Die Schönheit des Vertrauten - Schauspieler Elmar Wepper im Gespräch

Verfasst von am 15.04.2008 um 00:00

Seitdem Elmar Wepper Anfang Jänner 08 für seine Rolle als Rudi Angermayr in Doris Dörries Kirschblüten (hier zur ausführlichen Kritik) mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wurde, steht der charismatische Schauspieler, der auf eine 40 jährige Karriere zurückblicken kann, im Rampenlicht. In Kirschblüten verkörpert Wepper einen Mann, der nach dem Tod seiner Frau deren Träume verwirklichen will und sich ins Land der aufgehenden Sonne begibt - um Spuren zu suchen und um sein Herz zu öffnen.


Waren Sie, als Sie das Drehbuch gelesen haben, sofort überzeugt von dem Projekt, oder hatten Sie Zweifel?

Nein, überhaupt nicht. Das passiert absolut selten, dass ein Buch für mich so faszinierend war. Es war nicht besonders dick, und ich erinnere mich, dass ich es in 20 Minuten durchgelesen hatte. Meine Frau war ebenfalls sehr angetan und hat feuchte Augen bekommen – sie meinte, dass ich das unbedingt machen müsste.

Haben Sie sich auf den Film vorbereitet? Waren Sie zum Beispiel schon mal in Japan?

Das war gar nicht notwendig. Rudi kommt ja auch zum ersten Mal nach Japan. Er ist ein bisschen wie Bill Murray in Lost in Translation, kennt sich nicht aus, versteht kein Wort japanisch und so weiter. Was ich und Hannelore Elsner gemacht haben, war, dass wir mit Tadashi Endo, dem Butohtänzer im Film, der übrigens in Göttingen lebt, einen zweitägigen Workshop gemacht haben, um überhaupt zu erfahren, was das ist, Butoh. Beim Drehen selbst gab es viele Situationen, bei denen wir nicht wussten, was auf uns zukommt, zum Beispiel bei der Szene, in der sich Rudi den Weißkohl kauft. Normalerweise wird bei Dreharbeiten das Geschäft angemietet, der Verkäufer ist möglicherweise ein Schauspieler und es gibt Text – gar nichts von dem war bei uns der Fall. Wir sind mit unserer Kamera einfach in den Gemüseladen und haben gedreht, ohne genau zu wissen, was passiert.

Wie war das bei den S-Bahn Szenen, in denen ja doch alles sehr schnell von statten geht?

Das Problem war, dass man wieder ans Set zurückkam Normalerweise war immer jemand im Zug, der mir zur Seite stand, aber einmal fuhr die Bahn mit mir ab und ich war auf mich alleine gestellt. Es war ein Wunder, dass ich wieder zurückgefunden habe.
Keiner spricht Englisch und ich nicht Japanisch.

Ich hatte den Eindruck, Rudis Kinder konnten mit dieser etwas „kreativeren“ Verarbeitung von Trudis Tod seitens ihres Vaters nicht umgehen. Haben Sie den Eindruck, dass der Tod in unserer Kultur tabuisiert ist?

Es ist ein Tabuthema. Wenn man darüber nachdenkt, ist es eigentlich verwunderlich. Die Qualität des Lebens wird ja über die Endlichkeit unseres Daseins bestimmt. Aber unsere sehr auf den Moment getrimmte Konsumgesellschaft weigert sich, das zur Kenntnis zu nehmen, neigt dazu, einem zweifelhaften Jugendwahn zu huldigen und „träumt“ vom ewigen Leben. Wie absurd!
Und natürlich „spinnt“ Rudi in den Augen seiner Kinder, weil sie ihn nur als starken und festen Charakter kennen, der seinen Lebensrhythmus liebt und keine großen Veränderungen will. Und plötzlich bricht er auf, fährt nach Japan, hebt sein ganzes Geld ab und nimmt die Kleider seiner Frau mit. Aber was in diesem Mann vor- und aufgegangen ist – vielleicht wie eine Kirschblüte – das begreifen sie nicht.

In wie weit denken Sie selbst über das Sterben und den Tod nach?

Ich bin ein sehr lebensfroher Mensch und neige überhaupt nicht zur Tristesse. Aber den Gedanke an den Tod verdränge ich nicht. Ich bin beispielsweise froh, dass ich weiß, wo mein Grab ist. Und wenn ich mir mein Leben auf einem Metermaß vorstelle, dann stehe ich irgendwo in den letzten 10 cm – das ist einfach so, statistisch gesehen. Man kann sicher auch 95 werden, aber wer ist in diesem Alter noch fit und voller Tatendrang. In anderen Kulturen sind Sterben und Tod viel mehr einbezogen in das unmittelbare Leben. Was mich in diesem Zusammenhang vor kurzem erschreckt hat, war eine Studie, die in Amerika unter Jugendlichen durchgeführt wurde. Man fragte sie, woran der Mensch stirbt und fast alle sagten, sie werden erschossen, erschlagen, von Bomben zerfetzt und so weiter – und nur in den Familien, in denen man zum Beispiel den Tod der Großeltern erlebt hat, sagten die Kinder, man kann auch sterben, weil man alt wird.

