"Ich mag es nicht, einen Stempel aufgedrückt zu bekommen" - Interview mit Cristian Mungiu

Verfasst von am 05.11.2007 um 00:00

Kurz vor der Österreich Premiere des diesjährigen Gewinners der Goldenen Palme, dem rumänischen Drama 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage traf ich mich mit dessen Regisseur, dem jungen und sehr charmanten Cristian Mungiu zum Gespräch. Mit der Kraft des Arnold Schwarzenegger Apfels (den das verkleinerte Foto unterschlägt :-)) kein Problem...





Cristian, wie geht es dir?

Danke, ich bin etwas müde, um ehrlich zu sein. Ich bin gestern angekommen und sehr viel gearbeitet...

Als Gewinner der Goldenen Palme...

Ja, das erhöht natürlich die Aufmerksamkeit, und hat mir gezeigt, dass diese Welt noch viel größer ist als ich mir das je vorgestellt habe. Ich meine, mit dem Film war ich in sehr vielen Orten: Vor zwei Wochen habe ich den Film beispielsweise in Korea gezeigt. Du kannst dir nicht vorstellen, wie gut es den Leuten dort gefallen hat. Wir sind dort fast schon „Ikonen“.

Da du den Film auf der ganzen Welt zeigst, bemerkst du Unterschiede in den Reaktionen, vor allem zwischen dem rumänischen und dem restlichen Publikum?

Ja, der Film wird unterschiedlich aufgenommen. Aber man darf das nicht so nach Ländern oder Alter generalisieren. Denn das einzige wirklich gute Feedback kriegt man nur bei einem Q&A nach dem Film. Wenn man das nicht macht, kann man nicht sagen, wie es um die generelle Meinung bestellt ist. Ich hatte vielleicht bei einem von 1000 Screenings in Italien ein Q&A – also kann ich nicht sagen, ob dieses eine repräsentativ ist für den Rest. Der große Unterschied zwischen der Reaktion in Rumänien zu der außerhalb ist, dass es für die meisten eine sehr persönliche Geschichte ist. Es ist ja etwas anderes, wenn ein Film in deiner Jugendzeit spielt und etwas erzählt, was dir oder jemandem den du kennst, passiert ist, als wenn man darin eine Geschichte aus einem fremden Land sieht, die zwar in gewisser Hinsicht überall spielen könnte, aber man sich nicht hundertprozent darauf beziehen kann. Daneben gibt es noch andere Unterschiede: In Frankreich interessierte die Leute hauptsächlich der Stil des Films, in Ländern wie Polen oder Italien war es das Thema, das die Menschen ansprach.



Und ist es auch für dich eine persönliche Geschichte?

Es ist eine wahre Geschichte, die mir von jemandem erzählt wurde, der jemanden kannte, dem sie passierte – somit kann ich mich schon darauf in Bezug setzen. Ich wusste, dass ähnliche Dinge geschehen sind, und konnte mir sehr schnell meine Charaktere ausmalen. Und da ich noch dazu in dieser Zeit selbst jung war, wollte ich den Film machen. Er bringt sehr viele Erinnerungen zurück.



Warum hast du den Film gerade jetzt gemacht? Was war der Auslöser?

Ich bin mit meinem ersten Film sehr viel auf Festivals gewesen und mich mit gleichaltrigen Leuten getroffen. Wir gehören ja einer ganz besonderen Generation an, der „Kinder des Dekrets“ – nachdem Ciaocescu 1966 die Abtreibung verbat, gab es einige sehr kinderreiche Generationen. Jedenfalls habe ich gemerkt, dass es eine gewisse Solidarität zwischen uns gibt. Sie wollten gerne eine Geschichte sehen, die über sie selbst handelt. Natürlich hätte ich den Film jederzeit machen können, aber ich wollte es deswegen jetzt machen, weil ich selbst Vater wurde. Der Film spricht über etwas, das wir erlebten, und das unser Leben beeinflusste.



Was denkst du ist immer noch relevant an der Geschichte?

Ich denke, der Film zeigt die Konsequenzen unserer Erziehung, oder auch dessen, was unserer Erziehung gefehlt hat, auf. Wir brauchten Jahre, um zu verstehen, dass der Kampf gegen das System für unsere Entscheidungsfreiheit nicht dasselbe ist, wie der Kampf um die persönliche Entscheidung. Das sind doch eigentlich zwei paar Schuhe. Ich brauchte Jahre, um zu verstehen, dass das das Resultat unserer Erziehung und der Propaganda, mit der wir aufgewachsen sind. Und da Abtreibung von 1966-1998 verboten war, starben fast eine halbe Million Frauen an illegalen Schwangerschaftsabbrüchen. 1999 gab es dann fast eine Million Abtreibungen.



