Es gab Versuche mich zu kaufen - Irene Langemann im Gespräch

Verfasst von am 07.02.2008 um 00:00

Rubljovka – Straße zur Glückseligkeit heißt der neue Film von Irene Langemann. Die Regisseurin beschreibt darin die Kluft zwischen reich und arm in Russland, die an dieser berühmten Straße aneinanderzuprallen scheint. Langemann ist selbst in Russland geboren, lebt allerdings seit 1990 als Redakteurin und freie Filmemacherin in Köln. Für ihre Dokumentationen kehrt sie jedoch meist in ihre Heimat zurück. Rubljovka gewann den Standard-Publikumsjurypreis bei der VIENNALE 2007und startet ab 22. Februar in die österreichischen Kinos. Ich traf mich mit ihr zum Gespräch über den Film und über das “neue” Russland.

Zum Filmreview Rubljovka – Straße zur Glückseligkeit

Sie sind 1990 von Russland nach Deutschland ausgewandert. Wie geht es Ihnen, wenn Sie wieder in Ihre Heimat zurückkehren?
Das ist ein sehr ambivalentes Gefühl. Ich habe diese rasanten gesellschaftlichen Veränderungen ja nur aus der Ferne beobachtet. Wenn man dann aber in das Land zurückkehrt und zum Beispiel plötzlich Vokabeln hört, die man noch nie in seinem Leben gehört hat, Anglizismen, die wie die russischen Vokabeln verwendet werden, dann musste ich oft nachfragen, was das eigentlich heißt. Oder auch die Veränderung der Sprache in den Medien, wo vor allem im Radio aus gediegenen Sendungen aus der kommunistischen Zeit plötzlich poppig werden, weil auch ganz anders mit der Sprache umgegangen wird, oft auch viel vulgärer. Was die politisch gesellschaftliche Ebene betrifft, muss ich sagen, dass sich das Land in den 90er Jahren unter Jelzin in chaotischen Zuständen befand, aber es gab sehr viele demokratische Errungenschaften, vor allem was Meinungs- und Pressefreiheit betrifft. Damals konnten wir auch ohne Genehmigung auf dem Roten Platz drehen. Inzwischen kann man nicht mal das Stativ aus dem Auto geben und man ist schon umzingelt von diversen Wachdiensten, die nach einer Drehgenehmigung fragen. Auf der Rubljovka geht ohne Drehgenehmigung gar nichts, da wird man sofort verhaftet. Aber als ich 2005 in Moskau drehte, befand ich mich ständig in dieser Situation, dass aggressive junge Männer vor allem ständig versuchen, Geld zu kriegen oder aber irgendwelche Wachdienste repräsentieren und eine gewisse Macht ausüben.

Aber bei einer Rückkehr sind Sie ja auch immer mit Erinnerungen konfrontiert?
Ich lebte 14 Jahre in Moskau und wenn ich heute an das Moskau der 70er und 80er denke, hat das einen romantischen Flair. Jetzt ist Moskau zu einer aggressiven, lauten und sehr besitzergreifenden Metropole geworden. Als Mensch fühlt man sich da schnell verloren, denn die Lebensumstände sind viel anstrengender geworden. Ich könnte mir nicht mehr vorstellen in Moskau zu leben, weil der Alltag extrem schwer ist. Persönlich leide ich sehr darunter, zu sehen, wie sich Russland mehr und mehr zu einem Polizeistaat entwickelt, vor allem, wenn man die Medien beobachtet: Das Fernsehen ist seit einigen Jahren staatlich kontrolliert, es gibt kaum noch oppositionelle Zeitungen und wenn, dann nur in den Großstädten. Es tut mir weh, wie man mit der Opposition umgeht und ich sehe da keinen Ausweg. Gut, die Opposition besteht selbst aus verschiedenen Gruppen und ist zerstritten, aber der Umgangston dieses autoritären bürokratischen Systems ermöglicht kaum andere Meinungen. Damit habe ich große Schwierigkeiten.

