Extreme Arbeitsverhältnisse bringen extreme Bilder - Ulrich Seidl im Interview

Verfasst von am 22.10.2007 um 00:00

Import/Export erhitzt – wie alle Filme des österreichischen Ausnahmeregisseurs Ulrich Seidl – die Gemüter. Einig ist man sich nur darüber, was der Film portraitiert: Genaue Beobachtungen, Kälte, Tristesse, Traurigkeit. Mit Seidl (S) trafen sich Tina Goebel (T), Jelena Cavar (J) (beide chilli.cc) und meine Wenigkeit (F) in seinem Büro im neunten Wiener Bezirk. Bei Kaffee und Kuchen plauderte man gänzlich ungezwungen über das, was den Filmemacher Ulrich Seidl ausmacht, der auch ein paar private Details preisgab:



F: Gerüchte halber kommt angeblich ein Director’s Cut zu ihrem Film?

S: Was sind das für Gerüchte?

F: Sind es Gerüchte? Hätte mich gefreut…

S: Ich habe schon einmal gesagt, vielleicht… ich werde mich sicher nicht in nächster Zukunft damit beschäftigen. Aber es könnte interessant sein, in ein paar Jahren einen zu machen, einfach weil es um die Frage geht, wie man das Material neu bewerten könnte.

F: Und das hat den Grund, weil sie jetzt – sagen wir mal – einfach schon genug von Import/Export haben, oder schon an neuen Projekten arbeiten?

S: Ja. Ich habe jetzt so lange an dem Film gearbeitet, dass ich mir dachte, es ist Zeit, zu neuen Ufern zu gehen.

F: Zu denen können Sie uns schon was sagen, oder noch nicht sagen?

S: Zum Teil: Es geht um das Thema Tourismus, Massentourismus. Ein Thema, das mich schon sehr lange beschäftigt, und das ich für ein wichtiges unserer Zeit halte. Es ist global, es ist ein Thema zwischen westlicher Welt und „dritter“ Welt, und es liegen sehr viele Facetten darin – von Sextourismus bis Katastrophentourismus reicht die Bandbreite.

F: Wird es ein Spielfilm oder ein Dokumentarfilm?

S: Ein Spielfilm.



J: Was war der Funke zu Import/Export?

S: Es ist ja nicht so, dass es eine „reine“ Idee ist, sondern man hat eine Ausgangsidee und beginnt, über eine Geschichte nachzudenken. Die ist dann vielleicht zu wenig – in meinem Fall war sie das, denn es war zunächst nur die Geschichte über Pauli. Zu der Zeit bin ich aber viel in den Osten gereist und hatte schon immer den Wunsch, etwas dort zu drehen. Aber zuerst war das Thema Arbeitslosigkeit, also Pauli, da. Es gibt dafür ein Vorbild – eine siebenköpfige Familie, deren Kinder alle arbeitslos sind. Über die habe ich ein Portrait gemacht, das aber nie gezeigt worden sind. Es blieb allerdings für mich übrig, dass das auch einmal eine Geschichte sein könnte. Das Thema Arbeitslosigkeit wird hier von einem Mann symbolisiert, und ich wollte dann eine gesamteuropäische Problematik und nicht nur in Österreich bleiben. Es haben sich diverse Geschichten aufgedrängt, Geschichten, die von Leuten erzählen, die von Osten nach Westen gehen und so. Sieben oder acht Geschichten haben sich quasi aufgedrängt. Ich arbeite so, dass ich alles nehme, was mir einfällt und Material sammle und erst dann reduziere. Letztendlich habe ich es dann auf zwei Geschichten reduziert. Ich glaube, das war ganz gut, weil so mehr Zeit für die einzelnen Protagonisten geblieben ist.



J: Warum gerade die Ukranine?

S: Die Ukraine deswegen, weil sie noch am nächsten zu Europa steht, flächenmäßig das größte Land Europas ist und eine österreichische Vergangenheit hat. Dort findet man auch Menschen in extremen Lebensumständen, die es so zum Beispiel in Rumänien nicht gibt. In der Gegend, in der ich gedreht habe, war früher einmal ein Wohlstandsgebiet – heute liegt die Stahl- und Kohleproduktion still und die Menschen sind arbeitslos. Sie frieren im Winter, da sie in Plattenbauruinen leben, die zentral geheizt werden.



J: Sie haben bei diesen Temperaturverhältnissen gedreht – wie ging man da an die Grenzen?

