"Alienation in the Universe" - Filmemacherin Nina Menkes im Gespräch

Verfasst von am 24.10.2007 um 00:00

Anlässlich der SPECIAL PROGRAMMES – sowohl auf der VIENNALE als auch (in Folge dessen) bei DVD-FORUM.AT traf ich mich mit der amerikanischen Filmemacherin Nina Menkes zum morgendlichen Gespräch im Hotel Hilton.


Einen Ausschnitt des Interviews könnt ihr als wma File hier anhören (ca. 2 MB)



Ich muss leider gleich zu Beginn gestehen, dass ich erst einen Film von dir gesehen habe, Queen of Diamonds. Ich glaube, sie haben ja mit deinem Programme noch gar nicht angefangen?

Doch, gestern Abend, und heute wird Queen of Diamonds gezeigt.

Ich freue mich schon sehr darauf, Phantom Love zu sehen, weil ich gar nicht weiß, was mich bei dem Film erwartet.

Er ist komplett anders als Queen of Diamonds.

Aber es geht ja gewissermaßen um dasselbe Thema, das Casino, das wieder auftaucht.

Ja, das ist aber auch schon das einzige. Der Rest davon ist anders.



Warum gerade wieder ein Casino?

Ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Ich scheine von diesem Thema angezogen zu werden. Ich bin mir nicht so sicher, warum ich es wieder verwendet habe, in diesem Film, aber ich weiß noch genau, warum ich es in Queen of Diamonds verwendet habe. Phantom Love bezieht sich in gewisser Weise auf alle meine anderen Filme. Das ist also der Hauptgrund.



Im Künstlerhauskino wird ein anderes Projekt von dir gezeigt, The Crazy Bloody Female Center eine CD ROM. Ich habe es noch nicht gesehen, da ich erst heute ins Künstlerhaus komme…

Ich war schon im Künstlerhaus, aber ich habe noch nicht gesehen, wo genau sie das präsentieren… (Anm.: Auf einem der PCs im Foyer des Kinos läuft die CD ROM – habe das mittlerweile nachgeprüft ;)

Kannst du mir etwas über dieses Projekt erzählen?

Das war ein Projekt vom Annenberg Center for Communication, die eine damals neue Technologie nutzen wollten, um ein künstlerisches Projekt auf die Beine zu stellen. Also kein Computerspiel oder ein kommerzielles Projekt. Sie haben mich gebeten, etwas zu entwerfen. Herausgekommen ist eine Art virtueller Realität, in der man sich mit ein paar Klicks durch Ausschnitte aus allen meinen Filmen bewegen kann. In gewisser Weise kann man sich so einen eigenen Film schneiden. Interessant ist das vor allem, weil meine Schwester in allen die Hauptrolle spielt und es doch gewisse Konstanten in meinem „Universum“ gibt, wirkt meine verstörende Welt eigentlich ziemlich flüssig.



Warum ist die so verstörend?

Sie sind es mehr für andere Menschen, als für mich. Vermutlich, weil sie sehr fremd erscheinen, ziemlich viel Gewalt vorkommt – obwohl sie sehr schön sind. Das ergibt vielleicht eine schöne Balance. Sie sind verstörend, weil sie von der „dunklen Seite“ stammen, dem Unbewussten.



Das ist dann ja ähnlich wie bei David Lynch – was hältst du von seinen Filmen?

Ich denke, Eraserhead ist sein bester. Aber ich habe Inland Empire noch nicht gesehen. Die anderen kenne ich natürlich. Die Ähnlichkeit besteht vermutlich darin, dass wir beide mit Gedanken arbeiten, die aus unserem Unterbewusstsein entstehen, die traumähnlich sind. Der Unterschied ist, dass ich vermutlich etwas rigoroser bin, was Struktur anbelangt. Und meine Filme kommen vom Standpunkt einer Frau und sind somit sehr radikal, was die Präsentation ihrer Frauen anbelangt. Obwohl seine Filme sehr unkonventionell sind, präsentiert David Lynch seine Frauencharaktere sehr konventionell – in anderen Worten, er ist ein Sexist. Aber ein talentierter. Ich habe mich gegen diese traditionellen Darstellungsweisen immer gewehrt und werde das auch weiterhin tun.



Das ist auch wichtig und richtig so!

Absolut. Schau dir doch zum Beispiel den Wettbewerb in Cannes oder Venedig an, die sind alle von Männern dominiert.



Hier in Wien werden alle drei Special Programmes Frauen gewidmet.

