10 Fragen an den Dalai Lama - Regisseur Rick Ray

Verfasst von am 06.02.2009 um 00:00

2006 nahm der Regisseur Rick Ray (u. a. The Soul of India, Raise the Bamboo Curtain: Vietnam, Cambodia, and Burma) einen weiten Weg von Amerika nach Indien auf sich, um seine Dokumentation "10 Fragen an den Dalai Lama" zu produzieren und damit auf einige Umstände aufmerksam zu machen, in die sogar die chinesische Regierung verwickelt ist. Vor dieser Zeit bat er zwar um eine Audienz beim 14. Dalai Lama, bekam aber erst die Zusage für ein Interview während der Dreharbeiten. Wir nutzten die Möglichkeit und sprachen mit dem Mann, der das Oberhaupt Tibets in ca. einer Stunde 10 fundamentale Fragen stellte, die zum Nach- und hoffentlich zum Umdenken anregen.


10 Fragen an den Dalai Lama
Der 14. Dalai Lama und rechts der Regisseur Rick Ray



DVD-Forum.at: „Raise the Bamboo Curtain: Vietnam, Cambodia, and Burma“ mit Martin Sheen („Apocalypse Now“) gehörte 1996 mit zu ihren ersten Werken. Seit dem haben Sie einige bekannte Dokumentationen über viele verschiedene Kulturen gedreht. Können Sie sich vielleicht kurz für die Leser vorstellen?

Rick Ray: Mit dem Filmen begann ich in der fünften Schulstufe als unser Schulbezirk zwei Super-8-Kameras kaufte – seitdem bin ich von jedem Aspekt der Filmerei besessen. Nach der Absolvierung der University of California in Santa Barbara im Fach Film arbeitete ich in verschiedenen Jobs in Hollywood sowohl im TV- als auch im Filmbereich bevor ich erkannte, dass ich wohl niemals wirklich die Karriereleiter hochklettern würde um vom Nichts zum Regisseur zu werden. Dafür musste ich mich vom System lösen und meine eigenen Geschichten zum Erzählen finden. Der Durchbruch kam als ich angeheuert wurde, Jack Palance vom und zum Set von „Ripley's Believe It Or Not TV show“ zu chauffieren. Mr. Palance, ein sehr direkter Typ der niemandem Honig um den Mund schmiert meinte zu mir, dass ein Filmhochschulabschluss nur zum Angeben reichen würde, aber keine Qualifikation für einen Job im Filmbereich darstellen würde. Er hämmerte mir ein, meinen Stil nicht von anderen Regisseuren zu übernehmen, sondern in die Welt hinauszugehen und meine eigenen Geschichten, Situationen und Bildsprachen zu finden. „Sei nicht der nächste Steven Spielberg oder Francis Ford Coppola“ sagte er, und meinte „sei der erste Rick Ray.“

Ohne davon zu ahnen war er es, der mich auf Kurs brachte, denn nur einige Monate später schmiss ich meinen Job bei Ripleys hin, verließ Hollywood und kaufte einen Rucksack, eine 16mm-Kamera sowie ein Notizbuch und war auf meinem Weg die Welt zu sehen und zu filmen. Ich war 25 und auf der Suche nach einem Abenteuer. Mein Ziel war das Irgendwo mit einem Ort dessen Namen ich noch nie gehört hatte. Mein Ziel war es zu fühlen, was ich noch nie zuvor gefühlt hatte. Mein Wunsch war „ja“ zu sagen zu was auch immer auf mich zu kam – und es gleichzeitig zu filmen.

D: Kameramann, Autor, Redakteur und Regisseur - ein Multitalent. Gibt es vielleicht irgendeine Tätigkeit, die Sie lieber ausführen, oder gefallen Ihnen alle Arbeiten gleich gut?

R: Ich liebe es, das Material zu schneiden und ich liebe das Filmen. Aber die Art und Weise wie ich Filme unterscheidet sich stark von der Arbeitsweise anderer Crews. Oft gibt es niemanden außer mir selbst, höchstens manchmal einen weiteren. Große Crews sind nicht mein Ding wenn es darum geht, andere Kulturen abzubilden. Große Mannschaften sind das Äquivalent zu den Touristenbussen, aus denen die Leute vom Fenster raus auf andere Leute blicken. Sie werden zu einer ganz eigenen, selbstwichtigen „Nation“ von Persönlichkeiten, die dich vom wahren Erlebnis eines Ortes abschirmen. Oft kann man mich beobachten wie ich – alleine - vor Sonnenaufgang aufstehe um im goldenen Morgenlicht zu filmen. Ich bekomme eine ganz reines, ungehindertes Gefühl von Glück, wenn ich es so mache.