S: Das ergibt sich von selbst. Man kann so etwas ja nicht planen. Was ich jedoch geplant habe war, dass der Film nur im Winter spielen soll, er sollte nicht bei Sonne spielen und in der Ukraine in jedem Fall bei Schnee und Eis. Ich denke, dass extreme Arbeitsbedingungen extreme Bilder bringen.



F: Mit Verlust ist zu rechnen (Anm. 1992) spielt ja auch in einer sehr kalten Gegend, Hundstage bei großer Hitze, Import/Export wieder bei großer Kälte – lieben Sie Wetterextreme?

S: In meiner Vorstellung, die vielleicht etwas märchenhaft ist, ist der Osten immer Winter. Ich liebe den Winter und für mich ist er nicht a priori Tristesse. Ich gehe im Winter auch gerne hinaus. Das Sommerthema von Hundstage hat natürlich auch dramaturgischen Sinn gemacht, weil unter der Hitze Menschen ganz andere Dinge freilassen. Ich versuche jedem Film eine Farbe, eine Atmosphäre und eine Stimmung zu geben.



F: Bei Mit Verlust ist zu rechnen kam das Thema des „Austauschs“ ja auch schon vor, ist es eines, das sie auch immer schon begleitet?

S: Man kann das so nicht sagen. Das sind Dinge, die sich so ergeben. Ich gehe selten von einer abstrakten Idee aus. Damals, als ich Mit Verlust ist zu rechnen gemacht habe, bin ich halt viel in dieser Gegend gereist und habe dann Paula Hutterova kennen gelernt. Sie war quasi der Ausgangspunkt zu dem Film, weil sie mir dort gezeigt hat, wie sie lebt. Es hat sich dann immer mehr entwickelt, ich habe dann Sepp kennen gelernt und so ging es dann immer weiter.



J: Die Begriffe Import und Export stehen ja normalerweise für Waren und nicht für Menschen. Ist das Verwenden dieser Begriffe Ihre Art von Gesellschaftskritik?

S: Es geht ja um einen Warenaustausch. Menschen werden wie Waren gehandelt.



T: Was sagen Sie zur derzeitigen politischen Situation in Österreich, die mit den Themen „Asylrecht“ und „Abschiebung“ ja etwas eskaliert ist? War das jetzt an der Zeit, dass da so lange etwas übersehen wurde?

S: Jeder weiß das doch. Gerade durch einen Zufall ist das Thema halt wieder mal an die Öffentlichkeit gekommen und ist für Medien interessant geworden, weil man damit eine gute Auflage erzielt. Aber eigentlich ist das Thema ja latent vorhanden – es ist nicht aktuell, sondern aktuell gemacht worden.



T: Und wenn sich nicht ein kleines Mädchen im Keller verstecken würde, würde es keinen interessieren?

S: Genau. Solche Geschichten sind halt sehr medienträchtig. Genau so verhält es sich – wenn wir schon dabei sind – bei der Geriatrie. Das Thema ist ja auch hin und wieder in den Medien und verschwindet dann wieder. Das zeigte sich doch auch im letzten Wahlkampf, als man drauf kam, dass der Herr Schüssel eine Ausländerin beschäftigt und so weiter. Keine der Parteien setzt allerdings wirkliche Handlungen, sondern kommt nur drauf, irgendwas sagen zu müssen.



F: Sie haben mit dem Kameramann Ed Lachmann gearbeitet, der schon in den 70ern mit Schlöndorff und Herzog gearbeitet und zuletzt mit Ken Park von Larry Clarke einen – sagen wir „Skandalfilm“- gemacht hat. Wieso war er der richtige für diesen Film?

S: Das wusste ich am Anfang gar nicht. Ed Lachmann wurde auf meine Filme aufmerksam gemacht und wir haben uns dann getroffen. Er ist wirklich ein fundierter Filmkenner, ein Besessener, der sein Leben dem Film widmet. Ein Jahr später habe ich ihn durch Zufall in Amsterdam getroffen und ihn einfach mal gefragt, ob er meinen nächsten Film machen wolle. Er hat sofort zugestimmt, ohne Bedingungen zu kennen…

T: Zum Beispiel, dass er bei minus 40 Grad drehen muss.

S: Nein, das scheute er nicht, weil er versteht ja das, was ich tue. Nur Leute, die es nicht verstehen würden darüber fluchen. Er wusste auch, dass er nur einen Bruchteil seiner Gage, die er in Hollywood kriegen würde, bekommt. Und er wusste auch, dass meine Filme mit einem sehr kleinen Team und wenig technischem Aufwand gemacht werden, sondern durch Schauplätze, Bilder, Stimmungen und so weiter. Für jemanden wie ihn, der gewohnt ist, das alles künstlich herzustellen, war das eine ganz unbekannte Aufgabe. Und ich glaube, er hat dabei auch selbst sehr viel gelernt. Er ist ein sehr charismatischer Mensch und hat sich auch mit Wolfgang Thaler sehr gut verstanden.



