Interview mit Mennan Yapo zu seinem neuen Film DIE VORAHNUNG

Verfasst von am 26.09.2007 um 00:00

HINTER DER KAMERA FÜHLE ICH MICH VIEL WOHLER - Regisseur Mennan Yapo zu seinem neuen Film Die Vorahnung und über Sandra Bullock




Wiener Innenstadthotels haben schon eine ganz eigene Atmosphäre an sich. Ich traf mich zu bereits fortgeschrittener Stunde im Frühstücksraum eines ebensolchen mit Regisseur Mennan Yapo, um mit ihm über Sandra Bullock, Filmemachen und Vorahnungen zu reden. Denn um ebensolche geht es in seinem aktuellen Film.

 

 

 

F: Vielleicht stellst du dich zuerst etwas vor?

M: Ja, ich bin Mennan Yapo, ich habe mittlerweile drei Filme gemacht: Framed, einen Kurzfilm, 1999, Lautlos, 2004, mein erster Langspielfilm und jetzt Die Vorahnung. In meiner ersten Karriere war ich – etwa von 13,14 – Diskjockey, das habe ich gemacht, bis ich 23 war und habe dann bei einem Filmverleih in der Marketingabteilung gearbeitet. Später wurde ich Marketingleiter. Das habe ich bis etwa 1998 gemacht – ich habe das Marketing für Lola rennt gemacht und gleichzeitig schon den Kurzfilm in Vorbereitung, den ich Anfang `99 drehte.


F: Du sprichst Lola rennt an – du hast ja auch mit Tom Tykwer gedreht?

M: Ja, Toms Firma – bzw. Tom Tykwer und Stefan Arndt – haben Lautlos produziert. Wir kannten uns aber schon länger und haben uns bei der Lola-Kampagne lieb gewonnen. Beide haben mich bei dem Kurzfilm sehr unterstützt und meinten, wir sollten doch einen Langspielfilm machen. Ich habe dann die Idee von Lautlos grob erzählt: Auftragskiller, der einsam ist sich nach Liebe sehnt und so weiter. Beide fanden das großartig und da Tom bereits vorher mit Joachim Król einen Film gedreht hat, wollten sie ihn auch für die Rolle besetzen. Im April 2000 trafen wir uns mit Król und er fand es ebenfalls toll. Wir haben dann angefangen zu schreiben und zwei Jahre später war das Drehbuch fertig. Joachim hat sich wirklich sehr extrem vorbereitet, sechs Monate trainiert und 20 Kilo abgenommen – also sich enorm verändert hat. Ich fand das aber interessant, dass das Teil des Konzeptes war.


F: Du hast selbst ja auch einmal geschauspielert.

M: Eigentlich zwei Mal, allerdings waren das immer Zufallssachen.


F: Wie war das bei Goodbye, Lenin?

M: Ich kenne Wolfgang Becker (Regisseur, Anm.) ja auch noch von X-Film – eigentlich am längsten von allen X-Filmern. Ich hatte bei dem Dreh ein bisschen mitgeholfen und eigentlich an dem Tag frei, als es um sieben Uhr früh bei mir klingelt und der Produktionsleiter meint: „Uns ist gerade eingefallen, wir haben keinen Flohmarktverkäufer – komm bitte mit, Wolfgang meint das sollst du spielen.“ – Also bin ich dann mit aufs Set und hab dann den Verkäufer gespielt.


F: Schauspielerei ist also nichts, was du weiter verfolgen möchtest?

M: Nein, das war ein Gag, das habe ich Wolfgang zu liebe gemacht. Es macht schon Spaß und vielleicht gibt es mal einen Moment, wo ich sagen kann, dass es gerade passt. Ich fühle mich hinter der Kamera sehr viel wohler.


F: Du läufst also auch nicht durchs Bild, wie es Hitchcock gerne machte?

M: Nein, in meinen drei Filmen bin ich nicht drin und das will ich auch nicht.


F: Wenn wir schon bei den Schauspielern sind: Wie kam eigentlich der Kontakt zu Sandra Bullock zustande und wie war es, mit ihr zu arbeiten?

M: Es war so, dass sie von den Produzenten bereits für die Rolle angedacht war. Sie schickten mir das Buch und fragten mich, was ich davon hielte. Ich fand die Idee natürlich großartig. Ihr wurde das Buch geschickt, nachdem sie Interesse daran bekundet hat. Sie hat Lautlos gesehen und das Drehbuch gelesen und fand es toll. Sechs Wochen später haben wir uns in Los Angeles getroffen.


F: Hat sie irgendwelche Star-Allüren?

