Regisseur Hal Hartley (Fay Grim) im "Possible Interview"

Verfasst von am 10.11.2007 um 00:00

HAL HARTLEY ist einer der Darlings der amerikanischen Independentfilmemacher und präsentierte in Wien seinen neuesten Film, die rasante Actionkomödie Fay Grim. Er war mein erster Interviewgast der diesjährigen VIENNALE und traf sich mit mir im Hotelzimmer im 8.Stock des Hilton Hotels.



Schon Zeit zum Sightseeing gehabt?

Nein, leider noch gar nicht. Ich hoffe morgen ein paar Museen besuchen zu können.

Somit ist es dein erster Wienbesuch?

Genau. Meine einzige Verbindung nach Wien ist der Verleiher von Fay Grim, pool-films. Sie werden den Film nächsten März in die Kinos bringen.

Aber du hast eine Verbindung mit Österreich...

Ja, 1998 habe ich in Salzburg ein Stück bei den Festspielen aufgeführt. Mich wundert es jetzt tatsächlich, dass ich noch nie in Wien war, wo ich doch so viel in Europa herumkomme um meine früheren Filme zu promoten. Es fühlt sich an, als wäre ich schon in jeder großen Stadt in Europa gewesen.



Du sprichst von deinen ersten Filmen. Standardfrage: Wie bis du ins Filmgeschäft gekommen?

Naja, ich habe einen Film, The Unbelievable Truth, gemacht, den ich mit meinem Geld bzw. dem eines Geschäftsmannes, den ich überreden konnte, finanziert habe. Der Film war ziemlich erfolgreich, bekam gute Kritiken und ehe ich es ahnte, war ich Filmemacher.



War das also alles Zufall?

Nein, es war natürlich meine Berufung. Ich war auf der Filmschule von 1980-84 und dann habe ich in New York bei einer Filmproduktion gearbeitet.



Du machst ja bei deinen Filmen vieles selbst: Du schreibst das Drehbuch, führst Regie, schneidest den Film, schreibst sogar die Filmmusik – aber ich denke, du verwendest viele Pseudonyme.

Nicht mehr. Ich habe das nur für meine Filmmusiken Pseudonyme verwendet, ganz einfach, weil ich damals sehr naiv war und nicht viel Vertrauen in meine Musik hatte. Ich glaubte sogar, dass meine Musik gewissermaßen „Nicht-Musik“ war, also das, was später als besonders atmosphärische Musik bekannt wurde. Später wurden die Pseudonyme zum Problem für die Verleiher, denn schließlich wird auch mit der Filmmusik Geld verdient. Und die fragten sich natürlich, wer dieser Ned Rifel ist. Mittlerweile habe ich aber sehr viel an meinen musikalischen Fähigkeiten gearbeitet und bin viel zufriedener damit.



Da du so stark in diese drei Phasen des Filmemachens, die Präproduktion, das Drehen und die Postproduktion, involviert bist, kannst du eigentlich sagen, welche Herausforderungen der einzelnen Phasen magst du ganz besonders gerne oder nicht?

Mir gefällt das Schneiden eines Films eigentlich am besten. Ebenso wie das Schreiben. Das eigentliche Drehen... naja, ich denke, ich kann es, und es gibt mir viel Energie, aber es ist zugegebenermaßen auch der schwierigste Prozess in der Entstehung eines Films. Man muss sich um so viele Menschen und Dinge gleichzeitig kümmern. Aber mit der Meinung bin ich vermutlich nicht allein: Die Ruhe eines Schnittraums ziehen wohl die meisten Filmemacher dem Trubel auf dem Set vor.



Und bist du auch einer der Regisseure, die den Schnitt bereits während der Dreharbeiten oder sogar werden des Schreibens im Kopf haben?

Ja, ich denke schon. Es gibt immer Ausnahmen, aber bei Fay Grimm zum Beispiel, schätze ich, dass ich von 80% der Szenen wusste, wie sie im Endeffekt aussehen sollten. Das einzige, was daran etwas ändert ist die Location: Wenn du zwar in einem tollen Haus einen Film drehen kannst, aber es nicht das Haus ist, das du bereits im Kopf hattest. Basierend auf der Architektur muss man oft neue Wege entdecken, wie man eine Szene am besten drehen kann.



Wie war das bei Fay Grimm, der entstand in den USA, in Paris und in der Türkei?

Wir haben alle Innenaufnahmen – egal wo sie spielten – in Berlin gedreht, weil ich dort lebe. Dann gingen wir für jeweils vier Tage nach Paris und Istanbul und einen Morgen nach New York, um dort die Außenaufnahmen zu drehen.



Eine Szene, die mir wirklich sehr gut gefallen hat, war die Schießerei in dem Stiegenhaus des Hotels. Wie bist du zum Beispiel da heran gegangen?

Wir wussten in etwa, wie die Szene im Endeffekt aussehen sollte, aber an einem gewissen Punkt entschieden wir, bestimmte Actionszenen als Stills zu filmen. Mein Set Designer war auch mein Still-Fotograf und er hat dann mit seiner Kamera die Fotos gemacht, während die Schauspieler ganz normal die Szene spielten. Wir hatten im Endeffekt ca. 600 Fotos, aus denen wir dann die besten auswählten und montierten sie dann zur Musik. Das ganze hat ein bisschen den Charme eines Rockvideos.



