Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin - Regisseurin Libertad Hackl im Interview

Verfasst von am 31.03.2008 um 00:00




Libertad Hackl feierte mit ihrem Kurzspielfilm Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin bereits beim Crossing Europe Festival 2007 großen Erfolg. Jetzt ist der Film auf der DIAGONALE 08 zu sehen. Die Regisseurin und Studentin der Filmakademie traf sich mit mir zum Gespräch.


Über dich findet man recht wenig Informationen im Internet, was ich allerdings gefunden habe, war ein Artikel, in dem du sagst, dass du in einem Elternhaus aufgewachsen bist, in dem es keinen Fernseher gab. Wie kam es dann zur Beschäftigung mit Film?

Ich vermute, dass gerade die Abstinenz und das Gefühl, dass es etwas gab, in dem einen andere - in der Schule zum Beispiel - voraus waren, das Interesse weckten. Kino gab’s schon, aber einen Fernseher, auf den man unmittelbaren Zugriff hat, hatten wir nicht.

Was habt ihr im Kino geschaut?

In meiner Kindheit waren es u.a.Disney-Filme - später dann europäische Independent Produktionen. Aber es gab keine Auseinandersetzung mit Film und mit dem, was dahinter steckt. Im Gegensatz zu Literatur. Ich weiß nicht wie, aber irgendwann wollte ich halt einfach Filme machen. Als ich auf die Akademie gekommen bin, habe ich nicht gewusst, was das eigentlich bedeutet.

Magst du uns Laien vielleicht erklären, wie die Ausbildung auf der Filmakademie in etwa abläuft?
Man wird für die Richtung, in der man sich beworben hat, aufgenommen, und ist dann mit einem Jahrgang zusammen – bei mir waren das 18 Studenten – die unterschiedliche Studienrichtungen machen. In den ersten 1 ½ Jahren macht man alles durch – das heißt, ich führe Regie bei meinen eigenen Sachen, mache aber zum Beispiel die Kamera, Assistenz oder Aufnahmeleitung bei jemand anderem. Jeder übernimmt halt einen Part bei einem anderen. Die Ausbildung ist sehr intensiv, das heißt von 9 – 20 Uhr Vorlesungen und dann noch in den Schneideraum. Nach dieser Zeit macht man seinen ersten Diplomfilm in dem Bereich, für den man sich beworben hat. Dann folgt die Spezialisierung, bei der man eine gewisse Anzahl von Vorlesungen machen muss, die man sich frei einteilen kann – hauptsächlich aber Filme.

Und du bist jetzt fertig?
Nein. Mir fehlt noch der Diplomfilm.

Arbeitest du schon an dem?
Nein. (lacht)

Keine Ideen?
Nein, Ideen gibt es schon, aber ich konnte es mir nicht mehr leisten zu studieren und habe das letzte ¾ Jahr gearbeitet, um jetzt weiter machen und den Diplomfilm drehen zu können.

Wie würdest du die Ausbildung an der Filmakademie beschreiben? Gibt’s Verbesserungsmöglichkeiten?
Es gibt sogar enorm viele Verbesserungsmöglichkeiten. Das Gute ist, dass man Freiheiten hat und arbeiten kann. Aber es fehlen – und das ist sehr schade – die Ansprechpersonen. Die Auseinandersetzung findet immer nur mit den Kollegen statt, aber was man lernt, ist selten bis oft gar nicht in den Vorlesungen vorhanden. Es ist ein reiner learning-by-doing Prozess. Bei Haneke ist das anders, bei ihm lernt man wirklich sehr viel.

Ich habe deinen Film nicht oder nicht nur deswegen mit Hanekes Filmen verglichen, weil du seine Studentin bist, sondern auch, weil ich visuell einige Ähnlichkeiten sah, beispielsweise die karge und trostlose Landschaft, von der man zwar nicht viel sieht, die sich aber auch überträgt.

Schon, aber das Optische reicht nicht. Der Unterschied liegt im Zugang zu den Geschichten und zu den Figuren. Es geht ihm um etwas anderes – mehr um gesellschaftliche Strukturen, Gruppen und Beziehungen, und in meinem Film lasse ich meine Protagonisten nicht aufeinander los, sondern betrachte sie.