M: Nein, überhaupt nicht. Sehr erstaunlich, denn sie ist ein totaler Buddy-Typ. Am Set gab es nie eine Schwelle oder Distanz – ganz im Gegenteil. Sie ist ganz offen, sie ist einfach eine echte Filmemacherin, was vermutlich auch daher rührt, dass sie selbst Produzentin ist. Es macht ihr Spaß, sie arbeitet sehr aktiv mit und hatte sehr gute Ideen. Uns verband zudem, dass sie auch Deutsch konnte und wir beide somit etwas „eigenes“ hatten. Bis auf den Kameramann, den ich mitgenommen habe, konnte ja niemand Deutsch. Sie konnte zum Beispiel diese Gründlichkeit verstehen und hat immer wieder gekichert und gesagt: Ja, ja, du bist Deutscher. Es war ein grundsätzliches Verständnis füreinander da. Was auch wichtig war, ob wir uns beide den gleichen Film vorstellen würden. Sie ist ja beinahe in jeder Einstellung zu sehen. Hätte sie etwas anders rum machen wollen, hätte es nicht funktioniert.


F: Glaubst du, dass es bei Sandra Bullock, die in den letzten Jahren ja doch eher auf ihr Miss Undercover-Image reduziert wurde und eher komische als anspruchsvolle Rollen spielte, jetzt – vielleicht mit dem Alter – eine „Trendwende“ kommt? Zuletzt war sie ja in Das Haus am See ebenfalls in einer ernsten Rolle, jetzt in Die Vorahnung wieder.

M: Ich weiß nicht, was sie für eine Karriere plant. Aber ich war schon immer der Meinung, dass man sie unterschätzt, und dass es bisher vermutlich noch nicht so viele Filme gab, in denen sie zeigen konnte, was sie drauf hat. Ich war zum Beispiel sehr von ihr in L.A. Crash begeistert – wie sie da diese reiche, eingebildete, rassistische Frau spielt war schon toll. Dann hat sie ja auch noch Infamous gemacht, also diese Capote-Story, in der sie Nelle Harper Lee spielt und auch ganz toll war. Ich habe mir in der Vorbereitung fast alle Filme mit ihr angesehen und muss sagen, dass ein paar Filme doch etwas tiefer gehen, als man sie in Erinnerung hat, beispielsweise der sehr starke A Time to kill (Die Jury, Anm.), in dem sie eine Anwältin spielt. Ich hab also schon gesehen, dass eine unheimliche Qualität da war, die bei einigen Filmen natürlich nicht so zur Geltung kam. Bei unserer Zusammenarbeit habe ich gemerkt, dass sie extrem vorbereitet war, nicht einmal nach dem Text geguckt hat und nie Hilfestellungen brauchte. Sie ist nicht nur physisch sehr stark, sondern auch im Film sehr „gegroundet“, also sie wirkt sehr echt. Das ist ähnlich wie bei Joachim Król. Und war eben besonders wichtig für den Film, bei dem wir den Thriller aus der Realität holen und sie über diese stellen wollten. Jede Sekunde musste glaubwürdig sein.


F: Wie bist du an das Buch zu Die Vorahnung gekommen und was hat dich daran fasziniert?

M: Kurz dazu: Mein Kurzfilm Framed lief auf vielen Festivals weltweit und irgendwann mal in Palm Springs, wo ihn ein Agent aus L.A. gesehen hat, mit dem ich mich dann traf und der meinte, ich solle einen ähnlichen Spielfilm machen. Später habe ich seiner Agentur Lautlos geschickt, die sich das angeschaut haben und begeistert waren. Ein paar Monate später bekam ich das Drehbuch zugeschickt – in der Zwischenzeit hatte ich aber schon – ohne angeben zu wollen – 20,30 Filme abgelehnt, weil es in Hollywood halt so ist, dass Lautlos ein Film über einen Auftragskiller war, und ich somit alle möglichen Filme über Auftragskiller angeboten bekam. Für mich war das Thema aber gegessen. Entscheidend für Die Vorahnung waren zwei Dinge: Erstens hatte ich vor etwa zehn Jahren eine ähnliche Idee – formell – einen Film zu drehen, in dem die Wochentage durcheinander sind. Allerdings hatte ich dafür keinen Plot. Das andere war, dass mir das Gefühl, aufzuwachen und nicht zu wissen, was genau passiert oder nicht passiert ist, mir aus eigenen Träumen bekannt war. Ich hatte mal eine Phase, in der ich sehr intensiv geträumt habe, aufgewacht bin und nicht genau wusste, ob gewisse Dinge wirklich passiert sind, oder nur im Traum. Es hat mich interessiert, weil ich die Figur verstanden habe.


F: Ich muss jetzt meine persönliche Meinung loswerden: Ich fand ja die Figur und die Regie sehr gut, aber das Drehbuch hat für mich doch Löcher offenbart, die ich mir so eigentlich nicht erwartet habe. Der Film startet ja am Donnerstag, das Mädchen lief am Dienstag in die Glasscheibe, von der Verletzung ist aber am Donnerstag nichts mehr zu sehen.

