Interview mit Sergej Stanojkovski zu KONTAKT

Verfasst von am 08.06.2007 um 00:00

ROMANTIK IN DER EWIGKEIT DER GALAXIE – MIT SERGEJ STANOJKOVSKI IM GESPRÄCH


Am 29. Juni startet KONTAKT, der erste Langfilm des deutsch-mazedonischen Filmemachers Sergej Stanojkovski bei uns in den Kinos. Der Film erzählt eine kleine aber feine Liebesgeschichte zwischen einer jungen Frau, die aus der Psychiatrie und einem etwas rabiatem Mann, der aus dem Gefängnis entlassen wird. Zwei Außenseiter auf der Suche nach dem Glück. Ich traf mich am 6.6. mit ihm zum Interview



F: Bitte, wenn du dich einfach vorher ein bisschen vorstellst und erzählst, was du machst und was dein Zugang zu Film ist?

S: Den Namen muss ich wohl nicht mehr sagen (lacht).


F: Den kennen wir schon ;-)

S: Also geboren bin ich im ehemaligen Jugoslawien, ich bin als Kind mit meinen Eltern nach Deutschland gezogen, dann wieder zurück nach Jugoslawien, da gabs dann Krieg und Zerfall und so weiter und ich bin dann nach Prag, wo ich Regie und Dokumentarfilm studiert habe. Zuerst hatte ich als Kameramann angefangen, dann das Regiestudium abgeschlossen und verschiedene Sachen gemacht: Als Kameramann, Cutter, Regieassistent, Produzent für Kurzfilme und habe auch im Theater an der Ruhr in Mühlheim gearbeitet.


F: Da lebst du ja auch?

S: Da lebe ich auch, genau, ja, da ist gewissermaßen mein Wohnsitz. Ich habe dann ein paar Kurz- und Dokumentarfilme gemacht, mehrere davon in Mazedonien. Einer davon hieß "Mazedonia Jazz", ein poetischer Dokumentarfilm über verschiedene Musiken und Musikrhythmen in Mazedonien, Religionen und so weiter. Irgendwann haben wir dann angefangen mit Gordan Mijic das Drehbuch zu "Kontakt" zu entwickeln. Wir hatten nebenbei zwei andere Drehbücher an denen wir gearbeitet haben, aber "Kontakt" hat sich am schnellsten entwickelt - vom Drehbuch zur Finanzierung. Dann bin ich sozusagen vom Drehbuchautor und Regisseur auch zum Produzenten geworden, habe den ersten Teil der Finanzierung gesichert und das Ganze dann mit zwei weiteren Produktionspartnern zu Ende gebracht. Das wars eigentlich bis "Kontakt" und wir bereiten jetzt ein neues Spielfilmprojekt vor, das wir in Rom vorgestellt haben, wo wir in der Sektion "New Cinema Network" waren. Neben Spielfilmen mache ich noch Dokumentarfilme und auch verschiedene Workshops in Zusammenarbeit mit Unis, Schulen... Hin und wieder arbeite ich noch als Kameramann, aber wenn dann eigentlich nur noch für Freunde oder für Sachen, die mich interessieren.


F: Wie kam es zum Kontakt mit dem Drehbuchautor? Mijic hat ja für Kusturica schon einige Sachen gemacht.

S: Genau. Wir kennen uns seit vielen Jahren und nach dem Studium habe ich angefangen, mit ihm ein Drehbuch zu schreiben. Gordan war ja gewissermaßen der erste professionelle Drehbuchautor Jugoslawiens, der das also auch als Beruf ausgeübt hat. Er war Journalist, kam dann zum Film, wo er auch als Regisseur oder Assistent gearbeitet hat. So hat sich dann eine Freundschaft entwickelt, und wir haben auch zukünftige Projekte, an denen wir zusammenarbeiten werden.


F: Die Filmindustrie - so habe ich das Gefühl - in Ex-Jugoslawien, befindet sich irgendwie im Aufwind. Letztes Jahr gewann Jasmilla Zbanic mit "Grbavica" den Goldenen Bären, Andrea Staka gewann mit "Das Fräulein" in Locarno - und du ja auch...

S: (lacht) In Linz...


F: Ja, "Crossing Europe".

S: Ja, und dann haben wir noch ein paar Drehbuchpreise irgendwo gekriegt.


F: Aber man spürt irgendwie schon, dass hier eine neue Generation "heranwächst", die einen neuen Zugang zu Film hat.