Wien ist einfach anders. Das Festival ist ziemlich einzigartig. Leider ist das nicht die Norm. Sie tun Dinge, die sich andere noch nicht trauen. Sie erkennen Filme an, bevor es die anderen machen. Und sie zeigen auch mehr Retrospektiven.



Du warst ja schon öfters hier, richtig?

Ich war schon zwei Mal hier, 1997 mit The Bloody Child und ein paar Jahre später bei einem Filmfestival, das Women in Madness, die auch alle meine Filme gezeigt haben.



Und dein Vater ist auch in Wien geboren?

Korrekt. Er ist hier 1926 geboren und mit 14 Jahren war er der einzige aus meiner Familie, der nach Jerusalem fliehen konnte. Der Rest seiner Familie wurde deportiert und ermordet. Das ist eigentlich ziemlich ironisch, dass Wien mir jetzt so freundlich begegnet.



Reist du eigentlich viel?

Oh ja, sehr. Ich fahre eigentlich ziemlich oft nach Israel, weil natürlich meine Familie von dort kommt. Meine Mutter wurde zwar auch in Berlin geboren, aber ihre Familie war eine der wenigen, die bereits 1933 Deutschland verlassen hat und nach Jerusalem gegangen ist. Meine Eltern sind erst später in die USA ausgewandert, wo ich geboren und aufgewachsen bin.



Hast du nicht auch einen Film in Israel gemacht?

The Great Sadness of Zohara ist zum Teil in Israel gedreht worden. Es geht um eine jüdische Frau, die sich in dem religiösen Stadtteil von Jerusalem sehr fremd fühlt und sich auf einen sehr mystischen Weg begibt.



Wenn du mit deinen Filmen viel herumkommst in der Welt – wie ist eigentlich das Feedback, das du erhältst? Unterscheidet sich zum Beispiel das europäische vom amerikanischen?

Generell sind die Reaktionen ähnlich. Natürlich gibt es Unterschiede: Hier in Wien oder in Los Angeles stehen die Leute meiner Arbeit freundlich gegenüber. Die Gefühle sind aber meist gemixt: Es gibt Leute die sagen, dass es das Beste sei, was sie je gesehen hätten und dass der Film ihr Leben verändert hätte, andere wiederum stehen einfach auf und gehen aus dem Saal. Für mich ist das immer sehr schmerzvoll.



Wie fängst du eigentlich mit einem Film an. Bei The Bloody Child habe ich gelesen, war es ein Zeitungsartikel, der deine Aufmerksamkeit erregte. Wie war das zum Beispiel bei Queen of Diamonds oder Phantom Love?

Beide Filme sind Geschichten, die aus meinem Inneren kommen. Normalerweise erscheinen Bilder vor meinem geistigen Auge, die sich sehr unterschiedlich anfühlen. Zum Beispiel bei Phantom Love eine Frau, die mit einer Schlange durch einen Gang läuft. Und solche Bilder sammeln sich einfach für einen gewissen Zeitraum an. Ich finde dann eine Narrative, die in den Bildern steckt. Wenn ich eine Geschichte schreibe, merke ich an gewissen Stellen, dass etwas anderes passieren müsste, als geplant, aber die Basis sind eigentlich die sehr spontan entstehenden Bilder.



Mir gefiel zum Beispiel das Bild in Queen of Diamonds sehr gut, in der die Palme niederbrennt. Kannst du mir dazu etwas erzählen?

Oh ja, sogar eine ganz tolle Geschichte: Ich ging damals in Berkeley in Kalifornien spazieren und sah ein Poster, auf dem Palmen brannten. Das hat mich ziemlich beeindruckt. Dann habe ich mich näher damit befasst und herausgefunden, dass sich diese Palmen unter bestimmten Umständen selbst entzünden können. Ich wollte das dann unbedingt in meinen Film bringen, weil es auch so mystisch ist, wie der brennende Dornenbusch. Mein Assistent und ich sind dann herumgefahren und suchten nach einer geeigneten Palme, denn aus Sicherheitsgründen durften wir ja keine anzünden, die in einem Waldgebiet stand. Auf der Suche nach der allein stehenden Palme fanden wir schließlich eine nahe einer kleinen Stadt in der Wüste. Wir sind zur Feuerwehr gefahren und wollten etwas über dies Palme herausfinden, wem sie gehört und so. Und man sagte uns, dass diese Palme in zwei Wochen gefällt werden würde, weil an ihrer Stelle ein Appartementhaus gebaut werden würde. Es war also kein Problem, die Feuerwehr stand am Set und half uns. Insgesamt haben wir nur 5 Dollar bezahlt um eine Erlaubnis zu bekommen, ein Feuer auf freier Fläche zu legen. lacht



Du sprachst vom brennenden Dornenbusch als religiöses Motiv. Würdest du dich selbst als religiös bezeichnen?