Rudi Angermaier ist ein Charakter, der, wie Sie schon sagten, seine Rhythmen kennt und liebt – wie ist das bei Elmar Wepper?
Ich habe es eigentlich schon ganz gerne, wenn ich weiß, wo es lang geht. Natürlich nicht in allen Einzelheiten, aber es gibt bei uns schon gewisse Fixpunkte: In der Früh geht meine Frau meist mit dem Hund spazieren, während ich das Frühstück mache und dann sitzen wir oft lange beisammen, lesen Zeitung, trinken Tee und reden über dieses und jenes. Ich liebe vertraute Situationen – fahre zum Beispiel im Urlaub an Orte, die ich kenne und wo ich weiß, dass ich mich wohl fühle.

Im Film spielt Birgit Minichmayr Ihre Tochter. Kannten Sie sie und Ihre Arbeit schon vorher?
Ich kannte ihren Namen und wusste, dass sie in Wien am Theater Furore gemacht hat. Ich war beim Drehen absolut begeistert davon, wie sie an ihre Rolle herangeht und ihr eine ganz spezielle Note verleiht. Es gibt eine Szene im Film, in der man sieht, wie sehr sie ihre Eltern liebt, sie ihr aber gleichzeitig so Leid tun: Als Rudi und Trudi bei ihr und ihrer lesbischen Freundin zum Kaffee eingeladen sind und sie sich verabschieden, sieht man, wie ihr leicht die Tränen in die Augen steigen und man spürt ihren tiefen Schmerz, weil sie ihre Eltern einerseits liebt, andererseits aber merkt, dass eine unüberbrückbare Distanz vorhanden ist.

Kennen Sie auch die Originalvorlage von Yasujiro Ozu, Tokyo Monogatari auf der Kirschblüten über weite Teile basiert?

Nein, leider kenne ich den Film nicht.

Können Sie mir etwas über die Arbeit mit Aya Mirizuki erzählen?

Sie war ganz wunderbar. Wir haben uns eigentlich wie im Film auch angenähert, ganz vorsichtig. Sie ist keine Schauspielerin sondern Tänzerin. Für Aya war das ganze unglaublich aufregend.

Bei diesem Film und auch in den letzten Filmen von Doris Dörrie spielt Buddhismus oder genauer gesagt Zen- Buddhismus eine große Rolle. Wie sehr sind Sie diesem Thema selbst zugeneigt?

Ich bin sicher kein Buddhist. Für mich ist Buddhismus weniger Religion als vielmehr eine Haltung, die man gewinnt und nach der man lebt. Ein zentraler Gedanke, der auch im Film eine Rolle spielt, ist, wie man miteinander umgeht, die Achtsamkeit mit sich selbst, mit den Mitmenschen und mit den Dingen, die einen umgeben. Man sollte immer versuchen, die eigene Gedankenlosigkeit zu durchbrechen und mehr mit offenen Augen und Herzen durch die Welt gehen. Ich habe einmal einen Satz gelesen, den ich gar nicht interpretieren will, der mir aber sehr gut gefällt: „Wenn man das Leid eines Menschen in sich hineinlässt, entsteht Liebe.“ Es geht also auch darum, den anderen in sich aufzunehmen, was wiederum eine Änderung in einem selbst bewirken kann. Wir leben in einer Zeit, in der man sehr darauf aus ist, sich in den Mittelpunkt zu stellen und in der man versucht, sich mit ausgefahrenen Ellbogen zu „verwirklichen“.


Blickt man auf Ihre Karriere zurück, so haben Sie sich immer etwas im Hintergrund gehalten, jetzt stehen Sie aber durch diesen Film sehr stark im Rampenlicht. Wie gehen Sie damit um?

Mit dem Bayerischen Filmpreis im Januar fing es an, dann die Berlinale. Die Resonaz war enorm. Aber was soll ich sagen? Die Dinge passieren einfach. Ich habe mich meinem Beruf nie ausgeliefert und immer eine gewisse Distanz gewahrt. Natürlich freue ich mich sehr über den Erfolg, aber man darf sich auch nicht verrückt machen. Man muss sich immer wieder selbst erden, dann passt das schon.

Sie sind ja auch richtig vielseitig: Sie haben mit Synchronisation angefangen, waren am Theater, im Fernsehen im Kino und auch noch eine Kochsendung…

So ist es. Ich koche seit sieben Jahren gemeinsam mit Alfons Schuhbeck. Die Arbeit macht großen Spaß, ist aber auch sehr stressig, weil wir immer eine ganze Staffel, das heißt 20 Folgen, am Stück drehen. Da steht man dann drei Wochen von früh bis spät am Herd und muss immer locker und witzig sein. Mit Alfons habe ich auch privat ein tolles Verhältnis – wir verstehen uns einfach gut, und jetzt kommt vielleicht sogar eine Brücke zum Buddhismus: Wir gehen sehr achtsam miteinander um. Ich mag Menschen, die ein Gespür für Nähe und Distanz haben. Sie kennen das sicher auch: Es gibt Bekanntschaften, bei denen der eine versucht, sich über den anderen gewissermaßen drüber zu stülpen und kein Gefühl für die Befindlichkeit des anderen hat. Alfons spürt das ganz genau. Wir haben Respekt vor einander. In einer Freundschaft ist das sehr wichtig.

Ist dies also auch Voraussetzung für eine ideale Arbeitsbedingung, wie bei Kirschblüten?
Ja, Doris ist auch so. Sie verfügt über diese Sensibilität und spürt, wenn der andere Distanz braucht. Für die Arbeit ist aber auch Nähe sehr wichtig. Das schafft Vertrauen und Mut. Nicht unbedingt dazu, wie im Film in Frauenkleidern durch Tokio zu gehen, aber Mut, etwas zu wagen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Fotos: (1) Karl Schöndorfer (filmladen), (2) filmladen