"Ich verschleiere nicht!" - Stephanie Rothman im Interview

Verfasst von am 01.11.2007 um 00:00

Stephanie Rothman zu treffen, war bereits in dem Moment, als Hans Hurch beim Sommergespräch verriet, dass ein Special der zu Unrecht leider völlig vergessenen Exploitationregisseurin, mein erklärtes Ziel für die diesjährige VIENNALE. Und wie der nun folgende Textkörper und das Autogramm in meinem Festivalkatalog beweisen, hat das Treffen stattgefunden. Da ich ihr versprochen habe, keine meiner eigenen Fotos zu verwenden (die ich natürlich auch gemacht habe), greife ich auf eines zurück, das auf der VIENNALE Homepage veröffentlicht wurde.



Miss Rothman, ich als Exploitationfilm-fan bin wirklich sehr froh, jetzt vor Ihnen sitzen zu dürfen!

Ich bin sehr froh, dass jemand von der neuen Welt des Internet hier ist, denn ihr seid die Zukunft!

Dankeschön. Um einfach anzufangen: Wie gefällt es Ihnen in Wien?

Ich komme schon seit 1955 hier her. Damals haben mich meine Eltern zum ersten Mal mitgenommen, und damals verließen gerade die Russen die Stadt. Für mich war es aber eine sehr traurige Stadt – wenn du wissen willst, wie Wien auf mich gewirkt hat, schau dir einfach Der dritte Mann an. Der kam ein paar Jahre zuvor heraus und so wie in dem Film empfand ich die Stadt auch.



Die Frage, die Ihnen jeder stellt: Warum haben Sie als Frau begonnen, Exploitationfilme zu machen?

Weil ich keine andere Wahl hatte. Es war so, dass ich die erste Frau war, die von der Director’s Guild in Amerika eine Förderung erhalten hat. Roger Corman hat die University of Southern California Film School angerufen und nach einem Assistenten gesucht. Ich habe mich mit ihm getroffen, und er hat mich engagiert. Ich wusste, dass er low-budget Filme machte, aber damals hat man eigentlich nicht von „exploitation“ gesprochen. Das kam erst später. Aber es stimmt, ich wusste, dass es sich um Genrefilme handelt, die spezieller Zutaten bedürfen. An das Wort „exploitation“ haben wir aber nicht gedacht, denn das ist ja sehr negativ besetzt.



Ich war auch auf der Podiumsdiskussion mit Ihnen und Nina Menkes, wo Sie gesagt haben, Bergmans Das siebente Siegel habe Sie sehr beeinflusst…

Das stimmt. Das war der Film, weswegen ich eigentlich Filmemacherin werden wollte. Also vielleicht war Bergman mein Einfluss, obwohl ich Exploitationfilme gemacht habe.



Das ist aber interessant, denn Das siebente Siegel beinhaltet ja auch viele Horrorelemente. In gewisser Weise könnte man Sie ja auch als Horrorfilmemacherin bezeichnen.

Ich sehe das nicht so. Es gibt von mir einen Film, den man im weitesten Sinne als Horrorfilm bezeichnen könnte, und das ist The Velvet Vampire. Und sogar dieser ist nur in bestimmten Momenten, wenn der Vampir seine Opfer anfällt, ein Horrorfilm.



Wie haben Ihnen die Reaktionen des Publikums am Donnerstag Abend bei dem Film gefallen?

Der Film wurde inzwischen ja noch einmal gezeigt. Das Publikum schien den Humor des Films verstanden zu haben, denn so war er auch gedacht. Davon abgesehen habe ich keine negativen Reaktionen beobachten können. Einige Leute haben mir nach dem Film gesagt, sie haben ihn sehr gemocht, aber aus dem Publikum selbst habe ich nichts gehört außer Lachen und …

Schreie

Leute haben geschrien?

Ja, zwei Plätze neben mir saß eine Frau, die scheinbar noch nie einen Horrorfilm gesehen hat, denn jedes Mal, wenn jemand aus dem Nichts erschien, richtig Panik gekriegt hat und aus dem Sessel gefahren ist…

lacht Das ist wunderbar! Aber Überraschungen und Humor können manchmal gegen einen arbeiten, und somit erwarte ich davon nicht so viel zu hören. Aber ich saß leider auch neben niemandem, der so reagierte.



Wie war das in den 70ern, als ihre Filme erschienen sind? Waren die Reaktionen damals anders, oder lachten sie wie heute über den Film?