T: Gerade Ihre Vorgehensweise… Sie suchen immer das Authentische, arbeiten mit Laien, verwenden Dokumaterial – was versuchen Sie damit zu vermitteln? Haben Filme überhaupt Wahrheit so zu vermitteln?

S: Es geht darum, eine Wirklichkeit zu erzeugen, von der der Zuschauer weiß, dass sie wirklich ist oder bzw. verunsichert wird. Das ist was anderes, als wenn man einen Film macht, der reine Illusion ist. Beim Mainstreamkino funktioniert es so, dass etwas erzählt, man unterhalten wird und nach dem Film aufsteht und was essen geht oder was weiß ich. Meine Filme sind auf der einen Seite authentisch, auf der anderen künstlich, denn die Bilder sind ja artifiziell. Aber ich will, dass man als Zuschauer sehr wohl denkt, das könnte mein Nachbar oder meine Schwester sein – damit man nicht so leicht aus der Problematik entlassen wird.



T: Was bekommen Sie eigentlich für Reaktionen?

S: Ich bin sehr oft beschimpft worden für das, was ich mache, aber ich bin ja im Prinzip nur der Überbringer der schlechten Nachricht und nicht der, der die Welt schlecht macht. Viele Leute, die sich schwer mit der Wahrheit tun, die glauben, dass es so etwas nicht gibt, haben ein Problem mit den Filmen. Aber für die große Mehrheit stellen die Filme aber eine Bereicherung dar, weil sie etwas sehen, dass sie so noch nicht gesehen haben.



T: Alle Bekannten, mit denen ich gesprochen habe, haben sich sofort an die Swingerclubszene in Hundstage erinnert…

S: Es ist keine geschönte Wirklichkeit. Man ist ja gewohnt, alles Sexuelle in schönen Bildern zu zeigen und zu sehen. Wenn man es dann aber so zeigt, wie es wirklich ist, nämlich nicht mit schönen Körpern und so, dann tut man sich schon schwer.



F: Import/Export verfügt ja im Prinzip über einen offenen Schluss. Denken Sie darüber nach, wie die Geschichten weiter gehen könnten?

S: Ich denke nicht darüber nach. Aber ab einem gewissen Zeitpunkt stellte sich die Frage, wie der Schluss zu diesem Film richtig sein könnte. Ich habe auch andere geschrieben, zum Beispiel, dass Olga Erich heiratet oder dass sie wieder nach Hause zurück geht – Pauli hätte dann in ein Pornocasting kommen sollen, um dort Geld zu verdienen – somit hätte es einen Kreislauf gegeben, weil er dort endet, wo Olga am Anfang stand. Aber irgendwie fand ich das dramaturgisch nicht gut.



J: Haben Sie auch überlegt, ob sich Olga und Paul im Film treffen?

S: Habe ich auch geschrieben, aber nicht realisiert, weil das zu banal gewesen wäre. Jeder Film würde das machen.

F: Sie treffen sich nur über die Stimme der ÖBB-Ansage…



F: Von Ihnen sind in letzter Zeit ein paar Filme auf DVD erschienen, zum Beispiel in der Standard Edition. Wie zufrieden sind Sie mit denen?

S: Ich beeinflusse das ja zumindest vom Layout oder den Inhalt. Wie ich höre, verkauft sich das ja wahnsinnig gut. Und es werden frühere Filme veröffentlicht.

F: Aber es fehlt zum Beispiel Bonusmaterial.

S: Ach so, ja. Auf jeden Fall ein Fehler ist auch das Fehlen von englischen Untertiteln.

F: Ist für Import/Export schon etwas für die DVD angedacht?

S: Ich habe 80 Stunden Material für den Film gedreht – im Endeffekt dauert er zwei Stunden. Irgendwas werde ich aus dem Rest dann an Bonusmaterial machen.

F: Weiß man schon etwas darüber, von wem die DVD kommen wird?

S: Nein, aber ich will auf jeden Fall stark darauf Einfluss nehmen, weil ich als Produzent mir ja auch leichter tue. Bei Hundstage war ich das ja nicht. Aber jetzt warten wir erst mal den Kinostart ab.