Jetzt gerade heißt es ja, es gibt eine „Neue Welle“ im osteuropäischen Kino. Wie siehst du diese Entwicklung?

Ich denke, man kann das, was gerade passiert, vieles nennen. Wir spüren ein großes Interesse an unseren Filmen, aber meiner Meinung nach sollte man nicht generalisieren. Ich glaube zum Beispiel auch nicht, dass es besonders relevant ist, von amerikanischen, asiatischen oder eben osteuropäischen Filmen zu sprechen. Denn Kino ist doch etwas sehr persönliches und eine individuelle Kunstform. Somit ist es möglich, dass jemand, der in Bulgarien Filme macht, eher Filme dreht, wie man sie anderswo macht, nur nicht in Bulgarien. Das kommt halt von unserem natürlichen Verlangen, unsere Welt in Schubladen einzuteilen. Weißt du, mir wird diese Frage oft gestellt und das einzige was ich dann immer darauf sagen kann, ist: Ja, es passiert etwas in unserem Kino und wir bekommen sehr viel interntationale Aufmerksamkeit. Aber in Rumänien ist es so, dass wir eine Generation von 30-40 jährigen Regisseuren sind, von denen nicht nur ein paar, sondern eine ziemlich große Gruppe Aufmerksamkeit bekommt.

Gleichzeitig teilen wir jedoch nicht dieselben Ansichten über das Kino, allerhöchstens noch eine ähnliche Ansicht, was Filmästhetik anbelangt, ja.



Ich kenne deine früheren Filme ja leider nicht, aber da du schon Stil ansprichst – wie vollzog sich der Stilbruch zwischen deinen ersten Filmen und 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage?

Ich glaube nicht, dass es ein so großer Bruch ist. Für mich gehen Stil und Thema stark Hand in Hand und der in 4 Monate... gewählte Stil ist der richtige für diese Annäherung an die Geschichte und an die Zeit, in der sie spielt. Ich mag es nicht, einen Stempel aufgedrückt zu bekommen, und leider war es so, dass man mir nachsagte, ich sei ein Filmemacher, der ständig Humor bräuchte, oder viele Handlungsstränge zu kreuzen und unerwartete Wendungen zu bringen – aber das bin ich nicht oder nicht nur. Ich wollte diesmal einen sehr simplen, linearen Film machen. Es kommt auch daher, dass sich dein Stil und Geschmack ständig verändert oder erweitert, beeinflusst davon, was um dich herum geschieht.



Hier in Österreich ist es so, dass wir nicht gerade glücklich reagieren, wenn wir mit unserer Vergangenheit konfrontiert werden. Wie ist das in Rumänien?

Bei uns gab es schon Filme über die Vergangenheit kurz nach 1990, nach dem Fall des Kommunismus. Aber sie waren nicht besonders erfolgreich, und sie sind definitiv anders, als das, was wir heute machen. In diesen Filmen ging es eher darum, mit der Vergangenheit abzuschließen und sie zu kommentieren, nicht darum Geschichten aus dieser Periode zu erzählen. Das wollten die Leute aber nicht sehen. Der größte Unterschied ist, dass ich keine Chronik dieser Zeit erstelle, sondern eine persönliche Geschichte aus meinem Umfeld erzähle, die halt in einem kommunistischen Land spielt. Aber ich habe es dabei vermieden, das System zu kommentieren, weil ich denke, Filme, die heute über den Kommunismus gemacht werden, verfallen zu leicht gewissen Klischees. Mein Film erzählt eine Geschichte über Menschen und nicht über den Kommunismus.



Was waren eigentlich die ersten Reaktionen aus deinem persönlichen Umfeld, die du auf den Film bekommen hast?

