Figuren sind eben interessant. Es ist auch düsterer als die Cut-Fassung. Das Ende ist auch anders in der Premierenfassung, welches sie uns auch nicht zumuten wollte. [lacht] Käutner wollte also wirklich einen düsteren Film machen.

SK
Um den Rahmen zu schließen: Am Anfang unseres Gesprächs standen die Wünsche zu Beginn – was sind jetzt die Wünsche, nächsten Projekte und Ziele vom Jüdischen Filmclub Wien?

KD
Wir haben jetzt noch keine konkreten Ziele. Wir wollen uns durch Pressearbeit und Werbung stärker positionieren, sodass bekannt ist, was wir hier monatlich machen. Dass wir neue Produktionen herzubringen versuchen. Also dass wir da noch mehr wahrgenommen werden, denn dann können wir auch in den Retros stärker Akzente setzen. Es ist ja ungemein schwierig, eine Retrospektive mit Schwarz-Weiß-Filmen der 40er, 50er, knapp 60er zu machen und damit zu hoffen, Kinos voll zu kriegen. Da muss man eine ganz andere Werbestrategie auch haben, als es sonst bei Retros gemacht wird. Man muss dann klar zeigen, dass es hier etwas gibt, was in dieser Zusammenschau weltweit noch nicht gegeben hat. Dementsprechend auch mit Plakaten, Interviews und intensivere Pressearbeit stärker Aufmerksamkeit erregen, sodass man auch gewagtere Retros und gewagtere ältere Filme zeigen kann. Wobei das natürlich auch immer wegen den Kopien eine schwierige Geschichte ist. Mit unter gibt es von Filmen rekonstruierte Bluerays und es gibt nur 16mm-Fassungen, die zum Speiben sind. Das ist die Wahrheit. Siehe etwa, was wir letztes Jahr hatten, The Frisco Kid (1979). Ein Film von 1979 und es gab keine Kopie, welche die Originalfarben hatte, sondern nur rotstichige. Währenddessen die Warner Home DVD tadellos ist. Da muss man dann auch mit einem anderen Kino vielleicht für so etwas kooperieren, die eine besonders gute Beameranlage haben. Dann kann man sagen: Okay wir haben von diesem Film eine Archivkopie, eine Archiv-DVD oder eine Archiv-Blueray und die zeigen wir, weil es auf 16mm oder 35mm einfach nichts passendes gibt. Das ist halt die alte Geschichte: Einerseits Werbung zu machen, Leute für alte Filme zu begeistern, und gleichzeitig aber auch etwa keinen Bildregen zu präsentieren. Denn da sind der Frank und ich allergisch. Wir wollen immer die besten Kopien und vor allem die vollständigen Kopien. Etwa bei Notorious (1946). Da fehlte ein Satz – aber ein interessanter, in dem Gary Grant auf IG-Farben hinweist. Das ist aber in den europäischen Kopien draußen. Wir hatten schlussendlich eine aus England – aus der es auch geschnitten wurde. Dann haben wir dann halt im Gespräch darauf hingewiesen, dass eben in der amerikanischen DVD dieser Satz noch drauf ist. Da ist halt immer die Frage, was kriegen wir. Etwa müssen wir jetzt am 30. hin und die 16mm-Fassung von Undress Unknown sichten, ob die Kopie so gut ist, dass wir ihn zeigen können. Gibt es Farbschwankungen? Ist das Schwarz-Weiß irgendwie farblich verändert? Ein Noir-Film in grün? [lacht]

SK
Dann, danke ich sehr.

DK.
Bitte schön.

Weitere Informationen zu dem Programm und den Filmtiteln findet ihr HIER und auf der Internetseite  des Jüdischen Filmclub Wien