Gab es eigentlich die Idee, dass sich die drei Geschichten irgendwie kreuzen und sich die Personen irgendwie über den Weg laufen?

Lena, meine Co-Autorin, und ich haben am Anfang über diese Möglichkeit gesprochen, aber sie dann sofort verworfen. Nicht, weil es schon so viele Filme gibt, wo man sich trifft, sondern einfach, weil uns das nicht interessierte. Wir würden es schön finden, wenn die Vorstellung eines Zusammentreffens in den Köpfen der Zuschauer entsteht.

Du erzählst drei Geschichten in deinem Film. Und du sagst in dem von mir angesprochenen Artikel auch, es ist deine persönlichste Arbeit…

(lacht) Das ist falsch zitiert. Nein, meine persönlichste Arbeit ist ein Film, den ich in schwarz/weiß gedreht habe, der mit wirklich persönlicher Erfahrung zu tun hat. Der letzte Film ist zum Beispiel nicht persönlich motiviert, das heißt, ich habe nichts in meinem Leben erlebt, was die Personen im Film erleben. Ich habe lediglich als jemand, der das eben nicht erfahren hat, Interesse daran. Aber es ist der mir wichtigste Film.

Wie habt ihr diese doch sehr unterschiedlichen Geschichten erarbeitet?
Es gab gewisse Fragmente am Anfang. Ganz wichtig war zum Beispiel mal der Security-Mann, der jetzt zu einer kompletten Nebenrolle geworden ist. Eigentlich stand er zu Beginn. Und wir hatten die Verszeile aus dem Thomas Brasch Gedicht – „Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin“ – das war unser Thema – nicht Titel, sondern Thema. Zu dem Security gab es eine Frau, und das hat sich dann umgedreht und die Frau wurde zur Hauptfigur. Die Geschichte mit den Tschechen bot sich ebenfalls von Anfang an, weil die Handlung an der tschechischen Grenze spielt. Mit Freunden und im Bekanntenkreis haben wir über eine mögliche dritte Geschichte gesprochen und mir hat jemand von einer Frau erzählt, die eine Adoptivschwester aus Korea hatte. So kam es zu Lins Geschichte.

Thomas Brasch war ein Filmemacher, Dichter, Querdenker und Anarchist – woraus resultiert die Beschäftigung mit ihm?

Ich habe in Deutsch über Literatur in der DDR maturiert und bin dadurch auf ihn gestoßen. Zuerst auf seine Kurzerzählungen, die mich total fasziniert haben. Mein Aufnahmeprüfungsfilm für die Filmakademie basiert auf einer dieser Geschichten. Mit der Zeit habe ich alles gelesen, was er bzw. was man zu ihm und über ihn veröffentlicht hat. Er ist für mich der einzige Autor, den ich jeden Tag immer wieder aufs Neue lesen könnte In diesem Gedicht, bei dem die letzte Verszeile „Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin“ heißt, geht es sehr stark um diese Heimatlosigkeit oder um die Sehnsucht nach einem Ort, der Heimat bedeutet, der aber nicht geografisch sein muss. Und ohne selbst Migrantenhintergrund oder ähnliches zu haben, kann ich das doch total nachvollziehen – da gibt es eine Nähe zu seinen Arbeiten.

Kanntest du die „Excalibur City“ eigentlich schon vorher?
Ja, ich bin mal daran vorbei gefahren, stehen geblieben und war eigentlich entsetzt von diesem Ort, der wie eine Kulisse wirkt. Dennoch hat mich die Leere dort auch angesprochen. Ich habe das niedergeschrieben, ein Jahr lang nicht daran gedacht und beim Vorbereiten des Drehbuchs habe ich mich wieder daran erinnert. Lena und ich sind hingefahren und wir wollten beide dort unbedingt etwas machen. Wir haben überlegt, was für ein Thema sich an so einem Ort anbietet. Das Spannende an der „Excalibur City“ ist für mich nicht das Einkaufszentrum, sondern dass sie in einem Abschnitt zwischen zwei Ländern liegt. Wohin gehört sie? Für die Heimatlosigkeit ist das der ideale Schauplatz. Auch die Aufmachung kann man nicht zuordnen – da gibt es viel Kitsch, weil sie wie eine Burg aussieht, wie im Märchen.

