AUF DER ANDEREN SEITE - 10 Fragen an Fatih Akin

Verfasst von am 09.10.2007 um 00:00

"Ich will, dass meine Arbeit geliebt wird"


Fatih Akin, frisch gebackener Gewinner des Drehbuchpreises in Cannes ist bereits seit Jahren eine fixe Größe im deutschen Filmbiz. Seine Erfolgsgeschichte begann bereits 1996 mit dem Spielfilm Getürkt - später folgten Im Juli (2000), Solino (2002) und sein musikalischer Dokumentarfilm Crossing the Bridge. Mit Gegen die Wand (2004) sollte sich der Regisseur endgültig an die Spitze katapultieren.

Am 5.10. startete sein neuer Film Auf der anderen Seite in den österreichischen Kinos - wieder ein Film, der einen genialen Spagat zwischen zwei Kulturen schlägt und zeigt, was Fatih Akin ausmacht: Starke Geschichten, angesiedelt im bürgerlichen Milieu - Deutsche auf der einen, Türken auf der anderen Seite. Und er zeigt, dass diese Menschen doch mehr verbindet als sie vermeintlich trennt.



Mit DVD-Forum.at traf sich der charismatische Fatih Akin zum Gespräch - an dieser Stelle präsentieren wir die Highlights in Form von 10 kurzen oder weniger kurzen Fragen:



1. Wie war das erste Feedback, das du für „Auf der anderen Seite“ bekommen hast?

Das erste Feedback kam aus meinem Freundeskreis, weil ich so lange an dem Film gearbeitet habe, bis er meinen Freunden gefiel.

2. Waren sie nicht sehr überrascht, weil der Film anders war als „Gegen die Wand“?

Meine Freunde waren weniger überrascht. Sie haben mir sehr geholfen, den Film zu dem zu machen, was er ist. In einer vorherigen Version hat er nicht so funktioniert und dann hat mir das einer ganz besonders um die Ohren gehauen. Das erste Ziel war also: Wenn er ihm gefällt, würde er auch anderen gefallen.

Dann kam Cannes: Cannes war eine Umarmung und jetzt geht es so los: Die Reaktionen in Deutschland sind sehr positiv, in der Türkei weiß ich noch gar nicht wie es sein wird. Es würde mich sehr überraschen und freuen, wenn es gut wäre, aber ich bin auf alles gefasst.

3. Bei „Gegen die Wand“ hast du ein Plädoyer dafür gesetzt, dass die türkische Frau ebenso viel Freiheit braucht, wie die europäische. Wie sehr setzt du dich dafür ein?

Gar nicht. In meinem Gedankengut, ja – da soll jeder so leben, wie er möchte. Es hat mich schon überrascht, was „Gegen die Wand“ ausgelöst hat, denn letztendlich ist die Figur von Sibel ja gar nicht repräsentativ. Sie ist Borderlinerin. Und weder die türkische noch die westliche Gesellschaft ist eine Gesellschaft von Borderlinern. Und der türkische Mann ist auch kein Alkoholiker. Es sind zwei Außenseiter. Es wundert und irritiert mich, dass Außenseiter repräsentativ für eine gesamte Gruppe gesehen werden. Das sollten sie eigentlich nicht, und darüber habe ich mich geärgert.

4. Mir gefällt die Musikauswahl in deinen Filmen immer sehr gut. Wie wählst du aus, und was sind deine Zugänge zur Musik?

Musik ist grundsätzlich sehr intuitiv. Es gibt keine logistische Regel, um Musik zu nehmen oder nicht – das heißt es gibt kein Konzept. Doch, es gibt schon Konzepte, es gibt kein Rezept, das meine ich. Bei dem Film jetzt war es so, dass alles zurück geht auf Bob Dylan. Ich habe den Scorsese-Film gesehen, „No Direction Home“, damals wusste ich nicht viel über Bob Dylan. Das nächste was ich tue, ist, ich kaufe eine Biografie von Bob Dylan. Dort lese ich, dass seine Vorfahren aus Trabzon kommen. Meine Vorfahren kommen auch aus Trabzon. Also fahre ich da hin und entdecke die Musik vom Schwarzen Meer – so wie sie letztendlich auch im Film ist.

Ich treffe zufällig – und Zufälle spielen, glaube ich, überhaupt eine große Rolle in meinem Leben – Shantel, und frage ihn, ob er mir nicht den Soundtrack machen will für meinen neuen Film. Was mir an Shantel gefällt ist, dass er folkloristische Musik für europäische oder westliche Ohren zugänglich macht. Ich habe ihn gefragt, ob er mir die Musik des schwarzen Meeres zugänglich klingen lassen könnte. Und daraus hat er mir dann den Soundtrack gemacht.

Im Gegensatz zu „Gegen die Wand“ sollte dieser Film in so vielen Facetten wie möglich anders sein, und so auch bei der Musik. Es war eine Herausforderung, mit so wenig Musik wie möglich auszukommen. In „Gegen die Wand“ hat die Musik etwas sehr kommentierendes, hier sollte sie Raum schaffen.