S: Filmemacher beschweren sich ja selbst immer - seit es Film gibt: "Schwere Zeiten, schlechte Zeiten". Das bleibt wohl ewig und ist nichts neues. Vielleicht müsste man noch ein, zwei Jahre abwarten... Kroatien hatte ja auch einen Aufwind in den letzten Jahren, Slowenien hatte einen Aufwind, was aber - so weit ich das von Kollegen verfolge und höre - stark vom neuen Filmgesetz abhängt. Das stockt aber im Moment, weil jetzt alle Leute, die eigentlich etwas machen möchten durch diese Umstrukturierung aufgehalten werden. In Kroatien ist der Fall, dass neue Talente aufgetaucht sind, die auch sehr gut sind, aber das Ministerium das Budget von vorher zehn Filmen auf 20 aufteilt, was den Finanzierungsprozess ebenfalls verzögert. In Serbien ist das auch der Fall - da muss man halt abwarten, wie sich das in den nächsten Jahren entwickelt.

Was ich ein bisschen Schade finde, ist, dass viele dieser Filme zu oft auch immer über ein und dasselbe reden, zu düster und ohne Humor sind. Es sind immer wieder die gleichen Geschichten, und wenns auch ins Naturalistische rutscht, ich finde, da ist die Filmkunst jetzt auch schon 100 Jahre jung oder alt, dass man nicht - ja - moderne Filme machen könnte.


F: Es ist ja immer auch noch Vergangenheitsbewältigung.

S: Klar, und ich verstehe das, wenn es ein Autor macht, aber wenn es unbedingt ein Film im Namen einer Nation sein soll, finde ich es schon too much. Da liebe ich schon eher Filme, die kleine Geschichten erzählen, die mich dann auch ansprechen.


F: Was spricht dich bei der Geschichte von "Kontakt" besonders an?

S: Gordan ist ja, wie ich bereits erzählt habe, auch Journalist gewesen, der in den 70ern viel in Psychiatrien recherchiert hat und später da auch beispielsweise Studentenfilme drehte. Ich hatte vor ein paar Jahren ebenfalls für einen Dokumentarfilm in Psychiatrien recherchiert... das war so ein Teil von "Kontakt". Das Wesentliche war, eine Allegorie auf die Liebe zu machen, erzählt durch Ereignisse, die wir entweder erlebt, oder von denen wir gehört haben. Es geht um Entfremdung zwischen Menschen, also, dass du und ich in einer Welt leben und trotzdem sehr weit voneinander entfernt sind. Das ist ein ewiges Thema, das man dem Zuschauer auch immer wieder wie einen Spiegel vorhalten kann. Das war es, was mich eigentlich angesprochen hat, die Tatsache, dass die Entfremdung ja weltweit gleich ist, auch wenn die äußere Form immer verschieden ist. Wir haben uns beispielsweise überlegt, ob man den Film auch wo anders spielen lassen könnte, und natürlich könnte man das, man müsste nur das Drehbuch entsprechend anpassen.


F: Warum wurde Mazedonien gewählt?

S: Die Geschichte war zwar schon auf dem Balkan angesetzt, aber in der ersten Drehbuchversion ist noch nicht genau gesagt, wo es spielt. Wir haben dann rein aus produktionstechnischen Gründen in Mazedonien gedreht. Es war logistisch und finanzieller einfach weniger schwierig.


F: Weil wir ja schon ein bisschen von Bezügen gesprochen haben: Ich konnte beim Anschauen deines Films Bezüge zu "La Strada" herstellen, weil er etwas zampano-haftes an sich hat und sie die gefühlvolle ist, ein anderer ist Kaurismäki, dessen Filme sich ja auch gerne mit Außenseitern beschäftigen. Wie würdest du diese Aussage werten?

S: (Pause) Ohne jemanden verletzen zu wollen, aber ich habe viel mehr Fellini Filme gesehen als von Kaurismäki, was einfach nur mit den praktischen Umständen zusammenhängt. Ich fühle mich halt sehr dem italienischen Neorealismus, Fellini und Antonioni zugeneigt. Sowohl Gordan und ich mögen besonders die Arbeitsweise des Neorealismus, wo man halt eine Geschichte aus dem wahren Leben nimmt, dann aber auch sein eigenes poetisches Empfinden in die Interpretation mit einbringt. Irgendwo im Unterbewussten ist es bestimmt so, dass es Parallelen zu "La Strada" gibt: Seine Rauheit und ihre Zärtlichkeit und auch andere Sensibilität für das Leben an sich. Aber ich denke, ähnliches haben viele Künstler in ihrem Unterbewussten, und sie projizieren das auf ihre Werke. Wir beide haben wahrscheinlich auch irgendwas Unterbewusstes mit jemandem, der in Afrika lebt. Ich war beispielsweise vor kurzem in Prag in einer mittelalterlichen Kirche gotischer Architektur in den Katakomben und habe Skulpturen gesehen, die wie afrikanische Totems ausgesehen haben. Obwohl diese Menschen natürlich nie in Afrika waren, bestehen diese Gemeinsamkeiten in der Welt. Daher weiß ich nicht, in wieweit man das vergleichen kann mit Kaurismäki und co. Wobei ja auch in "Ocean's 13" die Figuren eigentlich Außenseiter sind (lacht) - natürlich anders dargestellt.