Wenn dann der Dreh lange vorüber ist, dann erfreue ich mich daran, die Bilder, Töne und die Geschichte am Schnittplatz zum Leben zu erwecken. Ich liebe die Zusammenarbeit von Bild und Ton, sie löst einen mystischen, unbeschreiblichen Eindruck bei den Zusehern aus. Musik ist ein wahnsinnig wichtiger Teil um die Geschichte zu erzählen. In den meisten meiner Filme findest du eine sehr anregende Mischung zwischen Ton und Bild. Darüber hinaus bin ich in der glücklichen Lage mit wunderbaren Musikern – wie etwa Prem Joshua oder Peter Kater – zusammenzuarbeiten. Sie wissen, wie man Bilder zum Leben erweckt.

Ein Teil des Grundes warum ich alleine arbeite ist, dass ich mir keine große Crew leisten kann. Mir war es noch nie möglich das Geld aufzutreiben um viele Leute um mich herum zu haben. Ich produziere all meine Filme aus eigener Tasche. Natürlich bin ich eifersüchtig wenn ich die Filme meiner Kollegen ansehe, deren Abspann oft Minuten dauert mit hunderten von Namen. Es hätte was von einem Monty Python-Streich, wenn ich meinen Namen nach fast jeder Aufgabe im Film erwähnen würde. Natürlich könnte ich einfach auch Namen aus dem Telefonbuch einsetzen. Aber am Ende ist es auch eine gewisse Genugtuung zu wissen, das selbst tun zu können, wofür es bei einem gewöhnlichen Kinofilm hunderte Leute braucht.

D: Sie sind ja eine Person, die durch ihre Arbeiten viele Länder bereiste und die verschiedensten Kulturen kennenlernte (Bsp: Israel, Bali, Borneo, Libanon, Syrien, Island). Was fasziniert Sie daran und gibt es vielleicht ein Folk, dass Sie besonders in Ihr Herz geschlossen haben?

R: Es ist ungeheuer faszinierend zu reisen. Wir Amerikaner sollten viel mehr reisen. Ganz klar: es erweitert deinen Horizont und bereichert dich. Aber das sind nur Worte. Was wirklich passiert ist, dass du irgendwo ankommst und ein großartiges Gefühl von Exotik verspürst. V.S. Naipaul nennt das „Das Mysterium des Ankommens.“ Die Gerüche, die visuellen Eindrücke, die Töne, das Verhalten der Leute. Ich bekomme dieses Gefühl, egal ob ich in Borneo oder in Nebraska ankomme. Das Problem ist nur, dass dieses Gefühl sehr schnell verschwindet, du musst also notieren, was anders ist und Fragen darüber stellen. Diese werden sehr wichtig sein wenn du die Menschen und Kultur darstellst.

Nach ein paar Wochen an diesem neuen Platz werden diese Neuheiten schwächer. Du lernst dich zu integrieren und nach den Regeln vor Ort zu leben. Du lernst das Einzigartige und Ungewöhnliche zu verstehen und hoffentlich auch zu schätzen, trotzdem wirst du aber anfangen, dich einzufinden.

Schlussendlich fährst du wieder nach Hause mit all diesen wunderbaren Erkenntnissen. Du kehrst aus einem exotischen Wald zurück in deine vertraute Heimat. Was passiert? Das Zuhause, das du verlassen hattest wird dir fremd und seltsam vorkommen, es kann sogar absurd oder erschreckend sein. Während sich die daheim gebliebenen Leute nicht verändert haben, sich deren Leben immer noch in den selben Bahnen bewegt wie vorher mit den selben Problemen fühlst du, dass du dich vollständig verändert hast. Du hast großartige und erleuchtende Geschichten, die du mit ihnen teilen kannst und die ihre Leben verändern werden. Klammere dich an diesen Gedanken fest, denn nur allzu schnell wird er verschwinden. Es ist dein Antrieb als Künstler die Geschichte zu erzählen.

Was die Frage angeht, mich zu einem Volk stärker hingezogen zu fühlen als zu einem anderen, muss ich sagen, dass ich dies nicht beantworten kann. Mit der Zeit realisiert man, dass das, was uns Menschen ausmacht überall in etwa gleich ist, unabhängig von Hautfarbe, Nationalität, Religion oder Hintergrund gibt es gute, schlechte und zweigesichtige Menschen in allen Kulturen, Gesellschaften und Orten.

D: Was halten Sie von dem 14. Dalai Lama. Sind Sie eher ein Fan oder glauben Sie auch an das, wofür die Heiligkeit Tibets eintritt?