Wie habt ihr gecastet?

Magdalena Kopiunig, die die Magda im Film spielt, habe ich zuvor bereits in einem Kurzfilm gesehen und bereits beim Schreiben im Kopf. Ich habe sie zwar nicht abgespeichert, wusste aber, dass ich sie haben wollte und nachdem wir bereits viele andere gecastet hatten, bin ich an sie herangetreten. Für die Rolle der Lin habe ich ganz viele chinesische Mädchen in Wien gecastet, aber für mich gab es da sehr viele Unstimmigkeiten. Das waren zumeist sehr traditionell lebende Kinder, talentiert, brav, jung und behütet. Von einer Freundin habe ich von Wie-Yi erfahren, und dass sie anders ist und passen könnte. Wir haben uns getroffen, und sie konnte sich vorstellen, mitzumachen. Das Besondere ist, dass sie die Familie kennt, von der wir die richtige Geschichte übernommen haben. Bei den Tschechen war es sehr mühsam. Ich habe sehr viele tschechische Filme gesehen und das ist ähnlich wie bei den österreichischen – man sieht sehr oft dieselben Gesichter. Diejenigen, die ich passend fand, habe ich angeschrieben – viele wollten nicht, oder hatten keine Zeit oder machten generell keine Studentenprojekte. Da ich kein Tschechisch kann, macht es das generell schwierig. Ich habe den Dramaturgen vom Nationaltheater in Brünn kennen gelernt, der uns dann geholfen hat.

In deinem vorherigen Film „Ausgenommen Anna“ geht es im weitesten Sinne um Mobbying und Ausgrenzung, in „Bleiben will ich…“ zwar nicht direkt, aber man merkt auch, dass Lin zum Beispiel nicht dazu gehört. Ist das ein Thema, das dich beschäftigt?

Es ist schon Ausgrenzung aber mehr noch Einsamkeit. Einsamkeit rührt mich und ich sehe sie gar nicht so negativ besetzt, wie sie zum Teil behaftet ist. Mich interessiert, woher sie kommt. Die Frage nach der Zugehörigkeit hat schon auch mit Heimat zu tun, man kriegt es bei „Ausgenommen Anna“ halt nicht so genau mit, weil man eine Arbeitssituation nicht unbedingt mit Heimat in Verbindung bringt. Gesellschaftlich gesehen gehen wir immer mehr in diese Richtung der Vereinsamung und auch der Entwurzelung – das passiert einerseits durch die Migration und andererseits auch, weil Gefühle abgegrenzt werden, die sich zu verschlimmern beginnen. Das Streben nach Individualität ist viel größer geworden und damit auch die Suche nach sich selbst. Ich beobachte das in meinem Umfeld, wo das fast schon wie ein Religionsersatz ist – die Frage nach dem Woher man kommt oder Wer man ist. Da gibt es dann die Sehnsucht, wieder zurück zu wollen, aber das ist unmöglich, zurück zu kehren, wo man her gekommen ist.

Oder zu bleiben.

Genau. Ich habe das Gefühl, vielleicht sage ich das als Zusammenfassung, dass es ein Thema ist, das für mich und mein Umfeld relevant geworden ist.

Gut, werden wir wieder etwas konkreter und einfacher: Wie lange haben die Dreharbeiten gedauert?

So einfach ist das gar nicht. Wir haben im März 2006 begonnen, haben dann noch eine Woche im April und Juni gedreht und dann wieder im November. Insgesamt habe ich mir mal 23 Tage ausgerechnet, kann das aber gar nicht hundertprozentig sagen.

Das heißt, ihr habt auch die Geschichten vereinzelt gedreht?

Lin und Magda durcheinander und die Geschichte mit den Tschechen kompakt in vier Tagen durchgehend. Das war aus organisatorischen Gründen einfacher so.

Wie ist es mit Ausschussmaterial – gibt es Sachen, die es nicht in den Film geschafft haben?