Jemand sagte mir, der Film sei wie ein Zeitloch, durch das man einen Schritt zurück gehen kann und sieht, wie wir damals lebten. Der Film erzielt verschiedene Effekte auf die Menschen, die ihn gesehen und diese Zeit durchlebt haben. Und was wir nicht dachten, war wie weit verstreut diese Art von Erfahrung für die Menschen in Rumänien ist. Uns war zwar bewusst, dass solche Dinge geschahen, aber wir hatten nie geahnt, bis zu welchem Grad die Geschichte auch wirklich den Leuten passiert ist. Und schon auf dem Set gab es dann die große Überraschung: Normalerweise liest keiner der Techniker einer Filmcrew ein Drehbuch, sie machen einfach nur ihren Job, und gehen dann nach Hause. Doch sobald sie erfahren haben, worum es in dem Film geht, hatte plötzlich jeder eine persönliche Geschichte zu erzählen und beizutragen. Und so ging es schließlich auch bei den ersten Screenings weiter. Es gab meist zwei Arten von Kommentaren nach dem Film: Frauen, die uns gewissermaßen dankten, ihr Leben verfilmt zu haben, und Frauen, die sagten, das sei gar nichts im Gegensatz zu dem, was ihnen passiert sei. Die Menschen hatten plötzlich ein Verlangen, ihre Geschichten zu erzählen, und das, obwohl es sich dabei um ein tabuisiertes Thema handelt.

Und das ist wichtig, weil wir verstehen lernen müssen, was uns geschehen ist. Ich versuche das, als Filmemacher, und hoffe Leute damit anzuregen, eine eigene Meinung zu diesem Thema, ausgehend von meiner Geschichte, zu bilden.



War dir bereits während des Schreibens klar, wie der Film am Ende aussehen sollte. Ich meine diese langen Einstellungen zum Beispiel?

Ich habe mit einem sehr genauen Script gearbeitet und den Film schon in meinem innersten ablaufen gesehen. So lange der Film nicht auf dem Papier und in meinem Kopf für mich funktioniert hat, habe ich nicht zu drehen begonnen. Und dann ging es im Prinzip nur noch darum, Schauspieler und Locations zu finden, um das aufzuzeichnen. Ich halte nicht besonders viel von Improvisieren. Das ist mir zu riskant, denn Dinge können geschehen, oder auch nicht geschehen. Und speziell bei einem Film, der in sehr langen Einstellungen gedreht wird, muss man sehr genau planen und darf sich nicht auf den Zufall verlassen.



Dann stelle ich mir aber auch vor, dass das nicht all zu leicht sein kann, einen solchen Film zu drehen. Welche Schwierigkeiten musstest du im Besonderen bewältigen?

Wenn man im Oktober entscheidet, einen Film zu drehen, der im nächsten Jahr in Cannes im Mai fertig sein soll, dann stellen sich ständig Schwierigkeiten in den Weg. Ich habe mich dazu entschlossen, den Film zu drehen, ohne ein Budget oder Schauspieler dafür zu haben. Somit musste ich alles gleichzeitig selbst machen. Du musst ständig dein Bestes geben und mit der Zeit hoffen, dass auch deine Mitarbeiter zu der Geschichte eine Bindung aufbauen können, die ihnen ähnliche Energie verschafft. Natürlich war die größte Schwierigkeit der Stil, denn wenn man sich entscheidet, jede Szene in einer Aufnahme zu drehen, kann in sieben Minuten so viel passieren, was diese Aufnahme ruiniert, sodass du sie nur wegschmeißen kannst. Aber auf der anderen Seite schöpft man auch sehr viel Kraft aus so einer Arbeit und vermittelt dem Zuschauer eine „reine“ Wahrheit.



Ich habe vor kurzem Import/Export von Ulrich Seidl gesehen, und gelesen, dass du auch für das Casting in Rumänien verantwortlich warst. Kannst du mir etwas über dieses Projekt erzählen?

Oh ja, das ist sehr witzig. Wir haben vor ein paar Jahren eine Firma gegründet, um unsere Filme machen zu können. Aber wie jede andere Firma, braucht sie auch Aufträge, um sich über Wasser zu halten. Und so machen wir auch noch andere Sachen. Mit Deutschland haben wir einige Projekte koproduziert und gute Kontakte geknüpft. Eines Tages bekamen wir den Auftrag von der Produktion von Import/Export, um das Casting in Rumänien zu machen. Das war eine sehr komplizierte Geschichte, aber im Endeffekt haben sie sich entschieden, doch nicht in Rumänien zu drehen. Es war jedoch sehr nett, unseren Beitrag in den Credits zu erwähnen. Die große Überraschung war sicher für sie, als sie erfahren haben, dass jemand, der für das Casting für ihren Film in Rumänien verantwortlich war, ebenfalls einen Film in den Wettbewerb nach Cannes schickt. Als wir uns dort trafen waren sie aber sehr freundlich und wir haben es gemeinsam genossen, unsere Filme im Wettbewerb zu sehen.