Sie zeigen in dem Film zwei Typen der neuen Generation Russlands. Da gibt es zum einen den zwölfjährigen Roma, der doch sehr pointiert die Situation auf den Punkt bringt, auf der anderen Seite aber die jungen Erwachsenen, die Motorradfahrer oder auch Marusja die für mich aber perspektivenlos wirken. Die liegen altersmäßig ja doch recht nahe beieinander. Wie sehen Sie diese Unterschiede?
Marujsa war 27, die jungen Männer waren 18 und Roma 12. Marusja ist für mich eine gebrochene Person, weil sie noch mit einem Fuß in der Sowjetzeit steht, was also auch diese romantischen und naiven Vorstellungen beinhaltet, mit dem anderen Fuß steht sie aber in diesem neuen Kapitalismus – ist aber noch nicht angekommen und wird da wahrscheinlich auch nicht ankommen, weil sie von der Prägung ganz anders ist. Die 18 Jährigen sind für mich die absoluten Nutznießer und Genießer des neuen reichen Adels. Ihre Väter haben große Vermögen angehäuft, deshalb können ihre Söhne in Saus und Braus leben. Interessant dabei ist, dass sie nicht ziellos durch ihr Leben rasen, sondern an den privilegiertesten Universitäten Moskaus studieren. Beide werden in wenigen Jahren – auch dank der Beziehungen der Eltern – Karriere machen.

Haben sie auch viele Freiheiten?
Sie müssen zwar studieren, aber sie kriegen so viel Geld, dass sie alles haben können was sie wollen. Roma ist eine Ausnahmeerscheinung. Er ist jetzt 14 und wird im Frühjahr bereits sein Abitur machen und im Sommer an der Moskauer Universität studieren. In dem Sinn ist er wirklich ein Wunderkind. Aber ich war auch so überrascht über seine Äußerung, ein Faszinosum, unbegreiflich.

Bei seinen Eltern ist scheinbar auch genügend Geld für den unterirdischen Gang oder die fahrbare Terrasse da, aber sein Kinderzimmer ist immer noch nicht fertig.
Das ist schon ein bisschen eine durchgeknallte Familie muss man sagen. Das Absurde ist wirklich, dass die Arbeit am unterirdischen Gang und an der fahrbaren Terrasse fortgeschritten sind, aber das Kinderzimmer auch jetzt noch nicht fertig ist.
Sie haben auch immer noch Kontakt zu der Familie?
Mittlerweile sind wir sehr gut befreundet und sie waren auch bei den Premieren und Festivals in Deutschland eingeladen.

Wie fallen die Reaktionen auf den Film aus – sowohl bei den Protagonisten als auch bei den Premieren im Westen?
Hier hatten wir immer nur tolle Premieren mit brechend vollen Kinos – ob das jetzt Festivals sind oder auch beim Kinostart. Die Protagonisten selbst haben unterschiedlich reagiert – von Begeisterung bis Ablehnung. Die Immobilieninvestorin hat mir auch richtig Schwierigkeiten gemacht und über einen Vermittler Druck auf mich ausgeübt, ich solle zwei Szenen aus dem Film nehmen, in denen sie Äußerungen machte, die ihr schaden könnten. Ich war bei den Dreharbeiten ja auch erstaunt, was sie alles gesagt hat, aber es hat sie ja niemand dazu gezwungen. Dann gab es Versuche, mich mit Geld zu kaufen. Mir wurden 300.000€ für meinen nächsten Film angeboten, im Gegenzug sollten ich die Rechte am Film verlieren, damit er nicht gezeigt wird und so weiter.

Die Versuche, Sie auszubezahlen kommen – so stelle ich es mir vor – nicht nur von den Protagonisten, sondern auch von der Politik.
Ja, es gab Versuche von russischer Seite. Bei einer Person wissen wir leider nicht, wer dahinter steckt, er hat erstmal versucht Weltvertriebsrechte zu erwerben um den Film zu verstecken. Als er mir schon 600.000€ geboten hat, habe ich ihn gefragt, warum er den Film unbedingt haben will, und bekam als Antwort, dass er eben Sammler sei und den Film gerne in seiner Sammlung haben. Aber ein Film muss auf die Leinwand – da war auch klar, dass er von jemandem beauftragt war. Vor drei Tagen hat der Produzent den Vertrag gekündigt und wir haben jetzt einen österreichischen Vertrieb der sehr interessiert ist, den Film zu vertreiben. Jetzt hoffen wir, dass er sogar ins russische Fernsehen kommt, aber das bezweifle ich. (lacht)