Fay Grimm ist der zweite Teil einer möglicherweise fortzusetzenden Filmreihe… wird sie fortgesetzt?

Ja, das ist ziemlich wahrscheinlich. Ich möchte aber nicht, dass es wieder zehn Jahre dauern wird, denn der Film soll diesmal auf dem Charakter des Jungen, Ned, basieren, wenn er etwa 18 Jahre alt ist. Liam Aiken, der Darsteller, ist jetzt 17, also muss ich den Film in den nächsten Jahren machen. Aber natürlich hängt es davon ab, ob die Finanzierung klappt. Diesmal geht es mehr um den Sohn und Henry – Fay ist vielleicht nicht mal dabei, für das, was sie sich in diesem Film geleistet hat, bekommt man in den USA die Todesstrafe lächelt.



Hattest du damals, als du Henry Fool geschrieben hast, bereits vor, eine Reihe zu drehen, oder war der Film als einzelner konzipiert?

Irgendwo habe ich das schon gedacht. Als ich begonnen habe, Henry Fool zu schreiben, fühlte es sich an, als wäre es Teil einer größeren Geschichte.



Was hat dich davon abgehalten, die Fortsetzung nicht schon früher zu drehen?

Vieles, was ich seitdem gemacht habe, war inspiriert von den Reaktionen, die ich für Henry Fool bekommen habe. Das war schon sehr erfüllend, selbst nach Jahren noch auf Menschen zu treffen, die darüber diskutierten, ob Henry das Flugzeug bestiegen hat, oder nicht. Es ist schön, etwas zum machen, was irgendwie Teil eines kulturellen Diskurses wird. denkt nach Trotzdem, wenn man einen Film gemacht hat, will man eigentlich davon weg und etwas Neues, Anderes beginnen. Und außerdem gab es noch andere Verpflichtungen, denen ich nachkommen musste, The Book of Life zum Beispiel für arte, oder die Theaterproduktion in Salzburg.



Ich möchte noch über zwei Schauspieler sprechen, die ebenfalls in Fay Grimm zu sehen sind: Nicolai Kinski und Sibel Kekili. Wie bist du auf die beiden gekommen, und warum hast du dich entschlossen, sie zu casten?

Martin Hagemann, mein Koproduzent in Berlin, hat mich zu einer Agentur gebracht, die mir nach und nach all diese Schauspieler vorstellte. Sibel habe ich aber schon vorher in Fatih Akins Film gesehen und sie ganz toll gefunden. Ich wusste, dass sie in Hamburg war und ich habe mich direkt mit ihrer Agentur in Verbindung gesetzt und sie kam nach Berlin. Es war schon etwas seltsam, ihr nur eine so kleine Rolle anzubieten, aber ihr gefiel es, in Englisch zu arbeiten.

Und bei Nicolai wusste ich gar nicht, dass er der Sohn von Klaus Kinski ist, ich dachte, Kinski sei ein normaler Name hier. Außerdem sieht er eher seiner Mutter ähnlich. Wir saßen dann zusammen, und auch er hat das Thema nicht zur Sprache gebracht, sondern sich mit mir über die Rolle unterhalten. Ich brauchte nämlich jemanden in Berlin, der einen Araber spielen konnte, und er hat mich dabei ziemlich beeindruckt. Erst als wir etwas entspannter miteinander über Privates redeten, sagte er mir, dass sein Vater Klaus Kinski sei.

Aber jetzt übersehe ich die äußerliche Ähnlichkeit zu seinem Vater nicht mehr. Nicolai ist ein sehr professioneller, offener und dennoch sehr intensiver junger Schauspieler – sogar Parker war so viel Intensität gar nicht gewohnt. Er ist auch physisch sehr präsent und gibt 110%.



Wie ist das mit dem Drehbuch – es gibt zahlreiche Anspielungen auf die politischen Situationen in unserer Welt?

Ich wollte eigentlich zeigen, wie die Komplexität und Vielfalt, die auf diesem Planeten herrscht, sich oft für eine „normale“ Person anhört. Und Fay ist eine repräsentative Amerikanerin: Sie ist nicht so sehr informiert, aber sie ist eine nette Person. Sie bekommt Input von allen möglichen Richtungen und muss sich dann für eine eigene entscheiden.



In Amerika gibt es von dir sowohl „possible films“ als auch „possible music“ auf DVD und CD. Kannst du uns noch etwas darüber erzäheln?

Possible Films ist der Name meiner Filmproduktion und im Laufe der Jahre sammelt sich viel Material an, das nicht verwendet, aber von den Fans doch gerne gesehen oder gehört wird. Ich habe für diesen Zweck einfach diese nicht verwendeten Kurzfilme oder Musikschnipsel veröffentlicht.



Ich habe nämlich nachgeschaut – in Amerika gibt es von dir alle Filme auf DVD, hier im deutschsprachigen Raum keinen einzigen!

Das sollte sich bald ändern, daran arbeiten wir gerade. Aber meine Filme sind nicht alle in Amerika auf DVD erschienen, wenn du in den Geschäften oder Online-Shops schaust, wirst du herausfinden, dass viele der DVDs auch aus anderen Ländern stammen, vor allem aus Frankreich oder Australien.