Ja, den Humor hat man damals wie heute verstanden. Aber sie haben auch die Dramatik verstanden, denn es gibt auch die Stellen, an denen die Filme ernsthafte Dinge ansprechen. Finanziell waren die Filme immer erfolgreich und fanden ihr Publikum. Der Film, der am meisten polarisierte, war sicherlich The Velvet Vampire - manche liebten ihn und manche hassten ihn. In den Staaten oder in Amerika habe ich den Film mit Publikum gesehen und es gab immer eine Minderheit, die den Film verabscheute. Ich habe das mit verschiedenen Leuten seit damals besprochen und die einzige uns zufrieden stellende These war, dass diese Minderheit den Vampirfilm sehr ernst nahmen und dachten, ich würde es nicht ernst genug nehmen. Dann gab es noch einen Filmkritiker der Los Angeles Times, der den Film besprochen hat – auf dessen Meinung habe ich seitdem nie wieder vertraut, denn er schrieb, der Film wäre „unbeabsichtigt lustig“ und er hat den Kameramann für die „wirklich schönen Bilder“ im Film gelobt. Die Bilder stammen ja nicht vom Kameramann, das waren meine. Ich meine, er ist immer noch ein sehr guter Freund von mir, und wäre vermutlich die erste Person, die mir zustimmen würde – obwohl er mit Sicherheit ein großer Kameramann ist.



Wenn wir schon bei Vampirfilmen sind: Einer meiner Lieblingsfilme, der etwa zeitgleich mit Ihrem herauskam, ist Vampyros Lesbos von Jess Franco.

Das bin ich gerade im vorherigen Gespräch auch gefragt worden. Ich kenne den Film nicht und habe auch nie von Jess Franco gehört.



Oh. Wie ist es dann mit anderen weiblichen Exploitationregisseurinnen, wie Doris Wishman?

Auch nie gehört.



Roger Corman sagte mal: Filme sollten nie zur Gänze ein Kunstprodukt und nie zur Gänze ein kommerzielles Produkt sein. Wie beschreiben Sie diese Linie zwischen Kunst und Kommerz in Ihren Filmen?

Es ist sicherlich richtig, dass man immer Kompromisse schließen muss, gerade wenn man Genrefilme dreht, muss man kommerzielle Aspekte in Betracht ziehen, da diese im Endeffekt ja gewinnbringend sein sollten. Ich denke allerdings nicht, dass Roger mit diesem Satz immer Recht hat: Wenn man genug eigenes Geld hat und den Film drehen will, den man drehen will, muss man solche Dinge natürlich nicht beachten. Oder auch wenn man das Geld anderer Leute nimmt, und mit seiner Vision durchkommt, ist man ein Held oder eine Heldin.

Die Aussage ist vielleicht eine Garantie für die Leute, die weiter Filme machen wollen, aber er ist keine Garantie dafür, dass man nicht doch einen Flop landen kann.



Waren Sie neben Ihren feministischen Filmen auch aktiv als Feministin tätig?

Wenn du meinst, ob ich irgendwelchen politischen Aktionen angehört habe oder so – nein. Das einzige was ich machte, war eine Gruppe finanziell zu unterstützen, die sich für weibliche Beamte in den USA einsetzte. Ich war der Meinung, dass meine Art, durch Filme ein großes Publikum zu erreichen, die für mich beste war. Und ich habe auch über solche Themen gesprochen – zum Beispiel, als ich noch Regisseurin war, in Interviews.



Die VIENNALE zeigt die meisten Ihrer Filme, aber nicht alle: Blood Bath, It’s a bikini world und Ruby fehlen.

Ja, und ich weiß, woher du diese Information über Ruby hast, nämlich aus der ImdB. Das ist nicht mein Film! Ich habe ihnen schon zwei Mal geschrieben, dass sie meinen Namen aus diesem Film nehmen sollen, aber sie haben sich weder gemeldet, noch etwas unternommen. Ich weiß gar nicht mehr, was ich noch machen soll. Ich kannte den Regisseur Curtis Harrington sehr gut, er ist mittlerweile verstorben, und ich mochte ihn sehr gerne – und so macht es mich nur noch trauriger, bei einem Film aufzuscheinen, mit dem ich nichts zu tun habe. Und ich verstehe überhaupt nicht, warum sich die ImdB so verhält! Du musst wissen, das ist das einzige Mal, dass ich in Interviews wütend werde – wegen Curtis.



Das sind leider auch die Schattenseiten des Internet, wo falsche Informationen sich schnell verbreiten können.

Exakt. Schau in Wikipedia und die Art, wie dort manchmal Sachen verbreitet werden, die nicht stimmen – abscheulich! Wie du richtig sagst, die Schattenseite des Internet. Aber es tut mir Leid…



Muss es absolut nicht – denn ich bin derjenige, der diese Information geglaubt hat, und sie jetzt zur Sprache bringt, und Sie schaffen diesbezüglich Klarheit.