R: Auf meinen Reisen habe ich Religionen sehr vertieft erforscht. Ich habe Zentren von tiefem religiösen Glauben besucht, wie etwa Jerusalem, Indien und Bali um nur einige zu nennen. Dabei habe ich zwei große Entdeckungen ausgemacht: Zum einen, dass fundamentalistische, enge, direkte Auslegungen von Glauben eine Zuflucht für die unsicheren Menschen dieser Erde sind, die einfach nicht für sich denken können und jedes Detail, jede Regel, alles was gedacht oder getan wird vorgekaut bekommen müssen. Das ist meiner Meinung nach der Nährboden für Fanatismus und eine Gefahr für die Welt. Die zweite Erkenntnis ist, dass es sinnvoll ist, den Glauben am Verhalten der Gläubigen zu beurteilen. Wie tolerant sind sie anderen Einstellungen gegenüber? Wie viele Kriege haben sie gestartet, wie viele Menschen getötet im Namen ihres Glaubens? Ebenso auf einem sehr einfachen Level: Wie freundlich sind sie zu anderen Menschen auf der Straße, die nicht exakt so sind wie sie selbst?

Ganz klar, es gibt in jeder Glaubensrichtung gute Menschen – wahrscheinlich sind die meisten Anhänger von jeder Glaubensrichtung gut. Obwohl ich kein praktizierender Buddhist bin erfuhr ich, dass buddhistische Gemeinschaften und buddhistische Kulturen und sogar buddhistische Orte oft eine friedliche, tolerante und anteilnehmende Einstellung gegenüber anderen haben. Seine Heiligkeit ist natürlich ein Musterbeispiel dafür. Nun denn, das ist ein etwas umschweifender und auf vielen Erfahrungen durch meine Reisen basierender Weg um zu sagen, dass ich mich dazu hingezogen fühlte, wofür er als religiöser Führer steht.

D: Wenn man dem Dalai Lama das erste Mal gegenübersteht, was ist das für ein Gefühl und was geht einem in diesem Moment durch den Kopf?

R: Als Mensch war ich ehrfürchtig und als Filmemacher war ich beunruhigt dass der Sound nicht funktionieren oder die Lichter ausfallen würden – solche Dinge eben. Natürlich war ich nervös, da ich wusste, dass er Dummköpfe nicht erträgt und das Interview abbrechen konnte, wenn er meine, es würde nichts bringen. Zum Glück konnte ich mich recht schnell beruhigen und so konnten wir uns in die Materie stürzen.

D: Wie haben Sie sich mit dem Thema Buddhismus, bevor die Dreharbeiten zu „10 Questions for the Dalai Lama“ begonnen haben, auseinandergesetzt?

R: Ich fuhr nach Bodhgaya in Südindien, verfolgte die Spur Buddhas und besuchte Sarnath in Varanasi. Dann ging ich nach Ladakh in Nordindien und lebte für eine Weile in einem tibetischen Kloster. Zu jeder Zeit las ich in den Schriften und saugte das Wissen auf – sowohl aus den Werken von Seiner Heiligkeit als auch aus den Büchern von Robert Thurman. Ich lebte vorher auch schon längere Zeit in Thailand, Kambodscha und Burma, also hatte ich schon ein wenig eigene Erfahrung mit dem Buddhismus. Ich möchte an dieser Stelle aber wiederholen, dass ich kein praktizierender Buddhist bin und auch nicht von mir behaupte, ein Gelehrter auf diesem Gebiet zu sein.

D: Die Reise von Amerika nach Indien ist ja nicht gerade kurz. Wie kommt man auf so eine Idee, diesen Weg auf sich zu nehmen, um seine 10 fundamentale Fragen dem Dalai Lama zu stellen?

R: Ich war schon in Indien, da ich angeheuert wurde, dort einen Film namens „The Soul Of India“ zu drehen, der zwar nicht so erfolgreich war wie „10 Questions for the Dalai Lama“, mit dem ich aber dennoch sehr zufrieden bin. Die Produzenten dieses Filmes hatten mir eine Audienz mit Seiner Heiligkeit als Teil von „The Soul of India“ versprochen. Leider verfolgten sie die Umsetzung dieses Versprechens nicht wirklich und es gab nie konkrete Pläne. Als ich am Dreh in Indien war fragte ich mich „Warum sollen wir nicht um eine Audienz ersuchen?“ Durch Hartnäckigkeit und eine Serie unglaublicher Zufälle konnten wir die Sekretärin des Dalai Lama erreichen, die uns eine Einladung verschaffte. Als ich die USA verließ wusste ich noch gar nicht, dass es wirklich ein Interview geben würde, dies kristallisierte sich erst heraus, als ich bereits in Indien war.