F: Naja, immer schön gestylt mit Sonnenbrille oder strahlenden Augen...

S: Ja, klar. Aber ich habe jetzt vor kurzem ein ähnliches Drehbuch gekriegt, das ähnlich ist, in dem die Leute zwar so aussehen, weil sie es geschäftlich bedingt müssen, aber eigentlich sind sie Außenseiter, die am Rande der Gesellschaft sitzen.


F: Was mir auch irrsinnig gut gefallen hat, war, dass die Beziehung der beiden sich nur durch ganz kleine feinsinnige Berührungen zeigt. Ist das etwas, was wir verlernt haben, auch oder gerade im Film - diese platonischen Geschichten?

S: Die beiden berühren sich im Film ja nur zwei Mal. Und darum auch dieser "Kontakt". Jemand hat uns gefragt, warum wir keine erotischen Szenen haben. Ich finde das in dem Fall vulgär und solche Dinge sind auch schwer zu inszenieren. Es gibt meiner Meinung nach nur ganz wenige Regisseure, die das gut machen, auch wenn es viele erotische Szenen gibt. Solche Szenen müssen auch einen Sinn in der Geschichte haben. Hier ging es wirklich darum, diesen beiden Berührungen Bedeutungen zuzumessen. Wir haben in unserer Schnelllebigkeit schon verlernt, sich Zeit zu nehmen und Inne zu halten und dass eine Berührung schon...


F: ... vieles ist?

S: Ja, vieles ist. Es gibt ein Buch von James Fraser, "Der goldene Zweig", in dem von Magie erzählt wird. Diese Magie wird übertragen durch Berührung und Berührung ist ein Zusammenkommen von zwei Energiequellen. Man schüttelt sich andauernd die Hand und trifft Menschen, aber eigentlich bedeutet es ziemlich viel, aber diese Bedeutung wird gar nicht mehr so wahr genommen. Beide Charaktere sind introvertiert, physisch anders und haben einen anderen Familienhintergrund, aber in dieser entfremdeten Welt, in dieser großen Einsamkeit, ist die Berührung schon ... wenn man sich vorstellt, dass zwei Menschen sich in der Ewigkeit der Galaxie treffen, ist das eigentlich ein sehr romantisches Bild.


F: Kannst du uns vielleicht schon etwas über die DVD erzählen?

S: Ich weiß jetzt nicht, was genau auf die DVD kommt, aber es gibt mehrere Making-Ofs, ein deutsches, ein mazedonisches... Was genau kommt, wird wohl unterschiedlich sein. Ich könnte mir vorstellen, dass ein Kommentar zu den Dreharbeiten etc. sehr interessant sein könnte und vielleicht auch etwas über die Musik - Peer Raben ist ja leider im Januar verstorben und "Kontakt" seine letzte Filmmusik. Ansonsten würde ich mir wünschen, dass auch über Mazedonien etwas zu finden ist, weil das ein kleines Land ist, das aber enormes Potential - im Filmservicebereich - hat, und auch für Koproduktionen attraktiv sein kann.


F: Wie viel Einfluss hast du beim Verleih?

S: In Deutschland wird der Verleih jetzt im Spätsommer starten und wird ein Gemeinschaftsverleih mit den Produzenten, einem Verleiher und mir. Wir haben eine Strategie entwickelt, wie wir einen so kleinen Film besser in die Arthouse-Kinos bringen können. Wir möchten nicht nur das deutsche Publikum, sondern auch das "nicht-deutsche" - einen anderen Kulturkreis - ansprechen.


F: Eine andere Frage: Was bedeutet für dich Heimat?

S: (Pause) Ja, das ist eine gute Frage. Man sagt ja, so "Du bist, woher deine Frau ist" (lacht). Meine Frau ist aus Istrien und da ist es ja ganz schön. Wenn das so meine Wahlheimat sein sollte, habe ich kein Problem damit. Aber das ist ja auch eine komplizierte - nicht die Frage, sondern die Antwort... Ich fühle mich immer wohl, wenn ich mit meiner Familie zusammen bin, mit Leuten, mit denen mich etwas verbindet, mit denen ich gerne zusammenarbeite. Ich bin in Jugoslawien geboren, ich empfand es - obwohl es natürlich auch schlechte Seiten und Nachteile gab - als gutes Land. Letztenendes läuft es ja wieder darauf hin.


F: Du kehrst ja mit deinen Filmen wieder zurück.