Du siehst, es schadet auch deiner Arbeit. Solltest du also jemals irgendwen treffen, der bei ImdB arbeitet, sag ihm bitte, er soll meinen Namen aus Ruby nehmen, denn ich weiß schon gar nicht mehr, was ich noch machen soll! Da du ja im Internet arbeitest…



Aber nicht für die ImdB. Kommen wir aber wieder auf die Frage zurück. It’s a bikini world hört sich ja interessant an. Worum geht’s?

Das ist ein Strandfilm. So weit ich weiß, war es auch der letzte seiner Art. Diese Filme wurden von der American International Pictures produziert. In diesen Filmen läuft jeder im Badeanzug rum und im Prinzip passiert nichts. Der Film war mein erster Langfilm für Roger Corman und er ist sogar in Deutschland auf Video erschienen. Aber ich weiß nicht, ob synchronisiert oder nur mit Untertiteln. (Anm. Unter dem Titel „Alles dreht sich um Bikinis“ erschienen)



Exploitationfilme damals und heute – dank oder auch nicht dank Tarantino und Co sind die Filme wieder in aller Munde.

Aber nur in Europa. In Amerika hat ihr Projekt ja nicht funktioniert.

Und Sie scheint das zu freuen oder nicht zu freuen?

Es ist mir egal. Um ehrlich zu sein, sehe ich keinen Sinn darin, wieder Exploitationfilme zu drehen. Sie wurden damals aus einer Not heraus gemacht. Ich meine, Tarantino hat doch genug Geld dafür, einen ganz großen Film oder mehrere weniger große Filme zu machen, und jetzt macht er das. Ich verstehe es nicht.

Ich verstehe es auch nicht, vor allem denke ich, sie gehen von der falschen Theorie aus: Man mag doch Exploitationfilme nicht wegen ihrer Fehler oder Unzulänglichkeiten, sondern man mag sie trotzdem, weil sie eben in anderen Bereichen funktionieren.

Du hast vollkommen Recht. Das ist eine sehr intelligente Erklärung dafür, warum solche Filme immer noch Leute anziehen.



Kommen wir noch mal auf The Velvet Vampire zurück: Mir gefiel vor allem der Schluss. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Das mit den Kreuzen ist ja Tradition. In Vampirgeschichten ist eine der effektivsten Waffen ein Kreuz, um einen Vampir zu beseitigen. Bei den Q&As nach dem Film fragte jemand, was man machen würde, wäre der Vampir jüdisch. Meine Antwort darauf war, dass somit festgestellt wäre, dass der Vampir in The Velvet Vampire kein Jude war. Ich habe mich für die Kreuze entschieden, weil es nicht meine Art wäre, sie mit irgendwas aufzuspießen. Das ist nicht die Art von Gewalt in meinen Filmen. Nur in Terminal Island habe ich das gemacht, und wurde von der MPAA gewissermaßen gezwungen, diese Szenen, in denen jemandem die Kehle durchgeschnitten wird, rauszunehmen. Als dann etwa ein Jahr später Papillon herauskam, und in dem Film auch jemandem in Close-Up die Kehle durchgeschnitten wurde, hatte ich einen großen Streit mit der MPAA deswegen. Das ist für mich das klassische Beispiel dafür, dass die großen Studios im Gegensatz zu uns kleinen Arbeitern viel mehr Einfluss auf die Association hatten, weil sie sie ja auch finanzierten. Uns konnte man hin und her kommandieren, um ein R-Rating zu bekommen.



Was denken Sie generell über Gewalt in Filmen? Ist es wirklich nötig, junge, oder sogar erwachsene Menschen vor exzessiven Gewaltdarstellungen zu schützen?.

Nein. Außer natürlich die ganz jungen. Denn manche Eltern sind sogar noch so blöd, dass sie ihre Kinder damit traumatisieren können. Also, ja, bis zu einem gewissen Alter sollte es einen Schutz geben, das macht Sinn für mich. Ich denke, die Altersgrenze könnte durchaus auf 14 Jahre herunter gesenkt werden, statt 17. Mit dem Alter fängt man doch an, Horrorfilme zu schauen, und kann dann auch den Unterschied zwischen Realität und Fantasie erkennen.



Manche Exploitationfilme, wie Ihre, werden insofern kritisiert, dass sie Gesellschaftskritik nur vordergründig nutzen, um ihre eigentliche Natur zu verbergen. Was sagen Sie zu dieser Kritik?

Meine Antwort darauf ist, dass ich nichts verschleiere, sondern lediglich in narrative Strukturen bringe, die ein möglichst großes Publikum interessieren und denen sie gerne folgen. Oder sie zumindest Ideen auszusetzen, mit denen sie sich sonst nie beschäftigen würden. Wäre es verschleiert, würde das Publikum es ja nicht klar verstehen – genau das will ich aber. Mit Humor kann man noch radikalere Ideen präsentieren, denn wenn die Leute lachen können, sind manche dieser Ideen vielleicht nicht ganz so schmerzvoll für sie.