D: Gibt es vielleicht einen bestimmten Hintergrund, irgendwelche Erlebnisse, die mit den 10 gestellten Fragen verbunden sind?

R: 25 Jahre des Reisens in der Welt haben die Fragen wohl beeinflusst, ich wollte die Bandbreite der Fragen aber von spirituell bis praktisch, von religiös bis politisch, von schwer bis leicht haben – von der Spannweite her also dem Gegenüber angepasst.

D: „10 Questions for the Dalai Lama“ wurde unter anderem auf dem „Berkeley Video & Film Festival“ in der Kategorie „Beste Dokumentation“ ausgezeichnet und erhielt viel Lob. Hatten Sie, bevor der Film fertig gestellt wurde, mit solch einem Erfolg gerechnet?

R: Eigentlich dachte ich nie, dass der Film so erfolgreich werden würde, wie es nun der Fall ist. Es überrascht mich immer noch, ihn in den Regalen von Blockbuster und PBS zu sehen oder auch im Fernsehen beim Zappen. Meine Intention war es nie einen erfolgreichen, bekannten Film zu machen sondern zu dokumentieren und ein Individuum filmisch zu ehren, das ich sehr hoch schätze.

D: Wie ist ihre Dokumentation mit dem Oberhaupt Tibets, dem Dalai Lama, in China beim Publikum angekommen?

R: Das ist sehr schwierig zu beantworten. In Taiwan bekam der Film sehr positive Kritiken. Ich bezweifle aber, dass er in China öfter gesehen wurde – abgesehen von Raubkopien. Denken Sie daran, in China ist es sogar verboten, auch nur ein Bild vom Dalai Lama zu besitzen, ihn im Film zu besitzen oder zu sehen wäre da wohl Volksverhetzung.

Wir haben sehr zynische und negative Attacken auf unserer Webseite und YouTube erhalten – von Personen die ich nur als chinesische Nationalisten bezeichnen kann. Da normale Menschen in China unsere Seite gar nicht aufrufen können müssen diese Attacken von offizieller kommunistischen chinesischen Amtspersonen stammen, deren Job es ist, das Internet zu zensieren und die es nicht lassen können, Cyber-Attacken durchzuführen oder zumindest haarsträubende Dinge in unser Gästebuch zu schreiben. Dies ist definitiv eine ganz andere Sichtweise des Dalai Lamas als im Rest der Welt. Ich denke aber nicht, dass dies die Stimme des chinesischen Volkes ist – eher die Stimme der chinesischen Regierung.

D: Gibt es vielleicht noch mehr Fragen an den Dalai Lama, die Sie noch gerne im Nachhinein gestellt hätten?

R: Ich hätte ihn gefragt, ob sein Wunsch in sein Land zurückzukehren – und die Ablehnung dieses Wunsches – nicht eine Art fortgeschrittene buddhistische Lektion für Seine Heiligkeit darstellt. Eine der grundsätzlichen Lehren im Buddhismus lautet „Begehren ist Leiden“, ist dann nicht der Wunsch, in sein Land zurückzukehren – ganz egal wie verständlich und angemessen es ist – eine Art von Begehren?

D: Was halten Sie davon, dass der Dalai Lama nach all den Jahren immer noch von der chinesischen Regierung als Feind angesehen wird, obwohl er ja eine Person ist, die für den Frieden steht?

R: Die chinesische Regierung fürchtet nichts mehr als Instabilität. China hat im letzten Jahrzehnt große Schritte unternommen um sich der modernen Welt anzuschließen. Während es den Leuten besser geht sollte der Fortschritt nie als ein demokratischer gesehen werden. Instabilität bedroht den Fortschritt und es wird nichts zugelassen werden, was ihn stört – also Dinge wie Meinungsverschiedenheiten oder Redefreiheit.

China hat heute eine große Macht über seine Bürger. Es ist militärisch und wirtschaftlich bedeutsam. Was ihm aber fehlt – und das ist eine große Gefahr – ist jemand mit „höherer moralischer Autorität“. Der Dalai Lama besitzt diese und ist deshalb eine große Gefahr.

Ironischerweise, wollte China verstehen, dass Seine Heiligkeit ihr größter Freund in Tibet sein könnte, wenn sie ihn zurückkehren lassen würden, dann würden sie sehen, dass seine große moralische Autorität mit nur wenigen Worten jede Unruhe oder Gewalt in Tibet beenden könnte. Die Chinesen trauen ihm aber nicht – sie können sich Vertrauen nicht leisten. Also warten sie nur darauf, dass er stirbt um ihren eigenen Dalai Lama zu bestimmen. Dadurch riskieren sie hunderte oder tausende weitere Jahre an Unruhen – nur, weil sie kein Vertrauen in eine gute Macht innerhalb ihrer eigenen Grenzen haben können.