Was können die Gründe sein, dass es gegen Ihren Film derartige Vorbehalte gibt?
Eine Vermutung ist, dass durch die Montage und Auswahl der Protagonisten eine Zuspitzung der Situation entsteht, in der sich die russische Gesellschaft gerade befindet. Die Mutter von Roma war bestürzt, nachdem sie den Film zum ersten Mal gesehen hat. Sie rief mich an und meinte, dass es wirklich so schlimm sei bei ihnen. Aber es ist ja auch irgendwo mein westlicher Blick, der das Ganze einfängt. Ich habe nichts manipuliert, durch die Montage von Super-Arm und Super-Reich etwas auf den Punkt gebracht, was möglicherweise sehr ungern gesehen wird. Die andere Vermutung ist, dass jemand sich selbst bloß stellt, aber einige haben sich von sich aus sehr gerne bloß gestellt, wie der Maler, der ja offen zu seiner Kunst steht (lacht) oder die Pelzdesignerin. Das sind auch so groteske Sachen, wo ich mich gefragt habe, warum erzählt sie das eigentlich? Vielleicht liegt das daran, dass diese Menschen zu schnell Karriere gemacht haben?

Für sie scheint das ja ein Normalzustand zu sein. Als ich den Film im Kino gesehen habe, gab es Gelächter, zum Beispiel über den Maler, der seinen Putin-Napoleon präsentiert. Wie ist das beim russischen Publikum?
Genau so. Bei dieser Szene wird überall gelacht. Aber das ist eine interessante Frage, die Rezeption zwischen Deutschen und Russen. Die Deutschen lachen an Stellen, die die Russen fast mit angehaltenem Atem verfolgen. Die Russen haben wenig gelacht, der Film lief ja bei einem internationalen Festival in Perm.

Wie findet man eigentlich die Protagonisten zu so einem Film und wie angenehm war die Arbeit vor der Kamera für diese? Es sind ja auch immer wieder welche abgesprungen...
Unterschiedlich. Den Maler oder die Pelzdesignerin habe ich über ihre Webseiten kontaktiert, und bekam wenige Tage später von deren Sekretärinnen eine positive Rückmeldung. Schwierig war es, die Termine zu koordinieren, weil diese Menschen ja ständig unterwegs sind. Total schwer war es, ein Partygirl zu finden, die sind immer abgesprungen. Bei der einen wollten das die Eltern nicht, bei der anderen war der Ehemann dagegen. Marusjas Eltern wollten auch nicht, dass wir bei ihnen zu Hause drehen, deshalb ist sie meistens auf Partys zu sehen. Mit der älteren Frau war es ganz einfach, da bin ich einfach durch die Dörfer gefahren.

Diese Frau ist ja der Meinung, dass Putin eigentlich super ist und möchte ihn am liebsten für immer...
Das ist genau das Phänomen in Russland, weil in der Putin Zeit ist die wirtschaftliche Stabilität gewachsen und die Menschen bekommen ihre Renten, im Gegensatz zur Jelzin Zeit. Deshalb empfinden Menschen wie diese Frau, eine große Dankbarkeit für ihn und er ist die Lichtgestalt, als die er in den Medien erscheint.

Warum ist es gerade für Ausländer schwierig, Drehgenehmigungen für die Rubljovka zu kriegen?
Das frage ich mich auch. Wir haben uns zwar als russische Produktion getarnt, aber die wussten natürlich, dass ich Deutsche bin und für arte arbeite. Erklären kann ich mir das nicht, aber inzwischen kriegen auch die Russen keine Drehgenehmigung mehr für die Straße. Ich wurde vor kurzem von einem russischen Fernsehsender angerufen, und gefragt, ob ich nicht wüsste, wie man an die Genehmigung kommen könnte.

Was können Sie uns schon zur DVD verraten?
Sie kommt demnächst. Möglicherweise gibt es Bonusmaterial, aber die interessantesten Sachen sind im Film enthalten.