"Kritische Filme haben keine Chance" - Regisseur Peter Krieg im Interview

Verfasst von am 19.11.2007 um 00:00

Im Zuge der Wiederveröffentlichung von Septemberweizen, sowohl im Kino, als auch als Erstrelease auf DVD, traf ich mich mit dessen Regisseur, Peter Krieg, in Wien. Krieg ist nicht nur Filmregisseur, sondern auch Autor des bekannten wissenschaftlichen Buchs Die paranoide Maschine über die Auswirkungen von Rechenmaschinen auf unsere Gesellschaft, ein der Systemtheorie zuordenbare Abhandlung. In Septemberweizen beschäftigt sich Krieg kritisch mit der „Ware“ Weizen und schuf eine herausragende Dokumentation, die jahrelang mit großem Erfolg in den deutschen Kinos lief…







Fangen wir ganz einfach an: Der Name Peter Krieg ist ein Pseudonym.

Das ist ein Künstlername, den ich schon seit meinem Filmstudium habe. Der Grund dafür ist ganz trivial: Eine meiner Schwestern studierte ebenfalls Film und da wir nicht als filmendes Geschwisterpaar bekannt werden wollten, nahm sie den Nachnamen des Vaters, während ich den Nachnamen meiner Mutter annahm. Das war so etwa 1972.



Septemberweizen war, glaube ich, ihr zweiter Film?

Nein – ich bin 1973 von der Filmakademie weggegangen und habe schon damals einen Film über den isländischen Fischereikonflikt gemacht. 1975 habe ich einen Film gemacht, der mein eigentlicher Durchbruch war, über Nestle - Bottle Babies hieß der – über die Frage der Babyernährung in der Dritten Welt und die Rolle, die Milchfirmen dabei gespielt haben. Dann habe ich ein paar Jahre lang Filme für die WHO und andere Entwicklungsorganisationen gemacht. Septemberweizen war mein erster Film im Fernsehen – aber ich habe zuvor schon fünf oder sechs gemacht.



Der Film ist ja auch einer der ersten Globalisierungsfilme, wenn man so möchte und da diese Form des Films gerade sehr zum guten Ton gehört, kommt der Film wohl auch noch einmal ins Kino und auf DVD. Schauen Sie sich eigentlich die Filme, die jetzt herauskommen auch an?

An inconvenient truth habe ich mir angetan, um mich mal richtig schön durchzuärgern. Das ist mir auch gelungen. Ich würde gerne einen Film mit dem Titel Convenient lies machen, weil ich allen Leuten misstraue, die immer mit der Wahrheit an sich um sich werfen. Das habe ich von einem alten Wiener, Heinz von Förster, gelernt. Aber ich habe mir auch die Welle der neuen Globalisierungsfilme angesehen und bin selbst gerade dabei, ein paar Themen zu recherchieren und zu versuchen, wieder Filme zu machen. Ich habe mich ja 1994 vom Filmemachen zurückgezogen, nachdem ein Film, den ich für arte gemacht habe, über die Entwicklungshilfe in Afrika, nicht gesendet wurde. Es war relativ schnell klar, dass ich mit kritischen Filmen keine Chance mehr bei öffentlich rechtlichen Anstalten habe, bei den privaten sowieso nicht. Seitdem habe ich nur noch ein bisschen produziert, aber jetzt versuche ich, langsam wieder rein zu kommen. Aber die Fernsehanstalten sind im Moment hermetisch zu und weitestgehend dissensfrei.



Würden Sie sagen, dass diese Art von Filmen von heute, oberflächlicher sind und dass Filme, die zu Ihrer aktiven Zeit gemacht wurden, über ein etwas weiteres Blickfeld verfügen?

Ich würde nicht sagen, dass unser Blick weiter war. Aber ich denke, dass wir heute, 25,26 Jahre später sind und den Blick weiten hätten können. Ich bin keiner, der stolz drauf wäre, das Brett, das man schon vor 26 Jahren vorm Kopf hatte, immer neu zu polieren, sondern man sollte zumindest die Bretter immer wieder auswechseln und so Selbstkritik oder einen neuen Blick auf bestimmte Dinge zu erwerben. Was ich als Problem der Globalisierungsfilme von heute sehe, ist, dass sie noch genau so moralisch argumentieren wie Septemberweizen, denn der Kern von meinem Film ist die rein moralische aber nicht politische Argumentation. Das würde ich daran kritisieren, sonst tut das aber keiner. Und sie bedienen nach wie vor – obwohl es Septemberweizen schon gar nicht mehr wirklich macht – den Wahn, dass der Staat die Dinge besser machen könnte. Diese globale Bevormundungsstrategie, die diese Filme fahren, ist mir absolut abhanden gekommen und daran glaube ich auch nicht. Ich bin heute noch froh, auf die Idee mit Josef, der eigentlichen Hauptfigur des Films, gekommen zu sein, denn das ist einer, der die Idee des Vorsorgestaats vertritt und umsetzt und als Ergebnis eigentlich die Völker um Ägypten unterjocht und zu Leibeigenen macht. Und dabei jede Freiheit erstickt. Das lerne ich aus heutiger Sicht von dem Film.