Nein, bis auf ein, zwei Bilder sind alle Szenen im Film, die schon im Drehbuch standen. Ich habe nur die Szene im Chinarestaurant nach den ersten Drehtagen noch einmal neu geschrieben.

Diese Szene habt ihr ja nicht in der Excalibur City gedreht.
Genau. (lacht) Warst du schon dort?
Nein, aber ich habe den Abspann gelesen!
Aber hast du den Namen des Chinarestaurants auch noch in Erinnerung? Es heißt „Heimat“(lacht)! Aber das ist Zufall. Es gibt zwar in der Excalibur City ein Chinarestaurant, aber das ist so klein, dass wir dort nicht drehen konnten.

In dieser Szene steht Lin auf und geht, weil man sie auf ein Kleidungsstück aus ihrer Kindheit anspricht. Gibt’s für dich da auch eine psychologische Ebene?

Ja. Es ist ja so, dass ihre kleine Schwester sie verrät, indem sie behauptet, sie habe das Kleid noch. Psychologisch daran ist, dass das Kleid für Lin ein Relikt an eine Zeit darstellt, an die sie sich nicht mehr erinnern kann. Das finde ich so tragisch an ihr: Sie verspürt eine Sehnsucht nach etwas, woran sie sich nicht einmal mehr erinnern kann. Mit ihrer Reaktion gibt sie zu, wie sie sich fühlt.

Wo liegt bei der Geschichte Magdas – vielleicht ganz blöd gefragt – die Heimatlosigkeit?
Auch ganz platt gesagt, ist es bei ihr die Sehnsucht nach Liebe und nach einer Familie. Oder aber auch die Sehnsucht danach, dass es okay ist, wie es ist, also dass sie allein erziehende Mutter ist, in Trennung lebt. Dass das auch eine „Lebensform“ ist und okay sein kann.

Erzähl uns noch ein paar Anekdoten von den Dreharbeiten?
Alles ist anders gelaufen als geplant. Vom Anfang an gab es ein Unglück nach dem anderen. Wir haben im März begonnen zu drehen und hatten am ersten Drehtag plötzlich 20 cm Schnee, wussten aber, dass er die Drehzeit über nicht halten würde. Also mussten wir den Schnee irgendwie wegbekommen. Die Excalibur City hat dann sämtliche Mitarbeiter beordert, den Schnee wegzuschaffen…

Das heißt, die waren sehr kooperativ?
Anfangs. Dort gibt es einen ständigen Managerwechsel. Als wir beispielsweise hinkamen, um die Szene mit Magda in dem Designer-Outlet zu drehen, gab es plötzlich ein neues Management, das nichts von unserem Erscheinen wusste und dass wir dort drehen würden. Diese kleinen Geschäfte werden verpachtet und es gibt eine Fluktuation. Wir konnten uns dort auf nichts verlassen. Dann gab es noch einen internen Managementwechsel und wir mussten abbrechen und neu verhandeln. Ronnie Seunig, dem dort alles gehört, war von Anfang an für unser Projekt und meinte, dass jede Werbung gut sei und hat nicht einmal das Drehbuch gelesen.



Wer war für dich dann während der Dreharbeiten eine große Unterstützung?
Judith Benedikt, die die Kamera gemacht hat, und die ich schon seit meinen Anfängen auf der Akademie kenne. Sie hat mit diesem Film diplomiert und mit mir die Dreharbeiten getragen.

Bist du als Regisseurin sehr autoritär?
Nein. Autoritär in keinem Fall. Aber bestimmt glaube ich schon zu sein. Film ist eine Teamarbeit und mir ist sehr wichtig, dass sich jeder einbringen kann, in der Funktion, die er oder sie hat. Beispielsweise ist die Szene am Schluss, wo Lin aus dem Bus schaut und den jungen Vietnamesen sieht, der eine raucht, nicht im Drehbuch gestanden, sondern spontan von Judith eingebracht worden. Ihr Hauptaugenmerk ist eigentlich eher der Dokumentarfilm und sie hat ihn gesehen und gefilmt. Ich finde, das ist der Glücksmoment für die gesamte Lin-Geschichte. An solchen Zusammenarbeiten wächst man.


Fotos: (c) Libertad Hackl