D: Um kurz bei China zu bleiben: Ein Thema, was im Film ja auch angesprochen wurde, ist die Entführung des 6-jährigen Panchen Lama, der irgendwann den neuen Dalai Lama bestimmen sollte. Er wurde ja von der Regierung entführt, die daraufhin ihren eigenen Berufenen auswählte. Wollte man daraufhin speziell die Entscheidung des Dalai Lamas manipulieren, zeigen, dass er nicht von denen als Oberhaupt anerkannt wird?

R: Ja – aber es war noch viel mehr. Es war ein zynischer und aggressiver Schritt um die Kontrolle von allen zukünftigen Dalai Lamas zu nehmen. Es war ein geschichtsträchtiger, einschneidender Schritt in der tibetischen und chinesischen Geschichte von dem nur wenige Leute etwas wissen. Durch das Ersetzen des Panchen Lama mit einem politischen Beauftragten haben sie wohl sichergestellt, dass der tibetische Buddhismus nun in Zukunft auf zwei Dalai Lamas aufgeteilt werden wird – einen, der in China ernannt und einer, der über den natürlichen Weg außerhalb ermittelt werden wird. Das könnte desaströs sein – wie die Trennung zwischen Sunniten und Schiiten im Islam. Obwohl die meisten Tibeter heute wissen, wer der richtige Dalai Lama ist und wer der falsche,was wird mit den Tibetern in 20, 50 oder 100 Jahren sein? Man fragt sich, ob ihre Kultur so lange überleben wird, aber auch, ob zwei verfeindete Fraktionen die gar nicht wissen, warum sie im Clinch sind, entstehen könnten.

Bezeichnend für diese Ironie ist eine Proklamation der Chinesen, dass jeder Mönch, der seine Reinkarnation sicherstellen möchte, dafür um eine Erlaubnis ansuchen muss. Dies zeigt deutlich, dass die chinesische Regierung jeden Teil der tibetischen Lebensart und die natürlichen Wege ihrer Religion kontrollieren möchte.

D: Ihr Film regt zum Denken an, auch im Bezug auf die globalisierte Welt. Was ist für Sie globales Handeln und wie kann man vielleicht alles besser machen?

R: Eine der zentralen Elemente der Buddhistischen Lehre ist sich selbst zu heilen und sich von innen heraus zu wandeln. Ebenso wie Personen können dies auch Länder – so denke zumindest ich und auch Seine Heiligkeit glaubt daran. Die Chinesen müssen sich selbst ändern und mit größerem Wohlstand sowie Zugang zu Informationen sollte dies auch möglich sein. Wir können die Situation ebensowenig ändern, wie wir jemandem gegen seinen Willen helfen können. Die Chinesen und deren Produkte zu bestrafen und zu boykottieren ist der falsche Weg. Ihnen Hilfe und klare, unverfälschte Informationsquellen jenseits der staatlichen Zensur anzubieten ist ein essenzieller Schritt – Information und Bildung sind die Schlagwörter. Wie der Dalai Lama sagt, „die Wahrheit zu sprechen“ ist von zentraler Bedeutung. Eine demokratischere Medienlandschaft mit mehr Freiheit ist essenziell, auch, wenn sie noch weit weg sein mag. Sollte dies nicht mehr zu Lebzeiten des 14. Dalai Lamas geschehen, dann werden immer Dalai Lamas auf dieser Welt erscheinen, um an diesen Problemen zu arbeiten und sollte es mehrere Generationen, mehrere Lebzeiten dauern oder der Dalai Lama ein von China bestimmter sein.

D: Sind schon weitere Projekte in Planung, über die Sie vielleicht schon vorab etwas verraten könnten?

R: Ich bin mir über mein nächstes Projekt noch nicht sicher aber es wird von einer anderen Art sein als „10 Fragen an den Dalai Lama“. Vielleicht ein etwas raueres und ein wenig durcheinander. Ich liebe Filme wie „Jesus Camp“. Ich möchte unbedingt mal etwas ausprobieren, das etwas mehr „verite“ ist. Ich halte euch auf dem Laufenden.

D: Vielen Dank für das Interview!

R: Sehr gerne geschehen.

Danke an Klaus Doblmann für die Hilfe

© von den Bildern liegt bei Rick Ray Films



Quelle: DVD-Forum.at