Sie haben 1974 aufgehört, Filme zu machen. Ich weiß, dass Sie jedes Mal danach gefragt werden, daher werde ich Ihnen diese Frage nicht stellen und auch nicht was Sie seitdem gemacht haben.

Danke

Aber was machen Sie zum Beispiel jetzt?

Ich arbeite bei einer Firma, die Geschäftsflächen vermietet. Für mich ist das sehr spannend, denn ich kann auch ein paar meiner politischen Ideen umsetzen. Ich mache es vorwiegend in etwas heruntergekommenen Gegenden, die so wieder Potential haben, sich ökonomisch zu verbessern. Es geht nicht nur darum, neue Geschäfte zu eröffnen, sondern Standorte als gesamtes attraktiver zu gestalten, und so hat schließlich jeder was davon. Ich bin sehr froh über diesen Job.



Und wenn Sie jemals wieder einen Film machen könnten, würden Sie es tun?

Ja. Ich bin immer noch gut in Form, auch wenn ich jetzt mittlerweile etwas älter geworden bin. Sowohl physisch und ganz besonders psychisch fühle ich mich durchaus noch fähig, einen Film zu machen.



Ich muss ja auch ganz ehrlich gestehen, Sie wirken auf mich nicht so, wie ein „typischer“ Exploitationregisseur, den ich sowieso nicht kenne, sondern sehr „ladylike“, fast schon britisch…

lächelt Was soll ich dir dazu sagen? Ich bin ich selbst, und es gibt nichts im Aussehen oder Anschein einer Person, das diese davon abhält, irgendeinen Film zu drehen oder irgendeinen Gedanken zu fassen. Ich trage, wenn du so willst, die Uniform in der Welt in der ich lebe, und ich lebe eben nicht in der Welt von … wie soll ich sagen … Filmkünsltern, die eine andere Uniform tragen. Ich kenne sie, ich treffe mich mit ihnen, ich mag sie, sie sind mir gegenüber immer sehr freundlich.



Haben Sie eigentlich junge Regisseure getroffen, die sagten, Miss Rothman, ihre Filme haben mich irgendwie inspiriert?

Hin und wieder, ja. Aber nicht oft. Ich fühle mich dann bestätigt. Wenn man einen Film macht und ihn in die Welt hinaus schickt, will man schließlich, dass ihn die Leute sehen. Und natürlich bin ich froh, wenn meine Filme gesehen werden, und insbesondere freut es mich hier zu sein und in Kinos zu sitzen, die bis auf den letzten Platz gefüllt sind, und am Schluss keine verdorbenen Tomaten nach mir geworfen werden. lacht



Zum Abschluss: Gibt es eigentlich ein paar Exploitationfilme, die Ihnen gut gefallen?

Ich mag ein paar von den klassischen, wie von James Whale. Aus meiner eigenen Zeit … um ehrlich zu sein, kann ich mich damit nicht sehr identifizieren. Meine Filme waren immer anders, als die der anderen. Ich denke da an The Student Nurses- der Film hat Roger Corman immerhin enormen Erfolg gebracht, und das obwohl er den politischen Inhalt des Films nicht erwartet hat und vor allem nicht, dass die Charaktere der Krankenschwestern so intelligent oder stark sind, wie sie es im Film sind. Als Corman den Rohschnitt gesehen hat, sagte er zu mir, dass er glaube, ich hätte sie zu intelligent gemacht und er wollte den Film erst gar nicht bringen. Er war dann aber in Europa, um einen Film zu machen, und als er zurückkam, wurde der Film herausgebracht – und ein großer Erfolg. Also wollte er von nun an Filme mit starken Frauenfiguren machen mit politischem Hintergrund. The Student Nurses war wirklich der erste Film seiner Art. Roger fragte mich, ob ich an einer Fortsetzung interessiert sei, was ich aber ablehnte. Ich hatte das Gefühl, alles über das Thema gesagt zu haben, und habe ihm lediglich vorgeschlagen, an einem Film interessiert zu sein, der 10 Jahre später, also wenn die Krankenschwestern 30 Jahre alt sind, spielt. Das wollte er aber nicht. Ich habe natürlich ein paar von den anderen Schwesternfilmen gesehen, aber… wie soll ich es sagen…



Das waren Filme von Männern.

Genau. Und sie waren sehr schlampig gemacht. Aber wer bin ich schon, dass ich das beurteilen kann oder darf. Und so wurde ich nach und nach demoralisisert und wollte keine Exploitationfilme mehr machen. Jetzt fällt mir ein Regisseur ein, Abel Ferrara, seine Arbeiten haben mir eigentlich ganz gut gefallen, ja. Aber mit dem Rest konnte ich mich nie recht anfreunden. Ist das taktvoll, es so zu sagen?



(Foto: Clara Altenburg, Viennale)