S: Genau. Ich habe kein Verständnis für Grenzen und so. Heimat ist eigentlich da, wo ich mich wohlfühle. Meine Familie ist in Deutschland und ein anderer großer Teil ist in Jugoslawien verstreut...


F: Europa als Heimat?

S: (lacht) Ja, Europa finde ich schon ganz gut. Da gibts nur das Handicap mit den Sprachen, aber Europa an sich finde ich schon toll, wenn man reist und es gibt keine Grenzen und du hast eine Währung. Natürlich gibt es immer irgendjemanden, der einen Grund findet, gegen etwas zu sein, das ist klar, aber letztenendes haben sich die Menschen die Grenzen ausgedacht und ich kann mich trotzdem viel wohler mit einem Wiener fühlen, als mit einem Mazedonier. Warum soll ich mich geografisch festlegen? Deswegen finde ich Europa ganz gut.


F: Wie wärs mit der Steigerung Erdenbürger?

S: (lacht) Ja, mit so freien Flugtickets und so... Ich versuche, mir von überall da, wo ich etwas schönes finde, etwas anzueignen. Jeder hat etwas, das sehr positiv ist. Und so arbeite ich auch gerne - ich fühle mich wohl, wenn es international ist. Aber gerade durch Familie habe ich schon eine nostalgische Verbindung - mein Vater ist aus Mazedonien, meine Mutter ist aus Montenegro - das sind zwei schöne Ecken in der Welt und in Europa.


F: Kannst du vielleicht zum Abschluss noch etwas zu deinem neuen Projekt erzählen?

S: Also wie gesagt, wir haben es in Italien vorgestellt und jetzt die hoffentlich letzte Drehbuchversion fertig - es gibt noch ein paar kleine Änderungen, die gemacht werden müssen. In Cannes führten wir Gespräche mit möglichen Koproduzenten, Sendern, Förderern und so weiter und stellen in den nächsten Wochen und Monaten die Finanzierung auf die Beine. Es wird eine romantische Liebeskomödie, eine Art "feel-good"-movie, die über zwei Musiker erzählt, die in einem Orchester die fünfte und sechste Geige spielen. Das ist so das Grundgerüst.


F: Mehr bleibt noch unter Verschluss?

S: Ja, vorerst.


F: Spielt Musik für dich eigentlich eine große Rolle?

S: Also wenn du mich so fragst, wahrscheinlich schon. Ich habe in allen Dingen, die ich so gemacht habe, war irgendwie... Ich habe mal eine Reportage über Geor Veitmann gemacht, das ist ein bekannter jüdischer Klarinettenspieler, der auch für "Schindlers Liste" Musik machte, dann diesen mazedonischen Dokumentarfilm über Musik. In allen "Filmchen" und Dokumentationen hat Musik eine Rolle gespielt.


F: Du hast ja auch in "Kontakt" eine Szene, in der die Gebrauchsgegenstände plötzlich anfangen, Musik zu spielen.

S: (lacht) Ja, Musik ist schon wichtig! Nicht nur um eine Emotion zu erzielen. Aber gerade im Film muss man irrsinnig vorsichtig sein - manchmal gibts echt zu viel - von Anfang bis Ende - das kann funktionieren, kann aber auch zu viel sein. Wunderschöne Beispiele sind Antonionis Filme, in denen Musik meist aus einer realen Quelle kommt: Jemand sitzt auf einer Terrasse und das Radio spielt, oder es ist eine Party im Gange - so versteckt ist die Musik auch ganz intelligent verwendet. Musik drückt etwas aus, das weder das Wort, noch das Bild, noch eine subjektive Emotion kann.

Was ich gerne mal machen würde ist, den Ton als Musikebene zu verwenden, das heißt, reale Geräusche, wie in einem Dschungel oder in einer Großstadt, so aufzuzeichnen und zu verwenden, dass es wie Musik klingt. Ich glaube, Coppola hat das mal in "Apokalypse Now" gemacht - ich meine, es wäre dort gewesen - dass man die einzelnen Töne im Dschungel analysiert hat, die Vögel und das Rauschen zerlegt und dann wieder als Tonebene zusammengebracht hat. Wir hatten auch bei "Kontakt" überlegt, ob wir so etwas machen könnten, ob wir in einer Stadtsequenz die Geräusche als Töne vom Synthesizer aus einspielen. Aber wir haben das dann nicht gemacht. Bei "Seven" gibts auch eine ganz tolle Special Edition auf DVD, mit Kommentaren von den Sounddesignern, die erzählen, wie sie - oft mit ganz primitiven Mitteln - dieses tolle Ergebnis erreicht haben.


F: Dann bedanke ich mich für das Interview und deine Zeit!

S: Danke ebenfalls!



Quelle: DVD-Forum.at