Wie haben Sie von den Missständen erfahren und wie gestaltete sich die Recherchearbeit zum Film?

Während meines Filmstudiums, 1973, gab es relativ viele Hungersnöte oder Katastrophen auf der Welt. Ich erinnerte mich damals an einen Satz von Brecht, aus der „heiligen Johanna der Schlachthöfe“ glaube ich, wo es heißt: Hungersnöte brechen nicht aus, sie werden veranstaltet. Dann habe ich gedacht, es wäre vielleicht ganz gut, anhand eines Grundnahrungsmittels zu zeigen, wie so etwas entstehen kann. Im Film selbst gibt es darauf bewusst keine Antworten, sondern nur Suggestionen – die Initiative des Zuschauers ist gefragt. Würde ich den Film heute drehen, so würde ich sicherlich gewisse Dinge, wie die Josephs-Geschichte noch mehr zuspitzen.



Sie bringen ja auch mittelalterliche Zitate ein…

Das sollte natürlich zeigen, dass diese ganze Problematik eine der menschlichen Kultur und Zivilisation ist. Die ganzen Hungersnöte haben in Europa erst im 18./19. Jahrhundert aufgehört, als die Korngesetze abgeschafft wurden. Heute hilft natürlich die Globalisierung, wenn in einer Region Nahrungsmittelknappheit auftritt, das über den internationalen Handel auszugleichen. Obwohl natürlich immer noch – gerade von der EU und den USA – derartige Knappheiten genutzt werden, um eigene Märkte zu erschließen. Aber das ist dann halt eine Staatsintervention, wo Nahrung als Waffe genützt wird.



Sie haben neue Projekte angesprochen, die Sie gerne in Angriff nehmen würden. Was sind die Themen, die Ihnen gerade in den Fingern brennen?

Es sind so viele… sie haben aber vor allem damit zu tun, wieder etwas mehr Dissens in die öffentliche Diskussion in den Medien zu bringen. Gerade in Deutschland ist es so, dass öffentliche Medien völlig dissensfest gemacht wurden. Medien sind parteikontrolliert und arbeiten auf der Grundlage eines parlamentarischen Konsenses, bei dem bestimmte Fragen einfach nicht mehr hinterfragt werden dürfen. Das fängt an mit der EU, geht zum Klima, über Entwicklungshilfe, Fragen der Familienpolitik und so weiter. Aber am offensichtlichsten ist es zurzeit bei der Klimadebatte: Hier wird versucht eine Hysterie zu schüren! Auf einer wissenschaftlichen Basis, die nicht wackliger sein könnte, werden Behauptungen in die Welt gesetzt, wie dass der Mensch schuld sei an der Klimaerwärmung. Das darf nicht hinterfragt, nicht konterkariert werden, Wissenschaftler trauen sich nicht, ihre Gegenmeinung öffentlich zu sagen. Ich bin selbst in Kontakt mit Wissenschaftlern, die die Hände über den Kopf zusammenschlagen, aber deren Karriere gefährdet ist. Diese Stimmung erinnert mich irgendwie schon an George Orwell und „Newspeak“ und alles läuft unter dem Mantel der „political correctness“. Ich glaube, da muss man wirklich Widerstand leisten! Es gibt aber nur sehr wenige, die das tun, oder nur sehr wenige, von denen man hört, dass sie es tun.

Anfang des Jahres gab es auf CHANNEL 4 eine interessante Dokumentation mit den Gegenargumenten zu dieser ganzen Klimaschutzdebatte. Dieser Film durfte in Deutschland im öffentlich-rechtlichen nicht laufen, den einzigen Kommentar, den ich dazu im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hören konnte, war, dass sie sich wunderten, wie so ein Film überhaupt ins Fernsehen kommen könne. Das beschreibt in etwa, dass man jeden Dissens verweigert.

Auch die Frage nach dem Wesen der Demokratie ist wichtig! Aber wenn man Demokratie hinterfragt, wird man natürlich sofort ins rechte Eck gestellt, weil Demokratie so zu sagen das non plus ultra ist, das geschmierte Brot der Politik.



Von wem ging eigentlich die Initiative zur Wiederaufführung des Films in den Kinos aus?