Ich bin nicht religiös, wenn du damit meinst, dass ich einer organisierten Form von Religion folge. Spirituell würde vermutlich eher auf mich zutreffen. Ich glaube aber, dass es eine Art übernatürlicher Kraft gibt, die größer ist, als wir und dass diese Kraft, in welcher Weise auch immer, spirituell ist. Müsste ich mich für eine philosophische oder religiöse Richtung entscheiden, so wäre dies vermutlich der Buddhismus.



Ich versuche diese Frage normalerweise nie zu stellen, weil ich sie selbst für sehr dumm halte, aber in deinem Fall muss ich sie stellen: Was versuchst du mit deinen Filmen zu kommunizieren? Aber ich möchte dazu noch etwas hinzufügen: Wenn man einen Film dreht, macht man ihn ja so, wie man ihn selbst für richtig hält. Warum denkst du dass dein „Weg“ der richtige für dich ist?

Es ist ja lustig – bis heute sind die Leute so eingestellt, dass sie sagen, Nina Menkes sei eine experimentelle Filmemacherin. Sie sagen das, weil es für sie etwas komplett anderes ist, wie ich Geschichten erzähle oder mit Charakteren umgehe. Ich versuche aber nicht, experimentell oder anders zu sein, alles was ich will, ist meine Erfahrungen mit der Welt auszudrücken. So gesehen ist es eigentlich sehr simpel, ich füge Dinge nach meinen Gefühlen zusammen. Aber weil es eben keiner traditionellen Form folgt, bezeichnen es andere Menschen als experimentell. Für mich ist es eigentlich nicht experimentell, es ist nur meine Sicht der Welt und daher ist das mein richtiger Weg lacht.





Ich versuche in meinen Filmen meist Gefühlszustände zu vermitteln - in Queen of Diamonds ist das eine sehr starke psychische Entfremdung. Gleichzeitig gibt es aber auch einen politischen Subtext: Unzählige Filme wurden bereits in Las Vegas gedreht und sie alle zeigen immer die gleichen Dinge: Nacht, Casinos, Leute, die in Casinos spielen. In meinem Film zeige ich Las Vegas am Tag und er handelt von einer Frau, die im Casino arbeitet. Damit kritisiere ich das Image von Las Vegas als Symbol von Spiel und Party und zeige die Arbeiter im Hintergrund und dass es sich um eine große Maschinerie handelt, die dieses System mit harter Arbeit am Leben erhält.



Hast du eigentlich schon Bilder für deinen nächsten Film im Kopf?

Nein, nicht wirklich. Es dauert jetzt etwas, bis sich Phantom Love, den ich erst vor kurzem fertig gestellt habe, setzt. Das ist ja alles ein sehr organischer Prozess. Aber ich habe ein Script, das ich schon vor Phantom Love gemacht habe, das Heatstroke heißt. Ich will das unbedingt verfilmen, wenn es mit der Finanzierung klappt.



Kannst du uns schon etwas von Heatstroke erzählen?

Es geht wieder um zwei Schwestern und spielt in Kairo und Los Angeles. Eine ist eine große Schauspielerin, die andere die Frau eines Diplomaten in Ägypten. Der Film beinhaltet somit wieder meine großen Obsessionen: Frauen, zwei Schwestern, Entfremdung, und so weiter.

Aber der Film ist ziemlich teuer, weil er auf zwei Kontinenten spielt und ich auch ein paar Actionszenen drin haben möchte. Ich hoffe also, das Geld auftreiben zu können.



Ich habe nachgesehen, von deinen Filmen ist bisher nur The bloody Child in Amerika auf DVD erhältlich. Warum ist das so?

Nun ja, ich will auch die anderen auf DVD bringen, da sie bisher nur auf VHS erhältlich sind. Ich brauche also noch jemanden, der motiviert genug ist, DVDS zu machen. Aber die Firma, die es jetzt gerade macht, ist etwas langsam. Bei Phantom Love warten sie jetzt noch mit dem Rechteverkauf.



Ich freue mich schon sehr darauf, Phantom Love zu sehen und hoffe, es auch noch in The Bloody Child zu schaffen.

Du musst es unbedingt versuchen! Sie haben einen neuen Print auf 35 mm und es ist nichts im Vergleich zur DVD. Das wäre echt Schade, den nur auf DVD zu sehen.



Vielen Dank für das Interview!

Ich danke dir auch vielmals!