M: Für mich war es immer so, dass die emotionale Logik über der kausalen liegt. Ein Ziel für mich war, dass der Film im Rückblick funktioniert. Der erste Tag sollte das Gefühl vermitteln, dass – bis Linda die Nachricht vom Tod ihres Mannes erhält – alles in Ordnung ist. Natürlich war es so, wie du sagst, aber – und ich habe darüber auch mit Sandra gesprochen – gerade bei solchen Schicksalsnachrichten blendet man gewisse Details aus. Kausal mag es ein Fehler sein, aber ich wollte den Film immer nach „innen“ treiben und die Logik außen vor lassen. Es war mir wichtiger, dass er emotional Sinn macht.


F: Du hast ja auch diese Szene drin, in der sie bei einem Priester Beistand sucht. Ich war froh, dass du das nicht weitergesponnen hast, denn sonst wäre der Film ins theologische abgedriftet…

M: Wir haben immer gesagt: Vorahnung, ja – aber es geht auch um Verlust, um Tod – und das ist eigentlich ein sehr großes, sehr archaisches Thema, das jeden bewegt und für jeden sehr persönlich ist. Deswegen wollte ich keine Lösung vorschlagen, denn ich mag selbst keine Filme, die mir sagen, wie ich denken soll. Ziel des Filmes war es, ein paar Türen zu zeigen, aber den Zuschauer entscheiden lässt, welche er öffnet. Das ist natürlich eine schwierige Gratwanderung, bei der vieles auf der Strecke bleiben kann. Ich glaube, wir haben es geschafft – und ich sehe das an den Zuschauerreaktionen in Amerika, Deutschland oder gestern bei der Premiere in Wien, dass jeder für sich etwas anderes herauszieht. By the way: Es ist sehr schwierig, das in Hollywood durchzusetzen, denn dort will man dem Zuschauer eine Lösung geben. Hier gibt es aber keine Lösung. Ich kann nur anhand ihres Beispiels zeigen, dass so etwas ähnliches jedem passieren kann – dass man jegliches Zeitgefühl verliert und sich in einer schwierigen Phase wieder findet.


F: Wir waren schon bei meiner persönlichen Kritik am Film. Ich habe eigentlich nicht so viele tolle Kritiken gelesen, während du mit Lautlos eigentlich nur sehr gute Kritiken bekommen hast. Jetzt ist Die Vorahnung dein erster Hollywoodfilm… - wie gehst du damit um?

M: Das ist auch eine Erfahrung. Man kann da wenig machen. In Spanien bekam der Film zum Beispiel sehr gute Kritiken und war sogar auf Platz 1. Ebenfalls in der Türkei oder in England bekam der Film recht gute Kritiken. In Deutschland oder auch hier sind die Reaktionen überwiegend positiv. In Amerika – und das fand ich recht witzig – haben die Leute zu mir gesagt: „I love it, it’s great, but it’s very european.“ Dass manche Konflikte – zum Beispiel die Szene, in der Linda von den Ärzten abgeführt wird – so gezeigt werden, ist für die Amerikaner heftig. Da kriegen die Leute Herzstillstände im Kino. Der Film hatte trotz der schwachen Kritiken 50 Millionen Dollar Einspielergebnis. Das hat nur damit zu tun, dass er sich gehalten und sich herumgesprochen hat. Im Internet gab es ja auch eine massive Gegenbewegung zu diesen Kritiken.

Ich fand folgendes ganz witzig: Ich bekam einen Anruf von einem Journalisten, den ich kannte, und der mir mitteilte, dass mein Film dran glauben muss. Es gab zu dem Zeitpunkt nämlich die Diskussion in Amerika, ob Filmkritiker überhaupt noch notwendig sind und ein paar Filme starteten, ohne dass sie der Presse gezeigt wurden. Und da hat die Presse dann ausgeholt zum Gegenschlag. Selbst 300 hat, wenn man genau hinguckt, über 80% schlechte Besprechungen gehabt. In dieser Zeit hat man einfach alles zunichte gemacht.

Aber natürlich war es eine seltsame Erfahrung, da Lautlos weltweit super besprochen wurde und hier auf einmal… Das ist aber das absurde am Filmemachen und man muss sich dem aussetzen. Es ist das gute Recht der Kritiker und auch der Zuschauer, eine Meinung abzugeben.


F: Letzte Frage: Wo siehst du eigentlich deine Zukunft? In Amerika oder in Deutschland?

M: Beides. Ich habe nicht vor, auszuwandern und habe auch keine Villa in Hollywood gekauft. Ich habe dort ein Projekt mit den Universal Studios und den Produzenten von Children of Men laufen und in Deutschland ebenfalls ein Projekt mit dem Autor von Lautlos am Laufen. Für mich geht es immer nach dem Stoff: Was mich persönlich nicht berühren kann, rühre ich nicht an.


F: Vielen Dank für das Interview und noch viel Erfolg!