Der Auslöser war sicherlich der Erfolg von We feed the World. Da hat man sich erinnert, dass es so ähnliche Filme schon gegeben hat. Daher hat man den Film jetzt noch mal gestartet und auch eine DVD dazu gemacht. Im Moment bin ich auch sehr oft zu Diskussionen eingeladen, wo ich den Leuten meistens noch anbieten kann, jedem der jünger als der Film ist, ein Bier auszugeben und komme dabei mit relativ wenig Bier hin. Ich hoffe, dass das noch besser wird! (lacht)



Da hätte ich schon eines gekriegt… Aber der Film ist damals ja auch irrsinnig erfolgreich gelaufen?

Er hat über Jahre hinweg selbst in kleineren Kinos Besucherrekorde gehalten. Irgendwie hat er einfach einen Nerv getroffen. Aber ich muss auch selbstkritisch sagen, dass er, aufgrund seiner moralischen Argumentationsweise, nicht so einfach von einer politischen Richtung zu vereinnahmen war. Er wurde von allen möglichen Schichten und Gruppen geschätzt, was nicht unbedingt für die moralische Argumentation spricht.



Noch ein paar Worte zur DVD… wie zufrieden sind Sie mit der Umsetzung?

Die deutsche DVD ist zur österreichischen identisch, das heißt, beide verfügen über dieselbe Abtastung. Die ist nicht schön, weil das die Kopie einer Kopie eines Sendebands vom ZDF ist. Man hätte das ganze natürlich vom Originalmasterband abtasten sollen und digital aufbereiten, aber das wäre wohl einfach zu teuer gewesen. Die Auflagen sind nicht so hoch, dass man das wieder einspielt.



Aber im Kino läuft er schon von einer Kopie?

Nein, mittlerweile sehen die guten digitalen Kopien besser aus, als die 16mm Kopie. In Deutschland läuft er hochskaliert auf HDTV, aber vom selben Master.



Es fehlt ja auch an Bonusmaterial

Ja, keiner hatte irgendwie das Geld, noch Specials zu produzieren. Das war eine Low-No-Budget DVD, die möglichst nichts kosten sollte. Aber eigentlich schade, denn ich hatte natürlich vorgeschlagen, ein Interview zu machen. Jetzt habe ich halt einen kleinen Text drin im Booklet, weil mir auch wichtig war, zu zeigen, dass ich mich weiterentwickelt habe, und dass sich auch viele Sichtweisen des Films ändern können. Vielleicht gibt’s zum 30-jährigen Jubiläum des Films ja dann mal eine HD-DVD oder das ZDF bezahlt mal eine Restaurierung…



Liegt das überhaupt im Bereich des Möglichen?

Na ja, es war immerhin eine Produktion, an der sie beteiligt waren und auf die sie nach außen hin auch immer sehr stolz waren, wenngleich sie sie intern als Betriebsunfall bezeichnet haben. Der damalige Intendant hat mir auch bei irgendeiner Preisverleihung gesagt: „Herr Krieg, wenn ich den Film vorher gesehen hätte, wäre der so nicht über den Sender gelaufen. Und beim nächsten Mal werde ich ganz genau hingucken!“



Sie haben vorhin ein Problem mit arte angesprochen…

Ich weiß nicht, ob es das heute wäre, aber damals, 1993, war es nicht möglich, eine wirklich kritische Position gegen den Mainstream der Medien und der Entwicklungspolitik zu beziehen. Wenn man dort den Grundkonsens verletzte, dass Entwicklung etwas mit dem Mittelstand, der sich entwickeln kann, mit freiem Markt, mit Unternehmertum und nicht mit Hilfe, genossenschaftlichen Projekten, die von hier aus gesehen politisch korrekt sind, aber wo man doch sagen muss, dass sich Industrialisierung nicht durch sozialistische Projekte entwickelt hat… Jetzt verkaufen manche in Entwicklungsländern aber genau die Rezepte, die sie zu Hause ablehnen, und die hier auch gescheitert sind. Und selbst die evangelische Kirche hat sich dann geweigert, den Film einzusetzen.



Was sind Ihre Ansprüche an Kritik?

Kritik ist zunächst, wenn man eine vorherrschende Meinung in Frage stellt und neue Argumente einbringt. Mein Motto ist eigentlich: Wenn alle dasselbe denken, denkt keiner mehr. Mich reizt es schon, Kritik zu formulieren, wenn ich sehe, dass alle Leute zu einem bestimmten Thema dieselbe Meinung haben. Denn dann wird es mir verdächtig. Ich werde auch gerne zu Podiumsdiskussionen eingeladen, wo man einfach jemanden braucht, der widerspricht. Manchmal liegt man mit Kritik falsch, manchmal richtig, das kriegt man aber doch nur heraus, wenn man Kritik übt. Wenn man aber keine mehr übt, weiß man, dass man 100%ig falsch liegt.



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Zum aktuellen DVD Review von SEPTEMBERWEIZEN



Foto: Carla Schubert (merci!)