Wie sehr bist du eigentlich privat ein Fan von DVDs?

Das ist eine sehr schwere Frage für mich, denn ich bin eher ein Anhänger davon, dass Filme, die für das Kino gemacht werden, auch im Kino gesehen werden sollten. Wenn man also die Möglichkeit hat, einen Film, der auf 35mm und in Widescreen gedreht wurde, im Kino zu sehen, so sollte man diese Möglichkeit auch nutzen. Gerade in meinem Film habe ich sehr viele kleine Details im Hintergrund versteckt – ich würde mich wundern, ob sie alle auf DVD auffallen werden, egal, wie groß der Bildschirm ist, auf dem man sie abspielt. DVD ist sicherlich eine tolle Sache, wenn man den Film schon mal in groß gesehen hat. Aber es gibt auch die guten Seiten: Mein Film sollte ursprünglich beide Frauen mit gleicher Wichtigkeit behandeln, aber erst nach und nach habe ich eingesehen, dass eine Frau im Zentrum steht. Trotzdem gibt es eine Szene, die mir sehr wichtig war, die ich gedreht habe, die es dann aber nicht in die Kinofassung geschafft hat. In dieser Szene geht es um die Beziehungen der Mädchen zu ihren Eltern, ihre Motivation und ihre Erziehung, die ihre Entscheidungen beeinflussen. In der Szene geht es um Gabita, die von ihrem Vater für ein paar Stunden besucht wird und sie zeigt vor allem die fehlende Kommunikation zwischen Eltern und Tochter, vor allem was Themen wie Sexualität oder Kinder betrifft. Ich freue mich aber schon, diese Szene als Bonus auf die DVD zu geben.



Gibt es auch ein Making Of?

Das Making Of ist nicht das, was es sein sollte. Wenn man einen Film dreht, bei dem man sowieso schon kaum Geld hat, ist ein Making Of wirklich das letzte woran man denkt. Das ist vielmehr schon der Einfluss des Big Budget Systems in Amerika – wir arbeiten aber nicht so. Ich habe deswegen kein Making Of, das wirklich von den Dreharbeiten erzählt. Aber ich habe ein paar andere Dinge: Da ich der Produzent bin, will ich den Film in Rumänien auch selbst auf DVD herausbringen. Und da es im ganzen Land nur noch 35 Kinos gibt – bei 20 Millionen Einwohnern – war ich aufgrund des Erfolges des Films in der Lage, ein Statement abzugeben. Ich habe also diesen Einfluss geltend gemacht, ein paar LKWS besorgt und eine Tour durch Rumänien organisiert, wo wir den Film auch in kleinen Ortschaften gezeigt haben, in denen es keine Kinos mehr gibt. Der Erfolg dieser Aktion war außergewöhnlich! In diesem Zusammenhang habe ich eine Dokumentation gemacht, die zeigt, dass Kino trotz seiner 100-jährigen Geschichte für viele Menschen immer noch ein Event ist. Das kommt sicherlich auch noch auf die rumänische DVD. Ob hier auch, weiß ich nicht.



Und ganz persönlich sind es welche Filme oder Regisseure, die du magst?

Mein Verlangen, Filme zu machen, rührt eher von den Filmen, die ich überhaupt nicht mochte. Ich sah unsere rumänischen Filme aus den 80ern und 90ern und sie waren einfach so künstlich und weit weg vom richtigen Leben. Ich wollte zeigen, dass ich es besser kann, und dass Film nicht so sein sollte. Deswegen habe ich es auch in meinem neuen Film vermieden, Sachen einzubauen, die man auch weglassen könnte: Filmmusik oder Nahaufnahmen. Das suggeriert nur einen subjektiven Punkt des Filmemachers, den ich in dem Fall vermeiden wollte.

Aber natürlich habe auch ich Lieblingsfilme und genieße es, vor allem, möglichst verschiedene Filme zu sehen. Auf der Filmschule war sicherlich Milos Forman mit seinen frühen tschechischen Filmen ein großer positiver Einfluss. Oder auch Jiri Menzel...



Der hat auch einen neuen Film gemacht – aber hier wird er nicht gezeigt

Ich kenne ihn auch nicht, finde das aber so frustrierend. Wir kriegen jeden amerikanischen Blockbuster zu sehen, aber nur einen Teil der kleinen Filme, die wirklich interessant sind.