5. Was willst du in deinem Film vermitteln?

Es gibt viele Botschaften in dem Film, ganz archaische wie Vergebung, Nächstenliebe, Tod. Das Perfekte, was der Film für mich erzählen könnte wäre: Jemand hat einen Todesfall erlebt und trauert noch und sieht meinen Film – ich glaube, der Film kann durchaus ein bisschen Trauer nehmen.

6. Steht die andere Seite für das Jenseits?

Auch. Es gab drei Hauptdinger sozusagen: Einmal das Jenseits, also eine poetische Umschreibung für den Tod. „Auf der anderen Seite“ klingt auch poetischer als „Fatih Akins neuer Film über den Tod“. (lacht) Und für mich persönlich war es natürlich die andere Seite der Wand. Ich persönlich sehe die beiden Filme immer zusammen. Nach dem Erfolgsdruck ist dieser Film jetzt die Befreiung, die andere Seite der Wand.

7. Du bist in Deutschland ziemlich bekannt, in Österreich auch einigermaßen, in der Türkei bist du der „Rockstar“ – jeder kennt dich und deine Arbeiten.

Ich will eigentlich mehr, dass meine Arbeit geliebt wird. Die meisten Menschen in der Türkei kennen meine Filme ja gar nicht. Zum Vergleich: „Crossing the Bridge“ – der Lieblingsfilm von meinen eigenen Filmen – macht in Deutschland 100.000 Zuschauer und in der Türkei nur 30.000, obwohl es ein sehr ähnliches Zuschauerpotential gibt. „Gegen die Wand“ lief mit 850.000 Zuschauern in Deutschland und mit 250.000 in der Türkei – es gibt ein Gefälle. Meine Filme sind nicht mainstreamtauglich, sie sind nicht familienfreundlich, weil da zu viel geflucht wird, und Drogen genommen werden. Und ich finde das Schade: Einen Fußballer liebst du, weil er so viele Tore macht, oder weil er ein guter Verteidiger ist – für seine Leistung. Dann macht das auch Sinn, dass sie als Auslandslegionär gefeiert werden. Aber die meisten wissen ja nicht – sie sagen: Hey, toll, dass du über den roten Teppich gehen darfst, toll, dass du den Preis gewonnen hast.

Wenn der wüsste, wofür, würde er das vielleicht scheiße finden. Aber es gibt genug solche Leute.

8. Erzähl mir was über Hanna Schygulla! Was ist das besondere an ihrer Arbeitsweise? Wie sie an ihre Rolle herangeht?

Nein, gar nicht mal so sehr. Es war sehr schön mit ihr zu arbeiten. Es ist halt eine andere Generation aus der sie kommt. Sie hat ja schon in den 60ern angefangen, Filme zu machen. Eine andere Zeit. Diesmal wollte ich erfahrene Schauspieler. Das erstaunliche bei Frau Schygulla war, dass sie am Set anscheinend nicht sehr glücklich war. Ich stehe neben der Kamera, während sie spielt, und denke mir: Was ist das? Es ist bei mir live einfach nicht angekommen. Wir haben dann ein paar Sachen ausprobiert, aber es war immer so, dass ich dachte, irgendwas fehlt. Dann habe ich die Muster gesehen, und es war ein Unterschied wie Tag und Nacht. Irgendetwas ist bei der Transformation auf das zweidimensionale Medium passiert, was live überhaupt nicht zu merken war. Seitdem habe ich bei ihr nicht viel inszeniert, sondern sie einfach machen lassen. Ich weiß nicht, ob sie sich dessen bewusst ist, oder nicht, aber ich glaube, sie ist sich dessen bewusst.

9. Charlotte ist etwas perspektivenlos und verwöhnt. Kann es sein, dass, wenn sie nicht gestorben wäre, Ayten diese Leere gefüllt hätte?

Wenn sie nicht gestorben wären, dann leben sie noch heute, wie es so schön heißt, dann wären sie auch noch glücklich. Vielleicht - ich weiß nicht. Ich weiß oft nicht, was hinter meinen Filmen steckt. Die Geschichten die ich erzähle, sind ja immer nur ein Ausschnitt – das heißt, es gibt ein Vorleben und es gibt ein danach. Irgendwann wird der alte mit seinem Boot hinter dem Felsen hervorkommen, und Vater und Sohn werden ein paar schöne Tage zusammen verbringen. Dann wird der Sohn wahrscheinlich zu seinem Buchladen zurückkommen und Ayten entdecken. Und sein Kumpel Adam wünscht sich, dass er mit ihr zusammenkommt. Und er sagt, die ist doch homosexuell, das funktioniert doch nicht. Und so weiter. Das ist eben ein Kunstwerk, und daher kann es jeder für sich selbst interpretieren.

10. Gerade weil die beiden Filme „Gegen die Wand“ und „Auf der anderen Seite“ so unterschiedlich sind – was macht einen typischen Fatih Akin Film aus?

Das weiß ich nicht, das müsst ihr mir sagen.


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Für die Fragen verantwortlich: Köksal Baltaci (NEUE Tageszeitung Tirol), Sermin Kaya (Der Wiener Biber), Aglaia Rudnay (filmnews.at), Florian Widegger (dvd-forum.at)


Bildquelle: filmfestivals.com