T: Die VIENNALE wird ja eigentlich als B-Festival gehandelt, da es ja keinen Wettbewerb gibt. Und der Eröffnungsfilm ist ein Retrospektivenfilm mit Jane Fonda – was sagen Sie dazu?

S: Das ist die Verantwortung des Hans Hurch. Dazu kann ich nicht viel sagen. Wir wissen ja, dass er den österreichischen Film nicht unbedingt liebt und es jedes Jahr Medienmeldungen und Streitereien gibt, weil die Regisseure finden, dass sie zu wenig gewürdigt werden. Aber ich kenne das Programm jetzt nicht so genau. Aber schauen Sie, Import/Export hat das ja gar nicht notwendig. Wir haben uns dazu entschieden, die Premiere bei der VIENNALE zu machen. Ich denke, das ist ganz gut, weil wir drei Wochen später starten. Dadurch vergeht Zeit, in der die Menschen weiter über den Film reden.



F: Wie schätzen Sie die Erfolgschancen Ihres Films ein? Glauben Sie, er wird bei den Leuten ankommen?

S: Das kann man nie sagen. Er wird es nicht so leicht haben, wie Hundstage. Das war ein „innerösterreichischer“ Film, in dem sich die Leute selbst sehen wollten – es wurde quasi zum „Muss“ in diesem Land. Import/Export wird es vielleicht schwerer haben, wobei es in Deutschland großes Interesse am Film gibt. Ich kenne ja die österreichischen Kritiken noch nicht – wenn man davon ausgeht, dass Hundstage der erste Spielfilm war, der gefeiert wurde, kann man beim zweiten dann schon ein bisschen hinhauen.



F: Sowohl Hundstage als auch Import/Export sind – wie wir schon sagten – sehr hart. Wenn ich mal zynisch fragen darf: Gibt es auch den Anspruch, immer noch einen drauf setzen zu müssen?

S: Nein. Für mich ist das überhaupt keine Kategorie, denn ich muss mir Gedanken machen, wie ich einen Film mache, der mich interessiert, der einen Schritt weiter geht. Ich beschäftige mich oft jahrelang mit einem Film und wie man sich vorstellen kann, ist das keine leichte Arbeit. Ein simples Vorhaben – was könnte ich machen, um noch mehr zu provozieren – ist nicht der Rede wert.



F: Man wirft Ihnen ja auch vor, dass sie Leute zur Schau stellen – sei es im Altersheim, oder auch bei Mit Verlust ist zu rechnen.

S: Ja, aber von wem werden diese Vorwürfe erhoben? Von Menschen, die nicht genau schauen und das was sie sehen abblocken. Die Menschen werden in meinen Filmen nicht ausgestellt sondern in ihren Lebenslagen gezeigt und zwar in Würde. In der Geriatrie schauen Menschen, die dem Tod nahe sind, halt nicht anders aus, als sie ausschauen. Und die Forderung, dass man das nicht zeigen dürfe, finde ich unhaltbar, denn wer will das eigentlich bestimmen. Die kommen von Leuten, die nicht wahrhaben wollen, dass das Teil unserer Gesellschaft ist. Der Tod wird verdrängt, das Sterben wird verdrängt, alte Leute, die dort einsam sterben werden verdrängt. Also zeigen wir es nicht. Der, der die Kritik erhebt, hat damit ein Problem. Der der kein Problem hat, ist vielleicht auch betroffen und denkt sich etwas dabei.



T: Was schauen Sie sich eigentlich im Kino an?

S: Ich schaue mir das an, von dem ich meine, dass es mich interessiert? Aber ich weiß jetzt gar nicht, was mich zuletzt bewegt hat… Manchmal gehe ich mit meinem Sohn ins Kino, um zu sehen was sonst so läuft.

T: Sie haben ja zwei Kinder?

S: Nein, drei – zwei mit meiner jetzigen Frau und einen Sohn, der schon etwas älter ist.

F: Was sagen die Kinder zu den Filmen?

S: Die sind ja mit Jugendverbot belegt, und daher dürfen sie das noch nicht sehen.



F: Was sind denn Ihre Lieblingsfilme, wenn man das so sagen kann?

S: Ich schätze Bruno Dumont, Mike Leigh, Todd Haynes oder Scorsese. Viele, die ich schätze, sind schon tot, John Cassavetes, oder (zeigt auf ein Plakat an der Wand) dieser Herr, Erich von Stroheim. Zu Anfang hat mich natürlich Pasolini beschäftigt.

F: Was von Pasolini?

S: Also nicht so die Thesenfilme – lieber die antiken Filme, „Medea“ oder „Oedipus Rex“.



Merci a Tina Goebel für die Fotos